Frankfurter Resolution „In Würde alt werden“


Resolution zur Verbesserung der Lebens- und Pflegesituation von gleichgeschlechtlich liebenden, HIV-infizierten und transsexuellen Seniorinnen und Senioren.

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Frankfurter Resolution zur Verbesserung der Lebens- und Pflegesituation von gleichgeschlechtlich liebenden, HIV-infizierten und transsexuellen Seniorinnen und Senioren

Am 11. Juli 2009 trafen sich Fachleute der Pflege und Sozialen Arbeit, PraktikerInnen, Interessierte und Betroffene zum Thementag „Leben im Alter – In Würde alt werden – Was Lesben, Schwule und HIV-Infizierte im Alter erwartet und was sie erwarten“ der AIDS-Hilfe Frankfurt/M.

Durch die Vorträge und die anschließenden Diskussionen stellten die Teilnehmenden die Notwendigkeit fest, mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit, an die Politik und die Interessenverbände der SeniorInnen und der Pflegebedürftigen heranzutreten.

Alle Menschen wollen in Würde leben. Alle Menschen wünschen, dass sie ein Leben lang geachtet werden und geschuüzt sind vor Diskriminierung. Die Achtung der Menschenwürde und die Freiheit von Diskriminierung – zentrale Aussagen des Grundgesetzes – erwarten
Lesben, Schwule, TransidentInnen und HIV-Infizierte auch für ihr Leben im Alter.

Vorwiegend die heute über 65jährigen haben eine Zeit der massiven gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Diskriminierungen erlebt. So verwundert es nicht, dass aätere, alte und hochbetagte gleichgeschlechtlich liebende Menschen in der OÖfentlichkeit und in den Institutionen der Altenhilfe zunächst nicht oder selten sichtbar sind. Hohe Hemmschwellen innerhalb der Institutionen und auch bei den Betroffenen selbst verhindern eine individuelle und biographieorientierte Betreuung in der Pflege und Sozialen Arbeit.

In Hessen leben 175.836 pflegebedürftig Menschen (Stand: Dez 2007). Bei einem geschätzten lesbischen und schwulen Bevölkerungsanteil von ca. 5-8% bedeutet dies: Mindestens 8.792 Lesben und Schwule sind pflegebedürftig.

Gleichgeschlechtlich liebende Frauen und Männer, TransidentInnen und HIV-infizierte Menschen haben die Erfahrung in unserer Gesellschaft gemacht, dass ihre Würde aufgrund ihrer sexuellen Identität, ihres Geschlechts oder einer Krankheit missachtet wurde oder immer noch wird. Ihre Sorge um die Wahrung ihrer Menschenwürde, wenn sie alt, hilfs- und vielleicht pflegebedürftig werden, ist nachvollziehbar. Und sie ist berechtigt angesichts der mangelhaften Betreuungsqualität der herkömmlichen Altenhilfeangebote und angesichts der geringen Anzahl adäquater Betreuungs- bzw. Pflegeprojekte in Deutschland.

Aus diesem Grund fordern wir die Verantwortlichen von Einrichtungen und Verbänden der Pflege sowie der Sozialen Arbeit, die Hessische Landesregierung, die Parlamente der hessischen Städte, den LandesseniorInnenbeirat, die Lehrkraäte in Pflegeschulen und (Fach-)
Hochschulen und die Fachverlage dazu auf, darauf hinzuwirken,

  • dass nach der Top-Down-Methode die TrägerInnen und Leitungskräfte betriebliche Handlungsmöglichkeiten nutzen, um gleichgeschlechtlich liebende, HIV-infizierte oder transsexuelle Menschen vor Re-Traumatisierungen zu schützen und einen verstehenden und akzeptierenden Umgang durch MitarbeiterInnen zu fördern.
  • dass die Lebenssituation von älteren und alten Menschen mit HIV verstärkt in der Fachwelt und in den Einrichtungen berücksichtigt wird.
  • dass das Wissen über den spezifischen Umgang und die gesellschaftlichen Hintergründe nachhaltig als Thema in Fort-, Aus- und Weiterbildungen der Pflege und Sozialen Arbeit integriert wird. Nur so ist eine Biographiearbeit tatsächlich möglich! MitarbeiterInnen der Pflege und Sozialen Arbeit wollen eine gute Betreuung anbieten. Dafür benötigen sie spezifisches Wissen.
  • dass spezifische und auch integrative Angebote für Betroffene als Wahlmöglichkeit geschaffen werden.
  • dass vielfältige Freizeitaktivitäten, Wohn- und Pflegeprojekte als auch Selbstorganisationen (z.B. 40plus Gruppen für Lesben bzw. Schwule) gefördert werden.
  • dass weitere Forschungsprojekte zur Lebens- und Pflegesituation von gleichgeschlechtlich liebenden, HIV-infizierten oder transsexuellen Menschen im Alter gefördert werden. Bundesweit gibt es hierüber noch zu wenige wissenschaftliche Arbeiten innerhalb des Themenbereiches.
  • dass regionale AnsprechpartnerInnen für gleichgeschlechtlich liebende SeniorInnen zur Verfügung stehen.
  • dass eine Informationsbroschüre über den spezifischen Umgang mit gleichgeschlechtlich liebenden älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen erstellt und an alle hessischen ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen verteilt wird.
  • dass das Thema eines adäquaten Umgangs mit jeweils gleichgeschlechtlich liebenden, HIV-infizierten und transsexuellen älteren Menschen ausführlich und vorurteilsfrei in Lehrbüchern der Pflege und Sozialen Arbeit aufgenommen wird.
  • dass aätere, alte und hochbetagte gleichgeschlechtlich liebende, HIV-infizierte und transsexuelle Menschen in den unterschiedlichen Einrichtungen Voraussetzungen vorfinden, die es ihnen ermöglichen, sich mutig und selbstbewusst für ihre Belange vor Ort einzusetzen. Sie sind nicht die einzigen in der Einrichtung, obwohl sie glauben, es zu sein.
  • Ansprechpartner für die Resolution:  Norbert Draeger, AG 36, Tel. 069 / 295959, Email: norbert.draeger@frankfurt.aidshilfe.de

Die ErstunterzeichnerInnen:

  • Stadträtin Rose-Lore Scholz, Dezernentin für Schule und Gesundheit derLandeshauptstadt Wiesbaden
  • Heiko Gerlach, Dipl.-Pflegewirt und Coach, Hamburg
  • Carolina Brauckmann, Koordinatorin Lesbische ALTERnativen, RUBICON Beratungszentrum, Köln
  • Georg Linde, Initiative Telefonberatung für ältere homosexuelle Männer und 40plus – schwules Forum Frankfurt/M.
  • Lisa Weiß, Projekt „Villa anders“, Vorstand Verein Schwul-Lesbisches-Wohnen e.V., Köln
  • Dr. Marco Pulver, Dipl.-Sozialpädagoge, „Netzwerk Anders Altern“, Schwulenberatung e.V., Berlin
  • Markus Schupp, Koordinator Schwule ALTERnativen, RUBICON Beratungszentrum, Köln.
  • Wolfgang Kirsch, Mitorganisator des Frankfurter Thementages, Darmstadt
  • Carlos Stemmerich, Dipl.-Pädagoge, Köln
  • Michael Jähme, Dipl.-Sozialpädagoge, Selbsthilfe-Aktivist, Köln
  • Lesben Informations- und Beratungsstelle (LIBS) e.V., Frankfurt am Main
  • AIDS-Hilfe Frankfurt e.V., Frankfurt am Main Quelle

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