22 Monate im Pflegeheim . . . . . und dann das


Intro

Bevor ich in medias res gehe möchte ich die folgende Frage stellen:

Was ist der Unterschied zwischen „Auf Grund von Immobilität im Rollstuhl zu sitzen“ bzw, „24/7 im Bett auf dem Rücken zu liegen und auf einer Toilette zu sitzen“?

Möglicherweise mag manchen die Frage lächerlich vorkommen. Seien Sie versichert sie ist es nicht. Solche und ähnliche Fragen haben im Kontext der „Versorgung von  Bewohner*Innen in einem Pflegeheim“ durchaus ihre Berechtigung.

Der Begriff der „Versorgung“ beinhaltet mehrere Aspekte:
Versorgung durch (s)einen Arzt
Versorgung mit notwendigen Medikamenten
Versorgung/Zugang mit – zu Therapeuthen
Versorgung mit Wäsche, ggf Artikel zur Körperpflege
Versorgung/Anspruch auf Reinigung/Hygiene des angemieteten Zimmer
Versorgung mit Nahrung
und
Versorgung/Körperpflege durch das Pflegeteam im Fall der Bettlägerigkeit bzw eingeschränkter oder völliger Immobilität.

Der Aspekt „Versorgung im Kontext zur Körperpflege“ ist nicht klar definiert. Er steht und fällt in Abhängigkeit von der Anzahl des Pflegepersonal und des eigenen Verständnis von Versorgung des Einzelnen PflegersIn in seinem persönlichen Alltag. Die Anzahl des Pflegepersonal ist wiederum im Kontext der politischen Rahmenbedingungen, einer adäquaten Bezahlung und des daraus entsprechenden Status des Berufs des Altenpfleger*In in der Gesellschaft zu verstehen.
Bzgl der politischen Rahmenbedingungen, der adäquaten Bezahlung von Pflegepersonal und des Status des Beruf des Altenpfleger*In, ist ein „Leben im Alter – in Würde in einem Pflegeheim alt werden“  in Deutschland gehörig in einer Schieflage .

Aussagen von Pflegekräften:

„Sie können nicht erwarten das die Versorgung in einem Pflegeheim dem entspricht wie sie sich bzw. wir uns (die Pflegekräfte) zu Hause selbst versorgen bzw behandeln würden.“

„Es geht nicht ums wohlfühlen“.

„In der Zukunft wird es immer schwieriger werden, qualifiziertes Pflegepersonal für die Versorgung der Bewohner*Innen in Pflegeheimen zu finden“.

„Wenn wir über die finanziellen Mittel verfügen würden, um qualifiziertes, qualitativ „gutes Personal“ zu bezahlen, gäbe es „einige“ Pflegekräfte die wir niemals eingestellt hätten.“

„Keiner der anderen Bewohner*Innen (ca 90% > 85 Jahre – andere Sozialisation . . . is halt so . . . muß man halt hinnehmen) hat sich bis jetzt beschwert“

“ . . . und über allem schwebt das unsichtbare Damoklesschwert von Sätzen wie Denken Sie daran, sie leben hier noch länger und sind auf uns angewiesen . . . „

Notabene:

Die Aussage  “ Denken Sie daran, sie leben hier noch länger und sind auf uns angewiesen“ ist inakzeptal weil sie eine rote Linie – Grenze überschritten hat.

Kollektives Sauersein „Korpsgeist im #Pflegeheim“ – wobei Solidarität innerhalb des Team fehlt –  wenn man einem Mitglied eines Pflegeteams sagt, das „Körperpflege/Reinigung und Oberflächlichkeit“ unvereinbar ist.

* * *

Wer bringt mich heute ins Bett?

Ein Tag im März – 14.20 Uhr

Anwesend: „Stimme aus dem Off“ und „John Doe“
John Doe oder Jane Doe ist ein Platzhaltername für fiktive oder nicht identifizierte bzw bewußt nicht benannte Personen. Aus Gründer habe ich mich der männlichen Version „John Doe“ bedient. #PoliticalGenderCorrectnesshinoderher

Stimme aus dem Off: „JohnDoe“
Ich: „John Doe“? . . . Er hat mich noch nie ins Bett gebracht.“
Stimme aus dem Off „Gut. Dann kommen wir zusammen.“
Um 14.25 Uhr kommt John Doe allein zu mir ins Zimmer, fragt mich wann ich ins Bett will.
„Aha“, denke ich. „Ne neue Ansage von der Stimme aus dem Off“.
„In 10 Minuten“ sag ich.
5 Minuten später kommt John Doe mit einem Personenlifter ins Zimmer. Ich ganz ruhig und entspannt: „Hey John Doe. Sie sind aber schnell. Ich brauch noch n paar Minuten.“
John Doe: „Okay“
Um 14.45 Uhr war ich dann soweit. John Doe kam und brachte mich ins Bett. Das erste Mal in 22 Monaten. Solange lebe/wohne ich in dem Pflegeheim. Ich musste ihm sagen wie er seinen Job machen musste d.h. wie er mich aus dem Rollsuhl mit dem Personenlifter ins Bett bringt; wie er mich entkleidet – Hose etc. – und wie er den Urinbeutel ToGo 750ml den ich während der Zeit im Rollstuhl trage <-> Betturinbeutel 2000ml wechseln muß. (Hat er bis hierhin gut gemacht muss ich fairerweise sagen.)
„Äh, John Doe wollen Sie keine Handschuhe anziehen?“
Dies weniger zu seinem als zu meinem Schutz. Wenn er „ohne Handschuhe“ den Urinbeutelwechsel vornimmt ist es nicht so abwegig dass er andere Bewohner*Innen auch ohne Handschuhe versorgt.

*

18.40 Uhr. John Doe kommt ins Zimmer: „Brauchen Sie noch was“?
„Ist das ihr Nachtrundgang“, fragte ich verwundert?
„Ja“, sagte John Doe.
Im Gespräch stellte es sich heraus, dass er auch schon mal um 18.30 kommen kann.
„Und wenn ich später noch Stuhlgang haben sollte“?
John Doe: „Kein Problem. Dann klingeln Sie.“
Bislang fand die Nachtrunde immer zwischen ca 19.15 und 19.45 statt. So konnte ich mich „entsprechend“ darauf einstellen. Ich ging davon aus das John Doe wusste (TeamÜbergabe bzw TeamMeeting) wie ich tickte, dass ich z.b. meine „Bedürfnissse“ entsprechend regulieren kann. #Dachteich
Nachdem er mir ne Flasche Wasser, um die ich ihn bat hingestellt hatte, verließ er mein Zimmer. #IchwarvölligvondenSocken

Um 18.45 Uhr hat John Doe mein Zimmer verlassen.
18.50 Uhr kam der Stuhlgang mit Macht. Ich klingelte.
Ca 10 – 15 Minuten später kam John Doe.
„Zuerst“, sagte ich „wärs gut wenn Sie Handschuhe anziehen und den Betturinbeutel entleeren würden“. Entleert hat er ihn. Den BettUrinBeutel anschließend über dem Bett fuchelnd hat er verschlossen. Auf mein linkes Bein tropfte es.
„Haben Sie ihre Handschuhe nachdem Sie diese angezogen haben, desinfiziert?“ (Von außen = machen Viele aus dem Team)
„Nein“, sagte John Doe.
„Dann war´s Urin, was mir auf mein linkes Bein tropfte“, sagte ich.
#Haternichtwahrgenommenoderwasauchimmer.

Reinigung vom Stuhlgang:
Da ich mich nicht aus eigener Kraft von der „Rückenlage zur Seite“ drehen kann, habe ich mein linkes Bein angewinkelt, sodass man mich dann auf die rechte Seite drehen kann.
Mit der Einlage, auf der ich lag, hat er mein Gesäß äußerlich abgeputzt und anschließend  mit einem nassen Handtuch abgewischt. Die Einlage und das Handtuch auf den Boden geworfen.
„Soll ich Sie (mein Gesäß) eincremen“? fragte „John Doe“.
„Nein, sagte ich verwundert.

Ich bat John Doe, mich dann zur anderen Seite zu drehen und mich in dieser Position zu reinigen. Hat er auch gemacht. Rechtes Bein angewinkelt mich zu sich – zum Fenster auf die linke Seite gedreht. Soweit okay. Dann reinigte er mich mit einem zweiten nassen Handtuch das er auf den Nachttisch legte. Neben das Obst, das auf dem Nachttisch lag.
Ich bat ihn um meine Feuchttücher. Mit 6 Feuchttücher reinigte ich mich dann. 6 Feuchttücher voll mit Stuhlgang legte er dann auf den Nachttisch neben das Obst dazu. Das habe ich erst sehen können, als ich wieder auf dem Rücken lag. Mir hats da erst mal den Draht rausgehauen. Der Tisch, auf dem ich Mahlzeiten einnehme, wenn ich im Rollstuhl sitze. Der Tisch, auf dem ich mir belegte Scheiben Brot zubereite. Ein Sandwich esse. #Haternichwahrgenommenoderwasauchimmer

Fazit:
Ich war sauber. Mein war Bett teilweise nass. Ebenso war das T-Shirt das ich trug im Rücken nass von seiner 2. NassenHandtuchReinigungsaktion.

Um 19.16 habe ich vom Smartphone – als „Externen Anruf“ die „Stimme aus dem Off“ angewählt und ihn gebeten in mein Zimmer zu kommen. Als er kam, habe ich ihn über diese #Reinigungsaktion von John Doe in Kenntnis gesetzt.

Ab 1. April ,so die Stimme aus dem Off, wird sich einiges ändern.
. . . und bis dahin bin ich Versuchskanninchen?“ konstatierte ich in einem Anflug von Humor.

Um 19.35 kam John Doe in FreizeitFeierabendkleidung in mein Zimmer: „Ich hab meine Jacke vergessen.“

*

Ich – ein Pflegeheimbewohner, der auf die Hilfe von examiniertem Pflegepersonal bzw. Pflegehelfer*Innen mit einer einjährigen Ausbildung angewiesen ist, muss mitunter letzteren sagen wie diese ihren Job machen müssen?

 Wenn JedeR aus dem Pflegeteam, ob examiniert oder Hilfskraft mit einer einjährigen Ausbildung im Laufe ihrer Tätigkeit allen Bewohner*Innen im Rahmen der jeweiligen gesundheitlichen Situation Hilfe zu teil werden lässt, dann hat jedeR Bewohner*In das Recht, menschenwürdig und im Kontext auf den Zustand bzw der Situation des jeweiligen Bewohner*In entsprechend versorgt zu werden. Vor allen Dingen ist das Tragen von Handschuhen unabdingbar und nicht verhandelbar. Es geht nicht nur um den Schutz des Trägers*In/Pflegepersonal sondern in erster Linie um „den Schutz des Bewohner *In bzw, meinen Schutz.“ Wenn ich in solcher Art und Weise „versorgt“ werde, wer sagt mir das „er“ andere Bewohner*Innen nicht in der gleichen Art und Weise „versorgt“ behandelt?
Wem dies nicht klar ist, der handelt grob Fahrlässig und ist als PflegeFach oder Hilfskraft in einem Pflegeheim fehl am Platz.

 * * *

Claus Fussek: Pflege geht uns alle an
Claus Fussek: Wehrt Euch endlich

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Eine Antwort zu 22 Monate im Pflegeheim . . . . . und dann das

  1. snoopylife schreibt:

    Ich war ein paar Jahre nicht hier. Hab wohl Einiges verpasst … Viel Kraft dir und danke für diesen Blog!

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