Die Fahrt nach unten

Über die Jahre hinweg nahm er wahr das seine Kräfte in den Beinen, seine Muskelkraft nachließ und immer weniger wurden. Es war ein schleichender Prozeß der stattfand und sich über Jahre hinwegzog. Er nahm diesen Prozeß wahr, wußte das dies eine Folge seiner Krankheit war. Er nahm es hin, akzeptierte es als eine Tatsache.

Bis vor 3 Jahren ging er noch regelmäßig schwimmen. In 45 Minuten 1000 Meter auf dem Rücken schwimmend, voll durchzuziehen stellten für ihn kein Problem dar. Es war sein Ehrgeiz der ihn dazu antrieb diese 1000 Meter innerhalb dieser Zeit zurückzulegen. Danach fühlte er sich immer gut. Die Edelstahlleiter die in den Rändern in den meisten Schwimmbädern angebracht waren herauszuklettern, das bereitete ihm jedoch zunehmend Schwierigkeiten.

Seine Einkäufe erledigte er bis vor ca 1 1/2 Jahren mit dem Rad oder er machte kleine Touren durch die Stadt in der er lebte. Oft nahm er seinen Fotoapparat, fuhr in die Großstadt die nur 20 Minuten mit dem Zug entfernt war und lief stundenlang durch Straßen um zu fotografieren.
Im Dezember 2009 nachdem er beim Absteigen innerhalb einer Woche 2 mal auf die Nase fiel, mußte er sich eingestehen das ihm das „Radfahren“, nicht mehr möglich war. Beim Absteigen die Balance und das Rad zu halten, diese Koordinationsfähigkeit war auf Grund der nachlassenden Kraft, den schwindenden Muskeln in den Beinen und in den Armen nicht mehr vorhanden. Die Folge davon war das, als er absteigen wollte sein Rad nicht mehr halten konnte.

Sein Körpergewicht, sein Übergewicht spielte auch mit eine Rolle, keine Frage. Aber nur zu einem „relativ“ geringem Teil. Die Ursache für den Verlust seiner Muskelkraft in seinen Beinen der sich über Jahre hinweg vollzog lag in seiner Krankheit, dem HIV Virus mit dem er nunmehr seit ca 26 Jahren infiziert war.

Zu dem Muskelabbau in seinen Beinen und Armen gesellte sich vor einem Jahr eine Polyneuropathie in beiden Füßen. Anfangs hatte er der Ursache, das er in seinen Zehen ein leichtes Kribbeln spürte keine größere Bedeutung beigemessen. Da er vor einigen Jahren an seiner Bandscheibe operiert wurde und er im Vorfeld mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen hatte, dachte er das es wieder ein „Bandscheibenproblem“ sei.

Da sich dieses Gefühl in beiden Füßen mit der Zeit verstärkte, er beim Laufen immer unsicherer wurde und ihn in seiner Mobilität zunehmend einschränkte, sprach er bei seinem nächsten Termin mit seinem ihn behandelnden HIV Facharzt. Während des Gespräches und einer Untersuchung stellte es sich heraus das die Ursache des „Kribbeln“ in seinen Füßen nicht auf ein Problem der Bandscheibe sondern auf eine Polyneuropathie als Folge einer Langzeitauswirkung von HIV zurückzuführen war.

Treppensteigen, das Einsteigen in eine Strassenbahn oder die Bahn wurde zunehmend beschwerlicher. In seiner Wohnung fühlte er sich sicher. Der Fußboden war eben, er wußte um alle Ecken und Winkel, Schränke und Tische, sodaß er sich selbst im Dunkel sicher fühlte und zurechtfand.

Von dem Moment an wo er die Wohnung verließ änderte sich dies. Trotz der medikamentösen Behandlung der Polyneuropathie war die Wahrnehmung in seinen Füßen erheblich gestört. Die Unsicherheit beim Laufen war nach wie vor vorhanden. Dazu kam die fehlende Kraft in seinen Beinen und Armen und die Angst vor einem Sturz. Vom Boden alleine aufzustehen für den Fall das er stürzte war ihm nicht mehr möglich.

Würde er an seinem körperlichen Zustand, an seiner Konstitution nichts ändern, dann, dessen war er sich bewußt, war es absehbar das er sich über kurz oder lang nur noch im Rollstuhl fortbewegen würde.

Nach einer heftigen, kurzen und erfolgreichen Auseinandersetzung mit seiner Krankenkasse konnte er an einem Muskelaufbaukurs in einem Fitnesstudio teilnehmen, der von seiner Krankenkasse bezahlt wurde.

Sein erstes Ziel war es im August für ein paar Tage mit dem Zug wegzufahren. Das war ihm nur möglich wenn er in der Lage war die 3 Stufen in einen ICE einzusteigen. 6 Wochen lang besuchte er jeden 2. Tag dieses Muskelaufbautraining mit dem Erfolg das er diese Reise unternehmen konnte.

Es waren langsame, kleine kaum wahrnehmbare Schritte die zu einer Verbesserung seiner Mobilität führten. Es gab Tage da hatte er das Gefühl das er auf der Stelle trat, das sich nichts geändert hatte. Das Aufstehen und das Laufen fiel ihm genauso schwer vor ein paar Wochen. Dazu kam das der Winter in diesem Jahr sehr früh über das Land hereinbrach.  Dies und eine Ischiasattacke die ihn Anfang Dezember wie aus dem Nichts überfiel, warfen ihn in seinem Bemühen „fit“ zu werden endgültig zurück um nicht zu sagen aus der Bahn.

Das sich seine körperliche Situation auch auf die Psyche auswirkte lag auf der Hand.
Da er u.a. ein ungeduldiger Mensch war, dem es manchmal nicht so schnell ging wie er es sich wünschte oder besser gesagt wie er es sich vorstellte, stellte sich jetzt in ihm ein Gefühl der Resignation ein. Zwischen dem verstandesmäßigem Wissen, dem
sich über etwas „bewußt zu sein“ und der Erkenntnis und dem Eingeständnis das mit dem Wissen auch immer Gefühle mit einhergehen liegen Welten. Denken/Wissen und Fühlen sind miteinander verbunden, sind wie zwei Seiten einer Medaille. Das was im Kopf stattfindet muß im Herzen ankommen. Und dies heißt in diesem Fall, die Gefühle die  mit seiner körperlichen Konstitution einhergehen. Gefühle von Trauer – nachtrauern über den Verlust seiner Kraft -, Resignation darüber weil es ihm nicht schnell genug ging wieder „fit“ zu werden, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit weil ihm sein Verstand/Geist sagte das es ja doch keinen Sinn hatte (das Ergebnis entsprach ja nicht dem was er sich vorstellte), dies waren Hürden die ihm zusehens schwerer fielen zu meistern.

Selfullfilling Prophecies – sich selbsterfüllende Prophezeiungen? Vielleicht. Der Zustand wie er sich zur Zeit für ihn darstellte – wie er ihn JETZT empfand war einfach so, fühlte sich genauso an.

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