Doppelleben

Der Begriff Doppelleben bezeichnet die Lebensführung einer Person in mindestens zwei separaten und verschiedenen Milieus, Rollen, Bahnen oder sonstigen sozialen Zusammenhängen, die die Person anderen Personen gegenüber bewusst verheimlicht. Quelle Wikipedia

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Dies ist das Wesen der Diskriminierung.
 Meinungsbildung über andere Menschen, die nicht auf individuellen Leistungen beruht, sondern vielmehr auf Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit vermeintlichen Eigenschaften. Zitat aus dem Film Philadelphia aus 1993

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Nach und nach werde ich Geschichten von Menschen die HIV positiv sind und auf Grund ihrer Infektion seit Jahren ein „Doppelleben“ führen hier einstellen. Alle Geschichten werde ich 1:1 übernehmen, so wie man sie mir zur Verfügung gestellt hat. Sie sind ein Spiegel der Seele von Menschen mit HIV und ein Spiegel unserer Gesellschaft im Jahr 2011, 30 Jahre nach HIV in Deutschland.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Allen für ihr Vertrauen mir gegegenüber und ihrem Mut bedanken, das sie auf diesem Weg an die Öffentlichkeit gehen.

Die hier aufgeführten Geschichten sind von  der License Creative Commons 3.0 BY-NC-ND ausgeschlossen. Das Copyright liegt einzig und allein bei dem jeweiligen Verfasser der Geschichten, die dem Blogbetreiber bekannt und durch/über ihn zu erreichen sind.

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Da die Zahnarztpraxis von einer Mitarbeiterin aus der Praxis neu übernommen wurde habe ich bei einem Termin zur professionellen Zahnreinigung bei einem persönlichen Gespräch meine Infektion offen gesagt. Die Reaktion war leider nicht wie erwartet:

“ Heute behandeln wir sie nicht, sondern dann machen wir einen neuen Termin zu Praxisende“

Auf meinen Enwand , dass so eine Terminverschiebung auf das Praxisende nicht dem wissentschaftlichen Standard entspricht (habe sogar eine schriftliche Erklärung abgegeben:“ Mit HIV beim Zahnarzt: gemeinsame Stellungnahme von DAIG und DAGNÄ (akt.)“ und bekam zur Antwort:

„Ich habe es anders auf der Uni gelernt und bleibe deshalb bei meiner Organisation der Praxis. Seien sie doch zufrieden weil ich sie ja behandel“

Bei dem Termin einige Wochen später stand dann mein Behandlungsteam wie die Marsmännchen verkleidet am Behandlungsstuhl.

Nun habe ich eine kompliziertere Sache an den Zähnen und muss zum Kieferchirurgen.

Da der Kieferchirurg ein Freund von mir ist hatte ich dort natürlich noch mehr Hemmungen mich zu outen und habe mich lange gedrückt die Infektion zu sagen.

Nach Ratschlag von meinem SPA (“ manchmal werden durch Ehrlichkeit bzw. durch das Outing Freundschaften viel intensiver als vorher“) habe ich also dem Kieferchirurgen meine Infektion vor der Behandlung pers. mitgeteilt. Die Reaktion war super Klasse:

“ Ich habe nach einem Gespräch mit deiner Zahnärztin irgendwie das Gefühl gehabt, die will dich als Patient loswerden! Was hälst du davon wenn ich bei dir die gesamte Behandlung übernehme? Ich habe keinerlei Problem mit HIV und werde dich nach dem Stand der Wissenschaft behandeln.“

Nun bin ich nur bei ihm in Behandlung u.a. Setzen von Implantat, professioneller Zahnreinigung usw.bin so glücklich, denn hier werde ich ohne jede Stigmatisierung perfekt behandelt.

In der Kartei ist mein Status nicht vermerkt, der Kieferchirurg meint es reicht volkommen aus wenn er von meiner Infektion weiss.

Was bin ich froh, dass ich es ihm gesagt habe und ich glaube die Freundschaft zwischen uns hat eineandere Qualität gewonnen.

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. . . um den Faden wieder aufzunehmen, will ich dem Begriff Doppelleben doch noch etwas mehr Leben einhauchen.
Dazu wieder eine Geschichte, die ist erst vor vier Wochen passiert.
Mein Problemfeld ist die Arbeit und alles was damit zusammenhängt. Schon länger krankgeschrieben, und nur Kollegen um mich herum. Eine Kollegin ich nenn sie jetzt mal „Anna“ kenn ich auch schon jahrelang, wir verstehen uns super und sie war meine Stütze in der schweren Zeit. Sie hat mir eingekauft, mich gefahren sie war einfach für mich da. Aber sie weiß ja nichts, außer, dass angeblich meine Leber spinnt und ich ein Burnout habe.

Und meine Krankschreibung zieht sich hin und ich wusste in letzter Zeit auch nicht mehr so richtig, was ich mit Anna besprechen sollte. Wir redeten aneinander vorbei. Bei einem Telefonat redete sie auf mich ein, ich soll mehr Kontakt zur Arbeit halten. Ich war völlig verzweifelt, da ich ihr ja nicht sagen konnte, wieso genau das, das falscheste ist, was ich tun kann.

Also hab ich mir vor vier Wochen ein Herz gefasst, bin zu ihr hin, wir wollten zusammen frühstücken, es war einer der ersten schönen Sonnentage. Dann kam´s: Ich will dir was sagen, wichtig, dass du es bei dir behälst, kann ich dir vertrauen……ja natürlich…..ich bin hivpos.

Ihr traten Tränen in die Augen, mir auch …nachdem ich nur kurz signalisiert habe, es wär nicht weiter schlimm, bins schon seit 25 Jahren, habe ich ihr erstmal Zeit gelassen. Wir haben uns umarmt.
Naja und den ganzen Nachmittag geredet – so und das war sehr interessant. Sie dachte nämlich in der Zwischenzeit, meine Leber wäre so kaputt, dass ich auf eine Transplantation warten würde (oh wie schrecklich, hatte echt ein schlechtes Gewissen). Sie meinte dann, nachdem ich ihr einiges über hiv erzählt hab, gottseidank, das ist ja jetzt gar nicht soooo schlimm.

Sie war erschüttert über meine jahrelanges (fast 20 Jahre) Versteckspiel und meinte auch, dass sie schon gemerkt hat, dass irgendwas ist. Es wäre immer so ein Geheimnis um mich herum gewesen. Hätte mich zurückgehalten, wenn´s im Kollegenkreis (fast nur Frauen) um Männer und Beziehungen gegangen wär….oder, dass ich mich manchmal aus heiterem Himmel hab krankschreiben lassen (bekomm ja sehr selten eine Erkältung, mit der man schniefend und hustend sich krankmelden kann). überhaupt wär ich in der Arbeit oft sehr zurückhaltend, was ich privat gar nicht so bin. Sie hat mich übrigens bis heute noch nicht gefragt, woher ich das habe. Ich weiß, ich kann ihr vertrauen und ich fühle mich nun wie befreit und muss diesen wichtigen Kontakt nun nicht mehr meiden.

Ich denke es gibt einen Unterschied im Kontakt untereinander, zwischen Männern und Frauen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt ein Klischee bediene und Ausnahmen die Regel bestätigen, sind die Themen über die sich Frauen unterhalten, sehr viel persönlicher und emotionaler. Auch ich bin so…und das macht es dann schwierig, wenn man etwas zu verheimlichen hat, was zu einem gehört.

Alle meine Freunde wissen es; Anna gehört jetzt auch dazu und es ist mir wichtig, dass ich im Privaten so sein kann wie ich bin, mein Privatleben ist mein richtiges Leben und das andere, tja….schlimm war vor allem, dass es so überhand genommen hat; ich hatte in den letzten zwei Jahren kaum noch Privatleben, weil ich keine Kraft mehr dazu hatte. Es war nur noch Anstrengung.

Bin nun dabei wesentliches zu ändern, Wohnortwechsel und vor allem auch mein Arbeitsstandort wechseln und ganz ganz wichtig, reduzieren soweit wie ich´s finanziell verkraften kann. (…das mit der Teilberentung läuft ja noch parallel, da kann ich mich nicht drauf verlassen). Ich will es nicht mehr zulassen, dass ich mir selbst so fremd werde. Das wird man nämlich mit einem Doppelleben…wenn das falsche Leben zuviel Raum einnimmt.

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ich habe meine hiv infektion zum teil verschwiegen und mich zum teil hinter ihr versteckt. wenn ich z.b. keine lust hatte einen termin einzuhalten oder jemand zu besuchen, dann habe ich mit der begründung “ es geht mir nicht gut – ich fühle mich krank“ abgesagt. meinen eltern denen ich es von anfang an gesagt habe, habe ich dann gesagt das mir „der virus“ zu schaffen macht. DAS konnten sie nachvollziehen . . .

ich war nicht ehrlich – anderen gegenüber und natürlich auch mir selbst gegenüber. ich konnte/wollte mir nicht eingestehen das, wenn ich sage das ich hiv positiv bin, ich angst vor der möglichkeit hatte, das mich menschen, freunde wegen HIV ablehnen könnten/würden, das sich menschen die ich mochte, sich von mir zurückziehen würden.

mir hatte lange der mut gefehlt ehrlich zu sein und eine mögliche „negative tatsache – wahrheit“ auszuhalten, mit ihr zu leben. wenn sich freunde – menschen abwenden das ist nun mal eine schmerzhafte tatsache, eine wahrheit die schmerz auslöst. man fühlt sich verletzt – ich fühle mich verletzt. verletzt werden möchte keiner weil es schmerzhaft ist, weil es weh tut. indem ich mich belogen habe, mir etwas vorgemacht habe, habe ich versucht dieser möglichkeit = tatsache „verletzt zu werden“ aus dem weg zu gehen.

das ist ja eine strategie der man sich u.U. in vielen anderen bereichen, situationen im alltag, im leben auch bedient. man versucht möglichen unangenehmen situationen, konflikten aus dem weg zu gehen. unehrlich zu sein, zu lügen ist da eine von vielen möglichkeiten . . . . autor-alivenkickn

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ich bin zwar Rentner und nicht mehr im Berufsleben . . . aber gerade dieses Doppelleben belastet mich mehr wie die Krankheit. 
Klar ich habe noch andere Krankheiten. HIV ist so nebenher. Aber dieses verheimlichen, alles muss man wegschließen daß ja keiner was mitbekommt, ist für mich die schlimmste Sache.

Habe mich gestern erstemal bei einem Arzt als hiv+ geoutet, aber nur weil er 100km weit weg ist.
Ich habe 4 Kinder und wohne in einem Kaff. Genau aus diesem Grunde möchte und kann ich mich nicht outen. Und was bringt mir das Outen hier im Ort? Es würde sowieso keiner verstehen worum es bei der Krankheit geht, meine Kinder würden deswegen geschnitten.

Mir persönlich wäre es egal. Nein, ich wäre sogar mit Begeisterung dabei mich zu outen, würde hoffen irgendeiner käme mir Blöde, sei es Arzt oder Mitbürger. Krawall yeahhhh.

Aber so werde ich weiter meine anderen Krankheiten vorschieben und meine Papiere alle verstecken und wegschließen und gehe daran zugrunde . . .

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ich hab mich desletzt das erste mal in der Uniklinik beim Zahnarzt geoutet und war ok. Mal gespannt bin ob das im Bericht für den Hauszahnarzt steht.

Jetzt kommende Woche müsste mein Hauszahnarzt den Bericht von der Uniklinik bekommen haben. Ich bin gespannt was da drinn steht. Falls das Positive drin stehen sollte werde ich mir wohl nen Neuen suchen müssen, so schätze ich den Arzt ein.
Lasse mich überraschen . . .

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Auch ich habe einen Bannkreis um mich geschlossen.
In einer großen und „aufgeklärteren“ Stadt ist dieser Kreis wahrscheinlich kleiner als auf dem Lande…..
wo jeder jeden kennt und gerne getratscht wird.

Ich achte – trotz relativ anonymer Wohnsituation – darauf, dass Nachbarn nichts davon spitz kriegen.
Bei Ärzten habe ich nie einen Hehl daraus gemacht und hatte nie Probleme. Nunja – von einer ambulanten OP vor Jaaaahren einmal abgesehen. – Hier wurde ich – nach Offenbarung – kurzfristig ans Ende des OP-Plans gesetzt und musste paar Stunden warten.
Ansonsten gibt es wenig Situationen, die mich in Erklärungsnöte brächten.

Ausserhalb meines Bannkreises, welcher geschätzte 500m beträgt, hätte ich keine Probleme, offen damit umzugehen…. FREMDEN gegenüber.
Doch auch hier muss ich relativieren: Im Umgang mit Freunden und Bekannten von „eingeweihten Freunden“ würde ich mich im Ernstfall – aus Rücksicht auf meine Freunde (um sie vor irgendwelchen Konfrontationen bzw. Kompromittierungen zu bewahren) – mit einem Outing doch auch sehr zurückhalten.
Aber das belastet mich nicht.

Meine größte Baustelle liegt in der Familie.
Mutter ist tot – selig gestorben im Glauben, der Sohn ist gesund und geht einer geregelten Arbeit nach.
Das war meine größte Belastung – sie war sehr krank und lud sich alle Sorgen auf das eh schon organisch strapazierte Herz.
Als sie starb war es fast wie eine Erlösung für mich – mich nicht „mitschuldig“ gemacht zu haben (durch ein Outing) an ihrem Tod.
Erlösung? Wenn die Mutter stirbt? – Mag nun etwas pietätlos und kalt klingen – aber es ist die Wahrheit.

und Papa?
Naja – Papa ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass ich ihn mit meinen Problemen belasten wollte/sollte.
So bewahre ich – im familiären Umkreis – mein Geheimnis weiterhin für mich und lüge meine Lüge weiter, lasse die Menschen in meiner alten Heimat weiterhin in dem Glauben der „heilen Welt“, ich wäre gesund und verdiene meine Brötchen.
Ja – das ist die größte Baustelle. Aber auch die macht mir erstaunlich wenig zu schaffen. Alles ist so weit weg – bei meinen Besuchen lüge ich eben weiter – aber ich lüge in diesen Momenten nicht nur um mich, sondern auch um andere zu schützen !

Okay – wir haben alle ein „Geheimnis“.
Aber wer hat das nicht?
Einer verbirgt seine Kriminelle Vergangenheit….
ein Anderer seine abartige sexuelle Vorliebe.
Schulden, die verheimlicht werden….. Steuerhinterziehungen uswusf.
Mal ganz abgesehen von den unzähligen Seitensprüngen und Affären, die täglich die Gewissen der Menschen auf die Probe stellen.

Wir sind nicht alleine….mit unseren Doppelleben, Geheimnissen und Lügengerüsten !!!
Natürlich geht jeder anders damit um !!! – das ist schon klar.
Doch – vielleicht sollten wir dem Stigma einfach in den Arsch treten anstatt uns zu seinem Sklaven zu machen?
Es erschreckt mich zu lesen: „Wenn es Krebs wäre, wäre alles viel einfacher!“
Als würde man nur darauf warten, dass man eine therapiebedingte Krebserkrankung bekommt…… um sich bzw. seinen Zustand endlich erklären zu können?
Das kann es doch nicht sein !!!!?

Okay – ich geb’s zu:
habe leicht reden.
bin berentet – kein Outing im Job vonnöten (was es sonst auch nicht ist!)
bin „gesund“, man sieht mir die Krankheit nicht an – muss also meinen „Zustand“ nicht erklären.
lebe in der Anonymität einer Großstadt…..

Für alle, die diesen Luxus nicht haben, mag es problematischer sein…. ist es auch ganz bestimmt !
Die Frage aber, ob Antidepressiva die Lösung sind des Problems….sein KÖNNEN, beantworte ich klar mit NEIN.
Dann lieber Lügen was das Zeug hält und dem schlechten Gewissen in den Arsch treten.

P.S.: Mag sein, dass es für viele überheblich klingt, was ich schreibe. Aber vielleicht brauchen wir genau diese Überheblichkeit um das Stigma zu überwinden.

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Dieser Zwang, Druck – „es“ herausschreien, mich outen zu müssen…. dem Briefträger, der ganzen Welt gegenüber…..
Ist mir fremd !

Jede/r braucht einen Ansprechpartner, mit dem er sein „Geheimnis“ teilen kann.
Dessen bin ich mir sicher.
Ansonsten frisst man es in sich hinein und dann frisst es einen auf.

Doch mir genügt ein kleiner ausgewählter Kreis, richtige Freunde denen ich mich offenbaren…..
und Mitbetroffene, mit welchen ich mich austauschen kann….
OHNE Geheimniskrämereien und ohne Furcht vor Unverständnis und Diskriminierung haben zu müssen.
Den „Rest der Welt“ hat das schlicht nicht zu interessieren !

Was hätte ich davon, mich beim Bäcker an der Ecke zu outen?
Nichts! – Ausser argwöhnischen Blicken und Getuschel hinter meinem Rücken wenn ich den Laden verlasse.
Im moderaten Fall !!
Schlimmstenfalls droht mir Mobbing, Disstum……Gewalt.
Habe keine Lust auf ein Zigeunerleben, immer weiterziehen zu müssen, weil der Lebensraum unerträglich wird.

Und mal ehrlich:
Wer von uns ist wirklich ganz und gar authentisch im täglichen Leben?

Tagtäglich verstecken wir doch unsere Makel und Unzulänglichkeiten vor der Öffentlichkeit.
Hilfsmittel wie Parfums, Deosprays, Make-up, Toilettendüfte…. helfen uns dabei.
Wir kaschieren Fettpölsterchen mit Kleidung…..
unterdrücken pupsen und rülpsen….
bohren nur in unseren Nasen wenn wir uns unbeobachtet fühlen.
Höflichkeitsfloskeln bestimmen unsere Kommunikation…
wir sagen nie öffentlich, was wir WIRKLICH denken !

Warum das alles?
Weil wir nicht auffallen – nicht „aus der Rolle fallen“ wollen…
Weil wir vermeiden wollen, dass mit dem Finger auf uns gezeigt….schlecht über uns geredet wird.

Im Grunde genommen belügen wir uns selbst und die ganze Welt…..
Tagtäglich…… jeder belügt jeden….
wenn wir unsere Masken aufziehen und in die Welt hinaustreten.
„Ehrlich“ sind wir nur in unseren 4 Wänden….
morgens… nackt und ungeschminkt vor dem Spiegel…..
wenn wir unseren menschlichen Bedürfnissen freien Lauf lassen können.
Unbeobachtet !!!!

Wir haben schon ein Doppelleben! Auch ohne HIV.
Die Welt WILL scheinbar belogen werden !

Weshalb also sollten wir nicht auch unsere Infektion „verstecken“ ?
Was drängt uns plötzlich, DARÜBER reden zu müssen?
Warum reden wir erst von einem „Doppelleben“ wenn es DARUM geht?

Lasst es mich einmal so ausdrücken:
Solange wir uns einigermaßen gut damit fühlen….
arbeiten gehen können ….
die Medis gut vertragen….
besteht keinerlei Veranlassung, HIV im „Alltag“ an die große Glocke hängen zu müssen.

Komplizierter und schwieriger wird es bei der Partnersuche.
Zugegebenermaßen.
Deswegen „suchen“ viele von uns doch auch ihr Glück unter Mitbetroffenen.
Hier wird man verstanden – es bedarf keiner langen Erklärungen, Aufklärungsarbeit über Infektionsweg, EKAF etc.pp
Man muss sich nicht fürchten vor Zurückweisung, Ekel, Verachtung…..und Verrat.
Und noch ein Wort zum Thema „Krebs“ in diesem Zusammenhang:
Man mag mit der Diagnose „Krebs“ vielleicht auf mehr Verständnis stoßen.
Aber auch auf Mitleid.
Wer will das ???
Und die Partnersuche wird mit Krebs sicher auch nicht einfacher – im Gegenteil !!!

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Einerseits möchte ich offen sein und bin es auch teilweise. aber immer wohl durchdacht, sehr gezielt und fern vom Lebenskreis meines Kindes, welches das nicht will.

Vor 15 Jahren wurde ich berentet, da betraf es hauptsächlich nur mein Privatleben. Seit 3 Jahren bin ich wieder berufstätig in einem Minijob und das ständige Kontrollsystem im Kopf ist wieder da. Wäre es Krebs könnte ich es sagen, wenn ich wollte, aber HIV? Es ist immer noch nicht „einfach auch nur eine Krankheit“, es ist in vielen Köpfen halt mit einem Makel behaftet.

Dann denke ich wieder: Was mache ich mich denn verrückt? Wenn ich jetzt einen Pickel am Po habe, erzähle ich es doch auch nicht jedem.
So leicht ist es aber nicht. Immer wieder bin ich hin und her gerissen, mal locker und entspannt, dann wieder hilflos und wütend.

Mein Fazit: Nach 15 Jahren andauernder Ambivalenz habe ich mich nach langen Überlegungen entschieden Antidepressiva einzunehmen.
Ob das der richtige Weg ist? Ich weiß es nicht.

Sheila

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Ich glaube mal, wir sind alles Künstler wenn es um unser Doppellelben geht.
Manchmal fällt uns die Gradwanderung leichter und oftmals aber auch schwerer.
Ich merke immer mehr, dass ich aufpassen muss, dass ich mich nicht „verplappere“…….meine „beiden Leben“ nicht durcheinander bringe.
Den Freunden auch das „richtige“ erzähle.

Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich für mich einen relativ guten Weg gefunden habe, beide Leben miteinander zu verknüpfen…….

………noch funktioniert es…….

Natürlich habe ich auch diese Momente, in denen ich rausschreien möchte, was mit mir los ist, warum ich in bestimmten Situationen nicht so reagiere, wie es die anderen von mir erwarten.
Dann denke ich mir aber auch wieder……warum denn eigentlich, warum sollte ich mir und den Menschen, denen ich es gerne erzählen würde, diesen Stress antun……nach 21 Jahren erklären was mit mir los ist?!
Muss das sein….brauche ich das??
Geht es mir denn nicht auch so gut?
Die Familie ist informiert, das ist für mich wichtig, damit sie angemessen reagieren können, falls etwas sein sollte.

Ich bin einfach hin und her gerissen.
Ganz klar möchte ich mich nicht mehr verstellen müssen, aber noch brauche ich den Schutz, dass nur wenig informiert sind.

Das Risiko und die Angst ausgegrenzt zu werden, Ablehnung zu spüren, Nachteile zu haben, ist bei mir immer noch zu groß.

Im Moment habe ich noch nicht den Mut nur noch EIN LEBEN zu führen……
……aber ich arbeite daran . . . . .

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dieses doppelleben und dauernd nach ausreden suchen müssen, sich in die enge gedrängt erklären müssen…!!

oh ja, diese ängste kenne auch ich sehr gut!! seit mehr als 25 jahren belastet mich dieses, teils mehr, teils weniger….

wo ich mich outete oder „zwangsgeoutet“ habe, waren die reaktionen schon sehr übel… leider. es kann daran liegen das in dem kleinen dorf in dem ich wohne die leutz gerne mit dem finger auf andere zeigen, aber auch in der eigenen familie musste ich die ablehnung spühren…bis heute ist der kontakt zu meinem bruder abgebrochen… das sind sachen die unheimlich belasten, aber keiner gerne darüber sprechen mag.

da hilft auch kein „solange wir uns verstecken, wird sich nix ändern“, ja dieser satz ist immer leicht daher gesagt, denke schon die unterschiedlichen lebensumstände, erfordern unterschiedliche massnahmen. wichtig aber, das einem dabei noch wohl ist

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Ich habe mich vor über 17 Jahren als Jugendliche bei meinem 1. Freund infiziert. Ich wusste zwar von seiner Infektion, aber wie das Leben so spielt, auch Kondome können reißen.
Mein Freund war mir ein großer Halt, so dass ich eigentlich nie in ein Loch fiel. Er war mein Vorbild, wie man in Zeiten der gerade erst beginnenden Therpiemöglichkeiten gut mit der Infektion umgeht.
So ging ich auch offen damit um. Ich engagierte mich in der AIDS-Hilfe, organisierte Vorträge in Schulen meiner Stadt u.ä. Mein Motto war: wenn man als Betroffener nicht offen drüber redet, dann kann man es nicht von anderen verlangen. Und ohne Reden kann man keine Vorurteile abbauen.

Ich hatte wirklich ein tolles Umfeld. Gut, selbst hatte ich nie viele Freunde, aber die, die ich hatte, die standen auch weiterhin zu mir. Die Infektion war eigentlich nie ein Thema; es sei denn, mir ging es einmal schlecht, da machten Freunde sich natürlich etwas Sorgen.

Die Probleme brachten mir Menschen, die eigentlich mehr Wissen haben sollten als Otto Normalbürger – Ärzte.
Meine Hausärztin, die ich von Kindsbeinen an hatte, behandelte mich ab meinem 19. LJ nicht mehr (ab dem Moment, wo sie es herausbekommen hat). Einen anderen Hausarzt finden ? Tja, das war mehr als unmöglich in einer Region mit Ärztemangel im Osten Deutschlands. Selbst „gesunde“ Menschen wurden oft abgewiesen, weil die Ärzte keine Kapazitäten hatten und keine neue Patienten aufnahmen.
Auch fand ich jahrelang keinen Augenarzt, keinen Gynäkologen und keinen Zahnarzt.
Ich bin niemand, der jedem Arzt etwas von HIV erzählt. Ein Orthopäde würde nichts erfahren, aber als Positiver mit CMV sollte man einen Augenarzt schon einweihen…. dumm nur, wenn diese Ärzte Angst haben vor Ansteckung.

Manches Erlebte mutet lustig an, aber dies ist es nicht für den Betroffenen. Als ich doch mal bei einem Zahnarzt – aber mit Betonung seinerseits auf „nur ausnahmsweise“- dran kam, um mir in den Mund schauen zu lassen für einen Stempel im Bonusheft, kam ich als letzter Patient des Tages dran. So weit nicht schlimm. Aber der Behandlungsraum wurde mit Alufolie ausgelegt, jede Gerätschaft, der Griff an der Lampe, das Teil, womit der Arzt den Behandlungstuhl bedient – alles wurde mit Alufolie umwickelt. Ich wusste nicht ob ich lachen oder schimpfen wollte. Ich beließ es beim 1. und empfahl der Ärztin noch sich doch noch ein lustiges Alumützchen zu basteln um wirklich restlos geschützt zu sein.

So vergingen die Jahre ohne große Vorkommnisse, kein Wunder, war ich ja mittlerweile gar nicht mehr in ärztlicher Behandlung. Mein Gesundheitszustand ließ das zu.
Irgendwann aber kamen die Probleme, die mir sogar die Kraft raubten gegen Ärzte anwaltlich vorzugehen.
Mein Freund und ich hatten einen Kinderwunsch und ich wurde recht schnell schwanger. In meinem Landkreis fand ich keinen Arzt ( es gab 12 Gynäkologen, selbst die Frauenstation meines Krankenhauses nahm mich nicht auf). So begann die Zeit des Doppellebens. Ich wollte mich 6-7 Monate nicht als HIV-Positive outen und kurz vor einem Kaiserschnitt dann in eine Uniklinik gehen. Ich fand ( als „Gesunde“) einen Gynäkologen im Nachbarlandkreis. Irgendwann hatte ich an einem Wochenende starke Blutungen, eine Fehlgeburt drohte. Mein örtliches Krankenhaus nahm mich auf. Es war denen bekannt, wer mein Arzt ist, ich sollte untersucht werden, ich sagte, dass ich HIV habe….und durfte mich anziehen. Ich bekam ein Schreiben mit für meinen behandelnden Arzt. Nein, es lag nicht an HIV, man dürfte mich nicht behandeln, denn mein Arzt ist leider ein Belegarzt eines anderen Krankenhauses im Nachbarlandkreis. Ich wurde regelrecht rausgeschmissen.

Mich fuhr dann ein Familienmitglied in das Krankenhaus des anderen Landkreises.
Meine AIDS-Hilfegruppe wollte mir helfen, ich hatte ein Gespräch mit einem Anwalt, aber ich hatte nicht die Kraft zu kämpfen, weil ich bereits zum 2. Mal ein Kind verlor.
Es kam zur regelrechten Flucht. Weg aus dem ostdeutschen Kleinmief, rein in die alten Bundesländer, wo man von HIV schon länger Ahnung hat und sich wohl nicht mehr so abwertend anstellt.

Aber süddeutsches Hinterwäldlertum und ostdeutsche Provinz nehmen sich leider nicht viel. Es wurde – fast- noch schlimmer.
Ich zog zu meinem Freund, der beruflich an eine bestimmte Region gebunden war.
Hier fand sich schnell eine Hausärztin, die aber nur mit einem redet, nie untersucht…Na gut, ich brauche die eh nur, um mir Überweisungsscheine ausstellen zu lassen.
Ein kleines Zwischenspiel gab es, als mein Freund, von dem die Ärztin weiß, dass er ebenfalls positiv ist, eine Überweisung zum Urologen haben wollte, weil wir ein Spermiogramm machen lassen wollten/mussten.
Sie fragte warum es nötig sei, er antwortete ehrlich : weil es mit dem Kinderwunsch nicht klappt. Er durfte sich einen Vortrag darüber anhören, dass „solche“ wie wir keine Kinder in die Welt setzen dürften, wie verantwortungslos er sei. Sie wollte ihm erst nicht die Überweisung ausstellen.

Der einzige Gynäkologe im Umkreis von 12 km mag keine HIV-positive Patientinnen, man solle an die Uniklinik gehen. Ernüchterung.
Aber mein -mittlerweile- Ehemann hatte ja einen Zahnarzt, zu dem kann ich gehen. Einen Termin hatte ich schnell. Als er mir in den Mund schauen wollte, bat ich ihn Handschuhe anzuziehen (mit Hygiene scheint der es wohl nicht so genau zu nehmen). Kurz darauf bat er mich einen Anamnesebogen auszufüllen, die Fragen beantwortete ich ehrlich….. und wurde gegangen. Als mein Mann seinen nächsten Termin bei ihn wahr nehmen wollte, wurde er schon an der Info abgewürgt. Tja, ne Frau mit gleichem Nachnamen an der gleichen Adresse, die „verseucht“ ist, da muss der Mann doch auch was haben.

Wie kann man so eine Angst vor HIV haben, wenn man dann nicht mal zu kleineren Untersuchungen Handschuhe anzieht ? Die größten Ferkel scheinen die größten Paniker zu sein….ist es die Erkenntnis, selbst jahrelang schluderig gearbeitet zu haben und nun den Spiegel vorgesetzt zu bekommen ?

Nun haben wir das Glück eine Uniklinik in der Nähe zu haben. Aber wir haben das Pech auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Pro Strecke fährt man 2-2,5 h, je nach Anbindung von Bus und Bahn. So bleibt für jeden Arztbesuch ein Urlaubstag auf der Strecke. Und die Kosten sind auch enorm für die Fahrkarte. Aber wir haben nun die Möglichkeit behandelt zu werden.

Wobei mir gerade bei Ärzten der Uniklinik auch einiges aufgefallen ist: Meine Erfahrungen der Zahnklinik : ich bekomme einen Ordner mit meinen Patientenunterlagen, den ich mir am Empfang abhole und gehe damit zum behandelnden Arzt. Auf meiner Akte klebt ein roter Punkt und es steht mit rotem Textmarker : „safe!!! HIV-positiv!!!“

Auch wollte bisher jeder Arzt mit mir über meine Therapien sprechen. Wenn ich sagte, dass ich keine mache, wird immer sofort diskutiert, ich müsse doch unbedingt Medikamente nehmen. Es wird nicht gefragt, ob es schon nötig sei oder welche Gründe man sonst dagegen hätte. Ich fühle mich auch da nicht wirklich als mündiger Patient, sondern als müsste ich, um die armen Ärzte nicht zu gefährden alleine schon deshalb Medikamente nehmen um meine VL unter Nachweis zu bringen.

All diese Erfahrungen mit den „Halbgöttern in Weiß“ lassen mich kleinere Zipperlein selbst behandeln und ich gehe nur noch im Notfall zum Arzt. Ich weiß, dass das nicht richtig ist, aber ich habe es satt mich immer und immer wieder zu rechtfertigen. Gerade in Unikliniken, wo einen immer mal jemand anderes behandelt und man für die gleiche Krankheit innerhalb 2 Wochen 3 Mal alles neu erzählen muss. Ich habe es so satt.

Hier in den alten Bundesländern habe ich übrigens auch das 1. Mal schlechte Erfahrungen im privaten Bereich gemacht mit der Infektion.
Ich arbeitete vor 5 Jahren in einem Hotel als Mädchen für alles. Es war ein kleines familiäres Hotel mit nur 3 Angestellten, die für alles zuständig waren. Es war eine stressige, aber tolle Zeit. Meine Arbeit wurde gelobt. Während dieser Zeit freundete ich mich auch mit meiner Kollegin an. Irgendwann kam sich mich mal besuchen und fand in meinem Bücherregal Bücher über HIV. Ich outete mich. Wir erzählten ganz normal über die Infektion, sie schilderte ihre Erfahrungen aus ihrer ukrainischen Heimat.

Doch Tage später änderte sich erst langsam, dann immer schneller das Verhältnis auf Arbeit. Plötzlich durfte ich nicht mehr in die Küche, weil ich keinen Gesundheitspass hatte. Dann durfte ich nicht mal mehr die Gäste bedienen, sondern sollte nur noch die Zimmer putzen und die Wäsche waschen. Irgendwann bekam ich eine Abmahnung, weil ich nicht richtig putze (obwohl ich dafür noch Wochen vorher gelobt wurde).
Dann wurde mein Arbeitsvertrag doch nicht mehr verlängert.

Ich durfte gehen.

Später erfuhr ich, dass meine Kollegin den Chef von meinem „Geheimnis“ erzählte und ich musste gehen um die Gäste nicht einer Gefahr auszusetzen.

Wie weiter oben schon geschrieben hatte ich nicht mehr die Kraft dagegen anzukämpfen. Kann man gegen Dummheit eigentlich was tun ? Die Infos zu HIV sind doch für alle frei zugänglich…als ich von 20 Jahren meinen 1. Freund kennen lernte, hatte ich mir Infos besorgt ohne die heutigen Möglichkeiten….es zeigt mir also, dass die Menschen nicht dazu lernen WOLLEN. Also bringt auch dagegen ankämpfen nichts. Es geht zu einem Ohr rein, zum anderen raus.

Jedenfalls bin ich noch misstrauischer geworden Menschen gegenüber. Letztes Jahr hatte ich ein Erlebnis: ich habe über lange zeit einen Menschen kennen gelernt, mit dem ich über alles reden kann – oder fast alles, das mit HIV sprach ich nicht an.

Die Menschen in diversen Foren mit ihren Vorurteilen, meine persönlichen Erfahrungen usw suggerierten mir, wenn ich diesem Menschen, auch wenn es nur eine Freundschaft war, es war kein potentieller neuer Partner, etwas von meiner Infektion erzähle, dann wird der auch aus meinem Leben verschwinden.Ich war einfach schon zu sehr geprägt von den negativen Erfahrungen.

Aber ich habe dann die Erfahrungen gemacht, dass dies nicht so ist. Es ändert nichts, es war, als erzählte ich, dass ich mir die Haar färben will…wir konnten ernsthaft über das Thema reden, er hat auch nachgefragt – aber es änderte nichts.

Das gibt mir Hoffnung, dass ich in Zukunft auf mehr solcher Menschen treffe…..und hoffentlich ist der ein oder andere dabei, der noch Medizin studiert 😉

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Bei mir (Single) weiss es ein Mensch außer mir selbst (und das reicht auch) – mein behandelnder Arzt in der Schwerpunktpraxis. Okay, und zwangsläufig die Arzthelferinnen dort. Die Praxis habe ich auch bewusst in ca. 50 Km Entfernung gewählt.

Trost brauche ich keinen (Mitlied schon gar nicht). Muss mir keinen Kummer von der Seele reden. (Sonst hätte ich mich nicht erst nach einem Jahr Therapie hier angemeldet)

Psychisch wie pysisch habe ich keinerlei Probleme bis dato gehabt. Nie gehabt (außer den ersten 2 Wochen nach dem Feststellen) seit der Diagnose. Im Gegenteil würde ich sogar sagen. Es hat mich psychisch eher positiv beeinflusst. So paradox das klingen mag. Früher hatte ich, wenn auch ganz selten (alle paar Monate mal) leicht depressive Phasen. Meist ein Tag nur, einfach schlecht drauf. Hätte kein Problem gehabt auf den Ausschalter zu drücken, wenn es den geben würde. Davon bin ich heute weit entfernt.

Es hat mich dahin gehend weiter gebracht, dass ich jetzt auf Grund einer sehr gesunden Liquidität “ausgestiegen“ bin. Nach über 30 Dienstjahren. Abfindung kassiert, dazu finanziell gut vorgesorgt. Lebe jetzt im außereuropäischen Ausland, komme nur alle 6 Monate zurück zum Bluttest, Eltern, Geschwister und Freunde besuchen.

Lebe mein Leben – ohne noch arbeiten zu müssen dort wo ich bin – und bin ein ausgeglichener Mensch. An die Krankheit denke ich keine 5 Minuten im Monat. Das ist kein Tippfehler jetzt! (Bei der Entscheidungsfindung, Therapie oder keine, da hatte ich die ersten 2 Wochen keine schönen Gedanken. An das vermeintlich drohende Ende durch AIDS. Werde den Satz den mein Arzt darauf erwiderte nie vergessen! ‚Wer sagt denn dass Sie an AIDS sterben werden. Sie können genauso gut an einem Herzinfakt oder einem Autounfall oder sonst etwas sterben in den nächsten 20 Jahren. Wenn Sie sich therapieren lassen“

Wenn ich 10 – 15 Jahre (Tendenz wohl eher länger, finanziell kein Problem) ein einigermaßen beschwerdefreies Dasein führen kann – ich muss außer den Medi für HIV keinerlei andere Pharmazie einnehmen – habe ich was gehabt vom Leben. Selbst der Umstand dass ich vorher nie Pharma nehmen mußte, und diese jetzt lebensnotwendig sind, hat mich psychisch nicht wirklich negativ beeinflusst. Wie sagte mein behandelnder Arzt diesbezüglich – andere haben den Lebtag Zucker und müssen spritzen…

Wie gesagt, es muss keiner wissen dass ich chronisch krank bin. Das bringt eher Nachteile als Vorteile, wie du schon richtig resümiert hast in deinem Beitrag. Ich bin auch exakt der selbe (humorvolle) Mensch wie vorher. Würde kein Mensch der mich kennt darauf kommen welches Damokles-Schwert über meinem Haupte schwebt. Keiner!! Und das ist gut so…

Und ein Doppelleben führe ich in keinster Weise. Ein Doppelleben führt jemand meiner Meinung nach eher jemand der eine helle, und eine sehr sehr dunkle Seite hat, was sein Dasein angeht. Wie immer letztere aussehen mag. Davon bin ich so weit entfernt wie die Erde von der Sonne…

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Unterm Strich denke ich gibt es mehr HIV Positive die es bereut haben es (letztendlich den falschen) Leuten/Feunden erzählt zu haben – also keinen reinen Lebens oder Sexualpartnern nur – als welche die gut damit gefahren sind dies für sich zu behalten.

Kommt letztendlich auf das eigene Umfeld an. In einer Großstadt wird die Erkrankung anders toleriert als beispielsweise in eher ländlichen Gegenden.

Selbst gute Freunde/Kumpels können sich von einem abwenden. Selbst erlebt. Mein bester Kumpel den ich seit über 25 kenne hat sich von mir abgewandt. Letztendlich war es Neid, da er einer nicht zu übersehenden Wesensänderung erlegen war. Dachte eigentlich dass sich die Freundschaft halt “verlaufen“ hat. Bis ich von meiner Schwester erzählt bekam, dass er mich selbst bei ihr hat schlecht machen wollen bzgl, eher Nebensächlichkeiten. Das war vor dem Zeitpunkt als ich positiv getestet wurde. Heute habe ich schon daran gedacht, wer das wohl alles schon erfahren hätte, hätte ich diesem besten Kumpel davon erzählt…

Da ich persönlich weder Trost, Mitleid noch sonstige Hilfe benötige, auch keinen Redebedarf diesbezüglich verspüre, mich mit meinem “Handicap“ voll arrangiert habe, sehe ich davon ab mich der Gefahr auszusetzen dass letztendlich die Leute hinter meinem Rücken mit dem Finger auf mich zeigen.

That´s me.

* * * * *

Also bei mir war es so das ich am Anfang der Infektion eher das Gefühl hatte das ich es niemandem sagen dürfte, weil ich die unterschwellige Angst hatte mit diesem Outing alle Menschen um mich herum zu verlieren.

Ich habe es dann doch einer handvoll wirklich sehr nahen Menschen erzählt, weil der Druck darüber reden zu können einfach zu groß wurde. Seltsamerweise waren alle Ängste bezüglich der Reaktion dieser Menschen völlig überzogen. Die meisten haben geschluckt, waren erschrocken und betroffen. Aber nicht ein einziger hat seine Art des Umgang mit mir negativ verändert.

Im Gegenteil, es ist nun kein Tabu Thema mehr mal nebenbei über den Immunstatus zu reden, wie es einem geht und ähnliches. Eigentlich genau so, wie man über eine andere Krankheit auch sprechen würde.

Das alles hat mir Mut gegeben sehr offen mit meiner Infektion umzugehen. Ich halte es mit meiner Infektion ähnlich wie mit meiner Homosexualität. Wenn ich neue Menschen kennenlerne dann ist dies erstmal kein Thema. Wenn man sich angefreundet hat dann kläre ich die Menschen auf das ich Schwul bin, (weil ich es einfach ehrlich und einfacher finde im Freundeskreis über das Thema sprechen zu können) und wenn ich mit diesen Menschen einen intensiven Umgang pflege dann erkläre ich ihnen auch das ich Positiv bin.

Für mich ist es einfach wichtig das ich dies als Teil meines Lebens annehme. Es gehört einfach zu meinem Leben dazu, ohne es zu dominieren. Ähnlich wie meine Homosexualität. Ich habe einfach keine Lust dazu, Kraft für ein eventuelles Versteckspiel aufzubringen.

Auch bei Ärzten bin ich mittlerweile sehr offen was das Thema betrifft. Zum einen um den Arzt wissen zu lassen das er eventuell besondere Schutzmaßnahmen ergreifen muss aber noch viel wichtiger, um mich zu schützen. Denn ein Arzt der informiert ist kann gesundheitliche Risiken und Verbindungen wesentlich einfacher erkennen.

Mittlerweile wissen es an die 20 Leute aus meinem Umfeld. Dazu gehören meine ganze Familie, meine Cousins und Cousinen und sogar deren Freundeskreis. Das sind Menschen von 16-50 Jahren und aus allen Schichten der Gesellschaft. Ich habe nicht EINE einzige negative Reaktion erlebt. Nicht bezüglich meiner Homosexualität und auch nicht bezüglich meines Positiven Status.

Auch bei den Ärzten bin ich mit meiner Offenheit sehr gut gefahren, mein Zahnarzt hat sogar angefangen sich danach intensiver mit dem Thema zu befassen ^^.

Ich möchte mit dem Virus alt werden. Dazu muss ich es einfach ein Teil meines Lebens werden lassen, vor dem ich mich nicht verstecken darf. Wenn man selber offen mit etwas umgeht zeigt man den Menschen das es „normal“ ist und man sich nicht selber in Frage stellt.
Was nützt es zu Leben.. wenn dieses Leben eine Fassade ist ?

* * * * *

Die Frage, wem ich es sage und wem nicht, begleitet mich, seit ich mein Ergebnis gekriegt habe. Das war 2006, ich war noch in der Ausbildung und hielt es damals für angebracht, mit meinem Chef darüber zu sprechen. Ich hatte Angst vor Ausfallzeiten durch Krankheit und wollte einfach, daß mein Chef dann den Grund wusste. Für den Chef war es weniger ein Problem, aber der Personalmanager wusste nicht damit umzugehen und wollte mich aus dem Betrieb haben. Natürlich hab ich mich gewehrt, ich habe mit Klagen gedroht und konnte schlussendlich meine Ausbildung erfolgreich abschließen, wurde allerdings nicht übernommen. Das will ich nicht auf das Virus schieben, aus meinem Jahrgang Azubis wurde niemand übernommen, es gab einfach keine freien Arbeitsplätze für uns im Betrieb.

Den engsten Freunden hab ich von der Infektion erzählt. Und meinen Eltern. Für die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir hat es einen Bruch bedeutet, mit meinem Vater bin ich enger zusammengewachsen.

Als ich in England in einem Club angefangen habe zu arbeiten, habe ich es dem Chef dort erzählt. Er hat es so akzeptiert, wie es ist, mir aber gleichzeitig auch klargemacht, daß ich deswegen nicht mehr oder weniger Vergünstigungen hätte als alle anderen. Er hat von mir gute Arbeit erwartet, und die habe ich auch geleistet. Meinen Kollegen habe ich nichts gesagt. Ich mochte den ungezwungenen Umgang untereinander, ich wollte nicht, daß irgendjemand Angst vor mir hat… Einmal bin ich gestürzt und hab mir an einem Glas die Hand aufgeschnitten, das war für mich das allerschlimmste. Ich, blutend auf dem Boden, alle wollen mir helfen und ich will keinen an mich heranlassen.

In meinem jetzigen Job weiß es niemand. Ich halte das nicht für notwendig. Ich bin nicht öfter krank als jeder andere auch und HIV beeinflusst meine Arbeit nicht, also muss es auch niemand wissen. Wenn jemand fragen sollte, werde ich ehrlich antworten, so bin ich, aber ich sehe mich nicht dazu verpflichtet, es jedem gleich auf die Nase zu binden.

Ich habe gute und schlechte Erfahrungen mit dem Outing gemacht, habe Freunde verloren, Anerkennung bekommen, Mitleid und Unverständnis geerntet. Ich hab eine Weile gebraucht, um ein Feingefühl dafür zu entwickeln, wem ich es sagen kann und wem nicht.

Zuerst musste ich akzeptieren, daß HIV ein Teil von mir ist, aber kein Teil, der meine Persönlichkeit ausmacht. Auch, wenn es mich natürlich geprägt hat. Ich bin HIV positiv, ich trage gerne schwarze Socken und ich mag Sandwichtoast mit gesalzener Butter und Orangenmarmelade. Das alles sind Dinge, die ich nicht jedem sagen muss. Für schnellen Sex hab ich es immer selten gesagt, es gab zu viele Rückschläge, und ich vertraue in Kondome. Da lass ich mir auch keine Verantwortungslosigkeit nachsagen.

Was mich allerdings immer noch erschreckt und auch wütend macht, ist, daß man mir oft vorgeworfen hat, selbst Schuld an meiner Krankheit zu sein. Mag sein. Aber, meine Damen und Herren, für meinen Trieb muss ich mich nicht entschuldigen.

Autor: Jo3o

* * *

. . . ich denke mal das diese Frage immer ganz schwer zu beantworten ist. Ich habe es so gemacht das ich am anfang eine handvoll ganz enger Freunde eingeweiht habe, nachdem ich mein Testergebniss bekommen habe. Alleine schon damit ich Menschen hatte, mit denen ich darüber sprechen konnte. Allerdings war ich mir auch sehr sicher, das diese Menschen es verstehen und auch damit umgehen können. Der Schock bei ihnen war natürlich da, aber das hat sich recht schnell gelegt. Was Interessant war, das nach diesem „Outing“ so manch einer von ihnen auch mit sehr persönlichen Dingen wie Krankheiten offener umgegangen ist.

Iregndwann habe ich gemerkt, das ich persönlich keine Lust habe ein Versteckspiel zu betreiben. Ich habe es mit meiner Homosexualität nie gemacht und war nun auch nicht bereit es mit meiner Infektion zu machen. Wenn jemand mein Freund sein möchte, dann nimmt er mich so wie ich bin, inklusive eventueller Krankheiten oder Neigungen. Ich habe also angefangen die Menschen nach und nach einzuweihen. Erst die Familie und Ärzte, dann Freunde und später sogar die Freunde der Freunde. Mittlerweile erwische ich mich dabei das ich sogar vor Menschen die noch nicht bescheid wusste ganz ungeniert meine Medis nehme und auch über das Thema HIV als betroffener spreche wenn jemand dies gerade aufgeworfen hat.

Es ist einfach für mich persönlich einfacher die Infektion als Teil meines Lebens zu sehen, welcher zwar vorhanden ist, aber nur einen ganz kleinen Teil meines ganzen ICHS ausmacht. Ich habe eigentlich auch noch keine wirklich negative Reation diesbezüglich von meiner Umwelt erhalten. Ganz im gegenteil.. manchmal fällt bei Leuten die von der Infektion nichts wussten blöde Witze (“ was heißt AIDS ? = Ab In Den Sarg“) die nach der Information das ich Positiv bin, sich erstmal kleinlaut entschuldigen und über solche dinge und auch ihr eigenes verhalten ganz anders nachdenken.

Aber das ist natürlich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich. Darum kann man da auch keine allgemeinen ratschläge geben. Wenn man das Gefühl hat, das man Menschen um sich hat, denen man vertraut, die einen mögen und die mit einem durch dick und dünn gehen, dann bin ich der Meinung das sie auch trotz eines „Outings“ zu einem stehen werden. Mann muss ein Stückweit einfach seiner Menschenkentniss vertrauen, auch wenn man damit vieleicht mal auf die Nase fallen kann… aber man kann auch sehr viel „Normalität“ trotz der Infektion, in seinem Leben dadurch gewinnen.

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2 Antworten zu Doppelleben

  1. tom schreibt:

    Das es immer noch diese Diskriminierung gegen hiv positive gibt ist wirklich traurig.Mittlerweile müsste sich doch auch unter den nichtbetroffenen herumgesprochen haben,dass man mit der therapie nicht mehr ansteckend ist.Außerdem erreicht man zumindest in den Industrieländern mittlerweile eine normale Lebenserwartung.Wirklich traurig nach mittlerweile 25 jahren.Naja sicherlich liegt es hauptsächlich daran das sich ein nichtbetroffener-wie bei jeder anderen krankheit-halt nicht so damit beschäftigt.

  2. alivenkickn schreibt:

    Hallo Tom

    Es ist menschlich das man sich idr erst dann mit einer Krankheit auseinandersetzt wenn man damit konfrontiert wird.

    HIV berührt Themen wie Sterben und Tod das man aus unserem Alltag ausgeklammert hat und dem (aus)leben von Sexualität innerhalb einem gesellschaftlich vorgegebenen Rahmen bzw einem gesellschaftlichen normativen Verhaltenskodex der sehr stark von der Kirche geprägt ist. Diese Krankheit ist eine Art medizinisches Pulverfaß: hochexplosiv und Furchteinflösend. Sexualität leben, Leidenschaft, Lust begleitet von der Angst, der Möglichkeit das sich sein LebensPartnerIn, Freund, Freundin, EhemannFrau, den Menschen den man liebt mit einer nicht heilbaren Krankheit infizieren kann . . . ein unerträglicher im Grunde genommen nicht er-faßbarer Gedanke.

    Das tragische dabei ist das z.b. gesellschaftlichen Gruppen wie die Medien ihren Teil dazu beitragen, das diese Furcht nach fast 30 Jahre nach HIV in Deutschland am Leben gehalten wird.

    Aufklärung und Prävention, Lernprozesse haben nicht in dem Maß mit der Realität Schritt gehalten wie wir es uns vorgestellt haben. Nachsichtig sein und in den Bemühungen Stigma und Diskriminierung Einhalt zu gebieten nicht nachzulassen, das ist ein Spagat gegen den ein Tanz auf des Messers Schneide fast einem Wellnesswochende gleichkommt.

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