Abschied


Abschied ist ein Thema, wenn nicht „Das zentrale Thema“ das sich wie ein roter Faden durch das Leben eines jeden Menschen zieht.

Abschied „passiert“ nicht einfach so. Manchmal nehmen wir diesen Prozess gar nicht wahr, oft nehmen wir es einfach so hin und nur in bestimmten Situationen werden wir uns dessen bewusst. Meistens dann wenn mit Abschied ein schmerzliches Gefühl verbunden ist bzw. wird. Ein schmerzliches Gefühl weil man sich mit dem „Verlust“ eines lieben Menschen oder einer lieb gewonnenen Sache konfrontiert sieht. Ob es eine Sache oder einen Menschen betrifft, das was man liebt möchte man gerne behalten weil damit ein angenehmes, ein uns sich gut fühlen lassendes Gefühl verbunden ist bzw entsteht. Ob man Kind, Hindu, Schwul, Frau, Moslem, Hete, Russe, Christ, Afrikaner, Grüner, CDUler, oder Eskimo ist, spielt im Grunde genommen dabei keine Rolle. Das es in der Realität bzw. das wie wir Realität täglich definieren weil wir glauben zu wissen wie sie zu sein hat anders ist, ist leider eine Tatsache. Jeder Mensch möchte das es ihm gut geht und das er sich wohl fühlt. Und da es ein menschliches Bedürfnis ist sich wohl bzw. gut fühlen zu wollen ist es nur logisch und somit schmerzhaft wenn wir etwas was – jemand der uns dieses Gefühl vermittelt bzw. der Auslöser ist verlieren. Das will keiner von uns.

Ich will „Dich – das . . . “ nicht verlieren, ich will „Dich – das . . . “ behalten. Warum mußt du gehen – warum muß mir das passieren. Diese und andere ähnliche Fragen und Aussagen sind es idr dann die wir uns in solchen Momenten stellen bzw. zum Ausdruck bringen.

Mit Abschied ist immer ein Verlust verbunden – und gleichzeitig ein neuer Anfang. Heute morgen als ich zum Einkaufen mit dem Rad in die Stadt auf den Markt fuhr, war ich mir des Abschieds vom Sommer und dem Beginn des Herbst gewahr. Der Weg auf dem ich fuhr war bedeckt mit bunten, in allen Gelbtönen leuchtenden gefärbtem und vom Nebel feuchten Laub der Bäume. Man konnte die sprichwörtliche „Hand kaum vor den Augen sehen“ so dicht lag der Nebel über dem Radweg und der Stadt. Das Gefühl das sich bei mir einstellte, die Kälte des Morgens die ich an meinen Händen, die den Lenker umfaßten, spürte war noch erträglich, war ein angenehmes aber keines mit der Absicht es behalten zu wollen. So wie es war war es gut weil es richtig war.

Das gleiche gilt auch für Gefühle des Schmerzes. Auch sie sind gut weil sie in diesem Moment richtig sind. Womit wir uns sehr oft schwer tun – und was den Schmerz noch verstärkt ist das „Loslassen“. Das Loslassen von dem Konzept des „Besitz – des besitzen wollen“, von dem wir glauben das es so und nicht anders zu sein hat, das es so sein muß. Eben weil wir erfahren wenn ich dieses oder JeneN „besitze“ dann geht es mir gut – dann fühle ich mich gut.

Vor fast zwei Jahren ist Ilona gestorben. Mit ihrem Sterben fand auch ein Prozess des Abschied nehmen statt. Ilona war ein sehr spiritueller Mensch und war sich ihres Zustand sehr bewußt. Sie liebte das Leben und genoss jeden Tag so gut es ihre Krankheit zuließ. Obwohl wir nicht darüber sprachen waren wir uns beide dessen bewusst. In unseren Sichtweisen und unserm Verständnis waren wir uns sehr ähnlich. Der Tod und das Sterben ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Das eine kann ohne das andere nicht sein – auch wenn in der heutigen Zeit das Alt werden, das Sterben und der Tod gerne von der Gesellschaft auf ein Abstellgleis gestellt wird.

Und dennoch, der Verlust und der damit verbundene Schmerz den ich mit Ihrem Tod erfuhr hielt eine ganze Weile an. Vom Intellekt war und bin ich mir der Konzepte von Besitz, Verlust, Abschied und Loslassen sehr wohl bewusst. Doch bis dieses Bewusst-sein in mein Herz oder den „Bauch“ Einzug gehalten hat mit dem Ergebnis das damit kein Gefühl des Schmerz verbunden war, das hat eine Weile gedauert und mich in Erstaunen versetzt. Weniger was den Zeitraum betrifft als vielmehr das dieser Prozeß unabhängig von meinem „Wollen“ eben auf seine ihm eigene innewohnende Dynamik funktioniert.

Den gleichen Prozess habe ich auch erfahren als eine jahrelange Freundschaft zu Ende ging. Vom Kopf her konnte ich es nachvollziehen und verstehen warum diese Freundschaft nicht mehr funktionierte – warum sie ihr Ende fand. Doch erst heute – nach mehr als einem Jahr ist es mir möglich an diese Freundschaft, die über 10 Jahre bestand hatte, zu denken und tief durchzuatmen – ohne ein Gefühl der Trauer und des Schmerz.

Es ist wie es ist und so wie es ist, ist es gut.

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3 Antworten zu Abschied

  1. termabox schreibt:

    Habe Deinen Beitrag gerade gelesen und es brauchte einige Zeit, bis sich meine Gedanken jetzt zu einer Antwort formen. Ich merke, wie ich besonders sorgfältig formuliere. Ich erkenne die Intimität Deiner persönlichen Erfahrungen, die ich wertschätze und würdigen möchte.

    Ich kann nur etwas antgworten, wenn ich auch von mir spreche und von meinen Empfindungen, Erfahrungen und Erlebnissen.

    Verlust schmerzt. Ich glaube, das geht auch gar nicht anders. Trauer und Schmerz erlebe ich besonders über den verlust von Menschen und Orten, die mir persönlich nahe geworden sind, mit und in denen ich selber auch als Gast mit „zuhause“ war.

    Verluste beinhalten immer das „Ende“, das „vorbei und nie wieder“. Dann muss ich einwilligen, dass Dinge ausserhalb meiner Macht liegen, dass das Leben einfach so ist…

    Auch wenn es schmerzt, so ist es doch gut, dass es Menschen in unserem Leben gibt und gab, mit denen wir ganz einzigartige Begegnungen hatten, die eben nur mit ihm und ihr und mit keinem anderen Menschen sonst möglich waren.

    Je nach Tagesstimmung und Lebensstimmung kann ich mal in den Abschied einwilligen, ohne Trauer und Schmerz zu spüren – und dann gibt es einfach Lebenssituationen, wo genau DIESER Mensch mir schlicht und ergreifend unendlich fehlt. Ich mache die Erfahrung, dass dieses Abschiednehmen ein Prozess mit vielen vor’s und zurück’s ist und nie ganz zuende ist. Erst dann zuende ist, wenn auch ich sterben werde.

    Danke für Deinen Blog und der Anregung, selber innezuhalten, was meine Erfahrungen dazu sind.

  2. Ulysse schreibt:

    Es war vor Jahren auf dem Boulevard St. Germain in Paris, an einem sehr heissen Augustabend. In einem Austin, unterm offenen Dach, sass ein junger Mann. Hinter ihm Skier – mitten in der Stadt und bei dieser Sommerhitze! Die Bekanntschaft mit W. war gemacht. Und damit begann für lange Monate ein glückliches Hin- und Herreisen zwischen Paris und Wien. Und auch folgendes: er hatte sein Architekturstudium zu beenden – und war unschlüssig, ob er nicht doch Konzertpianist werden wollte wie seine Mutter, die es gerne gesehen hätte und ihm das dazu notwendige aussergewöhnliche Talente bescheinigte. Und nicht nur Sie.
    Ich war ständig aus Berufsgründen unterwegs, von einer Kunstmesse zur anderen. Doch wir schafften es von Zeit zu Zeit, uns mehrere Tage zusammenzustehlen, mit uns allein die, wenn es hier in Paris war, immer mit einem Abendessen im gleichen Restaurant, unserer „Kantine“ an der Seine endeten. Da, wo wir unseren ersten Abend verbracht hatten.
    Drei Tage nach seiner letzten Rückfahrt nach Wien meldete er sich – aus dem Krankenhaus: gefährliche Gelbsucht. Wieder drei Tage später war er tot.
    Es war das Erste mal für mich, dass die Gefühle für einen Menschen kein Echo mehr fanden und dieses „Anhäufung“ fast zum Ersticken führte.
    Irgendwann, langsam und unmerklich, wurde der Horizont nach und nach offener, man atmete langsam wieder wie ein normaler Mensch. Das Leben ging weiter. Seine Mutter hatte wesentlich dazu beigetragen.
    Eine Leere blieb trotzdem – ist heute noch nicht so gefüllt wie damals das Leben mit ihm.

    Herbst.
    Das Laub unter unseren Füssen verwandelt sich in Nahrung, damit das Frühjahr, wie in jedem Jahr, strahlend neu erblüht. Und es wird es tun! Wetten dass … Rendez-vous in einigen Wochen!

  3. alivenkickn schreibt:

    Danke für deinen Beitrag Ulysse.

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