. . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil 1 “In the Beginning”
Sehnsucht
Ich erinnere mich oder besser gesagt es gibt einige Episoden in meiner Kindheit/Jugend, Verena Kast bezeichnet es als Komplexepisoden, die meinem Leben ihren Stempel aufdrückten, die mich prägten.
Die wohl einschneidendste Episode in meinem Leben, unter der ich Jahrelang zu leiden hatte und die u.a. für meine jahrelange Drogenabhängigkeit mit dazu beigetragen haben dürfte, nahm ihren Anfang als ich im Alter von 11 Jahren in ein Internat gekommen bin.
Doch der Reihe nach.
1947/48 kamen meinen Eltern mit buchstäblich „Nichts“, als nur dem was sie am Leib getragen haben in den Westen. Die Jugend meiner Mutter fiel in die Zeit des 2. Weltkrieges, einer Zeit in der Mangel und Entbehrung in der Bevölkerung Programm war. Der Vater meines Vaters fiel in den letzten Tagen des 1. Weltkrieges. Seine Mutter heiratete danach in eine Bankiersfamilie ein. Unglücklicherweise wurde mein Vater von seinem Stiefvater nicht akzeptiert, sodaß er von seinen Großeltern, den Eltern seiner Mutter aufgezogen wurde, die nach Erzählungen, einfache Leute gewesen waren.
Ich wurde 1950 am 10. März in Rüsselsheim geboren. Meine Eltern lernten sich während des Krieges in Jena kennen. Nach dem Ende des Krieges hat mein Vater, da er nicht auf Grund seiner politischen und militärischen Laufbahn während des Krieges von der russischen Besatzungsmacht verhaftet werden wollte, zusammen mit meiner Mutter 1946 Jena verlassen um zu den Eltern meiner Mutter die zu dieser Zeit wieder im Odenwald lebten zu ziehen. 1948 haben meine Eltern geheiratet. Anfang 1950 hatte mein Vater eine Stellung als Ausbildungsleiter bei den Opel Werken in Rüsselsheim angetreten. Dort arbeitetet er bis 1954. Im gleichen Jahr bot man ihm eine Stelle als Ausbildungsleiter bei den Adlerwerken in Frankfurt/Main an.
1955 sind meine Eltern in einen Wohnblock einer Wohnungsbaugesellschaft nach Frankfurt umgezogen. Die 50 ger Jahre waren die Blütezeit des „Wirtschaftswunder“ in Deutschland. Neben seiner Tätigkeit als Ausbildungsleiter bei den Adlerwerken war mein Vater einige Jahre in der Prüfungskommission der IHK in Frankfurt sowie Berufsschulehrer für Auszubildende Metallhandwerker. Zu dieser Zeit bot sich ihm die Gelegenheit die Schriftleitung einer Zeitung zu übernehmen. Der wirtschaftliche Erfolg und damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg veranlaßten meine Eltern sich für den Bau eines Haus, eines eigenen Heimes zu entscheiden.
Das Erlangen von Eigentum und Besitz und das damit verbundene Gefühl/Bedürfnis von Sicherheit war eine starke Triebfeder für meine Mutter. Mangel und Entbehrungen die sie in ihrer Jugend im 2 Weltkrieg am eigenen Leib erfahren hatte, haben sie sehr stark geprägt. Eine Episode die mich heute noch lächeln läßt, ist das mein Vater so erzählte mir meine Mutter nach seinem Tod, nicht mit Geld umgehen konnte. Eine Eigenschaft die ich u.a. von ihm mit auf meinen Weg bekommen habe. Mehr wie einmal hielt er mir vor das ich nicht in der Lage sei mit Geld auszukommen, und er sich deshalb frage „wie das mal enden solle“. Er verdiente schon immer sehr gut, doch haushalten war nicht seine Stärke. Aus diesem Grund „verwaltete“ meine Mutter die Finanzen in unserer Familie. Sie war der Finanzminister wie mein Vater des öfteren bemerkte. Von ihr kam auch der Wunsch nach Eigentum, nach einem eigenen Haus.
Während die meisten Bewohner in dem Wohnblock den wachsenden Wohlstand in vollen Zügen genossen haben, lebten meine Eltern sehr sparsam. Was das Konsumverhalten in der Bevölkerung der damaligen Zeit ausgelöst durch das „Wirtschaftswunder“ betraf, so war der Alltag meiner Eltern von Ausnahmen wie Weihnachten, Ostern und den Geburtstagen abgesehen von Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit geprägt. Ich erinnere mich an unsere damaligen Nachbarn Herr und Frau Münk, ein kinderloses Ehepaar, die beide arbeiteten und die im gleichen Stock wie meine Eltern wohnten. Familie Münk gehörte zu den ersten Bewohnern im Haus die im Besitz eines Fernsehgerätes waren. Während einer der üblichen nachbarlichen Einladungen zum allabendlichen Fernseh schauen, erinnere ich mich wie ich in der Küche von Frau Münk stand und ihr staunend beim Schnitzel braten zuschaute. „ Bei uns gibt es immer nur Hackfleisch“ sagte ich. Diese Episode wurde Jahre später immer wieder mal erzählt wenn wir darauf zu sprechen kamen wie sich meine Eltern ihr Haus buchstäblich „vom Mund abgespart“ hatten. Zu diesem Zeitpunkt war ich 8 oder 9 Jahre alt.
Ein weiterer Aspekt der seine Spuren hinterlassen hatte, waren die Beziehungen die ich zu meinen damaligen Klassenkameraden hatte. Eine der Maxime meines Vaters war es gewesen, das man sich immer an die Menschen halten sollte die es zu etwas in ihrem Leben „gebracht“ haben. Diese sollte man sich zum Ansporn und als Vorbild für das eigene Leben nehmen. In der Klasse in der Volksschule in der ich damals war, gab es einige Schüler deren Eltern schon damals vermögend waren, die es in ihrem Leben „zu etwas gebracht haben“. Das waren die Schüler an die ich mich halten sollte. Was mir damals natürlich nicht bewusst war und ich denke mal meinen Eltern auch nicht war deren gesellschaftlicher Status und die sich daraus ergebende Distanz die zwischen den Eltern meiner Mitschüler und meinen Eltern herrschte. So lebten einige schon seit Jahren in einem der besten Wohnviertel in Frankfurt, Ein eigenes Haus, Eigentum war für sie etwas normales. Selbst der Krieg hatte daran nichts geändert. Der Lebensstandard der Eltern spiegelte sich natürlich auch im Leben der Kinder wieder. Von der Kleidung, dem Lebenstil, bis hin zu den Spielsachen sind ihre Kindern mit dem aufgewachsen das ich nur aus Zeitungsbeilagen oder aus den Auslagen der Schaufenster der Kaufhäuser auf der Zeil kannte. Die Spielsachen mit denen sie spielten, wollte ich natürlich auch gerne besitzen – haben.
Als Kind ist man nicht in der Lage zu erkennen bzw wahrzunehmen das man sich nicht über Besitz definiert. Was ich wahrgenommen habe, waren die Dinge die ich nicht hatte und war der Spaß, das Wohlfühlen der mit dem Besitz solcher Spielsachen einherging. Da ich nichts dergleichen besaß, wurde mir hier unbewußt eine Grenze aufgezeigt. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl das das ich „anders“ war. Meine Klassenkameraden aus diesem Kreis zu denen ich unbedingt gehören wollte, ließen es mich spüren das ich nicht zu ihnen gehörte. Ich fühlte mich als Person abgelehnt und ausgegrenzt. Was ich erfahren bzw gespürt habe war ein Mangel, war das mir etwas fehlte. etwas das mein „wohlfühlen“ bedingte wenn ich es besaß. Über den Zusammenhang zwischen materiellem Besitz – Nicht Besitz und Zuneigung bzw Ablehnung und den damit einhergehenden positiven wie auch negativen Gefühlen war ich mir natürlich nicht bewußt.
Dieser Mangel an Wohlgefühl, dieses nicht Teil haben an dem was Andere hatten, das Gefühl des ausgeschlossen seins und das ich mich abgelehnt fühlte, dieses Gefühl sollte mir noch des öfteren begegnen. Dieses Gefühl anders zu sein, das Gefühl das es mir an etwas mangelte hatte ich auch an jenem Tag als wir von unseren Nachbarn zum gemeinsamen Fernsehen eingeladen worden sind und ich staunend in der Küche Frau Münk beim Schnitzel braten zuschaute. Das was ich mit diesen Schnitzel fast physisch spürte war auch hier wieder das es mir an Wohlgefühl das ein Schnitzel transportierte bzw auslöste mangelte, dieses Gefühl das andere hatten – nur ich nicht.
Was mein „Anders sein“ noch verstärkte bzw mich darin bestätigte das ich anders bin, war meine damalige körperliche Konstitution. Zu diesem Zeitpunkt litt ich für mein Alter an Untergewicht. Deutschland im Express Aufzug des Wirtschaftswunder und ich hatte Untergewicht. Das sich meine Eltern dafür die Schuld gaben, das sie glaubten etwas falsch gemacht zu haben lag auf der Hand. Gutes Zureden half nichts. Also lief meine Mutter mit mir von einem Kinderarzt zum Nächsten um etwas an meinem Zustand zu ändern. Von literlöffelweisem Lebertran schlucken, bis hin zu übervollen Tellern unter Androhung von Strafe wenn ich nicht alles aufessen würde, es wurde nichts ausgelassen was eine Möglichkeit der Gewichtszunahme in Aussicht stellte.
Auf Grund meiner körperlichen Konstitution wurde ich erst an Ostern 1957 eingeschult. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern das ich an dem Tag im April 1956 meinen gleichaltrigen Freunden die auf ihrem Weg in die Schule waren nachschaute und weinend zu meiner Mutter sagte, das ich auch in die Schule will. Sie tröstete mich damit das ich nächstes Jahr in die Schule gehen werde und ich dann auch so eine Schultüte haben werde. Der Grund meiner Tränen lag nicht nur in der Tatsache das ich 1956 was den Schulbeginn betraf ein Jahr zurückgestellt wurde, sondern auch darin das ich die damals übliche mit Süßigkeiten gefüllte Schultüte unbedingt haben wollte.
Dieses Begehren, etwas „Haben zu wollen“ weil es alle haben, da ich wahrgenommen habe das es Anderen damit gut geht und ich somit des Glaubens war, das wenn ich es habe es auch mir gut gehen würde, dieses Bedürfnis trage ich letztendlich bis heute mit mir herum. Ob es sich um das Nehmen von Drogen handelte, das ich jahrelang praktiziert hatte, oder ob es sich im Kaufen von DVD´s, CD`s manifestierte, das Gefühl das mir etwas fehlt, das Gefühl des Mangels und das sich dieses Gefühl durch den Erwerb von Dingen auflösen würde, diesen Glauben trage ich schon sehr lange mit mir herum.
In den Jahren 1959/61 haben meine Eltern ihren Traum verwirklicht und ein Haus gebaut. Auf Grund der Tatsache das sie nicht über sehr viel Geld verfügten und weil sie handwerklich sehr begabt waren, haben sie viel in Eigenleistung zu der Fertigstellung ihres Hauses beigetragen. Mein Vater arbeitete damals als Ausbildungsleiter bei den Adlerwerken in Frankfurt/Main. Meine Mutter arbeitete bis zum Beginn des Hausbaus halbtags in einem Büro während ich in dieser Zeit die letzte, die 4. Klasse der Volksschule besuchte. Meine Noten waren damals recht gut und mein damaliger Klassenlehrer Herr Seidlitz war der Meinung das ich auf Grund meiner Fähigkeiten ein Gymnasium besuchen sollte.
Das Ereignis das seine stärksten Spuren hinterlassen hat und mein späteres Leben nachhaltig beeinflußte nahm 1961/62 seinen Anfang.
Dem Rat meines Volksschullehrers folgend besuchte ich ab 1961 das neusprachliche Goethe Gymnasium in Frankfurt/Main, eine Schule die damals einen guten Ruf hatte. Zu jener Zeit war der Bau des Hauses in vollem Gang gewesen. Nachdem ich morgens zur Schule gegangen bin hat sich meine Mutter auf den Weg gemacht um alle Behördengänge die im Vorfeld das Bau eines Hauses notwendig sind zu erledigen. IdR fallen diese Aufgaben in den Verantwortungsbereich des jeweiligen Architekten der das Haus entworfen hat und für den Bau verantwortlich ist. Doch da der Architekt ein guter Freund meines Vaters war und dieser den Aspekt der Eigenleistung aus Gründen der Kostenersparnis nachvollziehen konnte, nahm sich meine Mutter dieser Aufgaben an. Da die Behörden damals wie heute nur bis 12 Uhr für das Publikum zu erreichen waren, konnte sie in der Zeit in der ich die Schulbank drückte alle notwendigen Aufgaben erledigen. Wenn ich Mittags nach Hause kam war meine Mutter ebenfalls wieder zu Hause und kam ihren „hausfraulichen Pflichten“ nach.
Dies änderte sich jedoch von dem Moment an wo mit dem Bau des Hauses begonnen wurde. Da die Arbeiten beim Bau des Hauses nicht in dem Maß voran gingen wie es sich meine Eltern vorstellten, geschah es immer häufiger das meine Mutter auf der Baustelle war um die Arbeiter zu beaufsichtigen bzw dafür zu sorgen das der Hausbau zügig von statten ging. Während der ersten Monate auf dem Gymnasium war alles soweit in Ordnung, sodas meine Eltern das Gefühl hatten wenn ich nach der Schule nach Hause kam mich für eine Weile alleine lassen zu können. Sie hielten mich für erwachsen genug das ich mir des berühmten „Ernst des Lebens“ der mit dem Besuch eines Gymnasiums beginnt und damals wie heute noch verbunden wird, bewußt sei und ich alleine und unbeaufsichtigt meinen Pflichten die Hausaufgaben zu erledigen nachkommen würde. Doch weit gefehlt.
Mit der Zeit entwickelte ich ein Gespür dafür das meine Mutter wenn sie von der Baustelle nach Hause kam erschöpft war weil sie oft beim Bau mit Hand anlegte. Von dem Moment an wo die Schule zu Ende und ich zu Hause war gab es für mich nur eines: Schultasche in die Ecke und ab in den Hof mit den anderen Kindern des Wohnblocks spielen. Kam meine Mutter dann nach Hause so war ich entweder in der Wohnung oder ich gab vor die Hausaufgaben schon erledigt zu haben. Fast alle Kinder die in diesem Wohnblock lebten gehörten einer sozialen Schicht an, zu denen zwar auch meine Eltern gehörten die aber alles unternahmen um Teil einer höhere Schicht, der Mittelschicht zu werden bzw dieser anzugehören. Bis auf unsere Nachbarn der Familie Münk hatten meine Eltern zu den übrigen Bewohnern in dem Wohnblock keinen Kontakt. Und wir – meinen Eltern und ich – waren in den Augen der übrigen Mieter „etwas besseres“. Die einen, die Menschen – die Schicht die etwas in ihrem Leben erreicht hatten und die man sich als Vorbild nehmen sollte – ließen es mich immer wieder spüren das ich nicht „zu Ihnen“ gehörte, die Anderen, die Schicht denen meine Eltern und ich angehörten, deren Kinder gingen auf Distanz zu mir weil sie, bzw deren Eltern uns unterstellten „ das wir uns für etwas besseres hielten“. In diesem Spannungsfeld wuchs ich auf. Für mich waren es aber genau die Kinder mit denen ich spielen wollte, zu denen ich mich dazugehörig fühlte. Sie durften länger aufbleiben als ich, sie spielten und tollten auf der Strasse herum während ich lernen mußte.
Im Januar 1962 holte mich der Ernst des Lebens“ ein. Ein blauer Brief des Gymnasiums an meine Eltern der besagte das meine Versetzung in die nächste Klasse gefährdet sei, setzte meinem Treiben ein jähes Ende. Merkwürdigerweise wurde diese Mitteilung von meinen Eltern recht ruhig aufgenommen. Die Atmosphäre die in unserer Familie herrschte so kommt es mir heute vor, war eher von Sorge um mich als von Vorwürfen geprägt. Was es damit auf sich hatte wurde mir dann Mitte Januar eröffnet. Der Bau des Hauses stand kurz vor der Vollendung. Einerseits sahen sich meine Eltern mit der Notwendigkeit konfrontiert fast täglich auf der Baustelle sein zu müssen insbesondere deshalb weil es einige Probleme gab die ihre finanzielle Planung über den Haufen werfen würde, falls sie die Lösung der auftretenden Problem einer Firma übertragen, andererseits konnten sie mich auch nicht unbeaufsichtigt lassen, da ich sonst eine Klasse wiederholen müßte. So trafen sie die Entscheidung das es zu meinem Besten sei wenn ich auf ein Internat gehen würde.
Nachdem sie mir erklärten was ein Internat ist geriet meine Welt aus den Fugen. Die Erklärung meiner Eltern das sie sich für diese Maßnahme nur deshalb entschieden hatten weil sie mich liebten und sich um mich und meine Zukunft sorgen machten war für mich nicht nachvollziehbar.
Zwischenspiel - Trigger – Auslöser Funktion
Hätte man mir vor einem Jahr geweissagt das ich meinem ehemaligen Lateinlehrer der Quarta/Untertertia der Jahre 1963/64 Kontakt aufnehmen würde, so hätte dies eher einen erstaunten Ausdruck auf meinem Gesicht hervorgerufen als ein verständnisvolles Nicken. Doch das Leben hat mitunter seine eigenen Pläne und läßt einem Wege einschlagen die einzuschlagen weniger vom Wollen als von einer inneren Notwendigkeit, vom Müssen geprägt sind. Und so wie es sich heute darstellt als stimmig herausstellt.
Ausschlaggebend war eine Sendung im Bayrischen Fersehen “Domspatzen” die in der Zeit um den 20. Dezember 2009 Jahres gesendet wurde. http://www.arte.tv/de/woche/244,broadcastingNum=925741,day=1,week=2,year=2009.html
Was mich in diesem Film – dieser Dokumentation besonders bewegt hat war “Marco, der wegen seines Heimwehs in Tränen ausbricht und mehrmals ans Aufhören denkt”.
Marco erinnerte mich an die ersten Wochen meines Aufenthaltes im Internat im Februar 1962 an mich, an das Heimweh, dem Schmerz dem ich damals ausgeliefert war.
In den ersten Wochen meines Aufenthaltes im Internat, so die Maxime damals, hielt man es für angebracht das Schüler die neu im Internat waren die ersten Wochenenden noch nicht nach Hause fahren sollten. Dies geschah nach damaligem Erkenntnisstand aus pädagogischen Gründen. Zum einen damit man sich in die Gemeinschaft – an den Internatsalltag schneller eingewöhnen sollte, zum anderen wurde dadurch auch ein Abnabelungsprozeß von den Eltern eingeleitet dem sich jeder Mensch irgendwann einmal zu stellen hat bzw stellen sollte.
Diese ersten Wochenenden an denen ich nicht nach Hause fahren durfte, waren für mich die schlimmste Zeit gewesen. Das Heimweh das mich befallen hatte war so stark, das mich die Leiterin des Internats das ein oder andere Mal Samstags abends in der damaligen Wohnung, die sich zu dieser Zeit im 1. oder 2. Stock über dem Lehrerzimmer befand einlud, um gemeinsam am Abend Fernsehen zu schauen. Einige Samstagsabends Fernsehshows wie “Bonsoir Kathrin mit Katharine Valente und Silvio Francesco” und “Hotel Vittoria mit Vico Torriani”, sind mir aus dieser Zeit, diesen Abenden bis heute in Erinnerung gebleben wie auch die Tafel Schokolade die mir die Leiterin bei solchen Gelegenheiten zukommen ließ. Damals konnte ich dieses Verhalten nicht einordnen. Heute so bin ich mir dessen gewahr war dies ein Ausdruck des Mitgefühls für das ich auf diesem Wege meinen Dank zum Ausdruck bringen möchte. Eine Qualität die man heute selten findet .
Mit den “Heimfahrten an den Wochenenden” hat das Heimweh dann in seiner Intensität auch nachgelassen. Da ich zu dieser Zeit Sonntag abends immer mit dem Zug von Frankfurt nach Echzell zurückfuhr, bat mich der damalige Sohn des Leiters, mein Lateinlehrer ihm und wieder zwei Zeitschriften mitzubringen. Eine davon war “Salus les Copain”. Auch dies war, so interpretiere ich jetzt einmal, neben “normalen sozialem Verhalten” in der Anfangszeit auch ein Ausdruck vom Zusammengehörigkeit zu der “Internats – Familie” so wie es Heute in den Leitlinien auch zum Ausdruck gebracht wird.
Einer der Gründe warum ich heute Kontakt aufgenommen habe, nun mit der Selbsteinschätzung bzw. Eigenwahrnehmung ist das ja so eine Sache. Nicht selten stellt man erstaunt fest das zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung Welten liegen können, zumindest jedoch kleine Gräben vorhanden sind. Zudem mit zunehmendem Alter verblast nicht nur die Erinnerung sondern vieles was in der Vergangenheit liegt präsentiert sich Heute in einem verklärten Licht.
* * *
Alles was ich verstanden habe war das mich meine Eltern nicht mehr haben wollten. Wie können sie sagen „das sie mich lieben und mich gleichzeitig weggeben“? Wenn man sein Kind liebt dann gibt man es nicht weg. Dieser Widerspruch war für mich zu dem damaligen Zeitpunkt unauflösbar.
Zwar hat die Intensität meines Heimwehs mit den “Heimfahrten an den Wochenenden” mit der Zeit nachgelassen, doch was geblieben ist war das verstärkte Gefühl abgelehnt zu werden. war das Gefühl nicht geliebt zu sein. Als Reaktion hat sich bei mir ein Mechanismus entwickelt den ich als „Bestrafungsmechanismus“ bezeichne. Mit dem Aufenthalt im Internat haben meine Eltern Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Zum einen die Hoffnung das ich das Abitur machen werde was nach dem Verständnis meiner Eltern mir die Möglichkeit zu einem besseren und vor allen Dingen leichteren Leben ermöglichen würde. Zum anderen das ich die in mich gesetzten Erwartungen – gute Noten und einen guten Abschluß gerecht werden würde zumal mein Aufenthalt im Internat für meine Eltern sich als ein finanzielles Opfer das ihnen in ihrer damaligen Situation schwergefallen ist darstellte.
Doch meine Reaktionen fielen anders aus als erwartet. Wenn man jemand oder etwas nicht mehr liebt dann trennt man sich von ihm, gibt man es weg. Da meine Eltern, wie ich es empfand, mich weggegeben haben liebten sie mich nicht mehr. Dafür das sie mich weggegeben haben bestrafte ich sie indem ich mich dem Lernen verweigerte und die in mich gesetzten Erwartungen, Leistungen nicht erfüllte.. Konkret bedeutete das, das ich in den Klassenarbeiten schlechte Noten geschrieben habe und über das Jahr nur das notwendigste gelernt habe. Regelmäßig stand auf den Zwischenzeugnissen der Vermerk das meine Versetzung in die nächste Klasse gefährdet sei. 3 Monate vor der Versetzung in die nächste Klasse fing ich an zu lernen, schrieb gute Noten mit dem Ergebnis das ich versetzt wurde. Dies brachte meinen Vater jedes mal völlig aus der Fassung. „Wenn du dumm wärst,“ so sagte er dann könne er es verstehen und nachvollziehen. „Aber Du bist nicht dumm, Du bist nur stinkfaul“.
Im Jahr 1966, dem letzten Jahr meines Aufenthaltes im Internat halfen meine Anstrengungen vor der Versetzung in die 11. Klasse auch nichts mehr. Die Klasse zu wiederholen war u.a. aus finanziellen Gründen keine Option für meine Eltern. Der einzige Weg der meinem Vater und mir offen blieb um versetzt zu werden und das Gesicht zu wahren war der das ich das Internat verlassen mußte.
Die Frage mit der ich mich jetzt konfrontiert sah, war die Frage nach einem Beruf. Im Laufe eines Gesprächs das ich mit meinem Vater führte kam dieses Thema zur Sprache. Auf seine Frage ob ich mir schon Gedanken darüber gemacht habe welchen Beruf ich erlernen möchte, antwortete ich ihm, das ich gerne einen Beruf ergreifen würde wo ich meine Gefühle zum Ausdruck bringen könnte. Das war natürlich Wasser auf seine Mühlen. „ Gefühle zum Ausdruck bringen“. „Wenn ich so ein Gefasel schon höre“. Hier, sagte er und faßte einen Stuhl, einen Tisch an. „Das ist etwas Reales, etwas greifbares. Von Gefühlen kann sich kein Mensch ernähren“.
Die Spannungen zwischen meinen Eltern, meinem Vater und mir die mit dem Besuch des Internats ihren Anfang nahmen, haben im Laufe der nächsten Jahre noch zugenommen. Sie wurden so stark, das ich 1971 in einer Nacht und Nebelaktion meinem Eltenhaus den Rücken kehrte und über einen Zeitraum von 15 Jahren keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern hatte. Erst Mitte 1990 wurde es uns wieder möglich aufeinander zu zu gehen.
Ohne zu bewerten was damals geschah, ohne meine Eltern zu verurteilen, weder emotional noch gefühlsmäßig zu reagieren, das was geschehen ohne inneren Groll mit Distanz wahrzunehmen, es war ein langer Weg bis ich in der Lage war mich diesen Episoden in meinem Leben zu stellen.
Da wir Verletzungen und Schmerzen idr als etwas „Unangenehmes“ als etwas das wir nicht „haben wollen“ bewerten bzw interpretieren, bemühen wir uns das wir in der Zukunft ähnliche Situationen vermeiden. Zudem entwickeln wir Mechanismen die verhindern das wir Situationen die zu Verletzungen führten nicht reflektieren. Wir verdrängen, verschließen uns oftmals dieser Reflektion und hoffen, das wir „Verletzungen per se“ nicht mehr erfahren werden, wundern uns aber wenn wir feststellen das wir uns schon wieder in einer ähnlichen Situation befinden wie damals. Bildlich gesprochen haben wir frühere Situationen i.e. den Weg der zu einer Verletzung führte und der Verletzung selbst begraben. Wenn man zudem noch in eine Abhängigkeit gerät so errichtet man über die „begrabene Episode der Verletzung“ zusätzlich einen Berg. Diesen zusätzlichen Berg abzutragen um die begrabene Episode freizulegen um sich dieser Episode bewußt zu stellen, dazu bedarf es der Arbeit, Klarheit, Bereitschaft, Mut und Zeit. Die Erlebnisse und Erfahrungen die wir in unserer Kindheit und Jugend erlebt haben, haben uns geprägt und uns zu denjenigen gemacht die wir heute sind. Wenn wir nicht immer wieder die gleichen Fehler machen wollen dann müssen wir lernen uns, unsere Verhalten zu ändern. Wir können nicht erwarten immer wieder die gleichen Erfahrungen zu machen und andere Ergebnsisse erwarten.
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. . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil 2
Diagnose: Positiv
Im Dezember 1985 als mir ein Arzt “Sie sind Hiv positiv” ohne weitere Erklärung an den Kopf warf wußte ich erst mal gar nichts damit anzufangen. Erst als mir eine Ärztin 3 Wochen später erklärte was HIV + bedeutet gings mir ähnlich wie den Meisten. Ich durchlebte eine emotionale Achterbahnfahrt.
Die folgenden 5 Tage waren die schmerzvollsten und – im nachhinein betrachtet – die fruchtbarsten Tage in meinem Leben. Für mich stand fest, das ich sterben würde; „Spätestens in drei Jahren bin ich tot“. 1986 wußte man noch nicht viel über HIV und AIDS und außer AZT gab es keine Medikamente. Ein sehr großer Teil der mit dem HIVirus Infizierten Positiven starben innerhalb von 3 Jahren. In diesen 5 Tagen wurde ich mir meiner Sterblichkeit, meiner Endlichkeit bewußt.Tja und hier sitz ich nun vorm PeCe und lebe dank einer greifenden 3 er Kombi immer noch. Das ich mal 59 Jahre alt werden könnte – würde das hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu träumen gewagt.
HIV – Positiv
Gestern noch
war diese Krankheit
nicht mehr
als eine Schlagzeile für mich.
Für mich galt
bis zu diesem Moment:
Mir kann sowas nicht passieren.
Nach dem ersten Schrecken
überlegte ich mir
was ich tun muß.
Soviel weiß ich:
Angst und Unwissenheit
sind meine schlimmsten Feinde.
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* * *
Der Schläfer ist erwacht
Dienstag, 3. September 1996
Der erste Schultag – wie sich das anhört. Mit dem heutigen Tag fängt die Ausbildung zum Erzieher an. 3 Jahre wird sie dauern – 2 Jahre Schule, 1 Jahr Berufspraktikum. Ob es der Traumjob ist, wird sich im Laufe der Zeit noch rausstellen. Auf alle Fälle ist es das, was ich mir schon lange gewünscht habe. Mit Kinder und für Kinder da zu sein.
Mittwoch, 18. September 1996
Bin krank, fühle mich Hundeelend und komme kaum aus dem Bett raus. Werde morgen zum Arzt gehen.
Donnerstag, 19. September 1996
Dunkles Zimmer, Joghurt, Trinken und Schlafen – das ist alles was ich will. Habe die AHD angerufen und sie gebeten, mir meinen Hausarzt vorbeizuschicken. Wenn ich ihn anrufe, dann glaubt er es nicht, das es mir so mies geht, das ich nicht in die Praxis kommen kann. Rückruf vom Doc am Nachmittag, das er am Freitag vorbeikommt.
Freitag, 20 September 1996
Habe 5 mal in der Nacht die T-Shirts gewechselt. Waren durch und durch naß geschwitzt. Am Nachmittag kam der Arzt. Nach einer oberflächlichen Untersuchung – er hatte sich angehört wie ich mich fühle – diagnostizierte er eine Grippe. „Am Montag bist Du wieder fit und kannst rumlaufen wie ein junger Gott“.
Samstag 21. September 1996
Am morgen Fieber gemessen – 39,5. Dann alle 2 – 3 Stunden. Zwischendurch war ich irgendwie völlig weggewesen. Irgendwann abends habe ich den ärztlichen Notdienst angerufen. Spät abends kam ein Arzt, untersuchte mich und stellte eine Lungenentzündung fest. Er hat mir ein Antibiotika verschrieben. „Wenn es am Montag nicht besser geworden ist, dann müssen sie ins Krankenhaus“.
Sonntag, 22. September 1996
Zwischen 39,5 und 40 Fieber. Schlafen und trinken, Ruhe und keine Alpträume in der Nacht, das ist alles was ich möchte.
Montag 23. September 1996.
Bin mit dem Taxi ins Alice Eleonore Hospital gefahren. Als mich mein Hausarzt gesehen hat, hat er mich sofort auf seine Station geschickt. Die Röntgenaufnahme der Lunge ergab eine 40 % Lungenentzündung – beidseitig. Nach 1 ½ Stunden lag ich im Bett, 1 Stunde später hing ich am Tropf.
Am folgenden Tag war Dr. X, der Arzt, der mich Freitags zu Hause besuchte und eine leichte Grippe diagnostizierte bei der Visite dabei. Er hat kein Wort gesagt. War auch besser so. Wir haben uns nur angesehen und wußten beide, was er für einen Bock geschossen hatte.
Die nächsten Tage sind irgendwie unbemerkt an mir vorbeigegangen. Antibiotika, Electrolyt und Intraglobulininfusionen während der nächsten 8 Tage.
Dienstag, 1. Oktober 1996
Die Infusionen werden abgesetzt. Ich bin so schwach, das ich es gerade mal auf die Toilette schaffe. Ne Flasche Wasser zu tragen ist so wie als wenn ich nen Tag Kohlesäcke geschleppt hätte. Ich hätte nie gedacht, das man so schwach sein kann. Bei einer der folgenden Röntgenaufnahmen sagte mir mein behandelnder Arzt, das es höchste Zeit gewesen sei, als ich ins Krankenhaus kam. Er sagte mir, das er sich auch ganz schön mies fühlt, das sein Kollege so vorbeidiagnostiziert hatte.
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Vor einigen Tagen wurde ich durch einen Freund auf einen Artikel -aufmerksam gemacht der in vieler Hinsicht außergwöhnlich ist. Zum einen was die journalistische Herangehensweise betrifft, sachlich, objektiv und in keinster Weise tendenziös, zum andern was den Inhalt des Artikels betrifft. Ein außergewöhnlicher Artikel über einen außergewöhnlichen Menschen.
Was mich erstaunte und zugleich erfreute war die Tatsache das da noch jemand ist der sich HIV von einer ganz anderen Seite annähert, betrachtet und das er seine Gedanken in die Öffentlichkeit getragen hat, sie mit ihr teilt. 1998, dem ersten Jahr meiner HIV Therapie war für mich das Jahr in dem ich mich mit HIV auf einer anderen Ebene auseinandersetzte. Der Artikel über/von Thomas aus Bremen hat mir Mut gemacht und mich bestärkt, meine Gedanken die ich damals zu Papier brachte in meinen Blog einzustellen.
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. . . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil 3
Den Virus in Liebe umarmen
Samstag 10.10.1998
Thema, immer wieder mal, ist der Virus. Der Virus will leben. Zu leben für ihn heißt, seiner Art entsprechend sich zu ernähren und sich zu vermehren. Seine Lebensgrundlage ist mein Körper. Um zu existieren benötigt er mein Immunsystem. Es ist die Grundlage, Nahrung für ihn, die es ihm ermöglichen, sich am Leben zu halten. Für mich hat es den Effekt, das er mich als Nahrung verwendet und ich dabei langsam aufgezehrt werde. Mit dem Ergebnis, das wenn ich aufgezehrt bin, er keine Nahrung mehr hat um zu leben. Leben wollen und die Art und Weise auf welche Weise der Virus dies umsetzt, heißt am Ende sterben. Ich als Nahrungsquelle und er als Lebensform. Das heißt also, das beide auf lange Sicht nicht weit kommen. Wir beide wollen leben und nicht sterben. Und schon gar nicht das einer auf Kosten des anderen lebt.
Wie kann der Virus also weiterleben ohne mich aufzuzehren, ohne mich als Nahrung zu sich zu nehmen?
Tabletten! Nun sie verhindern, bzw. erschweren es ihm zur Zeit ganz erheblich, das er die Nahrung bekommt, die er zum weiter leben, zu seiner Vermehrung benötigt. Indem ich durch die Einnahme von Tabletten seine Existenz bedrohe, ihn am Leben behindere, erhalte ich die Chance zum weiterleben. Ihn bedrohen, ihn angreifen, seine Vermehrung zu verhindern oder zumindest erheblich einzuschränken, ist die Grundlage für mein weiter leben. Doch irgendwie habe ich dabei ein ganz merkwürdigen Geschmack in mir. Wie kann der Tod eines anderen Wesen die Grundlage für mein Leben sein? Das ist nicht stimmig.
Was ist die richtige Einstellung? Was könnte eine Lösung sein?
Den Virus in Liebe umarmen. Dies ist ein Satz der mir in den Sinn gekommen ist. Ich kann seine Bedeutung nicht erklären, fühle aber, das es eine Möglichkeit für beide ist.
Die andere Seite ist die: Wenn wir beide Tod sind, heißt das, das kein Leben mehr existiert? Was läßt mich annehmen, das Leben nur in Form eines Körpers existiert? Ist Leben an eine Form – einen Körper gebunden? Leben ist geprägt von Veränderung. Veränderung heißt Wandel, Wechsel. Ein Keim wird zu einem Stamm. Aus ihm entstehen Knospen die sich in Blätter und Blüten verwandeln. Aus den Blüten werden Früchte, die wir zu uns nehmen. Diese Nahrung sättigt uns. Sie gibt dem Körper entsprechende Stoffe die er benötigt. Was er nicht benötigt scheidet er aus. Es findet also permanent ein Wandeln statt, eine Veränderung statt. Und jede Form hat ihre Aufgabe zu erfüllen. Ob im festen, im stofflichen, im flüssigen oder im nicht stofflichen Bereich. Alle beinhalten sie Leben. Die eine Form, die Blüte, den Apfel, den Saft, sehen wir. Wir können ihm schmecken, riechen, fassen. Die andere Form Energie, Kraft die wir durch ihn bekommen, können wir nicht sehen, riechen oder schmecken, aber wir spüren sie. Insbesondere nach einer langen Krankheit merken wir, spüren wir wie uns Essen kräftigt.
Ich glaube das nach dem Verlassen des Körpers, dem Ablegen des Körpers so wie man abends wenn man ins Bett geht, seine Kleidung ablegt, das Leben auf einer anderen Eben weitergeht. Für mich, für den Virus, für jede Lebensform, für jedes Wesen. Wenn Leben von Veränderung geprägt ist, dann heißt das, das Leben in verschiedenen Formen, auf verschieden Ebenen stattfindet.
Der Virus und ich wir haben uns aus welchen Gründen auch immer getroffen und gehen zusammen durch dieses Leben. Wir sind aneinander gebunden. Anscheinend ist das unsere Bestimmung. Es macht mir keine Angst, die Dinge so zu sehen. Was mir Angst macht, sind Schmerzen. Und ich hoffe das ich keine, oder so wenige wie möglich haben möge. Egal ob Virus bedingt oder nicht. Aber wie heißt es doch so schön: Durch Schmerzen wird man geboren. Ohne Schmerz kein neues Leben. Schmerzen heißt in diesem Sinn Altes ablegen. Na ja. Ich hätt’s gern etwas schmerzloser, but than on the other hand I might not.
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. . . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil 4
. . . und noch ne Geschichte über die Unglaubwürdigkeit des Geistes
Donnerstag 15.10.1998
Bis vor einem Jahr lag die Nachweisgrenze mittels einer technischen Meßmethode – PCR – für den HIV – Virus bei 500 Kopien pro ml Blut. Das heißt, wenn mir der Arzt bei nem Termin damals gesagt hat, das kein Virus mehr in meinem Blut festzustellen sei, ich mich echt gefreut habe. Ah, geil. Kein Virus festzustellen, die Virusvermehrung ist weiterhin erfolgreich angehalten, die Krankheit nimmt keinen weiteren Verlauf. Keine Virusbelastung festzustellen hieß damals, das 499, 350, 120 oder noch 15 Viren im Blut sein konnten. Das war der Stand der Dinge vor einem Jahr.
Mittlerweile liegt die Nachweisgrenze bei 20 Kopien pro ml Blut. Im Juni diesen Jahres hatte ich mich in der Uni Klinik untersuchen lassen, im Juli wurden mir dann die Ergebnisse mitgeteilt. An diesem Tag – und schon während der letzten Wochen – fühlte ich mich gut. Mit ging es einfach gut. Also, ich mein gute Laune Gesicht aufgesetzt, die Tür auf und rein zum Arzt. Hallo Doc. Wie geht´s? Üblicher Small Talk und dann der entscheiden Satz. Ihre Virusbelastung ist auf 100 Kopien pro ml Blut angestiegen. Als ich das hörte fiel ich in ein tiefes Loch. Ich habe mich total schlecht gefühlt. Scheiße, die Krankheit ist ausgebrochen. Das war mein erster Gedanke. Jetzt ist alles vorbei.
Wir nehmen ihnen heute noch mal Blut ab um sicher zu gehen, sagte mein Arzt. Als mir einige Minuten später die Krankenschwester Blut abnahm, war ich wieder fähig zu klarem Denken. Und ich fing an mich über mich, die Arbeitsweise meines Geistes zu wundern. Noch vor einem Jahr hatte ich mich über die Info „Virusbelastung unter 500“ gut gefühlt. Doch heute haut es mir bei der Info „100 Kopien pro ml Blut“ erst mal total den Draht raus. Und das verrückte daran war, das ich mich in der Zeit von Juni – Blutabnahme – bis zu dem Arzttermin heute im Juli – jeden Tag gut gefühlt habe. Mit ging es gut bis zu dem Moment als mir der Arzt die magische Zahl 100 sagte. Als mir das klar wurde mußte ich über die Art und Weise wie mein Geist arbeitet grinsen. Ich konnte wieder tief durchatmen. Mir ging es wieder besser.
Mittwoch 21.10.1998
Gestern war ich in der Uni. Ergebnisse der letzten Blutabnahme – alles im grünen Bereich – und – Thema heute – Medikamenten Wechsel.
Seit Berlin steht für mich fest, das ich Crixivan absetzen und Evafirenz nehmen werde. Crixivan greift ganz erheblich in meinen Stoffwechsel ein. Ich, lebende 100 Kilo, Streichholzbeine, Streichholzarme und Kartoffelbauch. Jede Stufe, jedes Einsteigen in den Bus oder Zug, jede Tasche die ich trug, es wurde immer beschwerlicher für mich. Die Frage nach Lebensqualität war wieder präsent. Während der letzten Wochen habe ich mich innerlich auf das neue Medikament vorbereitet. Darauf, das mit dem neuen Medikament der Muskelschwund ein Ende haben möge. Ich hatte die ganze Zeit ein gutes Gefühl gehabt, weil die Informationen die ich einholte für mich gut klangen. Gleiche Wirkungsweise was die Wirksamkeit in Bezug auf den Virus betrifft und was für mich rüber kam, es gibt weitaus weniger unangenehme Nebenwirkungen und nicht so heftige wie bei Crixivan. Einmal am Tag nur zu nehmen und unabhängig von Mahlzeiten. Das allein ist schon ein starker Faktor gewesen.
Beim Arzttermin in der Uni fragte mich mein Doc, ob ich Auto fahre. Nein, sagte ich. Ok, dann können Sie dieses Medikament nehmen. Die erste Zeit werden sie ein Rauschgefühl verspüren, sagte er, aber das geht nach ner Zeit vorbei. Als ich das Wort Rausch hörte wurde mir innerlich ganz mulmig zumute. Abhängigkeit als Folge von “eine Substanz nehmen müssen“ , war das was mir dabei als Estes in den Sinn kam und mir in diesem Moment Angst machte. Na ja, sagte ich zu ihm, ich glaube es kommt darauf an wie ich die Dinge heute sehe. Es ist ein Medikament das ich nehme und das zu meiner körperlichen Genesung beiträgt.
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. . . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil 5
Den Fluß des Lebens fließen lassen
Mittwoch 21.10.1998, 23.30 Uhr
Um 23.30 habe ich 3 Sustiva genommen. Als ich das erste Mal dieses neue Medikament nahm, war die Einnahme schon von einem ängstlichen Gefühl begleitet. Aber es war nicht die Angst vor dem Gefühl eines Rausch, sondern mehr vor den unangenehmen Wirkungen, bzw. den möglichen Reaktionen meines Körpers auf dieses Medikament. Ich hatte Angst und doch war es mir möglich ja zu meiner Angst zu sagen. Ich merke immer mehr wie wichtig es ist „ Ja“ zu sagen. Ja zu meiner Angst, Ja zu meinem Schmerz, ja zu allem was mir unangenehm ist. Und dieses Ja sagen nimmt sehr viel von dem „Unangenehmen“. Die Angst wird weniger. Sie verliert an Macht über mich. Ich kann an Dinge wesentlich ruhiger heran gehen, kann ihnen ruhiger gegenüber treten.
Ich lag im Bett und war achtsam. Nach zwei Stunden spürte ich starken Schwindel im Kopf. Ah, Schwindel im Kopf, stellte ich fest. Als ich auf die Toilette ging, merkte ich wie wackelig ich auf den Beinen war. Ich mußte an der Wand entlang gehen. Ah, Schwäche in den Beinen. Und ich nahm wahr, welchen Einfluß das Medikament auf meine Emotionen hatte.
Donnerstag 22.10. 1998
Als ich heute morgen aufwachte hatte ich Kopfschmerzen und war bis Mittag noch ganz schön benommen. Irgendwann am Nachmittag waren diese Wirkungen vorbei und ich ging einkaufen.
Durch Crixivan bin ich mit viel Angst konfrontiert worden. Doch diese Auseinandersetzung mit diesen Ängsten, und zu erfahren was tatsächlich mit mir passierte, hat mir Mut gemacht, Vertrauen gegeben und meine Angst kleiner gemacht. Angst und Schmerzen sind wirklich Lehrmeister.
Ich fühle mich sehr ruhig. Ich bin wach, nehme meinen Körper, die Wirkung, die Sustiva auf meinen Körper hat, bewußt wahr. Und dies ohne Angst. Ohne Vorbehalte. Ah, so ist das. Ah, das passiert in meinem Kopf, in meinen Gefühlen, in meinem Körper. Und ich trage dem Rechnung. Bin ich schwindlig, lege ich mich hin, fühle ich mich benommen, laufe ich langsam und vorsichtig. Es ist ein langer Weg um da hinzukommen und nicht immer einfach ihn zu gehen.
“Nebenwirkung”, dieses Wort hat einen Beigeschmack von etwas von dem ich meine das es nicht dazugehört. Also wird dann in der Folge alles was man als nicht zum Heilungsprozeß dazugehörig definiert als negativ, als nicht wünschenswert betrachtet. Schwindel, Durchfall, Blähungen, Hautausschläge, usw. Dinge die nicht in unser gegenwärtiges Verständnis vom gesunden Menschen passen. Ergo das Unangenehme gehört nicht dazu, lehnt man ab. Dies bedingt, das man sich schlecht fühlt, das es einem dann wirklich schlecht geht. Welch ein Wahnsinn. Wenn ich Durchfall habe, dann ist Durchfall in diesem Moment ein Teil von mir. Habe ich Schwindel. Blähungen, Schmerzen, dann sind dies in diesem Moment Teile von mir, gehören zu mir, machen mich mit aus. Dies zu akzeptieren, so zu erfahren befreit von dem Verhaftet sein in der Unwissenheit. Ergo geht es mir besser. Ich fühle mich in dem Maße wohl mit mir, in dem Maße in dem ich in der Lage bin mich anzunehmen. Mit all dem was ich habe. Alles das was ist bin ich. Freiheit beginnt in mir.
Samstag 24.10. 1998
Ich bin ganz schön aggressiv. Der Schwindel und die Benommenheit war nicht mehr so heftig wie tags zuvor. Mit dem Schlafen hat es auch ganz gut geklappt. In der Nacht bin ich aufgewacht und habe in meiner linken Gesichtshälfte ein Kribbeln gespürt. Mein erster Gedanke war Schlaganfall, bzw. Anzeichen für einen Schlaganfall. Scheint mit dem Medikament zusammen zu hängen. Jetzt, es ist kurz vor 13.00 Uhr, ist die Benommenheit nicht mehr so stark wie an den beiden ersten Tagen. Ich habe aber immer noch einen leichten Schmerz über meinem linken Auge. Beim Tragen habe ich das Gefühl, das in meinem linken Arm nach einiger Zeit ein taubes Gefühl aufkommt. Na ja. Ich hoffe es ist alles nur Medikamenten bedingt und verschwindet nach einiger Zeit wieder. Ich bin doch besorgt was das Kribbeln in meiner linken Körperhälfte betrifft. Ich werde mal in der Uni anrufen. Vielleicht bekomme ich einen Arzt von der Station 68 an den Apparat. Kann die Ursache für meine Aggressivität mein tägliches Unwohlsein, bedingt durch die Medikamente, sein? Scheint so. Soviel zu Annahme.
Es ist kurz nach 22.30. Ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen beim Einnehmen der Medikamente. Wie wird es werden? Taubes Gefühl in der linken Gesichtshälfte, den ganzen Tag leichte Kopfschmerzen, ein Gefühl ähnlich wie Migräne. Und im Glauben – Wissen das dies mich nun die nächsten 10 Tage begleiten wird. Nur daran zu denken macht mich schon aggressiv, macht das ich mich beschissen fühlen. Die ersten beiden Tage habe ich alles was sich in meinem Körper abspielte mit Neugierde beobachtet. Heute, am dritten Tag gelingt es mir nicht den Standpunkt des „Beobachters“ einzunehmen. Gegen Mittag ist die Benommenheit verschwunden, doch bis zum Abend habe ich Kopfschmerzen. Da ist nichts mit annehmen und das akzeptieren was ist. Es ist ein verdammt unangenehmes Gefühl das ich da den ganzen Tag habe und ich fühle mich total mies damit. Die Vorstellung, das dies für die nächsten Tage so weiter gehen könnte, macht es mir sehr schwer, die Tabletten ohne Angst zu nehmen. “Nur für Heute” ist verdammt schwer zu praktizieren. Wie wende ich dieses Prinzip an? Nur für heute geht es mir schlecht? Was nicht heißt das es morgen auch so sein muß? Wie begegne ich dem Morgen? Die Tabletten nehme ich jetzt. Zu hoffen das die Wirkung morgen nicht so sein möge wie heute? Dies ist alles was ich tun kann. Es ist keine Garantie, nur Hoffnung, das es morgen besser sein möge. Aber es bedeutet auch nicht das es mir morgen genauso schlecht gehen muß wie heute. Sehr schwer, wenn man sich den ganzen Tag unwohl gefühlt hat.
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. . . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil 6
Annäherung
Sonntag 25.10. 1998
Der Sturm ist abgeflaut. Die Sonne scheint und unter dem blauen Himmel jagen die Wolken dahin. Ich bin total begeistert. Keine Kopfschmerzen, Kein taubes Gefühl im Gesicht. Ein ganz leichter Schwindel und eine leichte Benommenheit die mein Gesamtbefinden nicht so sehr beeinträchtigen so daß ich sagen könnte „Ich fühle mich schlecht“. Nicht zu vergleichen mit dem Zustand der letzten Tage. Ist es wirklich so, das der Geist einen großen Einfluß auf die Gesundheit hat, darauf hat wie man sich körperlich fühlt? Es scheint fast so. Gestern war ich sehr verzweifelt. Oh Gott, dachte ich, wenn ich mich in den nächsten Tagen auch noch so schlecht fühle. Mir stand die Erfahrung mit den unangenehmen Wirkungen von Crixivan und der langen Dauer noch sehr deutlich und klar vor Augen. Wenn dies mit diesem Medikament auch so sein wird . . . . . . Dies waren meine Gedanken.
Die letzten Zwei Jahre ging es mir gut. Gut gehen heißt u. a. für mich, ich hatte keine Virus spezifischen Krankheiten. Der Virus hat sich nicht vermehrt, mein Immunstatus hat sich gefestigt. Es ist weder Verdrängen noch Vergessen, es ist gesund sich wohl zu fühlen und das Leben zu genießen!
Spät am Abend habe ich mich hingesetzt und von diesen Erfahrungen, diesen Ängsten losgelassen so gut ich es konnte. Das eine war Crixivan, war gestern, war die Vergangenheit. Das andere ist Efavirenz, ist heute, Gegenwart. Anscheinend trifft auch für einen schmerzhaften Zustand das “Nur Für Heute” zu. Nur für Heute habe ich Kopfschmerzen, bin ich sehr benommen, Nur für Heute fühle ich mich schlecht. Was morgen sein wird weiß ich nicht. Ich hoffe das es morgen besser sein möge. Die Erfahrung i.e. das Wissen um schmerzhaftes aus der Vergangenheit löst Angst in mir aus die sich in mir festsetzt, an der ich heute festhalte. Ich war sehr auf den Schmerz, das körperliche Unwohlsein fixiert. Immer wieder habe ich mir gesagt: “Oh Gott, wenn ich mich morgen, in den nächsten Wochen so fühle wie heute, na dann gute Nacht.
Soviel Macht wie ich den Dingen gebe, soviel Macht haben die Dinge über mich.
Dies ist die Erfahrung von Schmerz aus der Vergangenheit. Erfahrung = Wissen. Dieses Wissen ist in mir gespeichert und verursacht Angst. Also räume ich der Angst Macht ein. Das heißt die Angst, die in der Vergangenheit ihre Ursache hat, nehme ich in die Gegenwart mit hinein. Somit hat sie Heute Macht über mich. Ich habe Angst = ich bin Angst. Wie kann ich dieses Prinzip „ Den Dingen Macht einräumen“ auf Nicht Angst anwenden? Wie kann ich die Angst aus der Gegenwart heraus halten? Welches ist die Basis für die Nicht Angst, für ein angstfreies Sein in der Gegenwart? Mir fällt dazu viel Theorie ein. Das wesentliche für mich ist jedoch ob es innerlich für mich stimmig ist. Vertrauen. Glaube. Habe ich dieses Gefühl von Vertrauen innerlich in mir? Nicht im Kopf, nicht im Verstand sondern im Herz. Erst wenn ich es da spüre kann ich sagen, ich vertraue, ich glaube. Und dann erst funktioniert es. Für mich funktioniert es auf diese Art und Weise.
Eines weiß ich definitiv. Ich weiß nicht wie etwas wirken wird. Ich habe eine Vorstellung und die hat viel mit Erfahrungen, Wissen aus der Vergangenheit zu tun – aber ich weiß nicht wie etwas sein wird. Ein Weg dahin dies zu erfahren ist wach bzw. achtsam zu sein. Das heißt, ich beobachte, nehme wahr was in mir passiert ohne zu bewerten. Kann sein das ich dabei feststelle, ah so eine ähnliche Erfahrung habe ich schon mal gemacht. Aber es wird immer nur ähnlich sein. Niemals das gleiche. Wenn ich wahrnehme, beobachte, dann denke ich nicht, dann bin ich nicht in meinen Vorstellungen, in meiner Angst verhaftet. Ein Weg zur Nicht Angst für mich? Eines ist sicher. Meine Vorstellungen, die in der Vergangenheit ihren Ursprung haben, halten mich heute oft davon ab, im Jetzt zu leben, den Dingen den Stellenwert einzuräumen, den sie tatsächlich innehaben.
Montag 26.10. 1998
Das Schwindelgefühl nach der Einnahme von Efavirenz ist längst nicht mehr so stark wie in den ersten beiden Tagen. Ich habe allerdings einen sehr unruhigen Schlaf mit vielen wach Perioden und wilden Träumen. Heute morgen bin ich um 8.30 aufgewacht. Nur noch ganz leicht benommen. Als ich in die Stadt gefahren bin, habe ich im linken Fuß ein Gefühl des Kribbeln und leichte Taubheit gespürt. So wie wenn ich aus der Winterkälte in eine warme Stube komme und das Blut langsam in die kalten Füße zurückkehrt, so fühlte es sich an. Meine linke Seite fühlt sich auch irgendwie merkwürdig an.
Dienstag 27.10. 1998
Es regnet und ich fühle mich wohl in meiner Haut. Hab gerade gefrühstückt. Milchkaffee, selbstgemachter Quittengelee, Brötchen.
Welches sind die Vorteile von dem neuen Medikament? Ich habe kein Gefühl der Schwere im Magen, keine Blähungen, keine Darmkrämpfe mehr. Die Muskeln in den Beinen schmerzen nicht mehr beim Aufstehen, beim Treppen steigen. Nicht mehr darauf achten was ich wann essen darf bzw. nicht essen darf.
Heute nacht habe ich sehr schlecht geschlafen. Ob es mit Efavirenz zusammenhängt? Nun es ist zunehmender Mond und da habe ich auch schon in der Vergangenheit manches Mal lange wach gelegen. Kein Schwindel, kein Kribbeln mehr. Die Benommenheit ist fast verschwunden. Alles in allem, so scheint es, hat mein Körper das neue Medikament angenommen. Und dies ohne spürbare unangenehme Wirkungen. So wie es heute aussieht, zieht Efavirenz weniger unangenehme Wirkungen in meinem Körper nach sich als Crixivan.
Fragile
Letzte Nacht bin ich mir der Zerbrechlichkeit meines Körpers wieder sehr gewahr geworden. Zerbrechlich im Sinne von „Ich bin sterblich“. Trotz aller Medikamente bin ich mir darüber im klaren, das mein Tod etwas wirkliches ist, und ich jeder Zeit, jeden Moment sterben kann. Wenn Efavirenz, wenn kein Medikament mehr den Virus in Schach hält, dann beginnt heute mein Prozeß des Sterbens, des körperlichen Verfalls. Beginnt er wirklich erst dann oder hat er nicht schon mit dem Tag meiner Geburt angefangen? Selbst jetzt wo ich dies schreibe, fühle ich keine Angst in mir. Klar. Ich habe auch keine Schmerzen, fühle keine körperliche Schwäche, magere nicht ab, liege nicht im Bett. Aber der Gedanke an den Tod macht mir keine Angst. Ich kann ihm gerade ins Auge sehen. Finde ich gut. Kein Verdrängen, kein Weglaufen oder wegschieben mehr. Diese Krankheit hat mir für vieles die Augen und das Herz geöffnet.
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. . . . der fortlaufenden Ereignisse – Teil VI
Erntezeit
Oktober 1999
Heute habe ich die Pflanzen, die während des Sommers im Garten standen umgetopft und in die Wohnung gestellt. Im Sommer stelle ich die Blumen, die ich in der Wohnung habe in den Garten und jetzt, im Herbst topfe ich sie um, stelle sie wieder in die Wohnung. Ist schon irre. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte – sie haben ein Haus mit Garten – hat es regelmäßig Zoff gegeben weil ich mit Gartenarbeit nie was am Hut hatte. Ich habe eine große 1 Zimmerwohnung mit – man glaubt es kaum – Terrasse und einem kleinen Garten. Jeden Tag gehe ich hinaus, schaue und erfreue mich an den blühenden Blumen und Pflanzen und wenn ich nur das kleinste Unkraut erblicke, dann nix wie weg damit. Es macht mir richtig Spaß und Freude zu pflanzen, zu hegen und zu pflegen.
Dieses Jahr hatten wir einen warmen, stellenweise heißen Sommer mit viel Sonne. Soviel und vor allem preiswertem Gemüse und Obst hat es seit Jahren nicht mehr gegeben. Ja es war ein fruchtbares Jahr gewesen.
Marmelade soweit das Auge reicht. Wildkirschmarmelade, dann Erdbeermarmelade. Danach war der Johannisbeeren und Brombeergelee an der Reihe und jetzt, zum Schluß der Saison kommt der Quittengelee an die Reihe. Außerdem Kürbis süß – sauer, Senfgurken und eingemachte rote Beete und Pflaumen süß – sauer. Wenn mir vor einigen Jahren jemand gesagt hätte, das ich Marmelade oder Gemüse einmachen würde, dann hätte ich ihn gefragt ob er was am Kürbis hat. Aber die Dinge verändern sich und das es so ist, das ist gut so.
Als ich 1985 hörte das ich HIV positiv bin, stand für mich fest, das ich noch maximal 3 Jahren zu leben hätte. Nach 5 Jahren wunderte ich mich das ich immer noch am Leben war, aber mehr auch nicht. Bis zum Jahr 1994 lebte ich weiterhin ein Leben auf der Überholspur. 1996 – ich hatte gerade eine Ausbildung als Erzieher begonnen – wurde der Virus aktiv. Die Folge davon war das ich die Ausbildung abbrechen mußte. Seitdem beziehe ich EU Rente. Da ist mir klar geworden „That I was living on borowed time“. Pläne zu machen war kein Thema mehr. Ich dachte höchstens in Wochen, mehr aber nicht. Jetzt, drei Jahre Kombitherapie später fühle ich mich soweit fit und gesund und gestatte mir einen Blick in die Zukunft zu richten. Doch immer in dem Bewußtsein, daß mein Wohl fühlen heute keine Garantie für das Morgen ist. Ich überlege mir ob ich zwei oder drei Stunden am Tag zu arbeiten soll. Acht Stunden jeden Tag, nun diese Zeiten sind vorbei aber zwei, drei Stunden am Tag, das traue ich mir zu, soweit fühle ich mich fit. Logisch auf mich mit meinem 49 Jahren und den 4 Millionen Arbeitslosen die es immer noch gibt, haben sie alle gewartet. Doch was für mich wichtig ist, ist die Tatsache das ich wieder Mut bekommen habe der Zukunft ins Auge zu sehen, Dinge in Angriff zu nehmen, die eine längerfristige Planung beinhalten. Und dennoch bin ich mir stets bewußt, das morgen alles anders sein kann. Auch das hat mich diese Krankheit gelehrt. Zu allem was ich tue immer eine gewisse Distanz zu haben. Weder dem einen noch dem anderen verhaftet zu sein. Was natürlich leichter geschrieben als praktiziert ist.
Ich komme immer mehr zu dem Glauben, das da irgendeine Macht ist, die stärker ist als ich. Zwar hat das Leben auch seine eigenen Pläne die außerhalb meines Tun und Wollen, meiner Absichten liegen, auf die keiner von uns einen Einfluß hat. Doch jeder verfügt über die Fähigkeiten Entscheidungen zu treffen welche Richtung man seinem Leben geben will.



[...] Chronik . . . [...]