Aus der Vergangenheit . . . . in die Gegenwart


Als man mir im Dezember 1985 die Diagnose „Sie sind HIV positiv“ zwischen Tür und Angel an den Kopf warf, konnte ich „relativ“ wenig damit anfangen. Relativ wenig insofern, da ich zu diesem Zeitpunkt im Kreislauf der aktiven Sucht gefangen war. Das Wissen um HIV war zu dieser Zeit sehr beschränkt. Medikamente gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und die Überlebenszeit von Menschen die HIV positiv waren, war sehr gering. Man sprach damals von 3 Jahren. Daher war ich mir sicher das ich nicht länger als 3 Jahre leben würde. Dazu kam der Umstand meiner aktiven Sucht die für mich trotz der Tatsache „HIV positiv“ zu sein nach wie vor Priorität hatte und HIV zu diesem Zeitpunkt kein Grund für mich war mein Leben zu ändern. Der Tod war mein ständiger Begleiter und schaute mir täglich mehrmals über die Schulter wenn ich der Sucht Nahrung gab. Insofern hatte HIV damals auch nicht diese Dimension des Schreckens für mich wie für diejenigen, die nicht süchtig waren und mit der Diagnose „HIV positiv“ konfrontiert worden sind. Allerdings war mir dies in meinem damaligen „benebelten“ Dauerzustand nicht bewußt, da man als Süchtiger  „Verdrängung und Ausblendung der Realität“ in einer Art und Weise perfektionierte die ihresgleichen sucht.

Nach 5 Jahren wunderte ich mich lediglich das ich „immer noch am Leben bin“. Das war aber auch alles.

In all diesen Jahren funktionierte ich nur. Der Zustand in dem ich mich seit der Zeit meiner Diagnose von 1985 bis 1994 befand konnte man nicht mit „Leben – lebendig“ bezeichnen. Ich machte mir weder Gedanken über mein Leben noch glaubte ich daran das ich eine Zukunft haben könnte. Ich stand auf bevor ich mit Entzugserscheinungen konfrontiert wurde, ernährte mich mehr schlecht als recht. Mein Tagesablauf wurde einzig und allein von der Beschaffung und dem Nehmen von Drogen bestimmt. Der Tatsache das ich HIV positiv bin, maß ich keiner weiteren Bedeutung bei. Ich befand mich in einem „Zombie State of Mind“ wie ich es heute bezeichne.

Meine Wahrnehmung das ich HIV positiv bin und wie sich HIV in meinem Alltag auswirkte, welchen Einfluß dieser Virus auf mein Leben hatte, änderte sich von dem Tag an, als es mir möglich war den Kreislauf der aktiven Sucht zu verlassen – loszulassen. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich meine Sichtweise, mein Verhältnis zu mir und dem Leben. Es war ein langsamer und zeitweise ein schmerzhafter Prozeß der in Gang gesetzt wurde, mit dem ich mich konfrontiert sah.

Im September 1996 bekam ich eine Lungenentzündung „PcP“, die durch den Pilz Pneumocystis jiroveci, eine der häufigsten opportunistischen Infektionen und AIDS-definierenden Erkrankungen ausgelöst wurde.

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1985 glaubte ich das ich maximal noch 3 Jahre zu leben hätte. Davon das ich das Jahr 2010 erreichen würde/könnte, ganz zu schweigen. Heute hat das Jahr 2010 angefangen und ich werde, wenn es nach meinem Willen und Wünschen geht, dieses Jahr 60. Meine alte Neugierde die mich in der Vergangenheit hat Wege beschreiten lassen die nicht selten mit Gefahr für Leib und Seele verbunden waren, hat mich heute auf einen Weg, eine Reise gebracht, die spannend, aufregend und lebendiger nicht sein kann.

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