Warten auf Godot 2.0 – Pflegeheim 2017


Warten auf Godot

Über das Schauspiel „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett das in der Spielzeit  2015/2016 vom Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus aufgeführt wurde heißt es unter anderem im Programmheft:

Eine Straße, ein Baum. Schon lange stehen Wladimir und Estragon hier und warten. Warten auf Godot. Von dem niemand weiß, wer er ist. Oder ob er jemals kommt. Doch eigentlich tut das nichts zur Sache. Denn längst ist die Zeit stehen geblieben. Zur Sache tut nur eins: Was um alles in der Welt unternehmen Wladimir und Estragon, um sich die Zeit zu vertreiben? Quelle: Programmheft „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett, Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus

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Fazit nach 1 Jahr Aufenthalt in dem Pflegeheim meiner Wahl: Auf Grund meiner gegenwärtigen Gemütsverfassung wird dieses Fazit sehr subjektiv ausfallen.

Zwischenspiel

Über Spielereien, Clownereien, Amüsement und Ablenkung oder „Wie war das, damals, als ich noch in meiner Wohnung lebte . . . ?“

Ich stand mit den Jahreszeiten auf, erledigte meine Morgentoilette, kochte mir eine Tasse Kaffe und genoß sie am PC. Diese Zeit, dieses „in den Tag heineinkommen“ Procedere war mir wichtig. „Ungestört in den Tag hineinzukommen“

2 mal wöchentlich kam ein ambulanter Pflegedienst zu mir nach Hause. Die „Aufrechterhaltung sozialer Kontakte“ Kommunikation mit den betreffenden Personen des ambulanten Pflegedienste war ein Aspekt neben der Tätigkeit der vertraglich festgelegten Arbeiten. Pro Woche waren dies je 2 Std zum gründlichen säubern – Boden und Kacheln im Bad naß feudeln und Staub auf Schränken in meiner Wohnung i.e. an den Stellen die ich nicht erreichte wischen sowie 2 Std für den wöchentlichen Einkauf.

Danach habe ich mir mein Mittagessen zubereitet i.e. geschnibbelt, gemischt, gekocht. Anschließend erfolgte wie es sich für einen allein lebenden Mann geziemt der Abwasch von Topf, Pfanne, Gerätschaften und Teller.

Zufrieden und von einer leichten Müdigkeit umwoben legte ich mich dann für 1 oder 2 Stunden auf`s. Ohr. Langeweile oder das Gefühl etwas tun zu müssen – wollen kam nie auf.

Wäsche waschen (Waschmaschine anstellen) aufhängen, Wäsche in den Wäscheschrank einräumen, die Küchenspüle sowie den Herd säubern, dies war mir der ich während der letzten 2 Jahre in meiner Wohnung schon im Rollstuhl saß möglich. Insofern war mein Alltag „strukturiert“.

Allerdings will ich nicht mir selbst gegenüber ungerecht sein. Zeit mit Freunden zu verbringen „in Kontakt zu ihnen zu sein“, eine Schale Matcha zubereiten, Nahrung für ein Essen zubereiten, fotografieren, dies hat mich mit einer inneren Zufriedenheit im Sinne von „in Balance mit mir selbst sein“ ausgefüllt.

Und hier? Im Pflegeheim?

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Alltag 2017

Im Eingangsbereich hängen neben zahlreichen „Qualitäts Zertifizierungen div Organisationen“ Bewohner*Innenverzeichnisse je nach Wohnbereich. In dem Wohnbereich in dem ich wohne gibt es insgesamt 34 Bewohner*Innen mich eingeschlossen. Pflegepersonal: 13
Auf dem Wohnbereich in dem meine Mutter lebt, wohnen 37 Bewohner*Innen. Pflegepersonal: 17
Das Fenster des Medikamentenraumes ist seit 8 Monaten mit 12 Fotos der Geburtstagsfeier – große Tafel mit div Speisen – der Wohnbereichsleiterin mit dem auf dem Wohnbereich arbeitenden Pfleger*Innen und Pflegekräfte gepflastert.

Eine Lesart: Schaut her – Sind wir nicht ein tolles Team?
Eine Andere: Wir – das Team steht an erster Stelle. Die Bewohner*Innen sind zweitrangig.

Unterstrichen wird diese Aussage durch den folgenden Sachverhalt: Das Pflegeheim ist in 5 Wohnbereiche = Etagen aufgeteilt. 4 der 5 Wohnbereiche war mit österlichen Motiven i.e. Zweigen an denen ausgeblasene, bunt bemalte Eierschalen sowie „Osterhasen“ geschmückt. Die meisten Bewohner*Innen die dement sind haben nicht nur solche Traditionen verinnerlicht; sie finden durch diese „traditionelle Volkskunst“ aus ihrer „Welt der Demenz heraus und leben – je nach dem – für einen bestimmten Zeitraum in der Gegenwart. Sie nehmen am Alltag teil. Erinnern sich bewußt an einen Teil ihres früheren Lebens. Auf meine Frage warum der Wohnbereich in dem ich wohne nicht geschmückt ist antwortete man mir: „Es ist nicht unsere Aufgabe – die Aufgabe des Pflegeteams – den Wohnbereich zu schmücken“.

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Die soziale Kälte ist spürbar, fast greifbar. Erdrückend. Emotionale Nähe die durch eine Kommunikation auf Augenhöhe entstehen, ja möglicherweise wachsen kann ist nicht möglich. Gewollt? Ich neige dazu dies mit einem „Ja“ zu beantworten. Zwangsläufig ergeben sich Spannungen die sofern man sie nicht herunterschluckt sich dann in einer „Konfrontation“ entladen. Natürlich gilt dies nicht für alle Bewohner*Innen des Pflegeheimes. Ca 2/3 der Bewohner*Innen sind dement. Der Grad der Demenz ist, soweit ich das als Laie in der Lage bin zu beurteilen, höchst unterschiedlich. Sie ist wie ich persönlich immer wieder erfahre auch von der Häufigkeit der die Bewohner*Innen besuchenden Freunde bzw Familienangehörige abhängig. Nicht zwangsläufig. Doch der soziale Kontakt hat einen immensen Einfluß – Wirkung auf das Wohlbefinden vieler Bewohner*Innen die an einer Demenz leiden. Ich erlebe es nicht nur mit meiner Mutter sondern mit vielen Bewohner*Innen wenn diese von Familienangehörigen besucht werden. Gemessen an der Zahl der Bewohner*Innen in dem Wohnbereich in dem ich auch lebe sind es nur Wenige. Wenn ich oder eine Freundin meine Mutter in ihrem Wohnbereich besucht, dann ist sie sehr oft „in der Gegenwart“ präsent. Auch wenn sie schweigt nimmt Sie ihre Umgebung wahr, nimmt teil am Leben.
Ein anderer Aspekt ist der Personalschlüssel. In der Frühschicht von 6.00 – 14.00 arbeiten max 6 Pflegekräfte, in der Spätschicht 3 Pflegekräfte. Dem organisatorischen Aspekt wie Pflegen, Nahrung austeilen im Speisesaal und den Zimmer der jeweiligen Bewohner*Innen, die Versorgung mit Medikamente etc ist schon ein Wunder. Gleichzeitig muß jedes Team die entsprechenden Anforderungen der „div Qualitätssiegel“ grecht werden i.e. dokumentieren was einen immensen Zeitaufwand beansprucht. Dazu kommt noch die übrige Dokumentation im Kontext der aktuellen Geschehnisse der Bewohner*Innen im Alltag.  Allein damit ist eine Pflegekraft in jeder Schicht beschäftigt. Für Kommunikation mit den Bewohner*Innen ist weder Raum noch das Personal vorhanden. Versorgung von Grundbedürfnissen und Verwaltung der Bewohner*Innen. Das ist der Alltag. Total Versagen der Gesellschaft <-> der Politik.

Das wirft mich wieder auf mich selbst zurück. Die Kommunikation mit Freunden Off und Online sind ein „wider Erwarten“ positiver Aspekt. Der Kontakt zu alten Freunden ist nach wie vor ungebrochen. Da meine Freunde über ganz Deutschland und der Schweiz verstreut wohnen findet die Kommunikation über die sozialen Netzwerke bzw auf telekommunikativem Weg statt.

Eine Frage die sich mir stellt, die immer mal mehr, mal weniger vorhanden war  ist „Habe ich nicht schon immer auf etwas gewartet? War es nicht immer so das mein Dasein von der Ambivalenz  von „Sinnlosigkeit <-> Sinnhaftigkeit“ geprägt war? Das Gefühl der inneren Leere ist seit Langem kein fremdes Gefühl für mich. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit wechselten sich ab. Zeiten die mit „Spielereien, und Absurditäten angefüllt waren wechselten sich mit einem verstärkten Gefühl der innere Leere ab. Heute – ohne Struktur und gewohnten Alltagsspielereien- und absurditäten wird mein Dasein – mit Hoffnungslosigkeit überschwemmt. Die gegenwärtigen Spielereien, Absurditäten und die Unzulänglichkeiten, das distanzierte Verhalten des Pflegepersonals verstärken diese innere Leere sodaß ich der Wahrnehmung der „inneren Leere“ nicht entkommen kann, ihr ausgeliefert bin. Den Alltag im Pflegeheim ist mehr von Sinnentfremdung als Spielerei und Absurdität zu sehen. Selbst im Gefängnis war das Verhalten der Wärter was dem Verhalten des Pflegepersonals entspricht weit von „Spielerei, Absurdität und Clownerei entfernt. Ich wurde damals wie heute verwahrt. Damals wie heute bin ich auf mich zurückgeworfen.

Der Alltag im Pflegeheim ähnelt der durch den Krieg heraufbeschworenen Endzeitstimmungen wie sie Beckett zum Ausdruck bringt. Man kann es durchaus mit dem Gefühl eines nicht enden wollenden Zwischenzustands vergleichen. Insofern sehe ich mich mit vielen Bewohner*Innen auf der gleichen Stufe. Der Ausgang ist gewiß, die Dauer dieses Zustandes ist ungewiß. Eine Ungewißheit die gefühlt ewig anzudauern scheint.

„En attendant Godot“ – der Titel des französischen Originals – trifft den Nagel auf den Kopf: Das was während des Wartens auf Godot passiert – nicht davon, wofür sich das Warten lohnt; davon, wie man sich die Zeit vertreiben kann, mit allerlei Spielereien und Clownerien, Spuren eines längst untergegangenen Varieté und Zirkus, dessen ausrangierte Nummern Wladimir und Estragon zu letztem Amüsement und Ablenkung dienen – nicht davon, wie omnipräsent die alles verschluckende innere Leere werden kann, wenn jeder Antrieb, jedes Ziel verloren gegangen ist. Quelle: Programmheft „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett, Staatstheater Darmstadt, Kleines Haus

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Ihre Vermählunge geben bekannt: Frau Antriebslos und Herr Mutlos

9 Monate später gab das Ehepaar Antriebs-Mutlos die Geburt ihres Kindes „Hoffnungslos“ bekannt.

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„Warten auf Godot 2.0.“

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