Rede von Michael Jähme anlässlich der Verleihung der Kompassnadel 2015


In diesem Jahr zeichnet das Schwule Netzwerk NRW Michael Jähme aus Köln mit dem Preis DIE KOMPASSNADEL für sein besonderes ehrenamtliches Engagement aus. Michael Jähme dokumentiert Biografien schwuler Männer und Frauen im Rahmen des ARCUS-Zeitzeug_innenprojektes. Festgehalten werden Lebenserfahrungen von Menschen, denen eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit durch Staat und Gesellschaft verwehrt wurde.“ Quelle: Schwules-Netzwerk.de

Seit Mitte 2013 führt Michael Jähme im Rahmen der ARCUS-Stiftung Zeitzeugeninterviews durch. Viele der schwulen Männer wurden nach 1945 weiter durch den § 175 StGB verfolgt und verurteilt. Das Zeitzeug_innen-Projekt der ARCUS-Stiftung will die Lebenserfahrungen von Menschen dokumentieren, denen eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit aufgrund der heteronormativ gestimmten gesellschaftlichen und rechtlichen Lebensbedingungen kaum beziehungsweise gar nicht möglich war. Jähme ist in der Stiftung offizieller Ansprechpartner für schwule und bisexuelle Männer.“ Quelle: Arcus Stiftung – Projekt Zeitzeug_Innen

 * * *

Michael Jähme hat mir freundlicherweise den Text seiner Dankesrede zur Verfügung gestellt und mir die Genehmigung erteilt Diese auf meinem Blog einzustellen. Im mittleren Teil seiner Rede geht er teilweise in die freie Rede über die nicht in seinem Manuskript enthalten ist.

Bemerkenswert ist die Laudatio von Frau Maria Springenberg-Eich, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen.

* * *

Sehr geehrte Frau Springenberg-Eich,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Freundinnen!

Am liebsten wäre mir, ich bräuchte hier heute gar nicht zu stehen.

Am liebsten wäre mir, der § 175 wäre mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 abgeschafft worden.

Am liebsten wäre mir, die Würde von Schwulen und Lesben und weiteren queeren Minderheiten wäre nie angetastet und verletzt worden (Art. 1 GG).

Am liebsten wäre mir, die freie Entfaltung der Persönlichkeit wäre auch für Schwule und Lesben von Anbeginn des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet gewesen (Art. 2 GG).

Am liebsten wäre mir, die Gleichheit von Männern und Frauen wäre gelebte Realität und nicht nur im Grundgesetz formulierter Anspruch.

Am liebsten wäre mir, Menschen wären auch mit ihrer sexuellen Orientierung vom Grundgesetz geschützt (Art. 3 GG).

Menschenwürde und Menschenrechte fallen nicht vom Himmel. Es reicht nicht, dass sie auf Papier gedruckt sind. Menschenwürde und Menschenrechte müssen täglich erstritten, verteidigt und vor allem von jeder und jedem gelebt werden.
Die Freiheit zu Sein, die Freiheit, anders zu Sein, die Freiheit, anders zu lieben und zu leben ist ein großer zivilisatorischer Wert. Einem alten Deutschland, das normiert, uniformiert, Vielfalt und Lebendigkeit unterdrückt, weine ich keine Träne nach.

Mein Ziel ist ein Deutschland, in dem Empathie, Vielfalt und echte Nächstenliebe zählt! Und in der die Lebensgeschichten von alten Schwulen und Lesben als Teil der gemeinsamen deutschen Zeitgeschichte ihren selbstverständlichen Platz haben.

Gespräche und Interviews mit schwulen Zeitzeugen haben mich erfahren lassen, wie Akzeptanz von Homosexualität durchaus schon vor 100 Jahren in manchen Elternhäusern Realität war. Hier gab es offenbar Eltern, die um die Vielfalt des Lebens wussten und die sich ein eigenständiges Denken und Handeln jenseits von weltlichen und religiösen Autoritäten bewahrt haben, für die Empathie ihren Kindern gegenüber wichtiger war.

Über vergangene gesellschaftliche Verhältnisse kann man Fakten leicht in Lexika und Sachbüchern nachlesen. Der Wert von Zeitzeug_Innengeschichten liegt nun aber genau darin, dass diese nüchternen Sachinfos mit Leben gefüllt werden, dass erfahrbar und miterlebbar wird, wie Leben in vergangenen gesellschaftlichen Verhältnissen möglich war. In der frühen Bundesrepublik tauchte Homosexualität im öffentlichen Leben doch nur im Zusammenhang von „Sex & Crime“ auf: Skandale, Kriminalität, Erpressung, Gerichtsverfahren zu Mord und Totschlag – nur das findet man in zeitgeschichtlichen Dokumenten, – aber nie das gewöhnliche alltägliche Leben.

Die erlebte und erzählte Lebensgeschichte von Zeitzeug_Innen ist dabei keine Helden- oder Heldinnengeschichte. Es sind sehr gewöhnliche Leben, die aber durch die andere sexuelle Orientierung der Erzählenden eine ganz spezifische Perspektive beinhalten. Es sind also Lebensgeschichten, die sowohl gewöhnlich, als auch besonders zugleich sind.

Und Lebensgeschichten laden dazu ein, das eigene Leben als Zuhörer_In in Bezug zu dieser Lebensgeschichte zu setzen. Man erkennt, was offenbar über die Zeiten hinweg gleiche menschliche Erfahrungen sind, und man erkennt, was an der eigenen jüngeren Biografie anders ist. Menschen von ihrem Leben erzählen zu hören regt dabei auch oft an, selber erzählen zu wollen.

Aber noch wichtiger als das Erzählen erscheint mir, die Erfahrung zu machen, dass da offene Ohren sind, die Zeit schenken und bereit sind, mitzuerleben, zuzuhören, verstehen zu wollen, die bereit sind, nachzudenken und mitzudenken – und sich von dem, was sie hören, berühren zu lassen.

Initiiert von der Bundesstiftung Magnus-Hirschfeld wird seit 2014 das „Archiv der anderen Erinnerungen“ aufgebaut. In Videointerviews erzählen Zeitzeug_innen ihre individuellen Erfahrungen und Erinnerungen zu queeren Lebensgeschichten seit den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland. Die ARCUS-Stiftung, für die ich im Stiftungsrat mitarbeite, ist Kooperationspartner dieses großartigen Projektes.

Schwule und Lesben sind Teil der deutschen Gesellschaft, von Anbeginn. Ich wünsche mir, dass dies sichtbarer wird – und dass unser Leben als Schwule und Lesben Anerkennung und Würdigung erfährt. Denn darum geht es: um Würde und Menschenrechte.

Vielen Dank!

* * *

HerbstMJähmeFoto und TextRede Copyright © Michael Jähme

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema:

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Alter, Geschichte, Gesellschaft, Homosexualität, Inland, Lesben/Schwule/Transgender, Stigma abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s