Endlich eine wirksame Hepatitis-C Therapie – aber nicht für jeden? (akt 3)


Übernahme und Veröffentlichung auf meinem Blog <-> Paste and Copy mit freundlicher Genehmigung von Andreas Bemeleit . . .

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1-Bildschirmfoto_2013-03-04_um_15Foto Copyright © RobinBlood/Andreas Bemeleit

 

Andreas Bemeleit, seit 30 Jahren an AIDS und Hepatitis erkrankt, stellt den Zusammenhang zwischen fragwürdiger Selektion aus Kostengründen und seiner gesundheitlichen Verschlechterung her. Die neu zugelassene Hepatitistherapie kommt nur schwer erkrankten Leberpatienten zugute. Muss er auf diese Therapie solange warten, bis er eine Leberzirrhose vorweisen kann?

Die Krise ist allgegenwärtig. Finanzkrise, Schuldenkrise und alle anderen Krisen zeigen uns eine nahezu inflationäre Verwendung dieses Begriffes. Ich kann eine weitere existenzielle Krise hinzufügen; meine Gesundheit. Den Terminus Krise verwenden Mediziner für den entscheidenden Moment während einer Erkrankung, in dem es entweder zu einer beginnenden Heilung oder zu einer radikalen Verschlechterung im Zustand des Patienten kommt.
Um zu erklären, weshalb ich mich jetzt in einer gesundheitlichen Krise befinde, muss ich die Uhr dreißig Jahre zurückdrehen.

Anfang der 1980er Jahre wurden tausende Bluter durch mit HIV und Hepatitis- C Viren verunreinigte Medikamente infiziert.
Ein großer Teil der Bluter ist an den Folgen von AIDS gestorben. Viele Bluter bekamen im Laufe der Jahre eine Leberzirrhose oder Leberkrebs als Folge der Hepatitis-C und verstarben. Jedes Jahr konnte ich weniger Namen von Freunden in mein neues Adressbuch übertragen. Sie starben alle vor ihrer Zeit.
Ich bin 1962 als Bluter geboren. Auch ich wurde mit HIV und Hepatitis-C infiziert. Anfang der 1990er Jahre brach bei mir AIDS aus. Doch ich hatte Glück im Unglück. Die neuen Medikamente gegen AIDS kamen auf den Markt und haben mich vor dem sicheren Tod gerettet.

Seit einigen Jahren ist es die Hepatitis-C, die mir verstärkt gesundheitliche Probleme bereitet. Es fing mit Schmerzen an, die sich nicht erklären ließen. Mittlerweile sind diese sehr stark. Ich muss eine hohe Dosis Betäubungsmittel nehmen, um sie zu unterdrücken. Oft überfällt mich eine extreme Müdigkeit und körperliche Schwäche. Dazu kommt, dass ich mittlerweile so viel Muskelmasse an den Beinen und Armen verloren habe, dass ich seit einem Jahr einen Rollstuhl benötige, um mich fortzubewegen.
Als wahrscheinlichen Verursacher dieser Beschwerden sehen meine Ärzte die Hepatitis-C Infektion, dringend raten sie mir zu einer Therapie. Wären die Viren aus meinem Körper eliminiert, würde es bergauf mit mir gehen.
Zwar gibt es seit einigen Jahren Medikamente, die gegen Hepatitis-C wirken. Jedoch haben diese nur eine Heilungsrate von unter 50% und sind darüber hinaus mit starken Nebenwirkungen durch das zu der Therapie gehörende Interferon verbunden. Diese sind neben Depressionen starke Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Störungen des körpereigenen Abwehrsystems. Dieselben Ärzte, die mir dringend eine Hepatitis-Therapie empfehlen, raten mir zugleich von einer Behandlung mit dem Wirkstoff Interferon ab. Sie glauben nicht, dass ich diese schweren Nebenwirkungen körperlich und seelisch durchstehen kann.

Doch jetzt kann ich endlich auf Heilung hoffen. Sovaldi nennt sich das neue Medikament mit dem Wirkstoff Sofosbuvir gegen Hepatitis-C. Es ist nahezu frei von Nebenwirkungen und hat in Kombination mit einem anderen Medikament Erfolgsaussichten von über 90%. Darüber hinaus dauert diese Therapie 12 Wochen anstatt der 52 Wochen der vorherigen Therapie. Das ist ein epochaler Fortschritt. Ein guter Grund für mich, mir berechtigte Hoffnungen zu machen, in Zukunft ein beschwerdefreies Leben zu führen.

Ich bin nicht der einzige, der hohe Erwartungen an diese vielversprechenden Medikamente hat und hofft, davon zu profitieren.

Weltweit infizieren sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedes Jahr drei bis vier Millionen Menschen neu mit dem Hepatitis-C-Virus. Geschätzte 130 bis 170 Millionen Menschen sind chronisch infiziert. Das sind zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung.
In Deutschland haben etwa 0,4 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen das Hepatitis-C-Virus im Blut. Damit zählt Deutschland zu den Ländern, in denen die Hepatitis C im Vergleich selten vorkommt.

Die Bundesregierung beurteilt die neue Therapie sehr positiv: “Sofosbuvir ist ein enormer Segen für sehr viele Hepatitis C-Infizierte”, sagt CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn. Hersteller und Kassen-Verband dürften bei ihren Verhandlungen nicht zu hoch pokern. “Denn das Medikament muss für deutsche Patienten verfügbar bleiben, der Hersteller sollte aber auch beim Preis fair bleiben.”

Ganz sicher profitiert die Pharmaindustrie von der neuen Behandlungsmöglichkeit. Die für die Therapie notwendigen Medikamente kosten in Deutschland 120.000€ pro Patient. Damit ist diese Therapie der aktuelle Verkaufsschlager, ein Blockbuster.

Sovaldi ist jetzt in der EU verordnungs- und erstattungsfähig. Eine Erfolgsgeschichte, die mein langes Warten auf Heilung zu einem guten Ende führen wird. So dachte ich. Mit dem Wissen um den neuen Wirkstoff bin ich zu meinem Arzt gegangen. Er bestätigte mir, dass diese Therapie für mich passend ist. Aber er kann sie mir nicht verordnen. Das Medikament ist teuer und der Zustand meiner Leber ist noch nicht schlecht genug, um es mir zu verschreiben.

Nach diesem Tiefschlag befinde ich mich in meiner schwersten körperlichen und seelischen Krise seit Jahren. Ich stehe am Scheideweg: kann ich auf Heilung hoffen oder muss sich mein gesundheitlicher Zustand noch weiter verschlechtern bis ich die Therapie bekomme? Was ist mein Leben wert, frage ich mich? Derzeit, das habe ich jetzt erfahren, ist es weniger als 120.000€ wert.

Die letzten 30 Jahre haben mich viel Kraft gekostet. Dennoch hat sich bis heute, wenn auch oft im letztmöglichen Moment, eine Lösung für jede Krise gefunden. Ich weiß, dass es immer Rückschläge gibt. Womit ich nicht gerechnet hätte ist, dass unser Gesundheitssystem nicht nur mit dem bekannten Blut-AIDS-Skandal meine Gesundheit ruiniert hat, sondern jetzt auch noch die für einen Rest an Lebensqualität notwendige Verbesserung meiner Gesundheit verhindert.

Ich wehre mich dagegen, dass im Gesundheitssystem erneut auf Kosten meines Lebens gespart wird! Ich kann nicht aufhören zu hoffen, dass meine Krise doch noch zur Heilung führen kann, ohne dass es vorher mir noch schlechter gehen muss. Quelle: Robin Blood

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„Neue Medikamente für chronisch Hepatitis-C-Infizierte ermöglichen erstmals sogar eine interferon- und oftmals auch Ribavirin-freie Therapie. Trotzdem zögern viele Ärzte, sie zu verschreiben – oft aus Angst vor Regressforderungen.“ Quelle: Blog.aidshlfe.de

Solche Ängste sind insofern begründet da es in der Vergangenheit vorgekommen ist:

„Unter Regress versteht man im Kassenarztwesen eine Strafzahlung, die dann von einer Prüfungskommission angeordnet werden kann, wenn ein Arzt -im Vergleich zum Fachgruppendurchschnitt- das durch Festlegung sog. Richtgrößen berechnete Arznei-, Hilfs- oder Heilmittelbudget signifikant überschritten hat.“

Dies führt – kann dazu führen das Ärzte wie oben genannt aus Angst vor Regreßforderungen ein bestimmtes Medikament nicht verordnen. Und PENG schon sehen sich Ärzte „im Vergleich zum Fachgruppendurchschnitt- das durch Festlegung sog. Richtgrößen berechnete Arznei-, Hilfs- oder Heilmittelbudget <-> sein Budget signifikant überschritten werden würde. Soviel zum Thema „Der Schwachsinn hat Methode.“

Das in dem Fall von Sovaldi vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)

„dem Wirkstoff Sofosbuvir zur Behandlung von Patienten mit
chronischer Hepatitis C – Virusinfektion (HCV) am 17. Juli. 2014 in Berlin im Rahmen der Nutzenbewertung von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen ein beträchtlicher
Zusatznutzen“

attestiert wurde, ist in der Pressemitteilung 32/2014 festgestellt worden. Siehe auch Webseite des GBA

Auf die richtige Strategie kommt es an

Interview Dr. Dietrich Hüppe

Ein „Anhaltspunkt für einen geringen Zusatznutzen“ bedeutet schon einmal Schutz vor Regress. Sieht der GBA jedoch „keinen Zusatznutzen“ muss man genau belegen, warum man in diesem Einzelfall doch so behandelt. Das ist möglich, aber sicherlich schwierig, wird aber in der Praxis wohl keine Rolle spielen, denn Patienten und Ärzte wollen doch die Interferon-freie Therapie. 

Selbst wenn es wieder einen neuen GBA-Beschluss zu Sofosbuvir/Simeprevir bzw. Daclatasvir gibt, stehen mindestens zwei weitere Optionen kurz vor der Tür, nämlich Sofosbuvir/Ledipasvir von Gilead Sciences und die 3DAA-Kombination von Abbvie. Die Zulassung dieser Medikamente wird alle Patientengruppen umfassen. Bei richtiger Verordnungsstrategie können wir alle Patienten ohne Regressgefahr behandeln.

Quelle: HivandMore – Auf die richtige Strategie kommt es an

Mittlerweile wurde von der EU Kommission ein weiterer Wirkstoff gegen Hepatitis C die Zulassung erteilt. Daclatasvir (Daklinza®) ist erster Vertreter der Inhibitoren des Nicht-Strukturproteins 5A (NS5A). Die Substanz gilt als Wirkstoff, der für die öffentliche Gesundheit von hohem Interesse ist. Daher konnte die Bewertung durch den Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der europäischen Zulassungsbehörde EMA, an dessen Ende im Juni 2014 die Zulassungsempfehlung stand, beschleunigt werden.

Quelle: Deutsche Apotheker Zeitung

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Update 21. Oktober 2014
Innovative Arzneimittel bei Hepatitis CWas kostet der Zusatznutzen

Von Gabriele Gradl, Dietmar Klöckner, Eva-Maria Krieg, Johanna Werning und Martin Schulz / Die hohen Preise der neuen Hepatitis-C-Medikamente Sofosbuvir und Simeprevir stellen die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) vor eine finanzielle Herausforderung. Laut einer Prognose der AOK soll allein die Behandlung mit Sofosbuvir jährlich 5 Milliarden Euro kosten. Eine Analyse des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) kommt zu einem anderen Ergebnis. Demnach lägen die GKV-Kosten um den Faktor 10 niedriger. Weiter geht es hier Quelle: pharmazeutische-zeitung.de   a

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Update 28. Oktober 2014

Hepatitis-C – Tipps für neue Behandlungsmethoden

Die Vielzahl von Neuerungen in der Hepatitis-C-Therapie machen zeitnah aktualisierte Empfehlungen von Spezialisten erforderlich. Jetzt ist eine entsprechende Stellungnahme erschienen.

Deshalb haben die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen (bng) jetzt konkrete Empfehlungen veröffentlicht, die bei Zulassung weiterer Therapieoptionen zeitnah aktualisiert werden sollen (Z Gastroenterol 2014; 52: 749-756).

Neue Arzneikombinationen

Demnach könne die Triple-Therapie aus PEG-Interferon, Ribavirin und den Protease-Inhibitoren Boceprevir oder Telaprevir nicht mehr als Standardtherapie empfohlen werden, so die Expertengruppe. Grund dafür seien die mit den neuen Medikamenten-Kombinationen verbundenen besseren virologischen Ansprechraten, verkürzten Therapiedauer und günstigeren Verträglichkeitsprofile. Quelle und weiter hier

 

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3 Antworten zu Endlich eine wirksame Hepatitis-C Therapie – aber nicht für jeden? (akt 3)

  1. jini2014 schreibt:

    Hatte das selbe Problem hier in der Schweiz. Zuerst wollte der Arzt wegen der hohen Kosten kein Gesuch um Kostenübernahme stellen. Die Krankenkasse hat das Gesuch abgelehnt. Nachdem ich ein Wiedererwägungsgesuch gestellt habe wurde die Therapie doch noch bewilligt. Ich habe der Kasse vorgerechnet wie viel Geld Sie jährlich für die Heroin und Methadonabgabe ausgibt und das ich das ungerecht finde. Nun werde ich nach einem Artikel 71a behandelt, der sagt bei tödlich verlaufenden Krankheiten kann eine Therapie übernommen werden. Leider ist dann nach der Bewilligung mein Arzt abgesprungen. Nach 15 Jahren in seiner Behandlung meinte er auf einmal, er habe leider keine Erfahrung mit Sovaldi und ich musste zuerst wieder einen neuen Arzt suchen. Ich erhalte eine dreier Therapie Sovaldi, Interferon und Ribavirin. 12 Wochen lang. Jetzt nach 4 Wochen sind meine Viren auf Null gesunken. Gib nicht auf, kämpfe weiter und rechne Ihnen vor wie teuer eine einjährige Therapie kommt oder eine Lebertransplantation.

  2. alivenkickn schreibt:

    Hallo Jini2014

    Danke für Deine Erfahrung die Du in der Schweiz gemacht hast. Was ich schade finde ist das Dein Arzt vor der Behandlung mit Sovaldi abgesprungen ist, „weil er keine Erfahrung mit Sovaldi“ hat“. So wird er auch keine bekommen.

    Das Du nach 4 Wochen unter der NW Grenze bist ist ein Erfolg. Ich drück Dir beide Daumen das Du die Zeit der Behandlung gut überstehst und Du frei von der HEP C bleibst.

    Alles Gute für Dich Alivenkickn

  3. Sophie schreibt:

    Hallo Jini2014,

    hab das erst jetzt gelesen, bzw. gefunden… Oh bist Du tapfer!!!
    Hab selber mit Viekirax, Exviera u. Ribavirin begonnen. NW kommen nach u. nach aber es geht. Bin in Wien und bei Fibrose 3 bekommt man diese Th. auf Kasse.

    Bist Du nach wie vor frei v. den Biestern? Und das Rundumbefinden?

    Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute!
    Liebe Grüße,
    Sophie

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