An Ilona


Liebe Ilona

Im Februar 2007 Jahren bist du gestorben. Seitdem vergeht kaum ein Tag an dem ich nicht an Dich denke. Dein Foto steht auf dem Drucker, daneben angelehnt auf dem Fuß der Tischlampe Deine Karte mit dem Bild von Ganesha die Du mir 2001 aus Indien geschickt hast. Wie in Darmstadt so steht die Karte auch hier in Frankfurt mit dem Rücken zum Fenster. Normalerweise sollte eine Handschrift die dem TagesLicht der Sonne tagein tagaus ausgesetzt ist verblaßt sein, aber nichts dergleichen. Vielleicht liegt es an Sai Baba dem Du die Karte als Du sie geschrieben hast gezeigt hast. Ich habe keine Ahnung und es spielt auch keine Rolle. Jedesmal wenn ich die Karte in die Hand nehme und Deine Zeilen lesen staune ich das Deine Handschrift immer noch vorhanden ist.

ilona2111Foto Copyright © Wolfgang Kirsch

Anfang Februar 2012 bin ich nach Frankfurt umgezogen. Mir war ja schon länger klar das es die einzige richtige Enscheidung ist nach Frankfurt umzuziehen. Doch da ich Unangenehmes – der Umzug mit all der Packerei war der Grund für mein Zögern – vor mich herschiebe habe ich den Umzug auf den letzten Drücker gepackt. Einige Monate später wäre ich körperlich nicht mehr in der Lage dazu gewesen. Es war wie man so sagt 1 Minute vor 12. Die Wohnung befindet sich im 1. Stock – Aufzug vorhanden – ist um einiges größer und wie in Darmstadt auch ist sie behindertengerecht. Sie hat einen schönen großen Balkon mit einem freien Blick in den das Mietshaus umschließenden Garten und liegt in einer ruhigen Wohngegend in Sachsenhausen. Nach Frankfurt umgezogen zu sein war die rechte Entscheidung. Meine Ärzte sind quasi um die Ecke, meine Mutter lebt nicht sehr weit von mir in einem Altenpflegeheim, auch das ist heute stimmig für Sie wie auch für mich und ich habe einen guten Pflegedienst mit sehr netten MitarbeiterInnen, die auf Grund meiner körperlichen Situation – Pflegestufe 1 – 2 mal in der  Woche zu mir nach Hause kommen. Das ich auf Hilfe angewiesen sein würde, hat sich ja abgezeichnet. Wie Du habe ich seit Jahren eine Polyneuropathie in den Füßen und eine Muskelschwäche in den Beinen die trotz Physio nicht besser wird. Allerdings das muß ich Dir eingestehen hätte ich gerne etwas von Deiner Disziplin. Ich seh Dich noch vor mir wie Du mit Nordic Walking Stöcken in den Händen und Gewichten um deine Füße angetrieben von Deinem Ex durch den Bürgerpark gelaufen und Deine Einkäufe erledigt hast. Und ich sehe Dich vor mir wie Du wenn wir im Sommer auf der Veranda saßen und gegrillt haben Deine Füße auf den Stuhl legtest, weil sie geschwollen waren und schmerzten. Auch das kann ich gut nachvollziehen geht es mir doch ähnlich. Manchmal hab ich so dicke Fiß wie mer im Odewald saachte dut, des ich maan das se platze mißte.

Wie gesagt organisatorisch bin ich gut versorgt habe all das in die Wege geleitet was Notwendig ist.

Aber sonst . . . mit 62 Jahren noch einmal umziehen und wenn man in seiner Mobilität eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen ist, neue Menschen kennenzulernen ist alles andere als einfach. Obwohl ich seit 2 Jahre hier wohne gibt es einige Mieter die ich immer noch nicht kenne bzw denen ich noch nie pers begegnet bin. Natürlich hängt dies auch damit zusammen das ich nur selten aus der Wohnung gehe bzw rolle.

Die 14 Jahre die ich in Darmstadt lebte waren auch unter dem Aspekt das ein Kreislauf der lange Jahre offen war geschlossen werden wollte sinnvoll. So gesehen machte der Umzug von Darmstadt nach Frankfurt Sinn. Mit Deinem Tod sind auch die gemeinsamen Freunde „gestorben“. Wir haben ja mehr wie einmal beim Essen bei mir über n Glas Bier geflachst was bei den NA lern immer zu einem reflexartigen Schnauben und Backen aufblasen führte. Insofern war das Auseinanderbrechen dieses Kreises nach Deinem Tod auch logisch. Ich habe für mich die Freiheit gefunden von der ich glaubte das es sie auch für mich als Süchtiger der ich immer bleibe geben kann. Und ich habe recht. Heute kann ich n Glas Bier genießen. Wenn ich merke das es nicht paßt dann schütte ich das Glas eben aus. Für mich kein Problem. Für die Anderen war es ein Problem. Leider ist daran eine 12 jährige Freundschaft zerbrochen. Es hat einige Zeit gedauert bis ich meinen Groll über das Zerbrechen dieser Freundschaft loslassen konnte.

Auch wenn es heute beschwerlicher wäre mit dem Rollstuhl zu Dir zu kommen, wenn wir uns nicht mehr sooft sehen könnten, Du bist nicht mehr da. Auf Deiner Veranda zu sitzen und einfach nur zu sein wie wir sind, gemeinsam tief zu schweigen oder e Stück Flaaschworscht mit Brötsche zu esse oder zu telefonieren, all das fehlt mir.

Du warst und wirst für mich immer ein ganz besonderer, spezieller Mensch bleiben.

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