HIV 2.0: Und das Leben geht weiter


Redebeitrag von Florian Winkler-Ohm zum Welt-AIDS-Tag 2013 – Zentrale Veranstaltung der AIDS-Hilfe Frankfurt e.V. in der Paulskirche

Mein Dank gilt an dieser Stelle Florian Winkler-Ohm der mir erlaubt hat seine Rede auf meinen Blog einstellen zu dürfen. In diesem Fall liegt das Copyright © bei Florian Winkler-Ohm/Aids Hilfe Frankfurt

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HIV 2.0: Und das Leben geht weiter

Liebe Freundinnen und Freunde,

die Zeiten ändern sich: der Weltaidstag bleibt. 1988 wurde dieser Tag zum ersten Mal von der WHO ins Leben gerufen. Rund um den Globus rufen seither am 1. Dezember verschiedenste Organisationen dazu auf, aktiv zu werden im Kampf gegen HIV, Solidarität zu zeigen mit Infizierten und all derer zu Gedenken die den Kampf gegen die Erkrankung verloren haben.

Seit 1988 hat sich jedoch vieles verändert. Hochwirksame Medikamente und ein breiter Therapieerfolg sorgen zumindest hierzulande dafür, dass sich das Gesicht von HIV gewandelt hat. Zumindest im medizinischen Bereich. Ganz anders sieht es da jedoch beim breiten Wissen in der Bevölkerung, bei der Angst vor möglicher Infektionen beim Kontakt mit Positiven und bei so manchem Arbeitgeber aus.Noch zu tief sitzen in der Generation 40+ die Schreckensbilder der 80er-Jahre, zu viele negative Meldungen mit Wörtern wie „Seuche“, „Epidemie“ und „tödliche Ansteckungsgefahr“ wurden von meinen Journalistenkollegen hierfür verwendet. Berichte über wirksame Medikationen, über den neuen Schutz durch Therapie für diskordante Paare und eine Wende hin zu einer chronischen Erkrankung findet man auch im Rahmen der Berichterstattung rund um den 1. Dezember meiner Meinung nach oft viel zu wenig.

Ich selbst bin seit 8 Jahren positiv. Und mit mir wächst eine neue Generation von Positiven in Deutschland heran. Eine Generation die von Anfang an in den Genuss hochwirksamer Medikation kommt und für die auch HIV nicht mehr zwangsläufig mit den Schreckensbildern der Vergangenheit behaftet ist. Und schaut man sich die neuen Zahlen des Robert Koch Instituts an, stellen wir fest: 78000 Menschen leben inzwischen deutschlandweit mit dem Virus, davon rund 50.000 unter Therapie.

HIV 2.0 könnte man diesen Fortschritt in der Medizin benennen. Und in der Tat: Es tut sich einiges bei diesem Thema. Das Bild der Erkrankung verändert sich. Ein Bild das vielleicht gar nicht mehr in die Arbeit der klassischen Aids-Hilfe passt. Denn wer sich ein wenig mit den Therapieverläufen der letzten zehn Jahre in Deutschland beschäftigt,muss feststellen, dass selbst der Name Aids-Hilfe häufig nicht mehr zur heutigen Realität passt.

Ist das nicht eine großartige Entwicklung, sich ernsthaft darüber Gedanken machen zu können, ob HIV-Hilfe nicht der passendere Begriff ist. Zeigt nicht allein diese Tatsache, dass wir in Deutschland dank sehr guter medizinischer Versorgung den ersten wichtigen Schritt erreicht haben: Den Ausbruch von Aids in den meisten Fällen zu verhindern und die HIV-Infektion zu einer chronischen Erkrankung zu machen, mit der es sich leben lässt.

Ich bin kein Freund vom Verweilen in der Vergangenheit. Ich bin deutschlandweit unterwegs um HIV-Prävention zu betreiben: In Schulen, auf Straßenfesten, auf CSDs: Und auch wenn es einige vielleicht nicht gerne hören: Aus vielen Gesprächen mit jungen Menschen an unseren Präventionsständen kann ich Ihnen sagen: Die Schreckensbilder die Aids noch vor einigen Jahren ausgelöst hat, existieren in den meisten Köpfen der heutigen Jugend nicht mehr.
Ob das schlimm ist werden Sie sich jetzt fragen ? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir lernen müssen HIV 2.0 so zu handeln wie es ist. Insbesondere wenn wir aus aktuellen Studien immer noch die massive Diskriminierung und Ausgrenzung von HIV-Positiven erfahren müssen. Wir müssen Tage wie diesen auch nutzen, neben der so wichtigen Erinnerung, der Trauer und dem Gedenken an unsere lieben Freunde, der Öffentlichkeit klar zu sagen: Passt auf, HIV hat sich verändert.

Es ist nicht mehr wie in der x-fachen Wiederholung des zweifelsohne guten Films „Philadelphia“. Wir sterben nicht mehr. Ansteckungswege und Risikofaktoren sind heutzutage klar erforscht. Und dann gibt es noch die neue Erkenntnis, die nur schwierig zu kommunizieren ist: Der Schutz durch Therapie ist wirksamer als durch ein Kondom, wenn wir andere STIs außen vor lassen.

Mein Auftrag als HIV-Positiver ist es, dieser Infektion ein neues, realistisches Bild zu geben. Ein Bild das zum Weltaidstag 2013 passt. Denn wenn wir gegen Stigmatisierung und Diskriminierung ankämpfen wollen und etwas in der Gesellschaft verändern wollen, müssen wir diesen wichtigen Tag auch hierfür nutzen.

Und dabei ist es meines Erachtens wichtig, wie ich selbst hierüber kommuniziere. Erst gestern habe ich eine Anfrage eines Magazins anlässlich des Weltaidstags erhalten, die gerne ein Interview mit einem Aidskranken führen wollten. Nach der Beantwortung des Fragekatalogs dachte ich so für mich, wie unspektakulär. Keine nennenswerte Nebenwirkungen, ein Freundeskreis der darüber Bescheid weiß, Eltern die inzwischen im Thema sind, keine Kur, keine Frührente, nichts.

Bin ich überhaupt noch der geeignete Interviewpartner für einen Weltaidstag? Und dann sehe ich mich in meinem Bekanntenkreis um, erlebe in vielen Fällen das gleiche Bild.

Mit dem Titel „HIV 2.0 – und das Leben geht weiter“ arbeite ich derzeit an einem Buchtitel, der die Infektion und die Konfrontation dieser mit unserer Gesellschaft in die Neuzeit holt.Der aufräumt mit alten Klischees und der klar macht, dass in vielen Fällen heute HIV nicht mehr das prägende Thema in aufflammenden Beziehungen ist. Ob das schlimm ist? Das dürfen meine Leserinnen und Leser entscheiden. Ich selbst empfinde die Entwicklung äußerst positiv. Es ist jedem selbst überlassen wie er mit seiner Infektion umgeht.

Die Entscheidung die ich selbst als HIV-Positive jedoch treffen möchte, ist die, wie ich insbesondere an einem Welt-Aids-Tag – mit meiner Infektion umgehe und welches Bild ich hierüber in der Öffentlichkeit präsentieren möchte.

Ja, auch ich habe gute und enge Freunde an den verlorenen Kampf gegen Aids verloren.Und ja, es gibt nach wie vor zu viele Patienten die an den Folgen der Infektion trotz hochwirksamer Therapieansätze scheitern. Bei allem Gedenken an diese Tragik möchte ich dennoch, dass der Weltaidstag und ich als Botschafter dieses Tages der breiten Öffentlichkeit – die wir durch diesen Tag erreichen möchten – auch ein zeitgemäßes und realistisches Bild über die Infektion geben darf.

Und wenn Sie so wollen, dann stehe ich heute hier stellvertretend für all die Menschen in Deutschland die trotz ihres positiven HIV-Status ein normales, ein gesundes und erfülltes Leben führen: All diejenigen die die Frage „Wie geht es dir?“ Mit „bestens“ beantwortenwürden.

Klar gibt es immer wieder Hindernisse und Rückschläge. Ich erinnere mich an unangenehme Ereignisse, wie die Tatsache vor rund zwei Jahren mit der klaren Aussage dass ich HIV-Positiv sei, keinen Zahnarzttermin bei vier verschieden Praxen in meiner alten Heimat Augsburg bekommen zu haben. Alle vier habe ch veröffentlicht. Alle vier haben sich entschuldigt. Es ist an der Zeit das wir das Unwissen und die unbegründete Angst im Umgang nicht weiter hinnehmen. Es ist Zeit dass wir aufräumen mit“alten Bildern“ und falsch behafteten Klischees.

HIV ist, was du draus machst – fände ich einen tollen Slogan für den nächsten Weltaidstag.

Denn wer wenn nicht wir können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten das Bild über HIV und damit auch die einhergehenden Diskriminierungen und Stigmatisierungen zu verändern.

Wenn Sie alle nun gleich zum Gedenkmarsch aufbrechen, lade ich Sie herzlich dazu ein, gleichermaßen aufzubrechen in ein neues HIV-Zeitalter. In denen wir Unwissenden nicht als erstes vom Tod und dem Leid der 80er, sondern von den Chancen und den neuen Möglichkeiten des Jahres 2013 erzählen. Erst wenn uns das in breiter Front gelingt, dürfen wir Veränderung in der Gesellschaft erwarten.

Hier in der ehrwürdigen Paulskirche in Frankfurt wurden schon einmal wichtige Veränderungen in Deutschland beschlossen. Sie alle die Sie heute Abend hier teilnehmen sind Botschafter, ja Multiplikatoren für HIV 2.0.

Lassen Sie uns gemeinsam voller Optimismus und Zuversicht und in dem Wissen darum,dass es noch viele Hindernisse zu überwinden gibt, an dem Ziel arbeiten das der Umgang mit HIV-Infizierten zur normalsten Sache der Welt wird. Und helfen Sie mit, dass auch der Weltaidstag nicht nur zu einem Tag der Trauer und des Gedenkens sondern auch zu einem Tag der Zuversicht und der Aufbruchsstimmung in einen neuen selbstbewussten und selbstverständlichen Umgang mit diesem Thema wird.

HIV ist, was du daraus machst. In diesem Sinne Ihnen einen Guten Abend und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Frankfurt am Main, den 1. Dezember 2013

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