Chance in der Krise – Teil 2 (akt 1)


Vor 4 Jahren hatte ich über das Thema 危机 Weiji = Krise u.a. das Folgende geschrieben:

Krise21

Das chinesische Wort für Krise ist  危机 (Weiji) und besteht, wie die meisten chinesischen Hauptwörter, aus zwei Schriftzeichen:

  • 危: Wei trägt die Bedeutung “Gefahr, Bedrohung”
  • 机: Ji bedeutet hier “wichtiger Zeitpunkt” bzw “Chance”

Es betraf meine Situation zu dem Zeitpunkt 1985 als man mich darüber in Kenntnis setzte das ich HIV positiv bin.

Heute, 4 Jahre oder 28 Jahre später, je nach Lesart, sehe ich mich wieder mit einer Krise, einer Situation konfrontiert, die wie ich sie wahrnehme, empfinde einen entscheidenden Einfluß auf meinen Alltag hat. Die Chance, die sich mir damals im Laufe der Jahre nach meiner Diagnose „HIV+“ eröffnet hat, sie diesesmal zu erkennen, wahrzunehmen wird ein schwerer Kampf werden.

Mehr wie einmal habe ich geschrieben und gesagt das Krankheiten zum Leben dazugehören, das Krankheiten ein Teil vom Leben sind. Und auch das mit dem Alter, mit dem alt werden Krankheiten auftreten bzw zunehmen können. Solange man jung ist und von Krankheiten heimgesucht wird, so hat man idr die Hoffnung um nicht zu sagen eine Art Gewißheit das man wieder gesund, genesen wird. Es ist eine Art von Selbstverständlichkeit von der man ausgeht. Ähnlich verhält es sich mit dem Alter, dem älter werden. Auch hier ist es eine Art der Selbsverständlichkeit das Krankheiten zunehmen. In beiden Fällen gibt es Menschen die vom Schicksal begünstigt niemals krank werden.

Wie sieht es aber aus wenn Alter und Krankheiten parallel einhergehen? Ein Zustand der für die meisten Menschen die Regel ist. Wie geht man, gehe ich damit um wenn eine körperliche Beeinträchtigung zu einem Teil meines Alltages wird bzw ist? Die Art und Weise wie ich damit im Moment umgehe ist alles andere als das was man gemeinhin mit Gelassenheit und Entspannt sein bezeichnet. Davon bin ich meilenweit entfernt.

Im Juli hatte ich auf Grund eines Bandscheibenvorfalles zwei Behandlungen CT-PRT bekommen. Die akute Situation – entzündeter Nerv –  hat sich gebessert. D.h ich habe keine Schmerzen mehr. Weder was meine Bandscheiben/Rücken betrifft, noch die Schmerzen in den Beinen.

Was geblieben ist, ist eine (zusätzliche) Schwäche im rechten Bein , das Taubheitsgefühl und die Unbeweglichkeit in den beiden Zehen meines rechten Fußes, die aber langsam zurückgeht.

Das habe ich vor 3 Wochen geschrieben. Dieser Zustand hat sich leider nicht geändert, verbessert. Die beiden Zehen des rechten Fuß (großer Zeh und der rechts daneben) sind steif und ich habe kein Gefühl in ihnen. Die Taubheit, Gefühlslosigkeit in den Zehen und die Schonhaltung die mein Körper während der akuten Bandscheibensituation eingenommen hat erschweren mir das Laufen in einem Maß das mich nicht nur in meiner Bewegungsfreiheit einschränkt sondern mich alles andere als mit Gelassenheit und Annahme reagieren läßt. Der Rollator ist nach wie vor eine sinnvolle Hilfe dessen ich mich gerne bediene.
Mein Alltag jedoch hat sich von Grund auf verändert. Es geht weniger um das was ansteht, um das organisatorische sondern darum das ich jede Bewegung, jede Handlung mit Achtsamkeit ausführe. In einer Zeit als ich frei von Beschwerden war, war Achtsamkeit mit „Wahl“ verbunden. Ich kann Achtsamkeit beim Atmen, beim Laufen, bei allen Handlungen „wählen“. Muß es aber nicht unbedingt. Dies hat sich geändert. Natürlich habe ich auch jetzt noch eine Wahl. Ich kann meinem inneren Drang, meiner Routine wie ich sie Jahrelang lebte folgen, ihr weiterhin Raum geben, sie leben. Das Ergebnis würde heute sofort auf der Hand oder besser auf dem Boden liegen.

Jeder Schritt den ich gehe, jeden Fuß den ich vor den Anderen setze muß ich achtsam und langsam ausführen. Ich muß schauen wo ich laufe, auf jedes Hindernis auf meinem Weg achten. Das größte Hindernis das sich mir immer wieder in meinen Weg stellt, ist meine innere Unruhe, der Drang meiner inneren Geschwindigkeit wie ich sie Jahrelang praktiziere und die zu einer Routine wurde nicht nachzugeben, ihr keinen Raum mehr in meinem Alltag einzuräumen. Das innere Programm das 63 Jahre meinen Alltag bestimmte funktioniert heute nicht mehr.

Das vorhandene Programm runtime.exe kann auf Grund einer Veränderung der Hardware nicht mehr ausgeführt werden. Bitte neues Programm schreiben und hochladen.

Wahrzunehmen das ich mich nicht mehr in der Art und Weise bewegen kann wie all die Jahre zuvor, meinen Alltag zu erledigen, ich jede Handlung achtsam auszuführen was mit mit Langsamkeit einhergeht, meiner inneren Unruhe, einem Zustand von gehetzt sein wie ich es oft interpretierte, nicht mehr nachzugeben, das fällt mir unendlich schwer. Schnell war gestern. Ich brauche mehr Zeit bis ich wenn es klingelt an der Tür bin (meistens ist dann niemand mehr an der Sprechanlage), brauche Zeit bis ich das Telefon abgenommen habe (immer das Telefon überall mitzunehme ist auch keine Lösung), brauche mehr Zeit bis ich angezogen bin. Mein Zeitmanagement muß ich neu schreiben, mir mehr Zeit nehmen (die ich ja habe) die ich für die alltäglichen Dinge benötige.
Was das „rausgehen“ betrifft, lange Strecken mit dem Rollator zurückzulegen ist mir zur Zeit nicht möglich. Nach 100 Meter bin ich am Ende meiner Kräfte. Dazu kommt der Umstand das ich auf Sitzmöglichkeiten mit einer Höhe von mehr als der Norm von 45 cm angewiesen bin. Dies gilt z.b. auch für Toiletten. Was sich die Entwickler von Behindertentoiletten dabei gedacht haben das sie die Sitzhöhe noch niedriger als normale Toiletten kosntruiert haben das entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn man auf Grund von einer Myopathie – Muskelschwund  – in den Armen und Beinen i.e. keine Kraft um sich gemäß dem Hebelgesetz hochstemmen zu können schon mit einer Höhe von 45 cm Schwierigkeiten hat, ist es offensichtlich das man von Stühlen und Behindertentoiletten nach der DIN Norm von 46 – 50 cm nicht aufstehen kann. Sowas können sich nur realitätsfremde Theoretiker ausdenken. Das es Behinderte gibt wie auch die Tatsache das bestimmtes Mobiliar der Behinderung entsprechen muß, das hat sich noch nicht herumgesprochen.  Mit einem höhenverstellbaren Bett alleine ist es nicht getan.

Routinen zu ändern „Gut-schlecht,sinnvoll-sinnlos etc“ unabhängig wie man sie bewertet, es ist ein völlig neuer Abschnitt in meinem Leben der sich mir jetzt präsentiert.

Das große Thema ist wieder einmal „Verlust, Abschied, Trauer und Wut, auch Zorn und Agressivität – „loslassen eben“. Und wie jedesmal fällt es mir schwer mich darauf einzulassen, die Realität, das JETZT anzunehmen.

*

21. August 2013

Vor einiger Zeit habe ich hier über meine derzeitige körperliche Situation geschrieben und das ich mir einen Rollator zugelegt habe. Mit dem Rollator kann ich mich was meine Mobilität betrifft gut in meiner Wohnung und auch ein Stück weit außerhalb (bis zur Mülltonne) bewegen. Er hilft mir meinen Alltag besser zu bewältigen. Blumen gießen, Essen zubereiten, Wäsche waschen und aufhängen, eben all das was man halt so in der Wohnung macht, was es „zu Hause“ zu tun gibt. Allerdings beschränkt sich die verbesserte Monilität nur auf die berühmten „4 Wände“. Strecken die länger als 30 Meter sind mit dem Rollator zurückzulegen ist mir jedoch noch nicht möglich. Ich schreibe deshalb „noch nicht“ weil ich 2 x wöchentlich zu einer Physiotherapie gehe und ca 90 – 120 Minuten an bestimmten Geräten die den Muskalaufbau fördern Übungen mache, bzw trainiere um wieder längere Strecken zu bewältigen, was mir im Moment „noch nicht“ möglich ist. Da wird wohl noch einige Zeit ins Land ziehen bis ich zumindest mit einem Stock wie noch vor 2 Monaten Besorgungen machen, unterwegs sein kann. Auch mit dem Rollator ist mir dies nicht möglich da ich ja auch hier meine Beine benötige. Und ohne Kraft/Muskeln in den Beinen nützt der schickste Rollater nix.

In der Nacht vom Sonntag auf Montag habe ich mir meine körperliche Verfassung ganz prgamatisch durch den Kopf gehen lassen und bin zu der Entscheidung gekommen das in meiner derzeitigen Situation ein Rollstuhl das probate Mittel ist um alleine Besorgungen erledigen zu können. Pragmatisch heißt für mich das ich einen Beobachterstandpunkt einnehme und mir meine Situation frei von Emotionen und Gefühlen anschaue. Das Thema „alt werden“ und auf Hilfe – ob auf die Hilfe von Menschen oder technische Hilfsmittel angewiesen zu sein“ ist für viele Menschen mit Scham besetzt. „Was sollen die Nachbarn, Freunde etc von mir denken. Ich möchte nicht das sie so sehen“, „Ach was war ich doch früher so fit und gesund, und jetzt das . . . “ solche oder ähnliche Gedanken gehen Menschen mitunter durch den Kopf wenn sie am eigenen Leib körperliche Veränderungen erfahren und nicht mehr „alleine all die Dingen tun können die ihnen früher leicht von der Hand gegangen sind. Rückzug, Isolation, Vereinsamung auch Verdrängung ist nicht selten die Folge solcher Gedanken, einer solchen Denkweise.

Zum Glück haben die meisten Geschäfte einen ebenerdigen Eingang sodaß ich vom Bürgersteig in viele Geschäfte hinein rollen kann. Dazu kommt das ich dann in der Lage bin an Veranstaltungen die mir wichtig sind teilnehmen wie auch mich mit Freunden zum Essen verabreden kann. Die Entscheidung war stimmig. Im Kopf und Bauch ist Ruhe einkehrt, der Atem geht gleichmäßig und ruhig. Ein Gefühl der Sicherheit hat sich eingestellt.

 

Roll on J.J. Cale

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2 Antworten zu Chance in der Krise – Teil 2 (akt 1)

  1. Diego62 schreibt:

    Dein Gesundheitszustand klingt nicht sehr erfreulich. Du kannst nur versuchen das Beste aus der Situation zu machen und wenn dir der Rollstuhl hilft ist das für dich zunächst eine gute Lösung um auch mal wieder unter Menschen zu kommen.
    Du versuchst ja etwas aus der Sache zu gewinnen. Deine Erklärung zu dem Wort Krise ist da gar nicht schlecht.
    Dir Alles Gute
    Diego

  2. alivenkickn schreibt:

    Danke Diego

    Ehrlich gesagt ich staune auch immer wieder das – wenn ich eine Lösung für mich gefunden habe, das sich Sorgen, Ängste und Nöte auflösen . Als ich diesen Artikel geschrieben habe da habe ich „kein Land gesehn“. Der Rollstuhl, ging mir schon ne ganze Weile durch den Kopf, jedoch in der Nacht vom Sonntag auf Montag war dann die Zeit für die Entscheidung „Sag Ja zum Rollstuhl“ reif bzw gekommen.

    Manchmal da wünscht ich mir das ich über ein Urvertrauen „alles seinen Sinn hat und wird ein gutes Ende finden“ verfüge wie ich es bei Vielen wahrnehme. Aber gut das Leben is ja kein Wunschkonzert.

    LG alivenkickn

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