Den sicheren, Schutz bietenden Hafen verlassen (akt 1)


Intro

Am Sonntag wurde auf FB die Gruppe „Deutschlands Blogger: Ein Projekt“ ins Leben gerufen, das sich was die Mitgliederzahl betrifft mit einer Geschwindigkeit entwickelt die Initiatoren wie auch Mitglieder überrascht.

Wie sind Deutschlands Blogger_innen vernetzt?
Die Visualisierung zeigt Deutschlands Blogger_innen und ihre Verbindungen untereinander. Als Datengrundlage dienen die Mitglieder der Facebook Gruppe Deutschlands Blogger. Aktuell werden nur Verbindungen auf Facebook beachtet. Weitere Datenquellen sind geplant. Weitere Informationen -> hier = Quelle

Und wie das nun mal im Netz so üblich ist hat die Resonanz auch nicht lange auf sich warten lassen.

*

In der Gay Freedom Parade am 25. Juni 1978 hat Harvey Milk trotz mehrerer Morddrohungen wenn er an diesem Tag eine Rede halten würde vor über 250000 Menschen in San Franzisko eine Rede gehalten deren Inhalt heute – leider – an Aktualität nichts verloren hat.

“Wie werden es nicht zulassen das man uns unsere Rechte vorenthält. Die Schwarzen haben ihre Rechte nicht dadurch bekommen das sie sich weiterhin stillschweigend in den hinteren Teil der Busse setzten. Sie sind aus diesem Kreislauf des Schweigens ausgestiegen wie Rosa Parks.

Ich bin das Schweigen leid, also werde ich darüber sprechen. Und ich will, das auch Ihr darüber sprecht. Schwule Brüder und Schwestern, was wollt ihr dagegen tun? Ihr müßt rauskommen. Euch bekennen . . . euren Eltern gegenüber. Ich weiß das es schwer ist und daß Ihr ihnen weh tun werdet, aber denkt daran, wie weh sie Euch in der Stimmkabine tun werden. Sagt es Ihnen, sagt es euren Verwandten. Sagt es euren Freunden, wenn sie wirklich eure Freunde sind. Sagt es euren Nachbarn, sagt es euren Arbeitskollegen. sagt es nur den Leuten die ihr kennt und die Euch kennen. Sonst niemand. Aber ein für allemal: Macht Schluß mit den Mythen, zerstört die Lügen und Verzerrungen”

aus
Randy Stilts “Im Namen der Hoffnung” Goldmann Taschenbuch – Deutsche Ausgabe August 1983 – Titel der amerikanischen Originalausgabe “The Major of Castro Street” The Life and Time of Harvey Milk, St. Martin´s Press New York  (Das Schweigen brechen – Teil 1)

Einige Tage später habe ich den letzten Absatz in Das Schweigen brechen – Teil 2 auf die Gegenwart bezogen modifiziert.

Wie werden es nicht mehr zulassen das man uns weiterhin stigmatisiert, diskriminiert und kriminalisiert. Wir werden es nicht mehr zulassen das die Medien weiterhin unsere Würde mit den Füßen treten. Wir werden es nicht mehr zulassen das die Medien sich zum Sprachrohr derjenigen machen die HIV Positive als Virenschleudern und Bio Waffen bezeichnen. Wir werden es nicht mehr zulassen das die Medien über uns Mythen und Lügen erzählen, das die Medien die Wahrheit verzerren.
Ich bin das Schweigen leid, also werde ich darüber sprechen.

Das Schweigen zu brechen bedeutet sich zu öffnen, seine Ängste zu überwinden und seine Bedürfnisse zu kommunizieren und artikulieren. Sich zu öffnen birgt das Risiko in sich, sich angreifbar und verletzbar zu machen. Man verläßt um mit einem Bild zu sprechen einen Hafen der Schutz und Sicherheit bietet und liefert sich dem Wetter und dem Meer aus. Man tauscht Geborgenheit gegen das Risiko von Verletzungen und Schiffbruch zu erleiden ein.

Die Erfahrung wie stark der Gegenwind sein kann der einem entgegenbläßt wenn man sich „aus der Deckung wagt“ dieses Gefühl kennen Matthias Gerschwitz und ich recht gut. Der Teilzeitvlogger Marcel Dams erlebt es wöchentlich immer wieder.

Da ich mich in diese Gruppe ebenfalls eingeklinkt habe war und ist die Wahrscheinlichkeit nicht von der Hand zu weisen eine Freundschaftsfrage zu erhalten.

Vor 4 Jahren habe ich mich in FB angmeldet. Zieht man „Seiten“ aus dem Kreis meiner FB Freunde ab so kenne ich ca ein gutes Drittel persönlich. Die übrigen FB Freunde sind mit der Zeit dazugekommen da es sich im Laufe der Kommunikation herausgestellt hat das uns viel verbindet – auch das wir uns symphatisch sind. Der Kreis in dem ich mich bewege ist mir also bekannt bzw andere FB Freunde und ich haben gemeinsame Freunde. Wir bewegen uns sozusagen in einem sicheren Kreis, einem Hafen oder in einem „geschlossenen System“. In einem geschlossenem System auch deshalb weil die Einstellung unserer Freundesliste so behaupte ich mal fast alle auf „Nicht öffentlich“ eingestellt ist.

Schwule, Lesben, Transgender – identische Menschen, MSM, Männer und Frauen die HIV + sind haben im Laufe der Jahre Verletzungen erfahren die weit über das Maß hinausgehen was Einzelne in der Gesellschaft durch die Gesellschaft i.e. ihre MitMenschen erfahren haben. Die Stonewall EreignisseStonewall Riots geben davon Zeugnis. Die teilweise gewaltätigen Ereignisse in Frankreich dieser Tage erinnern sehr stark an die Ereignisse in Stonewall im Jahr 1969.

In Deutschland war Homosexualität bis zum Jahre 1973 strafbar. Aus dem StGB wurde der § 175 erst im Jahr 1994 gestrichen. Viele ältere Schwule/Lesbische Frauen sind davon heute noch traumatisiert. Ulli Würdemann ist gerade dabei auf dem Blog „2mecs“ die Geschichte der Schwulen und Lesben zu dokumentieren.

Als HIV und AIDS in Deutschland 1982 Thema wurde hat der Kreis der Personen der davon betroffen ist Verletzungen im seelischen Bereich erfahren die viele der heute  Älteren Dank der zur Verfügung stehenden Medikamente zur Behandlung von HIV für ihr Leben geprägt haben.

Heute sterben wir in den reichen Ländern zumindest (Gott sei Dank ändert sich das dank der Generika Produktion in Indien in den Ländern wo Menschen mit HIV und mit weniger als 2 $ am Tag leben müssen) nicht mehr an den Folgen von HIV/AIDS. Stigmatisierung und Diskriminierung ist leider 3o Jahre nach HIV in Deutschland immer noch Alltag.

Die Visualisierung der Blogger ist eine Sache. Was es für „uns“ spannend macht ist der Aspekt der Vernetzung von Bloggenden HIV positiven Menschen. Bloggende Schwule gibt es sehr viele. Bloggende HIV Positive gibt es da recht wenig.

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Prävention und Aufklärung – Strukturelle Prävention in Deutschland funktioniert seit Jahren. Der Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung, gegen Ablehnung und Ausgrenzung kommt mitunter – so fühlt es sich an – einer Sisyphusarbeit gleich.

Aufklärung – Kommunikation ist ein Spagat der von dem Risiko auch Angst vor persönlichen Verletzungen einerseits und dem Wunsch nach Veränderung im Sinne von Toleranz und Akzeptanz durch die Gesellschaft geprägt ist. Zudem birgt es die Gefahr das die beteiligten „professionellen Akteure“ sich hauptsächlich innerhalb ihrer Kreise i.e. WeltAIDS und anderen ähnlichen Konferenzen, Welt AidsTag, Veranstaltungen für die Community bewegen. Mit anderen Worten wir bewegen uns oftmals innerhalb eines „geschlossenen Systems „was die Frage nach einer freiwilligen, selbst gewählten „Ausgrenzung von der Gesellschaft“ ins Spiel aufwirft.

Was bedeuten unsere pers Erfahrung im Kontext zu möglichen Freundschaftsanfragen von Mitgliedern aus der Gruppe „Deutschlands Blogger: Ein Projekt“? Es gibt nur wenige HIV positive Bloggende. Die Ursache dafür liegen in der Angst vor Verletzungen ausgelöst durch Ablehnung, Stigmatisierung und Diskriminierung. So bunt gemischt die Interessen der Mitglieder in dieser Gruppe auch sein mögen, es ist einer von vielen Wegen um Gehör zu finden.

Veränderung zum Nulltarif gibt es nicht. Veränderung in Gang zu setzen, sich zu öffnen, aus dem sicheren Hafen auszulaufen birgt das Risiko verletzt zu werden und zu scheitern. Der Gewinn jedoch so behaupte ich ist ungleich größer.

*

24.04. 19.00 – Zum Thema Bloggende organisieren sich . . .

Coming Out of the HIV/AIDS Closet

„Why wasn’t someone with HIV/AIDS speaking at an HIV/AIDS event? Now, I know it takes a good amount of courage to bare your soul in public, and I understand why those with HIV/AIDS might want to stay in the closet. They have been stigmatized and hurt, especially by the LGBT community. We are with you. Don’t be afraid. Without PWA (people with AIDS) participating in all levels of HIV/AIDS awareness, education, research and support programs, there is no passion and therefore no motivation to move forward. Even if you work behind the scenes, it makes a difference. I really don’t want to go to another World AIDS Day event and have a healthy priest play the role of someone with HIV/AIDS. I want PWA to come out of the closet.“ Quelle: Huffingtonpost.com“

Auf den Punkt gebracht . . .

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