Blick aus dem Fenster in das Leben . . .


Wochenlang habe ich mich auf das Treffen gefreut. Noch am Tag vorher habe ich dem Taxifahrer der mich zwei mal die Woche zur PhysioTherapie abholt die Uhrzeit gesagt zu der er mich abholen soll. Doch je näher das Treffen kam umso größer wurde mein Unwohlsein, „unter Menschen“ zu gehen. Ich suchte nach Gründen warum ich nicht zu dem Treffen gehen würde.

Es ist diese „depressive Verstimmung“ wie ich es seit einiger Zeit bezeichne die sich wie ein schleichendes Gift unmerklich in meinem Körper geschlichen und ausgebreitet hat, mich lähmt, daran hindert „raus – zu den Menschen“ zu gehen und letztendlich bewirkt das ich mich immer mehr von den Menschen isoliere und mich zurückziehe. Dieses (s)mich „von den Menschen zurückziehen, dieses (s)mich isolieren“ das ich bei Anderen so klar erkenne, hat mich ebenso gefangen. Der Verlust meiner körperlichen Mobilität und der damit verbundene Zustand – per se nicht zwangsläufig – trägt nur teilweise zu dem mich von Anderen zu isolieren bei. Der Zustand des Allein sein zu wollen, des mich in meinen 4 Wändern zurückziehens, aufzuhalten und zu bewegen, ein Zustand der mir schon beim daran Denken zugegebenermaßen sehr großes Unbehagen, Angst auslöste, hat mich immer wieder mal in seinen Fängen.

Einerseits sehne ich mich nach der Nähe und dem Beisammensein mit Menschen, andererseits je näher ein Treffen, ein Termin kommt, umso größer wird mein Unbehagen, meine Angst vor Menschen. Und dann gibt es wiederum Tage, da wische ich dieses Gefühl des Unbehagen, diese Angst vor Menschen weg wie Krümel vom Küchentisch.
Wenn ich es nüchtern betrachte so hätte ich zu dem Treffen fahren können. Gut am Wochenende nicht Online zu gehen sondern erst Anfang der nächsten Woche wäre für mich zwar unangenehm aber letztendlich kein Beinbruch gewesen.
Die Telekom hätte mich auch über das Handy erreichen und mich informieren können ob und woran es liegen könnte das ich nicht Online gehen konnte. Ich hatte mich erst mal darauf versteift das das Problem an der Leitung liegen müsse und ich unbedingt Online sein mußte. Vorher konnte ich nicht aus dem Haus gehen. Das war mir wichtig. Wichtiger als alles Andere. Auf der einen Seite vermisse ich es auf Grund meiner Immobilität nicht mehr „raus zu gehen, unter Menschen zu gehen“. Andererseits, je näher ein Termin kommt umso unwohler fühle ich mich, finde Gründe Menschen nicht zu begegnen, Termine abzusagen und auf später zu verschieben. Das Drama ist das Kopfkino das sich sehr oft abspielt wenn es darum geht: „Gehe ich Raus, oder nicht“. Von dem Moment an wo ich mich jedoch überwunden, das Kopfkino abgeschaltet und mich entschieden rauszugehen, wenn ich mit Menschen zusammen bin, dann habe ich kein Problem mit ihnen zu kommunizieren.

Das anstrengende in dieser Situation sind die sich abwechselnden Stimmungen. Weniger die Zeiten wo alles stimmig ist als die Zeiten die von einer depressiven Stimmung geprägt sind. Es ist äußerst Energie und Kräftezehrend, kaum produktiv und fühlt sich alles andere als gut an, stimmig an. Dieses Muster zieht sich schon seit einigen Monaten wie in roter Faden durch meinen Alltag. Es ist ein Alltag mit Tagen an denen sich für mich alles Bleischwer und zäh anfühlt. Ich fühle mich wie eine Fliege die sich in einem Topf mit Honig befindet und strampelt um frei zu kommen.

Nebenkriegsschauplatz

Dieses Mal brauchte ich gar nicht groß nach Gründen zu suchen warum ich nicht kommen würde. Die Bürgersteige, selbst die paar Meter zum Taxi,waren frei von Schnee, es regnete nicht und körperlich ging es mir den Umständen entsprechend. Der Taxifahrer der mich immer fährt würde mich von der Haustür abholen und bis zu der Tür der Lokalität führen wo das Treffen stattfand. Eigentlich hätte mich also nichts daran gehindert zu dem Treffen zu gehen. Eigentlich! Der Einzige der mich daran hinderte war – bin ich selbst. Dieses Mal lieferte mir die Technik einen Vorwand warum ich nicht kommen konnte. In der Nacht vom Freitag auf den Samstag konnte ich noch Online gehen. Am Samstagmorgen war es nicht mehr möglich Online zu gehen.

Wenn technische Geräte nicht funktionieren gerate ich recht schnell in Panik. Ich weiß welchen Schalter ich umlegen muß damit der TV, die Kaffeemaschine oder Waschmaschine,etc funktioniert. Aber wehe mein DVD Player funktioniert nicht mehr, mein Fernsehgerät hat kein Bild, oder ich habe keinen Zugang ins Netz. Ich gerate sofort in Panik. Mein technisches Verständnis bewegt sich auf einem Level von – 10. In solchen Momenten gibt es nur eine Lösung für mich. Der Griff zum Telefon. Entweder rufe ich einen Handwerker an, bitte ihn SOFORT zu kommen oder wie in diesem Fall rufe die Telekom an. Der zweite Anruf galt einem Bekannten der weiß wie er meinen Computer wieder ins Laufen bringt. Glücklicherweise hatte er am Samstag Nachmittag Zeit. Ich bat ihn einen neuen Router mitzubringen. Damit hatte ich auch vor mir selbst einen Grund gefunden warum ich nicht zu dem Treffen fahren konnte. Ich hatte wieder einmal einen Grund gefunden nicht unter Menschen zu gehen.

Was das Thema Router betrifft:

 Da ich bis zum späten Mittag die Hoffnung hatte, das es an der Leitung und nicht an meinen Router liegt habe ich den Termin mit meinem Bekannten erst mal abgesagt. Später am Abend wurde ich von einem Mitarbeiter der Telekom dahingehend informiert, das die Leitungen in Ordnung sind. Danach habe ich noch einmal meinen Bekannten angerufen und einen Termin für Montag vormittag ausgemacht.

Ach ja es war das Netzteil, sprich der Akku der defekt war. Aber auf diese einfache Lösung komme ich nicht. Ganz nach dem alten Credo: Warum einfach wenn s kompliziert sein muß – Es darf nicht sein was nicht sein kann.

*

Während dieser 2 Tage des Offline seins stellte ich mir die Frage wie es OHNE InternetZugang für mich wäre, wie es wäre gar nicht mehr Online zu sein – vor allen dingen nicht mehr zu wissen das „Wenn der Computer wieder funktioniert, das Problem gelöst ist, der Uralub  vom „Ich“ zu Ende ist , . . .“ wenn man weiß das es kein Zurück mehr gibt . . . ?

Mir würde es verdammt schwer fallen. Es würde eine totale Neu orientierung notwendig machen, da ein langjähriges Praktizierens eines Verhalten „Online sein“ nicht mehr möglich ist. Und „Loslassen“ ist idr alles andere als einfach und vor allen Dingen „schmerzfrei“.

Mir wurde klar  wie „unflexibel (ich) wir einserseits (bin) sind, andererseits wie sehr wir auf „Sicherheit – AlltagsRoutinen“ sozialisiert/konditioniert/programmiert sind.

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter A Day in the Life, Abschied, Gesellschaft, Gesundheit, HIV im Alltag, HIV und Alter, HIV/AIDS, Stigma abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s