Persönlicher Jahresrückblick 2012


Frankfurt/Main 6. Dezember 2012 kurz nach 7 Uhr, ein guter Zeitpunkt für einen Jahresrückblick. Wie war das Jahr 2012 für mich? Was hat mich im zu Ende gehenden Jahr 2012 berührt, bewegt und beeindruckt? In der Community, In Deutschland, Weltweit?

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Das eine waren die Ergebnisse der  Studie „Positive Stimmen“ die von der DAH durchgeführt wurde. Mir war bewußt in welchem Maß sich große Teile der Gesellschaft gegenüber Menschen mit HIV/AIDS verhalten. Ob es sich um irrationale Ängste handelt, die zu einer Ablehnung/Diskriminierung einer Behandlung von Zahn und sonstigen Ärzten führten oder ob es sich um die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber Menschen mit HIV/AIDS handelt, die Ergebnise haben das bestätigt was mir bekannt war. Was mich jedoch erschrocken hat war das Maß der Ablehnung und Ausgrenzung von Vielen von uns durch ihre Familie, nachdem wir unseren Familie oder auch Freunden gesagt haben das wir HIV + sind.

30% der Befragten haben sich von ihrer Familie zurückgezogen. Bei denen, die  zuvor bereits Ausschlusserfahrungen in der Familie machen mussten, waren es sogar 66%.

Die alte Volksweisheit als Ausdruck der besonderen Verbundenheit innerhalb einer Familie „Blut ist dicker als Wasser“ kann man in diesem Fall nur als einen schmerzhaften  Anachronismus bezeichnen. Die ablehnende Haltung und die Verweigerung von Rechten wie sie die größte „auf christlichen Grundsätzen gepägte Volkspartei die für jeden offen ist, der Würde, Freiheit und Gleichheit aller Menschen anerkennt“ auf ihrem gerade zu Ende gegangenen Parteitag zum Ausdruck gebracht hat, wird und kann man nur als einen Treppenwitz der Geschichte bezeichnen.

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Was die medikamentöse (Stand September 2012) und ärztliche Versorgung betrifft so sind wir hier in Deutschland gut aufgestellt. Allen medialen Unkenrufen zum Trotz trifft dies auch auf die Prävention und Aufklärung zu.

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Ein besonderes Highlight dieses Jahr war die Eröffnung der Regenbogenvilla in Berlin die jetzt „Lebensort Vielfalt“ heißt, ein Ereignis das auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen wird. Bleibt nur zu hoffen das es in Zukunft noch mehr solcher „Häuser“ gibt. Schon der Gedanke das wir, Menschen mit HIV/AIDS, Lesben/Schwule/Transgender-identische Menschen die im Alter sozial nicht abegsichtert oder in kein funktionierendes Netzwerk eingebunden sind uns noch einmal mit Stigmatisierung und Diskriminierung, mit Ablehnung konfrontiert sehen „könnten“ ist kein  tröstlicher Gedanke.

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International sieht die Situation für Menschen mit HIV/AIDS leider nicht rosig aus. Zwar  verzeichnet UNAIDS einen weltweiten Rückgang der HIV-Neuinfektionen, jedoch wurde in dem Report mit keinem Wort zu der Situation in der Russischen Föderation, Ukraine, Weißrußland, Rumänien, Bulgarien  Stellung bezogen. Dies höchstwahrscheinlich weil es von „offiziellen Stellen“ keine „aktuellen Zahlen“ gibt. Da blendet man das Unangenehme lieber aus. Die Behandlung von Menschen mit HIV/AIDS kostet Geld. Zum Einen das Menschen die mit HIV/AIDS und mit weniger als 2 $ leben müssen sich diese Medikamente leisten können, zum Anderen benötigt man Geld für den Ausbau/Aufbau der Infrastruktur. Obwohl die Ära des Kolonialismus nach dem Ende des 2. Weltkrieges, als fast alle ehemaligen Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen wurden zu Ende ging, hat sich an der Ausbeutung der Bodenschätze in vielen Ländern Afrikas durch die „neuen Großmächte wie Russland, Frankreich, USA und insbesondere China nichts geändert. Im Sprachgebrauch werden Begriffe wie Kolonien, Kolonialismus nicht mehr verwendet. Sie sind politisch nicht korrekt. An dem Gebaren jedoch hat sich nichts geändert.

Ob sich an der Lage der ärmeren Bevölkerung in vielen Ländern etwas im positiven Sinn verbessern, ändern wird darf man bewzeifeln. Die gegenwärtigen Verhandlungen zu neuen Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa mit bestehenden Freihandelszonen bzw einzelnen Ländern lassen das Gegenteil befürchten.

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Dank des BundesentwicklungsKapser s Niebel trägt Deutschland seinen Teil dazu bei das die Versorgung von Menschen mit HIV/AIDS immer mal wieder ins Stocken gerät.

„Die Bundesregierung hatte im letzten Jahr immer wieder ihre Beiträge für den GFATM zurück gehalten und damit viel Vertrauen im Kampf gegen die Epidemie verspielt. Minister Niebel hatte die Gelder in 2011 eingefroren gehabt aufgrund veruntreuter Gelder in den Partnerorganisationen. Der GFATM hatte durch den internen Revisionsmechanismus die Fälle selbst aufgedeckt, veröffentlicht und die Vorfälle auch der Bundesregierung mitgeteilt  gehabt(Dezember 2010). Zudem muss festgehalten werden, dass die veruntreuten Gelder nicht innerhalb des Fonds selbst aufgetreten sind, sondern in den Partnerorganisationen. Im Rahmen der untersuchten Projekte durch die interne Revision wurden rund 3% an Korruptionsfällen entdeckt.

Immerhin haben Proteste und Druck der Opposition Wirkung gezeigt. Die Gelder für den Fonds sind wieder (HH 2013) in einem eigenen Titel eingestellt inklusive der Verpflichtungsermächtigungen. Minister Niebel hatte die Auszahlung der Gelder immer wieder an die Umsetzung eines Reformplans geknüpft gehabt, um damit auch das Bild vermitteln zu können, dass er die Reformen voran getrieben hätte. Der GFATM hatte aber selbst ein internationales Panel(High Level Independent Review Panel des GFATM) zur Untersuchung der Korruptionsfälle und der Erarbeitung von Reformvorschlägen eingesetzt gehabt. Mitglied des Panels war unter anderem Herr Norbert Hauser, Vizepräsident Bundesrechnungshof a.D.. Gerne kann ich Ihnen noch mehr Infos zu diesem Abschlussbericht des Panels liefern falls gewünscht.

Weitere Negativschlagzeilen gab es als der Fonds die 11. Antragsrunde für weitere Projekte zur Bekämpfung vom HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose vollständig absagen musste. Zu diesem Schritt war der Fonds durch die schwierige Haushaltslage gezwungen worden. Damit hatte die Zurückhaltung der Gelder einiger Geber direkte Auswirkungen. Der Fonds konnte zwar alle Programm weiterführen, aber keine neuen genehmigen.

Beim letzten Treffen mit dem GFATM, wurde uns bestätigt, dass der Reformprozess nun bereits in guten Teilen umgesetzt wurde. Das Antragsverfahren wurde deutlich vereinfacht. Das Rundensystem wurde in dem Sinne abgeschafft, dass die Antragssteller (Länder)zu jedem Zeitpunkt nun Anträge stellen können(früher 1x pro Jahr). Zudem bekommen die Antragsteller bereits frühzeitig Feedback auf ihren Antrag mit ggf. einer Empfehlungen zur Überarbeitung. Früher waren oftmals Anträge gescheitert ohne die Möglichkeit der Überarbeitung oder Neubeantragung. Mit dem neuen Verfahren sollen die Antragsteller gestärkt und unterstützt werden, ist das Verfahren doch recht komplex und anspruchsvoll. Auch intern wurde einiges umstrukturiert. Waren ehemals die Portfolio/Grant-Manager mit ganzen Ländergruppen beauftragt, betreuen sie heute nur noch ein Land (Kontrolle und Effektivität sollen damit steigen). Konkret hat das bedeutet, dass 93 Stellen ins „Grant-Management“ versetzt worden sind. Mit Hilfe einer Risikomatrix sollen Gefahren zudem früher erkannt werden. Zudem wird der Fonds nach eigenen Angaben durch die Reformen die Kosten um 13% senken.  Grundsätzlich betont der GFATM auch, dass durch seine Arbeit so genannte Katalysatoreffekte entstanden sind. Der Eigenanteil in der Finanzierung der Programme durch die Entwicklungsländer konnte durchschnittlich auf 50% gesteigert werden. Man will sich zudem stärker als bisher auf die ärmsten Länder konzentrieren.

Im Herbst 2013 steht die nächste Wiederauffüllungskonferenz an. Hier werden die Geber ihre Zusagen für die kommenden drei Jahre bekannt geben. Diese Konferenz ist damit ein zentrales Event für den Fonds und seine Arbeit für die nächsten Jahre. Die Grünen habe in diesem Zusammenhang in den eben beendeten Haushaltsverhandlungen eine Erhöhung des Beitrags von derzeit 200 Mio. € auf 300 Mio. € gefordert. Anbei schicke ich Ihnen auch die aktuelle PM anlässlich des Welt-Aids-Tags.“ Quelle: Büro – Die Grünen – Uwe Kekeritz

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Und dann war da noch die Welt Aids Konferenz in Washington. Was ich spannend fand waren die Berichte, die pers Eindrücke von Roland die er auf dem Blog Ondamaris kommunizierte. Die offizielle Konferenz war eine Selbstinszenierung die man sich hätte sparen können. Auf der offiziellen Konferenz gab es nichts was nicht schon bekannt war. Die Begegnungen im Global Village haben imo mehr Sinn gemacht. Selbst die Aktionen waren durchgestylt. Da war nichts von Spontanität oder gar Wut wie es noch in 2010 auf der WAK in Wien zum Ausdruck gebracht wurde. Sie waren Brav und vor allen Dingen politisch korrekt. So fehlten unter anderem die SexarbeiterInnen auf der Welt-Aids-Konferenz in Washington. Der Grund: ihnen wurde die Einreise in die USA verweigert. Stattdessen traf man sich zum Gegenkongress in Kalkutta (Kolkata), zum internationalen Sex Worker Freedom Festival. Ein Bericht von Ariane, Sexworkerin aus Berlin.

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Persönlich war für mich das Jahr 2012 ein Jahr mit einschneidenden Veränderungen. Ende Januar dieses Jahres habe ich das Haus meiner Eltern aufgelöst. Meine Mutter lebt seit 16 Monaten in einem Altenpflegeheim in Frankfurt. Waren die ersten Monate von Zorn, Wut und Trauer über den Verlust nicht mehr in ihrem eigenen Haus, der liebgewonenen Umgebung leben zu können geprägt, so hat sie ihre Situation „in einem Kabuff zu leben“ wie sie sich immer mal wieder ausdrückt angenommen. Dies und meine gesundheitliche Situation und die Tatsache das ich auf Hilfe im Alltag angewiesen bin die ich in Frankfurt auch erhalte, waren zwei der Gründe warum ich Anfang Februar von Darmstadt nach Frankfurt/Main Anfang umgezogen bin. Mittlerweile habe ich mich in meiner neuen Wohnung gut eingelebt.

Auch Communitymäßig hat es einige Veränderungen gegeben. Nach 22 Jahren Präventionsarbeit wird sich der PrivatAIDS Aktivist und Bayern Fan (gut gut, niemand ist vollkommen) Uwe Görke-Gott wie er sich selbst bezeichnet von der Aktivisten-Bühne zurückziehen.

Ondamaris sagt „Danke und Tschüss“. Bernd Aretz hat es in seinem Kommentar treffend auf den Punkt gebracht.

Ondamaris war für mich immer die erste Adresse, wenn ich mich schnell zu irgendwelchen Fragen fachkundig machen musste. Was aber ebenso wichtig war, waren die vielen persönlichen Geschichten, die Stimmungsbilder, die sich aus den Kommentierungen ergaben, die Einblicke in unterschiedlichste Lebensweisen. Der fast tägliche Blick auf Ondamaris sorgte dafür, am Puls der Zeit zu bleiben. Schade, dass dies jetzt sehr viel mühsamer wird. Schön, dass Du anderen Bereichen des Lebens jetzt mehr Energien geben kannst.

Was bleibt ist der private Ulli Würdemann  . . .

. . . wer mit mir in Kontakt bleiben möchte, findet mich auch weiterhin in diversen sozialen Netzwerken – oder auf der privaten Site , die mein Mann und ich machen 2mecs.
Und vor allem: im realen Leben …

Und das worüber Ulli auf seinem pers Blog schreibt, ist nicht weniger interessant, spannend und aufschlußreich.

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