„Stimmen in der Stadt“ – Frankfurt/Main – Menschen mit HIV erzählen . . . (akt 4)


Aus der Rede von Martin Kostezer anläßlich der Auftaktveranstaltung am 26. November 17.00 Uhr im Haus am Dom, Frankfurt/Main.

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Wie Alles anfing  – Ursprung und Idee die hinter den „Stimmen in der Stadt“ stand

,,Es gibt ja kein Lob dafür, dass man den Tag überlebt hat.“

Dieser Satz stammt von Gerd. Gerd ist 46 Jahre alt, HlV-positiv und wohnt in Berlin. Er
erzählt davon, dass er vor anderthalb Jahren nach einer einfachen Nasenoperation stark
erkrankt sei und sich nur langsam erholt habe. Seither sei er depressiv.

Gerd:
,,Ja, man merkt dann, dass man gar nicht so viele Freunde hat, dass das eine begrenzte Anzahl ist. Und richtig klar wird einem das dann erst, wenn man wieder etwas gesunder ist – aber nicht so gesund, dass man wieder am Nachtleben teilnehmen kann – und dann einfach nur’ne Handvoll Freunde über bleibt.

Es ist schwierig, nur mit sich selber beschäftigt zu sein. Vielleicht gibt es Menschen, die das können, aber ich kann das nicht, mich ununterbrochen sinnvoll zu beschäftigen. lch glaube, mein Selbstwertgefühl würde steigen, wenn ich etwas täte, was ich als sinnvoll empfände. Wenn ich irgendetwas schaffe, fühle ich mich natürlich besser, als wenn ich mir zu Hause künstlich so’n Plan mache oder irgendwie meinen Tag verbringe. Es kriegt niemand mit. Und es gibt ja kein Lob dafür, dass man den Tag überlebt hat. „

Die Sätze, die ich hier vorgelesen habe, hat Gerd im Sommer 2006 bei einem Sommerurlaub in Norddeutschland gesagt, Genauer gesagt: Auf der Krankenreise der Berliner Aids-Hilfe. Diese Reise ermöglicht Menschen eine Erfrischung, die sonst nie aus ihren vier Wänden herauskommen. Christoph Weber, Arzt im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin, war als begleitender Arzt dabei. Er hat das lnterview mit Gerd aufgenommen.

Als Christoph Weber mir das !nterview vorspielte, war Gerd gerade gestorben. Das war im
Herbst 2008. lch war sehr berührt, wie offen und unverblümt Gerd aus seinem Leben mit HlV erzählte. Mit Christoph zusammen fing ich an darüber nachzudenken, wie dieses Vermächtnis und andere lnterviews, die er aufgenommen hatte, einem größeren Publikum
zu Ohren gebracht werden kann. Das war der Anfang von Stimmen in der Stadt.

An diesem Anfang standen also die Menschen und ihre Geschichten. Stimmen in der Stadt
war nicht als neue Strategie oder als Kampagne der BerlinerAids-Hilfe entstanden,  sondern aus dem Befund heraus, dass es Menschen gibt, die etwas zu sagen haben. Menschen, die aber keine Stimme in der Öffentlichkeit haben. Weil man über HIV und Aids heute nicht mehr spricht.

Wir fanden, dass das, was diese Menschen aus ihrem Leben erzählen, eine Relevanz hat. Nicht mehr und nicht weniger.

Stimmen in der Stadt Berlin fand zum Welt-Aids-Tag 2010 statt. Die Stimmen wurden gehört. Alle größeren Radiosender berichteten über das Audio-Projekt. Und sogar die FAZ widmete den Stimmen eine Viertelseite.

Diese Berichterstattung ist hier in Frankfurt/Main offensichtlich auf guten Boden gefallen. Wir haben uns außerordentlich gefreut, als die Aids-Hilfe Frankfurt nicht nur lnteresse an unserem Projekt bekundet hat, sondern tatsächlich die Mühe und Anstrengung nicht gescheut hat, Stimmen in derStadt hierzu realisieren. Thorsten Berschuck und alle anderen, die an diesem Projekt beteiligt sind: Herzlichen Glückwunsch fürs Durchhalten! lch kann euch nachfühlen, wenn ihr demnächst vor allem das Bedürfnis habt, wieder einmal auszuschlafen …

Unser größter Respekt gilt den Menschen, die den Mut gefunden habefl, mit ihrer Stimme – in Berlin und in Frankfurt – an die Öffentlichkeit zu gehen. lhnen wünschen wir jetzt viele offene Ohren hier, in dieser Stadt.

lm Namen des ganzen Teams von Stimmen in der Stadt Berlin wünsche ich euch ein
weitherum hörbares, anregendes, ansprechendes und anstößiges „Stimmen in der Stadt
Frankfurt“.

Die Stimme von Gerd – Berlin sowie den anderen Stimmen in/aus der Stadt Berlin.

Mein Dank gilt Martin Kostezer mit dessen freundlicher Genehmigung ich seine Rede die er am 26. November 2012 im Haus am Dom, Frankfurt/Main gehalten hat hier einstellen darf. Mein Dank gilt all den anderen MitarbeiterInnen/Beteiligten des Projektes „Stimmen in der Stadt“ Berlin die dieses Projekt realisiert haben. Mein ganz besonderer Dank gilt Gerd und all den Anderen die uns durch ihre Stimmen einen Einblick in ihr Leben gewährt haben.

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Berlin – Am 25. November 2010 kam es im aufgestiegenen Berliner Bezirk Prenzlauer Berg zu einer eigenartigen Polizeimeldung: „Am heutigen Morgen, gegen 04:00 Uhr, beschwerten sich mehrere Bürger unabhängig voneinander telefonisch bei der Polizei, dass die Ampelanlage Kastanienallee/Schönhauser Allee laut mit den Passanten spricht.“
Was dort mit den Passanten sprach, war aber keine Ampel. Es waren die Stimmen von sieben Menschen aus Berlin, die aus ihrem Leben mit HIV und Aids erzählten. Das Projekt Stimmen in der Stadt war dazu angelegt, diesen Stimmen eine Öffentlichkeit zu geben. Die Stimmen wurden gehört, ganz besonders nachts, wenn sich der Lärm der Stadt aus den Straßen zurückgezogen hatte.

Dass diese Stimmen Anstoß erregen würden, hatten wir fast gehofft, als wir das Projekt ins Leben riefen. Ihnen zuzuhören forderte den Passanten Einiges ab. Man erfuhr Dinge aus dem Leben, über die sonst nicht gesprochen wird.

*

Zwei Jahre, nachdem die Lautsprecher in Berlin wieder abmontiert wurden, sind nun neue Stimmen zu hören. Wir freuen uns sehr, dass die AIDS-Hilfe Frankfurt sich von unserer Idee hat anstecken lassen und die Mühe nicht gescheut hat, das Projekt in ihre Stadt zu holen. Sie unterstreicht damit die Notwendigkeit, das Schweigen über HIV und Aids zu durchbrechen.

Foto Copyright © Stimmen in der Stadt

Stimmen in der Stadt Frankfurt/Main – Ein Audioprojekt der AIDS-Hilfe Frankfurt

Zwischen dem 26. November und dem 5. Dezember 2012 werden an verschiedenen Orten in Frankfurt Stimmen der Betroffenen über eigens dafür konstruierte Lautsprecherinstallationen zu hören sein. In Interviews erzählen sie, was es bedeutet, über Jahre und Jahrzehnte mit dieser Infektion zu leben, welchen Problemen sie sich stellen müssen, welche Erfahrungen von Ausgrenzung und Ablehnung, aber auch von Solidarität und Selbstbestimmung sie machen. In diesen Gesprächen finden vor allem Menschen Gehör, die als Homosexuelle oder Drogengebraucher über ihre HIV-Infektion oder AIDS-Krankheit hinaus weiteren Diskriminierungen ausgesetzt sind.

Der Startschuss der Aktion fällt am Montag, 26. November um 16 Uhr, mit einer Auftaktveranstaltung im Haus am Dom. Dort wird unter anderem der Leiter des Projekts und Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Frankfurt, Thorsten Berschuck, in Beisein von Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig, die Idee des Projektes vorstellen. Jo van Nelsen wird uns einen Vorgeschmack auf das zu Hörende geben und abschließend werden wir  zu einer der Audioinstallationen am Eisernen Steg ziehen, um dort als erste die Stimmen in der Stadt zu hören.

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Die Menschen von Stimmen in der Stadt Frankfurt

Sechs Menschen aus Frankfurt erzählen aus ihrem Leben mit HIV/AIDS, lassen uns teilhaben an intimen Momenten, an Situationen von Angst, Trauer, Schmerz, aber auch der Lebensfreude, Zuversicht und Hoffnung.

Wolfgang, Peter, Ilona, Felix, Bernd und Hans erzählen uns davon, wie sie den Augenblick erlebten, als sie ihr Testergebnis mitgeteilt bekommen haben und in der Folge der Auseinandersetzung heute mit HIV/AIDS leben.

Über ihre Stimmen sollen letztlich auch die mit der AIDS-Hilfe Arbeit eng in Zusammenhang stehenden nochmalig stigmatisierte Zielgruppen gehört und auf auch heute noch abseits des medizinischen Fortschritts weiterhin bestehenden Problemlagen hingewiesen werden.
Nach dem Hören der Interviews wird man feststellen, dass auf die Frage, was es heute mit HIV/AIDS zu leben heißt, nicht die allgemeingültige Antwort gegeben werden kann, es hierauf wohl so viele Antworten geben mag, wie Menschen mit HIV/AIDS in Deutschland leben.

Warum haben diese Menschen nun an diesem Projekt teilgenommen?
Wir haben Sie gefragt:

Ilona: Ich habe mich für dieses Projekt interviewen lassen, weil …
die Diskriminierung noch groß ist.

Wolfgang: Ich habe mich für dieses Projekt interviewen lassen, weil einmal für mich der Zeitpunkt gekommen ist „Flagge“ zu zeigen, zum anderen nach fast 30 Jahren HIV in Deutschland Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit HIV „gesellschaftspolitisch“ ein Unding ist.

Peter: Ich habe mich für dieses Projekt interviewen lassen, weil …
HIV heute in der Öffentlichkeit kaum noch Interesse hervorruft und thematisiert wird. Das liegt in erster Linie an der Entwicklung neuer Therapiestandards, die zu einem qualitativ annehmbaren Leben ohne unmittelbare Todesbedrohung geführt haben. Häufig verschwiegen wird dabei die Fülle an verschiedenen Problemen körperlicher, psychischer und sozialer Natur, die ein Leben mit HIV und der damit verbundenen lebenslang nötigen Therapie, mit sich bringt. Als Langzeit-Infizierter möchte ich deshalb die Gelegenheit nutzen, über mein Leben mit HIV und den damit verbundenen Problemen und Konsequenzen, zu sprechen.

Hans: Ich habe mich für dieses Projekt interviewen lassen, weil …
damit nach über 25 Jahren mehr Offenheit in der Bevölkerung und Arbeitswelt stattfindet und die Menschen, die zuhören besser verstehen was es heißt, mit dem Virus zu leben.

Bernd: Ich habe mich für dieses Projekt interviewen lassen, weil …
jeder Krankheit individuell erlebt und ich anderen Bildern meine Sichtweise als eine der Möglichkeiten entgegen setzen will.

Die Geschichten – die Stimmen

hier gibt es die O-Töne zum download (mp3):

Hans…

Felix…

Ilona…

Peter…

Wolfgang…

Bernd…

Die Dateien haben eine Größe von 6-12 MB, je nach Downloadgeschwindigkeit kann das herunterladen einige Minuten in Anspruch nehmen.

 Quelle:

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Krankheitsgeschichte über Lautsprecher

26.11.2012 ·  Er hält seine HIV-Infektion für „wie Rheuma ohne Schmerzen“. Bernd Aretz ist einer derjenigen Betroffenen, die im Rahmen einer Aktion der Aidshilfe an sechs Orten ihre Lebensgeschichte erzählen.

„Warum soll ich mich schämen“, sagt der Vierundsechzigjährige, „nur wer sich zeigt, kann etwas verändern.“ Seit 30 Jahren führt er seinen Kampf gegen „die Bilder in den Köpfen der Menschen“, gegen Diskriminierung von Infizierten und gegen die eigene Krankheit. weiter geht es hier: faz.net

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Update 27. November 2012 – Welt.de:

„Wie sagts Du das Du HIV hast?“
Frankfurter Aids-Hilfe startet Lautsprecher-Projekt „Stimmen in der Stadt“

Mit einer Lüge zu leben oder zu verheimlichen, „dass ich HIV positiv bin, das ist das Schlimmste“, sagt Hans aus Frankfurt. „Stell dir vor, du hast ein Vorstellungsgespräch. Sagst du es?“, fragt der Mann mit den markanten Gesichtszügen. „Und wenn du vier, fünf Jahre keinen Sex hattest und dann kannst du mit jemanden in die Kiste – sagst du, dass du positiv bist?“ Die Angst vor Zurückweisung begleitet den 52-Jährigen seit 25 Jahren, jeden Tag. Damals wurde er im Betrieb bei einem regulären Gesundheitscheck HIV positiv getestet. Heute will er aufklären und sich immer mehr von der Last des Schweigens befreien. . . . weiter geht es hier -> Quelle: welt.de

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