Chance verpaßt


Rund 200 Kongressteilnehmer_innen haben sich getraut. Sie sind mit Transparenten wie „Kein Staatsanwalt in meinem Bett“, „Einvernehmlicher Sex = un§schuldig“ oder „Mein Sohn ist ‚klasse’ und positiv“ durch die Wolfsburger Fußgängerzone gezogen. Es ging darum ein Zeichen gegen Diskriminierung und die Strafbarkeit der HIV-Übertragung zu setzen, die den Positiven einseitig die Verantwortung zuschreibt.

Eine solche Teilnehmerzahl wäre noch bei der letzten Konferenz vor zwei Jahre nicht denkbar gewesen. Die Demo war ein kraftvolles Signal!

Die Wolfsburger_innen nahmen’s überwiegend gelassen, einige zeigten sich in kurzen Gesprächen sehr interessiert und teilweise auch solidarisch. Quelle: Positive Begegnungen – Ticker

*

Mit der Anzahl an Demonstranten hatte niemand gerechnet, eher 20-30 aber 200. Ich finde es SUPER, das sich so viele getraut haben sich offen zu zeigen. Eine kleine Kritik: Die Passanten konnten mit den Aussagen auf den Plakaten nichts anfangen. Quelle: 3. Tag der Positiven Begegnungen

*

PoBe meets VW. So richtig neugierig scheinen die 51.000 VW-Mitarbeiter allerdings nicht zu sein, niemand erschien, die PoBe blieb unter sich. Spannend war der Workshop trotzdem, machte er doch deutlich, wie schwierig es ist, sich am Arbeitsplatz als positiv zu outen. Die zwei Referenten, einer von VW, einer von IBM, berichteten, dass sie am Arbeitsplatz offen leben und damit sehr gute Erfahrungen gemacht haben, bestätigten aber auch, dass sie in ihren Firmen die einzigen offen lebenden HIV-Positiven sind. Das fand ich erschütternd. Quelle

*

Im Vorfeld hatte sich die DAH – das VorbereitungsTeam was dabei gedacht das die PoBe diesesmal in Wolfsburg stattfindet. Einer der Schwerpunkthemen war – und nicht erst seit heute – HIV im Erwerbsleben – HIV am Arbeitsplatz. VW hat 51.000 Mitarbeiter, Wolfsburg hat 120000 Einwohner. Ich fand es bezeichnend das nur 1 Mitarbeiter im Workshop “PoBe meets VW – Was ich immer schon mal fragen wollte, aber mich nie getraut habe…” anwesend war. Insofern wundert es mich auch nicht wenn die Passanten mit den Aussagen auf den Plakaten nix anfangen konnten.

*

Tja liebe Wolfsburger, Viele von Euch konnten also mit den Plakaten nichts anfangen. Dabei wäre es so einfach für Euch gewesen sich zu informieren, uns Fragen zu stellen, mit uns zu reden. Wir waren 3 Tage Gast in eurer Stadt.  In dieser Zeit fand die größte Selbsthilfeveranstaltung in Europa von Menschen mit HIV in Eurer Stadt statt.

Es wäre so einfach gewesen mal auf n Sprung oder auch länger bei uns vorbeizuschauen.  Wir haben gehofft das ihr zu uns kommt, euch an einen Tisch mit uns setzt und das wir zusammen reden. Ihr hättet uns all das fragen können was Euch auf dem Herzen liegt, was Euch in den Sinn kommt wenn Euch die Worte HIV/AIDS in den Sinn kommen. Egal wie schräg sie auch sein mögen, Egal ob ihr auch vielleicht gedacht haben könntet: Nein sowas kann ich doch niemand fragen. Nein, sowas kann ich doch nicht sagen. Was sollen die von mir denken?

Es wäre nicht schlimm gewesen. Wir hätten nichts böses über Euch gedacht.

Ich weiß wie es sich anfühlt wenn mir bestimmte Gedanken in den Sinn kommen. Dann rast mein Herz und mein Puls schlägt mir bis zum Hals, schnürt mir manchmal den Hals zu. Auch ich habe Vorurteile und Meinungen über Menschen. Vorstellungen, Dramen,  die mir durch den Kopf gehen. Dagegen sind die meisten Hollywood Horrorfilme Märchenfilme. Das ist völlig normal weil ich – wir so erzogen wurden. Es ist menschlich Vorurteile zu haben. Es ist menschlich eine Meinung über andere Menschen zu haben, die nicht auf individuellen Leistungen beruht, sondern vielmehr auf Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit vermeintlichen Eigenschaften. Auch wenn s schwer fällt, darüber kann man reden. Klar, es kostet ne Menge Mut und Überwindung, keiner weiß das besser als wir. Wir hätten Euch zugehört und Eure Fragen beantwortet. Wir hätten Eure Ängste gut verstanden. Wir hätten verstanden das ihr Euch unwohl fühlt. Warum? Einfach weil wir Ängste kennen. Aber spätestens nach 10 oder 20 Minuten hättet ihr gemerkt das es gar nicht so schwer ist mit uns zu reden. Und ich sage jetzt mal ihr hättet Euch wohl gefühlt bei Uns – mit uns. Logisch nicht jeder wäre „erleuchtet“ nach Hause gegangen. Unverbesserliche gab es immer und wird es auch immer geben. Manche wären mit der gleichen Meinung, Haltung nach Hause gegangen mit der sie gekommen wären. Andere wären gar nicht erst gekommen weil sie an ihrer Meinung festhalten. Die Möglichkeit jedoch das viele von Euch mit einer anderen Sichtweise von und über uns nach Hause gegangen wären, nun die ist nicht von der Hand zu weisen.

Statt dessen seid ihr nicht gekommen, habt nicht die Gelegenheit wahrgenommen sich mit uns an einen Tisch zu setzen. Auch das ist völlig in Ordnung. Das ist Euer gutes Recht.

Das ihr eine Meinung über uns habt, das steht außer Frage. Das diese nicht unbedingt immer positive Meinungen sind, das steht auch außer Frage. Genauso wie es außer Frage steht das Meinungen im Verhalten gegenüber Menschen, in dem Fall uns „Menschen mit HIV“ zum Ausdruck gebracht werden. Und in unserem Fall – da es sich um Meinungen/Verhalten gegenüber uns – Menschen mit HIV – handelt fühlt es sich für uns alles andere als gut an.

Dabei ist es im Grunde genommen völlig unerheblich wie eine Krankheit heißt. Leben beinhaltet auch Krankheiten. Das Leben kennt keine Unterschiede.

Wie geht s jetzt also weiter? Der Status quo ist weiterhin unverändert. Die Gesellschaft – dafür steht Wolfsburg stellvertretend – behahhrt weiterhin auf/bei ihrem Stanpunkt und wird sich weiterhin wie bisher verhalten. Natürlich ist dies jetzt sehr schwarz gesehen, aber im Detail betrachtet ist es einfach so. Ihr werdet uns weiterhin diskriminieren, wir werden weiterhin dagegen ankämpfen „müssen“. Der Zustand, wenn man sich in einem Solchen befindet ist um mit einer Metapher zu sprechen einem „Krieg“ ähnlich. „Kein Krieg – Kampf“ fühlt sich gut an, kein Mensch wünscht ihn sich.

Wir alle wollen nur eines. Unser Leben in gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Toleranz leben. Das Leben bringt es mit sich das auf diesem Weg Hürden liegen, die es zu überwinden gilt. Die PoBe in Wolfsburg war eine solche Möglichkeit „Hürden“ zu überwinden. Diese Chance habt ihr verpaßt.

Ein Freund von mir hat es wunderbar auf den Punkt gebracht:

Am Ende sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass der Kampf um gewisse Rechte schon immer mit Risiken verbunden war, aber dass wir uns und unsere Themen in die Welt tragen müssen, um etwas zu verändern.

Es ist ähnlich der Geschichte von homosexuellen Aktivisten: Sie wurden oft nieder geschlagen, aber sind immer wieder aufgestanden. Sie haben für sich und ihre Rechte gekämpft und genau deswegen, sind wir heute da, wo wir sind (auch wenn die Reise noch weiter gehen muss).

Wir als HIV-Positive werden nicht still sein, uns verstecken oder unterdrücken lassen. Schlagt uns immer wieder nieder, diskriminiert uns, sprecht uns Rechte ab – Wir werden immer wieder (!) aufstehen, weiter kämpfen, nicht aufgeben. Wir sind viele und wir machen die Ausgrenzung nicht mit. Wir schämen uns nicht für unsere Fehler, denn sie sind menschlich!

Wir werden unsere Wünsche und Erwartungen an die Gesellschaft raus tragen. Nichts kann uns davon abhalten.

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema:

Dieser Beitrag wurde unter AIDS, Arbeit und Recht, Diskriminierung, Gesellschaft, HIV im Alltag, HIV/AIDS, Homophobie/Gewalt, Inland, Menschenrechte/Human Rights, Stigma abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s