Beschneidung . . . Körperverletzung?


. . . und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen

. . . ist die letzte Zeile des Gedichtes „Deutschlands Beruf“ von Emanuel Geibel. Aus dieser Zeile wurde dann der Satz „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ generiert, dessen Konnotation weniger mit Patriotismus (siehe Kritik) sondern nach meinem Gefühl  zum Nationalstolz tendiert und einer damit einhergehenden „negativen Haltung“ gegenüber Menschen mit einem anderen kulturellen, traditionellen und vor allen Dingen religiösem Hintergrund führen die hier in Deutschland leben.

Von Kritikern wird eine patriotische Einstellung oft mit Nationalismus gleichgesetzt, oder als Tarnung für nationalistische Ansichten betrachtet, da auch Nationalisten für sich den Anspruch erheben, Patrioten zu sein. Quelle: Wikipedia

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Der Auslöser für diesen Artikel ist das Urteil des Landgerichts Köln zur Zircumzision vom 7. Mai 2012 (Az.: 151 Ns 169/11)

Die Beschneidung von Knaben aus religiös motivierten Gründen – in Deutschland bis dahin täglich vollzogen – ist und war schon immer als Körperverletzung strafbar.

Angeklagt im Kölner Fall war ein Arzt, der auf Wunsch der muslimischen Eltern an einem vierjährigen Jungen kunstgerecht eine Zirkumzision durchgeführt hat.

Das Amtsgericht Köln hatte ein strafbares Handeln noch mit knapper Begründung verneint (Az.: 528 Ds 30/11).

Das umstrittene Urteil des Landgerichts Köln zur Beschneidung von Jungen bringt Ärzte wie Eltern in die Bredouille. Denn streng genommen sind jetzt auch andere Operationen strafbar.‎ Quelle: Ärztezeitung.de:

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Ich finde es ein Unding das sich durch diese Rechtssprechung, dieses Urteil über jüdische wie auch moslemische Traditionen einfach hinweggesetzt wurde.

Für Menschen die in unserer Tradition und Kultur über Generationen aufgewachsen sind, mag dieses Urteil Gültigkeit haben. Ich sage deshalb mag weil man über den Aspekt der Einwilligung des Kindes durchaus diskutieren kann und muß. Der Entscheidung von Eltern eine Beschneidung ihrer später nicht mehr minderjährigen Kinder zu überlassen ist genauso zu begrüßen wie einem vorhandenen gesundheitlichen med Aspekt Minderjähriger (Phimose) mit einer Beschneidung Rechnung zu tragen wie auch der Tatsache das es Aspekt gibt die nicht der breiten Mehrheit Zustimmung entsprechen.

Auch oder besonders im Kontext zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten ist je nach Reife eines minderjährigen Kindes eine Entscheidung durch die Eltern eine Option.

Doch da dieses Urteil auch Menschen eines anderen Kulturkreises/Tradition die hier leben betrifft, ist dieses Urteil imo schlicht und einfach eine Überheblichkeit sonders gleichen.

Wie anders soll man den Ruf nach Trennung von Staat und Kirche denn sonst verstehen wenn man – die Jüdische wie auch die islamische Religion durch ein solches Gesetz derart mit den Füßen tritt bzw sich darüber, über deren Religion hinwegsetzt indem man ihnen „Unsere Denk und Sichtweise“ die nun mal auch von unserer Religion und der für unseren Kulturkreis enstanden Sichtweise geprägt ist überstülpt?

In Artikel 4 der Grundrechte des Grundgsetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es:

Art 4:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Ein Kommentar zu einem Artikel „Kann ein deutsches Gericht die religiöse Beschneidung verbieten?“ finde ich bemerkenswert da sie imo des Pudels Kern trifft.

Juden sind davon nicht betroffen, da die Beschneidung am 8.Tag nach der Geburt eines Knaben in der Thora explizit vorgeschrieben ist. Der jüdische Beschneider braucht auch keine Einverständniseklärung der Eltern bevor er ans Werk schreitet. Es ist weder ein medizinischer, noch ein ästhetischer Eingriff, sondern die Durchführung einer gesetzlich vorgeschrieben Elternpflicht.

Ein Präzedenzfall gegen Juden müsste jetzt her! Einfach so weitermachen und warten bis ein deutsches Gericht einen Mohel wegen Körperverletzung anklagt. Dann müsste der Deutsche Gesetzgeber, die Thora für gesetzeswidrig erklären und deutsches Recht über die Thora stellen.

Wenn das passieren sollte, hätten die Demokraten das geschafft, was die Faschisten nicht erreicht haben – Deutschland judenfrei zu bekommen.

Quelle: Hagalil

Leider sind nach diesem Urteil auch Juden die nach der Thora leben davon betroffen. Gleiches gilt imo auch für Moslems.

In der Diskussion zu diesem Artikel auf Hagalil wird sehr oft die Thematik: „Ist das Leben nach der Thora unter Berufung auf die Bibel heute noch zeitgemäß“ heiß diskutiert. Wohlgemerkt, diese Diskussion findet unter Juden bzw Menschen jüdischem Glaubens die hier in Deutschland wie auch in Israel oder einem anderen Land leben statt. Diese Diskussion, Kommunikation kann und darf nur von ihnen ohne Einmischung von außen (Input anderer Sichtweisen wenn danach gefagt wird – JA) geführt werden.

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Im Kontext zur Genitalverstümmelung von Mädchen stelle ich dieses Urteil nicht in Frage. Das ist Körperverletzung – keine Frage. Nur auch hier – Gewohnheiten die in diesem Fall auch mit „Tradition“ über Jahrhunderte erklärt werden kann man nicht mit einem Gesetz – Urteil über Nacht vom Tisch wischen. Das geht nur über Kommunikation. Frauen wie Waris Dirie ein Top Model aus Somalia, haben in ihrem Buch „Wüstenblume“ dieses Thema aufgegriffen. Sie sind es die eine solche Diskussion innerhalb ihres Landes, mit Menschen ihrer Tradition und Kultur anstoßen können, die eine Thematisierung eines Sachverhaltes in den Ländern aufgreifen wo heute noch diese Genitalverstümmelung vorgenommen werden. Und auch hier tragen Inputs anderer Sichtweisen von Außen zu einer anderen Sichtweisen, ggf einer Veränderung einer Gewohnheit bei.

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Bestandteil von Evolution und Entwicklung, von Veränderung ist die Kommunikation. Wenn in einem Land wie dem in dem wir i.e. Menschen unterschiedlicher Kulturen, Traditionen und Religionen miteinander friedlich zusammenleben wollen dann geht dies nicht das das Gastgeberland (so nenne ich Deutschland jetzt mal) sich über die Kultur, Religion und Tradition Anderer hinwegsetzt. Veränderung – das friedliche Zusammenleben funktioniert nur wenn Kommunkation auf verschiedenen Ebenen stattfindet.

Die eine Ebene ist die auf der Basis der Ebene des Hintergrundes der Menschen – Gäste.  in dem Fall Juden und Moslems die in Deutschland leben Sachverhalte innerhalb ihrer Gemeinschaft, Familien zu kommunizieren und zu diskutieren.

Die zweite Ebene ist die Kommunikation der Menschen des Landes der Gastgeber. Auch hier muß kommuniziert und diskutiert werden.

Eine weitere Ebene ist der Austausch der Gedanken unter allen Menschen die in einem Land wohen, zusammen leben.

Grundsätzlich gilt das innerhalb einer Gesellschaft das ein Konsens aller Beteiligten gesucht werden sollte. Fremdbestimmung ist in Fällen die derart sensibel wie eine Beschneidung von Jungen ist, ungeeignet um nicht zu sagen inakzeptabel.

Das ist imo der Weg den man beschreiten muß. Sanktionen, Gesetze = Gerichtsurteile führen in den seltensten Fällen zum Erfolg.

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Wir sprechen von unterschiedlichen Sichtweisen und Grenzen, wir sprechen über gegenseitige Toleranz und Respekt, gegenseitiges akzeptieren des/der Andersdenkenden im Rahmen der Achtung der persönlichen Freiheit das Anderen.

Im übrigen sind wir alle Gäste eines Gastgebers auf dieser Erde. Schon daher finde ich es immer wieder erstaunlich wie schwer wir unser Zusammenleben immer wieder gestalten.

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Update 21. Juni 2012

Aus „Religionsfreiheit kann kein Freibrief für Gewalt sein“:

Natürlich müssen in der laufenden Diskussion auch die Bedürfnisse, Befürchtungen und Traditionen der beteiligten religiösen Gruppen Berücksichtigung finden. Hier muss auch wechselseitiges Verständnis gefördert werden. Der schwerwiegende Vorwurf jedoch – unter assoziativem Verweis auf den Holocaust – durch ein Verbot der rituellen Jungenbeschneidung würde „jüdisches Leben in Deutschland“ unmöglich werden, ist für Vertreter des Kinderschutzgedankens nicht hinnehmbar. Es geht vielmehr darum, auch jüdisches und islamisches Leben im Rahmen der deutschen Rechtsordnung zu schützen. Als Kinder der Aufklärung müssen wir endlich die Augen aufmachen: Man tut Kindern nicht weh!

Quelle: faz.net: Offener Brief zur Beschneidung

Als Kinder der Aufklärung müssen wir endlich die Augen aufmachen: Man tut Kindern nicht weh!

Nicht nur in diesem Zusammenhang habe ich meine Schwierigkeiten mit dem “Wir”. Ich als ein Teil dieses “Wir” als Kind der Aufklärung stimme dem zu. Jedoch was ist mit denjenigen des “Wir” die dem nicht zustimmen? Welche Konsequenz bleibt dann? Fremdbestimmung per Gesetz? Wie gesagt, da habe ich magengrummeln . . . .

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3 Antworten zu Beschneidung . . . Körperverletzung?

  1. Reinhard Moysich schreibt:

    Beschneidung bleibt verfassungs- und menschenrechtswidrig!

    Ich finde es absurd und schädlich für das Ansehen des Islam und Judentums, ein eigenes Gesetz für die Erlaubnis der Beschneidung von Jungen bekommen zu wollen.

    Von Seiten der Juden wurde gegen das Kölner Urteil nach Beratung von verschiedenen Juristen keine Revision eingelegt! Somit ist jenes Urteil schon längst rechtskräftig, wonach jene Beschneidung nach dem Grundgesetz und den Menschenrechten eine strafbare, willkürlich herbeigeführte Körperverletzung, also eine Misshandlung, darstellt. Und zwar nicht nur in ganz Deutschland: Da Kinder eben Menschen (und keine Objekte) sind, stehen sie auch weltweit unter dem Schutz der Menschenrechte, welchen allen(!) Menschen auf dieser Erde gleichermaßen körperliche und seelische Unversehrtheit garantieren!
    Es gibt keine „Rechtsunsicherheit“ mehr, wie manche Muslime und Juden seltsamerweise noch immer meinen.

    Diese Beschneidung stellt nicht nur eine nicht mehr rückgängig zu machende körperliche Veränderung dar, sondern ist – wie jede Operation – mit Risiken verbunden (wie der Fall in Köln zeigt, wo der Junge nach der Operation in die Notaufnahme gebracht werden musste).
    Außerdem können bei ihr zum Teil langwirksame körperliche und/oder seelische Schmerzen (Traumata) auftreten (besonders dann, wenn die Operation – wie die jüdische Lehre grausam fordert – ohne Betäubungsmittel durchgeführt wird, was verständlicherweise sogar als „Folter“ erlebt werden kann). Zusätzlich können danach lebenslang etliche Nachteile entstehen, wie man im Internet übers „Googeln“ erfahren kann.

    Darum sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass eine medizinisch nicht notwendige Operation erst nach einer umfangreichen Aufklärung – speziell über die Risiken und Nachteile – gemacht werden darf und mit der eigenen Unterschrift gebilligt werden muss (idealerweise sollte die betreffende Person also volljährig sein). Jüdische und muslimische Männer möchten ja sicher schließlich auch nicht, dass bei ihnen eine problematische Operation ohne ihr Einverständnis durchgeführt wird!

    Religiöse Traditionen sind nicht dafür da, ständig weitergegeben und unkritisch durchgeführt zu werden, sondern sollten stets offen gegenüber neueren Erkenntnissen sein, um dann gegebenenfalls geändert zu werden – gemäß dem Bibelwort: „Prüfet alles und (nur) das Gute behaltet!“

    Schließlich: Heutzutage ist es für eine gelungene Integration von religiösen Menschen in die sehr multiweltanschauliche Gesellschaft unbedingt notwendig, die Menschenrechte stets wichtiger als irgendwelche religiöse Regeln anzuerkennen!

  2. alivenkickn schreibt:

    Aus der Presseerklärung des Zentralrates der Juden in Deutschland vom 26. Juni 2012:

    Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht im Urteil des Landgerichts Köln, das die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Körperverletzung bewertet hat, einen beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften.

    Aus: „Warum beschneiden Juden ihre Kinder?“ vom 6.Juli 2012

    Der Jurist Holm Putzke, der die Diskussion um ein Beschneidungsverbot maßgeblich in Gang gebracht hat, sagt, es gäbe auch Israelis, die „trotz religiöser Zugehörigkeit zum Judentum von einer Säuglingsbeschneidung Abstand genommen haben und abwarten wollen, bis ihr Kind in der Lage ist, eigenverantwortlich darüber zu entscheiden. Wenn immer so getan wird, etwa vom Zentralrat der Juden, dass die religiöse Beschneidung im Judentum unverzichtbar und unumstritten sei, dann handelt es sich dabei nur um die halbe Wahrheit.“

    Das Judentum ist keine dogmatische Religion, natürlich gibt es Menschen, die manches anders sehen und machen, das liegt in deren Freiheit. Religionsfreiheit ist auch Freiheit von der Religion. Die Beschneidung ist jedoch ein unumstößliches Gebot im Judentum; eine Einzelmeinung ändert daran nichts. Es gibt auch antisemitische Juden, nichtsdestotrotz ist der Antisemitismus unumstritten eine Bedrohung für Juden.

    Bemerkenswert finde ich die Argumentation von Professor Dr. Michael Bongardt, Theologe, Philosoph und Leiter des Instituts für Vergleichende Ethik.

    Muss eine moderne Gesellschaft die religiös motivierte Beschneidung tolerieren?

    Ja. „Unsere Gesellschaft ist in all ihrer Unterschiedlichkeit auf ein hohes Maß an Toleranz ihrer Mitglieder angewiesen. In einem strikt philosophischen Sinne heißt Toleranz: Ich dulde etwas, was ich aus meiner eigenen Perspektive mit guten Gründen für falsch halte. Das heißt, auch Menschen, die den Ritus der Beschneidung für falsch oder rückständig halten, müssen sich fragen, ob ihre Gründe so schwerwiegend sind, dass sie es nicht dulden können, wenn andere Leute bei diesen Bräuchen bleiben. Niemand verlangt von jemandem, der Beschneidung nicht gut findet, seine Meinung zu ändern. Es geht nur um die Frage der Duldung“, so Professor Dr. Michael Bongardt, Theologe, Philosoph und Leiter des Instituts für Vergleichende Ethik. Man sollte nicht vergessen, dass in der Geschichte der Kampf gegen die Beschneidung eine Vorgehensweise war, um Juden und jüdische Bräuche zu unterdrücken, denn mit der Beschneidung wird ein grundlegendes Gebot des Judentums angegriffen, deren Verbot die Existenz des Judentums gefährdet und in Frage stellt.

  3. alivenkickn schreibt:

    Einen interessanten, nachdenkenswerten Kommentar fand ich auf der Seite der ARD im Kontext zu der Meldung Rabbiner sieht Zukunft der Juden in Deutschland bedroht http://www.tagesschau.de/inland/beschneidung114.html

    Art. 2 Abs. 2 GG :

    „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“

    Wikipedia schreibt hierzu:
    „Des Weiteren handelt es sich hierbei um ein disponibles Rechtsgut, das heißt der Inhaber kann normalerweise nach freiem Willen darüber verfügen. Eine Grenze der Verfügbarkeit ist jedoch für den Fall des Eingriffs durch einen anderen im deutschen Recht durch § 228 StGB gezogen.“

    Inwiefern ein freier Wille bei einem Kind verfügbar ist, welches noch nicht einmal sprechen kann um diesen zu äußern lassen wir mal dahingestellt sein…
    Das Recht auf freie Religionsausübung sehe ich hier nicht „beschnitten“, da ein Kleinkind noch nicht in der Lage ist zu entscheiden welcher Glaubensgemeinschaft es später vielleicht angehören möchte und ob es seine Vorhaut u.U. später noch braucht (und sei es um sie piercen zu lassen).

    Letztendlich ist es der Wille der Eltern die bestimmen wie/an was ein Menschn – ein kleines Kind zu glauben hat. Das Recht der freien Religionsazsübung wie es in Art 4 GG dargelegt wird, wird da imo schon mehr als nur tangiert, jedenfalls nach meinem Verständnis.

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