Alltag in der REHA


Als ich am 5. Juni meine REHA angetreten habe, hatte ich mir Ziele gesetzt die ich während der 21 Tage in der REHA hoffte zu erreichen.

  1. Vom Boden ohne Hilfe aufstehen können
  2. Von einem Stuhl (normale Höhe ) aufstehen können
  3. Treppensteigen können
  4. In einen Zug einsteigen und aus den Sitzen der Züge aufstehen können
  5. Ohne Angst wegen des Vorhandenseins eines Gefühles der Unsicherheit das durch eine Beeinträchtigung meines Gleichgewichtssinn als Auswirkung der Polyneuropathie in meinen Füßen verstärkt wurde laufen zu können

Das erste was ich erfahren habe war das 21 Tage REHA nicht gleich 21 Tagen  Anwendungen bedeuten. Im Umkehrschluß ausgedrückt heißt dies, das ich davon ausgegangen bin das ich 3 Wochen = 15 Tage Anwendungen haben würde in denen ich diese Ziele erreichen könnte. Schnell wurde ich eines besseren belehrt das wieder einaml alles anders war als ich glaubte und vor allen Dingen als ich es mir erhoffte.

Von den 21 Tagen der REHA Maßnahme fielen per se der Tag der An/Abreise und die Wochenenden weg an denen keinen Anwendungen stattfanden. Dazu kam ein Feiertag der in der Mitte der Woche lag. Mit anderen Worten 10 1/2 Tage Anwendungen war – ist die REHA Realität (11 1/2 Tage wenn kein Feiertag in der Woche dazwischenkommt). Das war die erste Erkenntnis die mir am Tag meiner Ankunft in der REHA bewußt (gemacht) wurde.

Der Tatsache das es mir auf Grund einer Myopathie in den Armen und Beinen sowie der Polyneuropathie in meinen Füßen als Langzeitnebenwirkung von HIV plus langjähriger HIV Medikamenteneinnahme körperlich nicht besonders gut ging und es sozusagen 5 Minuten vor 12 war als ich in die REHA ging um etwas für mich zu tun, dessen war ich mir bewußt.

Wie es tatsächlich um mich bestellt war, nun die Dame des MdK Frankfurt die während ihres Hausbesuches, sie hatte meinen Zustand realistischer eingeschätzt als ich, meinte: „Ambulante Therapie? Nix da! Sie gehen mal schön in ne REHA. Sie sind noch viel zu jung für so n Zustand. Da kann man noch ne Menge machen“ (an dieser Stellen nochmals meinen besonderen Dank an den MdK Frankfurt), das wurde mir nach den ersten beiden Anwendungen Ergotherapie und Physiotherapie bewußt. In meinem Fall ging es um das Wieder – Erlangen von Kraft, Ausdauer, Gleichgewichtsverbesserung, allgemeine Mobilisation, Muskelaufbau und Core Stabilität.

Was ich von Ergotherapie wußte war wenig bzw das was ich in meinen Schubladen abgelegt hatte, darunter verstand. „Ergotherapie“ Was n das für n Pipifax“ sagte ich zu mir und auch zu der Therapeutin als ich das erste mal bei ihr war“. Sie schaute mich nur an und sagte dazu nichts. Nach 5 Minuten wurde mir klar das Ergotherapie alles andere als n Pipifax war. Von den 30 Minuten die diese erste Anwendung dauerte war ich so geschaft, das ich in dieser Nacht das erste mal durchgeschlafen habe. D.h. ich wachte wie sonst nicht während der letzten Monate um 3.40 auf sondern schlief bis halb sechs in der früh durch. Da war mir klar das es was meinen körperlichen Zustand betrifft  nicht 5 vor 12 sondern 10 Sekunden vor 12 Uhr war. Ähnlich erging es mir auch in bei den Anwendungen der Physiotherapie. Für einen Gesunden Menschen mögen und sind die Übungen einfach gewesen doch für mich waren sie alles andere als leicht. Mir wurde bewußt das die REHA i.e. die Anwendungen im Großen und Ganzen alles andere als leicht und einfach für mich werden würde.

Das ich nie der sportlichste und bewegungsaktivste Typ war und bin weiß ich seit 62 Jahren. Bis 2009 bin ich täglich Rad gefahren, im Sommer 2 – 3 mal schwimmen gewesen, bin mit meiner damaligen Fotoausrüstung durch Frankfurt oder Berlin getigert und habe fotografiert. Das ein Abbau meiner Muskeln in den Armen und Beinen stattfand habe ich seit dem Jahr 2001 wahrgenommen und dagegen gehalten so gut ich dazu in der Lage war. Selbst 2010 war ich noch soweit fit das ich nach einem Muskalaufbautraining der damals durch die Krankenkassen finanziert wurde zur POBE in Bielefeld fahren konnte. In 2010 – zu dieser Zeit wohnte ich noch in Darmstadt – hatte ich einen REHA Antrag gestellt der mir aber von dem MdK in Darmstadt (einem „Saftladen“ um mich einer höflichen Ausdrucksweise zu bedienen) abgelehnt wurde.

Nach den ersten beiden Anwendungen war mir klar das “ 10 1/2 Tage Anwendungen“ zu wenig sind. Während der ersten Visite in der darauffolgenden Woche habe ich dann die Ärztin gebeten einen Antrag auf Verlängerung zu stellen der vom MdK auch genehmigt wurde. 15 Tage REHA = Anwendungen waren in meinem Fall das Minimum bzw machten Sinn.

Was den weiteren Aufenthalt in der REHA betrifft so werde mich ich nur auf mich und auf das Positive, denn darum ging und geht es einzig und allein, beschränken.

Auf Grund meines Krankheitsbildes war ich auf der Neurologisch-Orthopädischen Abteilung untergebracht.

Das Thema HIV ist den Ärzten wie auch den Therapeuten in dieser Klinik nicht fremd. Der Umgang “ mit uns“ war ohne Ausnahme sei es von den Ärzten wie auch den Therapeuten absolut entspannt und frei von irgendwelchen Vorurteilen. Anfangs war ich etwas skeptisch, habe aber dann sehr schnell gemerkt das „Handschuhe tragen“ nur zweckgebunden zum reinigen einer Badewanne oder eines Armbecken nach einer Anwendung war. Ansonsten wurde ich ganz normal behandelt wie jeder andere Patient. Auch im Gespräch wenn ich das Thema HIV zur Sprache brachte waren alle sehr entspannt. Ich hatte nie das Gefühl das man mir – HIV gegenüber skeptisch oder mit „Mitleid“ gegenüber stand. Mitgefühl – ja . . .

Anfangs hat man mich gefragt ob ich alle HIV Medis die ich benötige mitgebracht habe. „Ja“ sagte ich und „Ich nehme sie selbst“ Damit war das Thema erledigt. Was die Anwendungen durch die Therapeuten betrifft so kann ich diese Einrichtung nur empfehlen zumal die Anwendungen sehr zielgerichtet und auf den jeweiligen Zustand des Betreffenden zugeschnitten sind.

In meinem Fall waren das – um nur einige zu nennen

  1. Ergo-
  2. Physio-
  3. WirbelsäulenTherapie
  4. Ergometer
  5. Geräte-Muskelaufbautraining
  6. Konditionstraining
  7. Koordinationstraining
  8. Fußreflexzonenmassage

Ausnahmslos alle TherapeutenInnen und nur auf die kommt es darauf an, haben einen sehr guten Job gemacht. Diejenigen mit denen ich zu tun hatte waren alle sehr nett, hatten ne Menge Humor und konnten auch meine schrägsten Sprüche ab. Letztendlich war und bin ich mir bewußt das ich „von mir – meinem desolaten körperlichen Zustand“ sprach, und meine Sprüche immer im Kontext zu meinem körperlichen Zustand zu sehen sind. Es – diese Art von Humor, das über mich selbst lachen können das auch ein Ventil für mich ist, über das ich mich von innerem Druck, Ohnmacht, Wut, auch Aggressivität befreien kann. Die Fähigkeit mich immer mal wieder nicht ganz so „ernst“ zu nehmen erleichtert mir die Tatsache das der HIV Virus in meinem Körper Untermieter mit lebenslangem Wohnrecht ist dessen Dynamik und Verhaltens ich mir durchaus bewußt bin und dem ich in bestimmten Situationen Rechnung zu tragen habe.

Natürlich gab es Tage da ging bei mir gar nix. Das eine oder andere Mal habe ich eine Anwendung bzw eine Verordnung die der Stabilisierung meines Gleichgewichtes diente und die für die ersten Woche auf dem Plan stand abgelehnt weil ich mich dazu noch zu sehr verunsichert gefühlt habe. In diesem Fall ging es darum die Balance – das Gleichgewicht auf einer beweglichen Scheibe zu halten. Da ich mich zu diesem Zeipunkt auf den Beinen eh schon wie ein Wackel Dackel gefühlt habe, wär ich in null komma nix von dieser Wackel Scheibe auf den Boden gebrettert. Also hab ich gesagt „Mach ich nich“.

Wir entlassen den Patienten in lhre weitere ambulante Betreuung in sein häusliches Umfeld, wo er Unterstützung durch seine Familie erhält.

Dies sind die berühmten letzten Worte des Arztbriefes an meinen Hausarzt der mir bei der Entlassung überreicht wurde. Der Teil des Satzes “ . . . wo er Unterstützung durch seine Familie erhält“ bringt das zum Ausdruck was die ärztliche Wahrnehmung gegenüber mir – wie auch anderen Patienten am besten zum Ausdruck bringt: „Oberflächlichkeit auf Grund der hohem Fluktuation der Patienten (zwischen 20 – 30 Entlassungen/Neuaufnahmen in jeder Woche): Das bedeuted das die Patienten bildlich gesprochen idr „durchgewunken werden.“ Die Unterlagen – Arztberichte der letzten 18 Monate wurden genausowenig zur Kenntnis genommen wie die Tatsache das es in meinem Fall keine Familie im Sinne eines sozialen Netzwerkes, des Füreinander wie es in einem funktionierenden Familienverbund Alltag ist – sein sollte, gibt. Wiederholt habe ich zum Ausdruck gebracht das meine Mutter seit einem Jahr in einem Pflegeheim lebt, das ich Single bin und das ich zu Hause auf mich alleine gestellt bin. Fragen bei der Visite nach Vorerkrankungen wurden erst durch meine Antwort „Das steht doch in den Unterlagen die ich Ihnen mitgebracht habe“ und blättern in der Akte „Ach ja da steht es ja“ zur Kenntnis genommen. Die Assistenzärztin, eine Kardiologin und die für die Station zuständige Oberärztin (sie war die ersten zwei Wochen in Urlaub) hatten sich der Mühe unterzogen sich zu  informieren bzw mir zuzuhören, mich wahrzunehmen. Über den Rest der Ärzte, lasse ich den Mantel des Schweigens fallen.

Die Zeit in der REHA und vor allen Dingen die Therapien waren nur Richtungsweisend für die nächsten Monate nach der Entlassung für mich. Nur so sind die oben aufgeführten Ziele zu erreichen. Das sich dieser Weg zu Hause „schwierig erweisen werden, das steht außer Frage. Gesundheit ist heute kein Menschenrecht mehr. Gesundheit ist heute Politisch zu einem betriebswirtschaflichen Faktor geworden. Gesundheit ist zu einem Geschäft geworden.

Die Zeit in der REHA war für mich Zeit zum Durchatmen – Zeit zum Nachdenken – Zeit für mich. Neben den Anwendungen hat mir die REHA auch aus einem anderen Grund gut getan. Sich nicht um die alltäglichen Dingezu kümmern zu müssen wie Bett machen, Wohnung/Zimmer putzen – aufräumen, Einkaufen, Essen kochen, sich an einen „gedeckten Tisch“ zu setzen – das Frühstücksbüffet sowie das Salatbüfett Mittags und Abends waren große Klasse – auch das hat mir gut getan.

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