Aus für den Regenbogendienst der AIDS Hilfe Frankfurt (akt 1)


AIDS-Hilfe Frankfurt: spezialisierter Pflegedienst für Menschen mit HIV und AIDS nicht länger finanzierbar.

Frankfurt am Main, den 27. April 2012 – Nach mehr als 20 Jahren wird der Regenbogendienst der ambulante Pflege- und Hauswirtschafttsdienst der AIDS-Hilfe Frankfurt e.v. (AHF) zum Jahresende schließen. Betroffen von der Entscheidung sind vor allem die 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie drei Aushilfskräfte und rund 100 von ihnen betreuten Patientinnten und Patienten.

Die Entscheidung, die Vorstand und Geschäftsführung der AHF sehr schwer fiel, ist einzig und allein der finanziellen Situation des Dienstes geschuldet. Vom Tag der Gründung an war der Regenbogendienst auf Untertützung durch Spender und Sponsoren angewiesen, da die Zahlungen der Kranken- und Sozialkassen die Kosten des Angebotes nicht in vollem Umfang gedeckt haben. Zwar ist es in den letzten Jahren auf Grund intensiver Bemühungen gelungen das Umsatzvolumen des Pflegedienstes erheblich zu steigern. Dennoch ist der auszugleichende Fehlbetrag weiterhin so hoch, dass sich die AHF gezwungen sieht, den Regenbogendienst zum Jahresende aufzulösen.

Ein Hauptgrund der mangelnden Refinanzierung liegt darin, dass der Regenbogendienst nicht wie andere Pflegedienste auf einen Frankfurter Stadtteil bezogen arbeitet, wo Patienten und Patientinnen nah beieinander wohnen. Der Patientenstamm ist vielmehr über das gesamte Stadtgebiet und besonders die Randgebiete verteilt; auch in Offenbach und zum Teil im Hochtaunuskreisbietet der Pflegedienst der AIDS-Hilfe seine Leistungen an. Dies hat immense Fahrtzeiten zur Folge, die nur zum Teil finanziell gedeckt sind und im täglichen Pflegeeinsatz viel Zeit kosten, Zeit die dann nicht fur die Arbeit bei den Patienten und Patientinnen zur Verfügung steht und somit auch nicht abgerechnet
werden kann.

Zudem geht es vielen Patienten und Patientinnen auf Grund der verbesserten und ausgefeilten Therapien inzwischen viel besser. Dadurch wird die eigentliche medizinische Pflege deutlich weniger nachgefragtals noch vor einigen Jahren. Trotzdem muss auch ein kleiner ambulanter, spezialisierter Pflegedienst eine feste Zahl an examinierten Fachkräften vorhalten, um das gesamte Leistungsspektrum abdecken zu können. Das heißt, unabhängig von der Teamgröße bleiben die Kosten gleich, machen sich aber bei einem kleinen Dienst viel stärker bemerkbar.

Der Regenbogendienst wurde in der Hochphase der AIDS-Epidemie im Jahr 1989 gegründet, um die Not und die Hilfeanfragen der Betroffenen zu lindern. Zu dieser Zeit starben viele der Patienten nach kurzem, schwerem Krankheits verlauf, meist allein, ohne soziales Umfeld, Familie oder Freundeskreis. Auf diese Situation der Hauptbetroffenen, vor allem schwule Männer und Drogengebraucher, versuchten sich die
lnfektionsambulanz der Uniklinik Frankfurt mit den Professoren Wolfgang Stille und Elke Brigitte Helm gemeinsam mit der AIDS-Hilfe Frankfurt durch die Gründung eines Pflegedienstes einzustellen.

Lebensweisenakzeptierende Pflege und Versorgung wurden das Leitbild, und auf Grund der besonderen Situation der Patientengruppen wurde ein zeitintensives und umfassendes Versorgungsangebot im Rahmen der Bezugspflege aufgebaut. Viele Patienten wurden damals von anderen Pflegediensten und Hilfeeinrichtungen abgelehnt, aus Angst vor Infektion oder Unverständnis für die Lebensweise der Betroffenen (Homosexualität, Drogengebrauch, Armuts und Beschaffungsprostitution) .

Die damalige Situation war auch für die Pfleger und Hauswirtschaftskräfte eine große Belastung. Sie im Dienst an den Betroffenen zu bestehen, war nur möglich, weil sich ein  Team engagierter, zum Teil selbstbetroffener Fachkräfte zusammenschloss. Durch die Unterstützung der öffentlichen Zuwender und die vielen Spender, nicht zuletzt durch die Läufer-und Sponsorengelder beim alljährlichen LAUF FÜR MEHR ZEIT, konnte der Dienst bis zuletzt aufrechterhalten werden.

Eine Trendwende setzte Mitte der 90er Jahre ein. Bessere und wirksamere Therapien wurden entwickelt, die den Krankheitsverauf bei AIDS milderten und dem dramatischen und vielfachen Sterben Einhalt geboten. Für den Regenbogendienst bedeutete das, dass zur eigentlichen Pflege die Alltagsbegleitung hinzukam. Die hauswirtschaftliche und alltagsbegleitende Versorgung wurde zu einem neuen Arbeitsschwerpunkt; sie ist bis heute zu hundert Prozent ausgelastet. Parallel dazu verschärfte sich die finanzielle Situation des Pflegedienstes kontinuierlich.

Die AIDS-Hilfe Frankfurt wird bis zur Auflösung des Regenbogendienstes am Ende diesen Jahres Betreiber des letzten existierenden Pflegedienstes einer Aidshilfe in Deutschland sein. Andernorts sind bereits viele Dienste dieser Art eingestellt worden oder haben ihr Angebotsspektrum vollständig verändert und versorgen inzwischen schwerpunktmäßig andere Patientengruppen. Dass die AHF sich ebenfalls zu einer solchen Entscheidung gezwungen sieht, bedeutet einen schmerzhaften Schritt und einen großer Verlust. Sie verliert ein qualifiziertes und flexibles Team und ein unverändert wichtiges Angebot für die Menschen mit HIV und AIDS in Frankfurt. Denn es ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Spezialpflege in den kommenden Jahren wieder steigen wird. Schon jetzt leben auf Grund der wirksamen Therapieformen viel mehr Menschen mit HIV-lnfektion und AIDS-Erkrankung in Frankfurt als jemals zuvor. Viele werden trotz  und mit der
Krankheit älter und benötigen a la longue verstärkt Unterstützung. Das ist gewiss: HIV und Alter ist das kommende Thema im AIDS-Geschehen.

Angesichts dieser absehbaren Entwicklung erscheint es paradox und kontraproduktiv einen erfahrenen und kompetenten, spezialisierten Pflegedienst wie den Regenbogendienst aus finanziellen Gründen einstellen zu müssen. Um der Klienten willen, die auf Hilfe und Unterstützung angewiesen bleiben, wird die AIDS-Hilfe Frankfurt Sorge für eine gute und qualitative Weiterbetreuung und Überleitung der Patienten tragen.

Quelle: Pressemitteilung vom 27. April 2012 Aids Hilfe Frankfurt pdf Datei

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Update 22. Juni 2013

Wie ich erfahren habe wurde das „Aus für den Regenbogendienst“ vom Vorstand gegen die Einschätzung der Geschäftsführung hinweg beschlossen. Und dies obwohl es sich abzeichnete das  der Regenbogendienst spätestens ab 2015 keine roten Zahlen mehr schreiben würde.

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