Mein Alltag mit HIV und Depressionen . . .


Mein Virus schlug 1996 im Oktober mit einer PcP zu. Bis zu diesem Moment ging es mir gut. Ich war Virusträger. Nicht mehr. Meine Werte entsprachen denen eines normal gesunden Menschen. Dies änderte sich mit der PcP. Anfang Januar 1997 fing ich mit meiner ersten 3 er Kombi an. azt – epivir – crixivan. Die Nebenwirkungen von Crixivan waren heftig. Magen – Darm Probleme und Durchfall ohne Ende. Damals sagte ich mir immer: „Na ja mein Körper muß sich ja an die Medis gewöhnen. Gib ihm Zeit. Das wird schon werden.“ Die Zeit habe ich ihm gegeben. An die Medis hatte ich mich nach 9 Monaten immer noch nicht gewöhnt. Statt dessen bin ich in eine Depression gerauscht. Ich wußte das ich aus diesem „Tiefen Loch“ nicht alleine rauskommen würde, wußte das ich dies nur mit der Hilfe anderer Menschen schaffen würde. Und so war es auch.

Im Abschlußbericht der Habichtswaldklinik in Kassel legte mein damals mich behandelnder Therapeut der ein sehr liebevoller, einfühlsamer und mitfühlender Mensch war nahe, das „eine ambulante Weiterführung der Psychotherapie und eine stationäre psychotherapeutische Wiederholungsheilbehandlung vor Ablauf nach 1 1/2 Jahren“ sowie Massagen, therapeutisches Schwimmen und Krankengymnastik in meinem Fall angebracht ist. Gut mit der Krankengymnastik und den Massagen hatte ich es nicht so. Ab diesem Zeitpunkt fing ich an „regelmäßig“ Schwimmen zu gehen. Regelmäßig war für mich damals im Sommer des öfteren ins Freibad, das an meinem damaligen Wohnort „Um die Ecke“ lag zu gehen und jeden Tag mindestens 1 Std mit dem Rad zu fahren.

Anfang des Jahres 2000 hatte ich bei der KK einen Antrag für eine Reha zur Wiederholungsheilbehandlung in der Habichtswaldklinik eingereicht der abschlägig bescheiden wurde. Damals habe ich die Ablehnung wiederspruchslos akzeptiert. Erst im Laufe der Zeit lernte ich mich zu wehren. Da ich mich nach der Entlassung so gut wie noch nie gefühlt habe, hatte ich den Rat meines Therapeuten „eine ambulante Weiterführung der Psychotherapie“ in den Wind geschlagen. Warum auch. Mir ging es ja gut. Dies änderte sich im Laufe der nächsten Jahre. In der Zeit meines Aufenthaltes in der psychosomatischen Abteilung der Habichtswaldklinik in Kassel vom Dez 1997 – Anfang März 1998 habe ich einige Werkzeuge erhalten die ich einzusetzen wußte wenn es notwendig wurde.

Im Sommer 2007 war ich an einem Punkt angelangt wo mir klar wurde das jetzt die Hilfe eines Fachmannes – eines Psychotherapeuten – angebracht war. Sich selbst zu therapieren funktioniert nur bedingt. Ich hatte das Glück das in der Nähe meines Wohnortes ein Psychotherapeut seine neue Praxis eröffnete und er im Sommer 2001 noch nicht ausgelastet war. Die nächsten 1 1/2 Jahren habe ich mich auf eine ambulante Psychotherapie eingelassen. Während der 25 Sitzungen funktionierte die Therapie und hat mir auch geholfen. Mit der Zeit jedoch fiel es mir auf Grund meiner zunehmenden Polyneuropathie in den Füßen und der fortschreitenden Muskelschwäche in meinen Beinen zunehmend schwerer den Weg nach Offenbach auf mich zu nehmen. Im Winter von Darmstadt nach Offenbach mit dem Zug zu fahren, auf verschneiten und teilweise vereisten glatten Fußwegen zu laufen bedingt das ich unsicher und alles andere als wohl fühlte. Nach insgesamt 1 1/2 Jahren habe ich die Therapie abgebrochen. Für 50 Minuten therapeutischer Sitzung alle 3 Wochen ein Weg von 3 Stunden auf mich zu nehmen empfand ich zu diesem Zeitpunkt als weder hilfreich noch sinnvoll. Diese „Vorbehalte“ in meinem Kopf ließen einen Erfolg der ambulanten Therapie wie auch jeder anderen Form einer Therapie in weite Ferne rücken. Mittlerweile halte ich pers eine Sitzung von 50 Minuten alle 3 Wochen nur bedingt für sinnvoll. Der Vorteil einer stationären Reha mit Aussicht auf Erfolg liegt, wie immer man einen therapeutischne Erfolg auch bewertet, imo in dem konzentrierten Angebot begründet. Über einen Zeitraum von 3 – 4 Wochen jeden Tag auf Grund der verschiedenen therapeutischen Angebote mit sich selbst konfrontiert zu werden hat für mich eine ganz andere Qualität. Da es mitunter ziemlich „heftig“ werden kann, brechen nicht gerade Wenige eine psychotherapeutische Behandlung in einer Klinik ab.

Im September 2010 stellte ich einen erneuten Antrag auf eine Reha in der psychosomatischen Abteilung der Habichtswaldklinik der mir nach endlosem HickHack vom med Dienst Darmstadt abgelehnt wurde. Auf die Gründe möchte nicht näher eingehen. Diese Gutachter die „angeblich Ärzte“ sein sollen sind in meinen Augen nichts weiter als Erfüllungsgehilfen eines menschenverachtenden politischen Systems das seine Entscheidungen wenn es um eine stationäre Rehamaßnahme geht nur nach dem Kosten/Nutzen Faktor abwägt und trifft. Kranke und alte Menschen sind für den Staat, für die gegenwärtige Regierung kein Nutzen sondern nur ein Kostenfaktor. Dies trifft auf die gegenwärtige Pflegesituation von alten Menschen zu Hause wie auch in den Altenheimen sowie die Versorgung von Demenzkranken zu. Es ist mehr ein „Verwahren“ als eine dem Menschen gerecht werdende menschwürdige Behandlung. Unter diesem Blickwinckel ist die Ablehnung einer Reha im Sinne von „Kosten sparen“ nur die logische Konsequenz.

Wie sieht mein Alltag heute aus. Die letzten 9 Monate hatte ich für „Depression“ keine Zeit. Der Umzug meiner Mutter in ein Altenpflegeheim, der Verkauf, die Abwicklung und die Räumung ihres Hause in Zusammenarbeit mit dem Betreuungsgericht, mein Umzug nach Frankfurt, das alles hat mich in Beschlag genommen und gefordert. Mittlerweile kehrt „Ruhe“ in meinen Alltag ein . . und die Deppression auch.

Nachts schlafe ich unruhig, wache gegen 3.30 auf und liege wach im Bett. Zwischen 7 und 8 Uhr am morgen stehe ich auf. An manchen Tagen fällt es allerdings schwer. Es gibt Zeiten da muß ich mich überwinden meinen Alltag in Angriff zu nehmen. Allerdings gibt es auch Tage da fällt es mir leicht Dinge in Angriff zu nehmen die mir Spaß machen. Gegen 13,00 – 14.00 Mittags fühle ich mich oft niedergeschlagen, sodaß ich mich hinlege. Zwar ist das Loch in dem ich mich befinde, nach meinem Empfinden jedenfalls, nicht so tief wie das Loch in dem ich damals steckte. Dennoch fühle ich mich oft antriebslos und lustlos.

Anfang März habe ich bei meiner KK einen Antrag für eine ambulante Rehamaßnahme hier in Frankfurt/Main eingereicht. Mal schaun was der MdK Frankfurt dazu sagt.

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Aus „Womens Health Gov.com, einem Projekt des US Government of Health and Human Services on Women Health:

Depression

HIV does not directly cause depression. But depression is twice as common in people with HIV as in the general public. Depression is a separate medical issue that needs to be treated. Quelle: Mental Health and HIV/AIDS

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Auf der Seite von SchwuR – Autonomes Schwulenreferat Uni Bielefeld, heißt es in einem Vorwort zu einem Workshop in der AIDS Hilfe Bielefeld – HIV und Depression aus 2009:

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bis zu 80 % der HIV-Positiven von seelischen Störungen wie z. B. Depressionen betroffen sein können. Häufig werden die Symptome nicht erkannt und folglich auch nicht behandelt. Andererseits gibt es inzwischen hoch wirksame und gut verträgliche Behandlungsansätze. Seelische Erkrankungen werden in unserer Gesellschaft freilich noch immer tabuisiert – an einer Depression erkrankte Menschen mit HIV werden daher oft doppelt stigmatisiert. Quelle: SchwuR  Autonomes Schwulenreferat Uni Bielefeld

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Auch der Deutschen AIDS Hilfe  – Frauen und HIV ist dieses Thema nicht unbekannt:

Depression ist eine häufige Begleiterscheinung und zusätzliche Erkrankung bei einer HIV-Infektion. Man schätzt, dass bei einem Drittel bis zur Hälfte aller HIV-Positiven im Laufe ihres Lebens depressive Symptome auftreten. HIV-positive Frauen sind davon häufiger betroffen als HIV-positive Männer.

Wichtig ist, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen, um sich unnötiges Leiden zu ersparen. Etwa die Hälfte aller Depressionen wird nämlich nicht erkannt und folglich auch nicht behandelt. Das liegt auch an dem Vorurteil, eine Depression sei etwas selbst Verschuldetes. Sie ist jedoch eine ernst zu nehmende seelische Erkrankung, die heutzutage erfolgreich behandelt. Quelle: DAH – HIV im Alltag – HIV und Depressionen

Zudem gibt es von der DAH zahlreiche Workshops, Kurse und Veranstaltungen zu diesem Thema auf verschiedenen Ebenen.

Wenn man sich der Mühe unterzieht und nach „HIV und Depression“ googelt, werden über 50 Mio Einträge angezeigt. Dies sind nur einige Beispiele für das Thema „HIV und Depression“, Beispiele auch dafür das man seit Beginn von HIV sich darüber im klaren war das man dem psychischen Aspekt der mit einer Infizierung mit dem HIVirus oft einhergeht nicht in dem Maß Rechnung tragen würde wie es notwendig ist. Daran hat sich bis Heute nichts geändert. Gute Therapeuten sind so dünn gesät wie Diamanten in der Wüste, ausreichende psychotherapeuthische Begleitung ist schlicht und einfach nicht in dem Maß vorhanden wie es notwendig ist.

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