Auf der sicheren Seite sein . . . . (akt)


. . heißt noch lange nicht das einem nichts passieren kann oder wird. Ist man jedoch gesundheitlichen Einschränkungen unterworfen, dann bedeutet es auf alle Fälle das Eingeständnis das man bestimmte Dinge nicht mehr ausführen kann und das man auf Hilfe im Alltag angewiesen ist. Man-ich muß lernen meine Situation wie sie sich JETZT darstellt realistisch einzuschätzen und zu sagen: Das laß ich sein. Und natürlich ist das nicht gleichbedeutend mit 100% Sicherheit wie uns die Herren Kaiser uns das Leben immer wieder gerne verkaufen wollen.

Heute kam, ich nenne sie mal „Merle (Gerda will Merle nicht genannt werden) “ vom Regenbogendienst das erste Mal zu mir. Was soll ich sagen: Noch eine liebe, bezaubernde Person. Ich kommt in der Tat aus dem Staunen nicht mehr heraus. Besonders wenn ich mir vor Augen halte wie engagiert die MitarbeiterInnen des Regenbogendienstes sind, welche menschlichen Qualitäten sie auszeichnet. Und das, das muß man einfach auch klar sehen, bei einer Vergütung die alles andere als „angemessen“ ist. Die ist weit weg von dem Anspruch „Gute Arbeit muß gut entlohnt werden“. Ganz besonders wenn man sich vor Augen hält das die „Arbeit“ nicht nur den organisatorischen Aspekt der zu Betreuenden, sondern den Aspekt der psychosozialen Betreuung betrifft.

Doch zurück zu meinem „Alltag“ heute vormittag. Mit Gerda zur Bank und zum Einkaufen fahren und dann die Wohnung aufräumen. Das war der Plan wie ich ihn mir vorgestellthatte. Bis zur Bank fahren lag ich gut im Plan. Als ich dann ins Auto einsteigen wollte, lag ich auf der Strasse.

Wieder gefallen. Zum dritten Mal in 2 Monaten. Der Smart ist von der Einstiegshöhe mit meinem Einsteigehandicap sehr gut. D.h. Wenn ich mich einfach ins Auto gesetzt und dann die Beine nachgezogen hätte wär alles ok gewesen. Doch nein, ich glaubte wieder einmal das ich mit Schwung das eine Bein heben um so die Einstiegshöhe locker flockig zu bewältigen. Der Schwung war groß genug. So groß das es mich rücklings auf die Strasse bretterte.

Scheisse dachte ich. Automatisch fuhr meine Hand zum Hinterkopf um zu fühlen ob ich blute. Da lag ich nun. Da es in der Nacht geregnet hatte galt mein nächster Gedanken meiner Hose und meiner Lederjacke. Prima, kann ich schon wieder die Hose waschen. Hoffentlich ist meine Lederjacke nicht schmutzig oder gar zerissen. Und da sag mal einer nur Frauen achten auf ihr Outfit.

Da ich nicht in der Lage bin vom Boden alleine aufzustehen, bat Gerda einige Passanten mir beim Aufstehen behilflich zu sein. Zwei starke Männer haben mich dann aufgehoben und ins Auto gesetzt. Gerda war zu recht besorgt und wollte, da ich mit dem Hinterkopf auf die Strasse aufprallte ins nächste Krankenhaus fahren um sicherzugehen das ich keine Gehirnerschütterung habe. Zwei Stunden oder länger in der Not aufnahme zu warten, darauf hatte ich ehrlich gesagt keine Lust. Hätte ich mir eine Platzwunde zugezogen dann wäre dies keine Frage gewesen. Mir war weder schwindlig, ich verspürte kein Gefühl der Übelkeit oder Kopfschmerzen noch hatte ich Probleme mit den „Sehen“. Das Adrenalin schoß durch meinen Körper und der SchockSchreck saß mir in den Knochen. Das kannte ich von den vorhergehenden beiden Male als ich gefallen bin.

Zum zweiten Mal hatte ich mich, meine körperlichen Fähigkeiten überschätzt. Zu wissen und wahrzunehmen das man/ich Vieles was meine Mobilität betrifft heute nicht mehr durchführen kann ist eine Sache. Auch hier so scheint es mir herrscht ein Muster vor – oder ist es die Gewohnheit gepaart mit der Zuversicht – das ich „diese kleine Stufe mit Schwung werde meistern können?“ vor. So sind es viele Dinge die man im Alltag bei körperlich guter Verfassung ausübt ohne das man darüber großartig nachdenkt bzw nachgedacht hat. Die Routine der Abläufe von einer Folge von Bewegungen verändert sich jedoch von dem Moment an, wo eine Beeinträchtigung im Bereich der Bewegung/Mobilität beginnt sich abzuzeichnen.

Der Versuch im Glauben das ich es „schaffe“ mit Schwung einzusteigen oder die schnelle Rolltreppe anstelle eines Aufzuges zu betreten, hatte mich zum zweiten Mal eines besseren belehrt. Sich/mich mit einer neuen Situation konfrontiert zu sehen heißt mich auf eine neue Situation einzulasen und „Neues zu lernen“. Mir scheint das die Lösung darin liegt jeden Bewegung in Achtsamkeit auszuüben. Nichts mehr ist so wie es war. Nichts mehr ist gegeben.

So langsam fange ich an Ilona zu verstehen. Die Art und Weise wie sie durch ihre Veränderung gegangen ist, wie sie mit ihren körperlichen Einschränkungen umgegangen ist, habe ich sehr bewundert. Natürlich hatte sie auch Tage wo es ihr nicht gut ging. Das waren die Tage wo sie nicht ans Telefon ging.

Ob sie ihre Veränderung angenommen hat, gesagt hat „Ja, meine körperlichen Einschränkungen wirken sich auf meinem Alltag aus. Das Programm von gestern funktioniert heute nicht mehr.“ Ich denke schon. Es ist der einzige Weg um sich seine Lebensqualität zu bewahren.

Mit Schwung in ein Auto einzusteigen, die Treppen raufstürmen war gestern. Heute ist es angebracht meinem Alltag mit Achtsamkeit zu begegnen. Das muß ich mir jeden Moment vergegenwärtigen will ich nicht in einem 3 Wochen Rhythmus irgendwelche schmerzhaften Erfahrungen machen.

*

Jetzt einige Stunden später stelle ich fest das der Span in meinem rechten Fuß etwas geschwollen ist. Mittlerweile verzieren meine beiden Zehen am rechten Fuß einen kobaltblauen Bluterguß. Gebrochen sind sie zum Glück nicht da ich sie schmerzfrei bewegen kann nicht. Dennoch, wie und was zum Teufel ist da passiert. So langsam fängt es an mich zu nerven.

Update 4 Tage später, Samstag den 14. April . . .

Ich bin foh das ich mein Leben geregelt bekomme . . . . habe ich am Freitag 6. April geschrieben Und zu diesem Zeitpunkt war es auch so. 4 Tage später am Dienstag dann habe ich erfahren das nichts sicher ist. Mittlerweile ist die Schwellung am rechten Fuß zwar am abklingen, aber in normalen Schuhen zu laufen das ist ohne einen „stützenden Arm“ nur bedingt möglich. Einkaufen zu gehen funktioniert gar nicht. Zum Glück ist ja noch der Regenbogendienst . . . . und da tobt das wilde Leben. Krankheit, Urlaubszeit, Überforderung. „Der Schorsch kommt um 10.30 nächste Woche“ hieß es in der Email. Super sagte ich und den Tag bekomme ich nächste Woche mitgeteilt.

Wennn das Leben die Chaos Karte ausspielt, was dann? Das einzige was sicher ist, ist das nichts sicher ist.

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