Die Perle der Wunscherfüllung


Seit einiger Zeitt erhalte ich den Teeweg Monatsbrief. So auch diesesmal für den Monat März. Einiges verstehe ich, manches ahne ich, und der Rest dazwischen . . nun ja es gibt noch viel zu lernen. Und dann gibt es immer wieder etwas was mich sehr anspricht einfach deshalb weil ich Parallelen zu meinem Alltag wahrnehme. Das ist im Grunde genommen die Quintessenz. Verstehen ist eine Sache. Worauf es jedoch ankommt ist – zumindest für mich – es muß (im Alltag) praktizierbar, praktisch sein.

In diesem Brief geht es u.a. anderem um Wünsche und ein Koan.

Zwei Episoden haben mir gut gefallen. Die erste besonders auch deshalb weil sie einen feinen Humor enthält. Die Alice Schwarzers dieser Welt würden aufschreien, andere würden lächeln. Ich zähle mich zu den Letzteren.

„Ein Drachenmädchen, das im Besitz der Perle der Wunscherfüllung war, musste also den frühen Buddhisten zeigen, dass man auch als Frau Buddha werden kann. Und das ist die Botschaft des Lotos Sūtra: ALLE Wesen – wirklich alle, und man möchte hinzufügen: sogar die Frauen – können Buddha werden. Und das nicht erst nach unendlichen Mühen des Übens, des Leidens und des Verzichtens, sondern sofort, in einem winzigen Augenblick, der kürzer dauert, als ein Wimpernschlag. Das ist es also, was uns die Drachen lehren können!

Jeder hat Buddha – Natur, auch Verbrecher, und sogar Devatatta, der schlimme Vetter von Shakyamuni, so steht es im Lotos Sūtra. Im Jahr 2006 ging der Tempel Enryaku-Ji mit einem ganz besonderen Ereignis durch die Presse. Man veranstaltete dort für eine Yakuza Organisation eine große Feier, und einige der Senioren der Yakuza wurden als Mitglieder in den Tempel aufgenommen. Die Polizei und die gesamte Presse regte sich natürlich darüber auf, aber die Mönche des Enryakuji argumentierten, dass auch Verbrecher Buddha werden können. Nun ja, vielleicht hatten die Mönche da eine etwas andere Sicht als die Yakuza oder die Öffentlichkeit (und vielleicht war da auch eine kräftige Geldspende mit im Spiel, was ja aber auch wieder dem religiösen Leben im Enryakuji gut tut). „

Viele sagen das der Buddhismus sehr philosophisch geprägt ist. Mag sein. Ich finde vieles sehr praktisch. Ich bin weit davon entfernt ein Buddhist zu sein geschweige den mich als ein Buddhist zu bezeichnen. Dennoch, vieles spricht mich an, zu vielen kann ich sagen, ja das verstehe ich,  . . . und das nicht über den Verstand.

* * *

„Jeder Mensch hat Wünsche und Träume. Vielleicht der größte Wunsch – der Wunsch aller Wünsche – ist es, heim zu kommen in die Geborgenheit, in das Paradies, in dem wir alle einmal waren, heim zu kommen zu sich selbst. Der grosse japanische Haiku – Dichter Bashō hat das in einem Herbstgedicht geschrieben:

Aki chikaki
kokoro no yoru ya
yo jo han
Der Herbst kommt heran.
Das Herz erfüllt von Sehnsucht:
Viereinhalb Matten

Die Viereinhalb Matten sind eine verkürzte Bezeichnung für den Raum für die japanische Teezeremonie. Der klassische Teeraum ist mit viereinhalb Tatami Matten ausgelegt. In der Mitte singt über einem Holzkohlenfeuer der Teekessel. Wohlige Wärme strömt von der Feuerstelle aus, und köstliche Wohlgerüche wie im Land des Buddha erfüllen den Raum. Still und geborgen sitzen die Menschen um das Feuer und genießen den Tee – ein kleines Paradies der Geborgenheit in der herbstlichen Kälte, dem Nebel, Sturm und Dunkelheit draussen! Wer sehnt sich nicht nach einer solchen Geborgenheit?

* * *

 Kōan KAN

Im Zen gibt es ein berühmtes Kōan, ein Spruch, der nicht mit reiner Logik zu lösen ist. Diese Kōan besteht aus einem einzigen Wort: KAN.

Kan, oder nach einer anderen Lesung Seki, ist das Tor an der Grenzbarriere, an dem die Durchreisenden kontrolliert werden. Dieses Tor ist so fest verschlossen, dass nicht einmal eine Maus einen Durchschlupf finden könnte. Es liegt nicht in der Macht der Reisenden, die in ein anderes Reich hinüber wollen oder vielleicht auch müssen, dieses Tor zu öffnen, dafür ist es zu fest verriegelt und zu gut bewacht. Je mehr man sich bemüht und anstrengt, auf die andere Seite zu gelangen, desto fester geschlossen scheint es zu sein. Das Reich auf der anderen Seite lockt mehr und mehr, dort ist die große und offene Weite, die Freiheit und die Ruhe, hier ist die Welt der Hast und Zerrissenheit, des Streites und der Auseinandersetzung.

Aber es gibt keine Möglichkeit, den Durchgang in den anderen Bereich zu erzwingen. Auch keine List und kein Trick hilft. Ein Samurai hatte sein ganzes Leben geübt, den Schrei des Hahnes im Morgengrauen nachzuahmen. Als er versuchte, den Wächter der Osaka Grenzbarriere, einer der am schwierigsten zu überwindenden Grenzschranken der Edozeit, mit diesem Hahnenschrei zu täuschen, bemerkte dieser den Trick sofort. Es gibt keine Möglichkeit, die Osaka – Schranke, die Grenzbarriere zum Satori, dem Erwachen, zu überschreiten, indem man in der Nacht den Hahnenschrei nachahmt.

Kan ist nicht nur die Schranke, die ein Gebiet vom anderen trennt, es ist auch die Trennung von Innen und Außen. Der Eingangsbereich des japanischen Hauses heißt Gen-Kan 玄関. 玄 Gen ist das Unscheinbare, Dunkle und Verborgene, das Geheimnisvolle und Mysteriöse. Im Inneren des Hauses, in dem für den Fremden geheimnisvollen Dunkel, ist der Ort der Ruhe. Kein Außenstehender kann die Schranke zum Inneren des Hauses übertreten und die Ruhe stören. Jeder, der hindurchgehen darf, ist hier zu Hause. Er hastet und irrt nicht mehr außen in der Fremde herum, er hat den Ort der Ruhe gefunden, der sein eigener Ort ist.

Der Gründer Daitô Kokushi („Grosse Leuchte Landeslehrer“ 1282–1337) des berühmten Zen-Tempels Daitoku-Ji in der alten Kaiserstadt Kyōto meditierte viele Jahre über diese scheinbar einfache Kōan. Nach vielen Jahren der Meditation über „Kan“ gelang Daitô Kokushi der plötzliche Durchbruch, als ihm eines Tages ein Schlüssel zu Boden fiel. Es war, als hätte dieser entglittene Schlüssel mit einem Schlag den Riegel vom Durchgang in den anderen Bereich geöffnet. Seine Zen Erfahrung war so klar und sicher, dass er nicht anders konnte, als ein Gedicht zu verfassen, das er seinem Lehrer übergab:

一 回 雲 関 透 過 了
南 北 東 西 活 路 通
夕 処 朝 遊 没 賓 主
脚 頭 脚 底 起 清 風
itsukai ûnkan o to kashi owari
nanbokutôsai katsuru tsûsu
sekisho chihô yû hinshû o botsu
kiyaku tô kiyakutei seifû o

Ein einziges Mal die Wolken-Sperre vollständig durchdringend hinübergegangen:
Süden Norden Osten Westen: lebendiger Weg weitet sich
abends am Ort, morgens spielend: Verschwinden von Gast und Gastgeber
Fuß Kopf Fuß – von unten bis oben reiner Wind.

Die unüberwindbare Barriere ist nicht nur überwunden, sie ist ganz eifach verschwunden, alle Richtungen sind weit und offen. Der lebendige Weg weitet sich nach Norden, Süden, Osten und Westen, in alle Richtungen. Es gibt weder Grenzbarriere noch Nicht-Barriere. Zwar weitet sich der Weg in alle Richtungen, aber eigentlich gibt es auch keine Richtungen mehr, so wie es weder Gast noch Gastgeber gibt, da alle Unterschiede, die ein Einzelnes ausgrenzen, verschwunden sind. Am Abend ruhend, heimgekehrt an den Ort des Ursprunges, kann er beliebig wieder hinausgehen und in alle Richtungen umherziehen, da es weder ein Innen noch ein Außen gibt.

Wie in der Geschichte vom Hirten, der auszog, um seinen Ochsen zu finden, ist er heimgekehrt und hat vergessen, dass er je seinen Ochsen, sein eigentliches Selbst verloren hatte.

So wie mit KAN verhält es sich mit der Perle der Wunscherfüllung. Solange man sie sucht und mit aller Kraft nach ihr strebt, kann man sie nicht erreichen. Erst wenn man wie Buddha wunschlos geworden ist, merkt man, dass man die Perle nicht braucht, aber dann bekommt man sie geschenkt.

Aber ist der Mensch wirklich gemacht um glücklich zu sein?
In der Evolution sind wohl die Menschen, die einfach immer glücklich waren, ausgelesen und ausgestorben. Überlebt haben die, die mit Stress umgehen können und die im Lebenskampf nicht versagen.
Nur der Wunsch nach dem glückhaften Zustand der Wunschlosigkeit bleibt als unerfüllter Traum. Oder sollte es doch möglich sein, einmal so zufrieden zu leben?

Das sind wie ich finde zwei interessante Fragen. „Ist der Mensch wirklich gemacht um glücklich zu sein“. Man könnte das Pferd auch von hinten aufzäumen. Wie wäre das Leben der Menschen wenn jeder glücklich wäre? Wäre er frei von „Unglück und Leid“, Wäre er frei von den Unwägbarkeiten des Lebens, den Situationen die ausserhalb seiner Macht, seiner Kontrolle liegen? Ich glaube das Leben wäre das gleiche, das Leben würde passieren wie es Jedem Jetzt auch passiert. Nur wir würden mit dem was uns wiederfährt anders umgehen. Mit uns selbst und in der Konsequenz auch mit allen Anderen.

Und wir wären zufriedener weil wir dann erkennen dass das was wir als „unangenehm,“ definieren – bewerten nicht im Widerspruch oder Gegensatz ist sondern das es sich um die Andere Seite der Medaille handelt. Das heißt Beides gehört zusammen, Glück wie Unglück, oder das was man als das „Trennende“ bezeichnet, ein Teil, ein Mosaikstein von Vielen ist der die Einheit ausmacht.

Natürlich ist dies schwer zu verstehen. Besonders dann wenn man im Streß ist. Zumindest geht es mir so. Da will ich manches nicht haben, wünschte ich mir das vieles was ich als schwierig empfinde leichter wäre oder das man zumindest nach meinen Spielregeln spielen würde weil es dann „einfacher (für mich) wäre“. Die letzten 10 Monate war ich im Streß, habe funktioniert. Da war wenig Raum für mich, oder wie ich jetzt wo Abstand einkehrt, sage habe ich mir keinen Raum für „glücklich und zufrieden sein“ gegeben. Ich war sehr oft wieder der alte Kämpfer, der eher zum Schwert als zu einer Schale Tee greift.

Die unüberwindbare Barriere ist nicht nur überwunden, sie ist ganz eifach verschwunden, alle Richtungen sind weit und offen. Der lebendige Weg weitet sich nach Norden, Süden, Osten und Westen, in alle Richtungen. Es gibt weder Grenzbarriere noch Nicht-Barriere. Zwar weitet sich der Weg in alle Richtungen, aber eigentlich gibt es auch keine Richtungen mehr, so wie es weder Gast noch Gastgeber gibt, da alle Unterschiede, die ein Einzelnes ausgrenzen, verschwunden sind.

Vor Jahren saß ich an einem Sommertag unter einem alten Baum in einem Park. Mit dem Rücken an den Baum gelehnt lag der Park vor mir. Kinder und Hunde tollten herum und spielten. Es war das übliche sommerliche Treiben das in jedem Park an einem Sommertag im  Park einer jeden Stadt stattfindet. Auf einmal hatte ich das Gefühl – die Wahrnehmung das es keine Grenzen gab. Es gab weder Zeit noch Raum, die Menschen, die Bäume, die Wiese auf der ich saß, alles war eines. Wenn ich es mit unzulänglichen Worten beschreiben sollte: So wie es war war es richtig. Alles war Eins. Alles war so wie es sein sollte.

Mit freundlicher Genehmigung aus “Der Teeweg im März 2012” Gerhardt Staufenbiel (Teezeremonie Lehrer, Leiter des Myōshinan Dōjō) Carolin Höhn – Domin / Geschäftsführung in Zusammenarbeit mit chanomiya.comChado – Der Teeweg Chado – Der Japanische Teeweg

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