Abschied und Neuanfang


Liebe Ilona

Im Februar jährt sich der 5. Jahrestag an dem Du von uns, Deinen Eltern, Freunden und mir gegangen bist. Jedesmal wenn ich an Dich denke dann geschieht es mit einem Lächeln und einem leichten Bedauern. Das Lächeln entspringt der Freude, der Erinnerung an Dich, das Bedauern meinem Egoismus. Wer läßt schon gerne einen Menschen los in dessen Anwesenheit er sich wohlgefühlt hat.

Bevor ich anfing diesen Text zu schreiben, habe ich mir den Brief an Dich vom 12. März 2007 durchgelesen.

Irgendwie ist es merkwürdig. Mit Deinem Weggang hat sich für mich ein Kreislauf geschlossen. Ich weiß gar nicht mehr ob wir darüber mal geredet haben aber als ich vor 12 Jahren hierher zog hatte ich das Gefühl das da ein Kreis noch offen war der geschlossen werden sollte.

Das Grab meiner Großeltern wurde vor ein paar Jahren eingeebnet. Es war ein merkwürdiges Gefühl das ich hatte als ich vor dem Platz auf dem Friedhof stand wo sich ihr Grab befand. Die Konturen waren nur noch schwach zu erkennen. Der Grabstein und die Umrandung waren entfernt, wo Ziersträucher gepflanzt waren wuchs Gras. Die Natur eroberte sich ihren Platz zurück.

Am 9. Februar 2012 wird dieser Kreis geschlossen werden. An diesem Tag werde ich nach Frankfurt umziehen. Der Kreis, der viele Jahre meines Lebens offen war und mir schwer auf der Seele lag konnte ich während meiner Wohnzeit in Darmstadt schliessen, diese Last durfte ich loslasse. Insofern ist es auch sinnvoll das ich weiter, um-ziehe. Jetzt, in meinem Alter wieder nach Frankfurt zu ziehen ist auch gleichbedeutend damit das ein großer Kreis, der noch offen ist geschlossen wird. Diesen Kreis zu schließen wird im Gegensatz zu all den anderen offenen Kreisen die bis dato zu schließen waren nicht schmerzhaft sein. Es wird eine Art Reminiscing sein, all die Stätten meines Tun und Handelns aus der Vergangenheit zu begrüßen, mich lächelnd zu erinnern und meinen Frieden mit meiner Vergangenheit, die wilder als ein B Movie aus Hollywood war, zu schließen. Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich das ich dem Schließen eines Kreises mit Spannung, Neugier und Freude entgegensehe.

* * *

Vor einer Woche habe ich den vom Vermieter unterzeichneten Mietvertrag bekommen. Da noch einige Renovierungsarbeiten seitens des Vermieters anstehen und diese erst im Januar ausgeführt werden, wird mein Umzug Anfang Februar stattfinden. Obwohl es ein SeniorenUmzug werden wird, d.h. ich werde meiner Lieblingsbeschäftigung nachkommen können und der Umzugsfirma sagen was wohin wie eingepackt, ausgepackt und wo aufgestellt werden soll, graut mir dennoch vor dem Umzug. Es wird ein verdammt langer und anstrengender Tag werden. Dazu kommt das ich in der 3. Januarwoche das Haus meiner Mutter i.e. ihre Räumlichkeiten, die Wohnung im Erdgeschoss, Dachgeschoss und die Kellerräume leer räumen muß, da ihr Haus verkauft wird. Meine Ma befindet sich seit Juli in einem Altenpflegeheim. Da einerseits Vermögen i.e. Haus und Grundstück vorhanden und andererseits ein monatlicher Eigenanteil an den Heimkosten zu leisten ist, ist somit eine Konstellation eingetroffen wo ich wie auch meine Ma „keine andere Wahl“ haben als das Haus zu verkaufen. Von Seiten des Betreuungsgerichtes gab es kein Problem.

Das Problem oder sollte ich besser sagen, ein neuer Kreis der sich dann öffnen wird, ist wie meine Mutter mit der Tatsache das ihr Haus und Boden verkauft wurde damit umgehen wird. Sie gehört zu dem alten Schrot und Korn derjenigen Menschen die, komme was da wolle, Haus, Hof und Scholle niemals verkaufen. Jedesmal wenn ich Sie besuche reden wir darüber das dass Haus demnächst verkauft werden muß. Ich erkläre ihr unsere Situation, erinnere sie an die in den letzten Jahren immer häufiger auftretenden, teilweise umfangreichen und kostenspieligen Reparaturen, doch dies ist für sie leider nicht mehr nachvollziehbar. So bleibt nur zu hoffen das ihr und auch mir eine schwere emotionale Zeit erspart bleiben wird.

In der letzten Zeit ertappe ich mich immer öfter bei dem Gedanken, stelle mir die Frage ob ich für meine Mutter wirklich alles denkbar Mögliche getan habe. Zur Zeit komme ich mir wie auf einer Gradwanderung auf des Messers Schneide zwischen „Alles getan was möglich war (Stimmig)“ und „Nicht genug getan (Schuldgefühl)“ vor. Als sie noch zu Hause lebte haben sich im Grunde genommen 3 Menschen um sie gekümmert und alles dafür getan das sich an ihrer gewohnten Lebensqualität nichts änderte. Dies ist selbst in dem besten Altenpflegeheim unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen leider nicht möglich. Und wenn dann ist ein solches Angebot nur für einen kleinen Personenkreis bezahlbar. Für einen normalen Bürger wird sich die Situation in der Zukunft eher verschlechtern. Dafür werden schon unsere rückgratlosen, kleinkarierten, breitärschigen Politiker mit Blick auf einen hochdotierten Job in der Wirtschaft oder einem Verband nach ihrer Zeit als Minister schon sorgen.

Trotz alledem freue ich mich auf den Umzug nach Frankfurt, diesen neuen Lebensabschnitt. Die Arztbesuche und die täglichen Besorgungen werden weniger beschwerlich sein da die öffentlichen Verkehrsmittel für mich leichter zu begehen sind. Der Einstieg in die U wie S – Bahn ist auf der gleichen Ebene, d.h. ich muß keine Stufen erklimmen was mir zur Zeit schwer fällt bzw es mir hier in Darmstadt unmöglich macht mit der Strassenbahn zu fahren. Dann ist da noch das berühmte soziale Netzwerk das in Frankfurt etwas dichter ist und meine Mutter ist einfacher zu erreichen, zu besuchen. Und was mir wichtig ist, ich werde mich bei der AIDS Hilfe Frankfurt engagieren. Dazu kommt auch das ich auf die Hilfe des Regenbogendienstes der AH Frankfurt zurückgreifen kann wenn es sich als notwendig erweisen sollte. Davon kannste hier in Darmstadt nur träumen . . . .

Du siehst es ist also einiges in meinem Leben in Bewegung. Wieder einmal . . oder sollte ich besser sagen „Wie immer“ . . . . ?

In liebevoller Erinnerung und Dankbarkeit . . . .

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