Chronisches Leid in einer mitleidlosen Gesellschaft, die das Leid abschaffen will


Welt Aids Tag 2011 – Zentrale Gedenkveranstaltung der AIDS-Hilfe Frankfurt,Paulskirche Dr. med Werner Bartens, Autor und Journalist SZ, München

*

Drei Sterne gibt es für Burnout und Demenz. Nur einen Stern für Aids, gerade noch einen halben für Ehec. Ihre Sterne längst verloren haben hingegen Schweinegrippe, Asthma, Rheuma und Diabetes. Stark im Kommen: Allergien.

Mit Krankheiten verhält es sich in gewisser Weise wie mit Modetrends und den
Bewertungen der Gastrokritiker für Restaurants: Auch sie unterliegen einem
Geschmacksurteil und gesellschaftlichen Konjunkturen. Das mag zynisch klingen, ist aber
so, denn die Wahrnehmung von Leid folgt unberechenbaren Zyklen und diese wirken sich
nicht nur auf den Umfang und die Häufigkeit der Berichterstattung, sondern auch auf die
Höhe der Forschungsmittel und die Entscheidung für oder wider staatlich geförderte
Präventionsprogramme aus.

Ein besonders dramatisches Beispiel für die nachlassende Wahrnehmung einer Krankheit
ist der Bedeutungsverlust, den das einst als „Lustseuche“ titulierte Leiden Aids hat
hinnehmen müssen. Vor 20 Jahren war Aids noch der schwarze Schatten, der nicht nur
das Schicksal des Einzelnen, sondern das der ganzen Welt zu verdunkeln drohte. Über
jedem ungeschützten Intimkontakt schwebte virtuell der Sensenmann. Forscher wie
Politiker überboten sich mit Szenarien, die den baldigen Untergang der Weltbevölkerung
prophezeiten, sollte die Zunahme der Neuinfektionen weiterhin so rasant verlaufen. Aus
der Sicht von 1990 war es allenfalls fraglich, ob im fernen Jahre 2010 die Menschheit
noch im elenden Siechtum dahinvegetieren würde oder bereits endgültig verschieden war.

Heute ist die Faszination des Grauens und sogar die einst untrennbar mit Aids verbundene Konnotation von Sex und Verderben weitgehend einer neuen Gleichgültigkeit gewichen. Aids wird nicht mehr zwangsläufig nur mit Darkrooms, Drogenabhängigen und promisken Afrikanern assoziiert. Die Zahl von 2700 Neuinfektionen in Deutschland 2011 ist – wie schon in den Vorjahren – erfreulicherweise rückläufig. Infizierte haben in den
wohlhabenden Ländern gute Chancen, mit der Krankheit 20 oder mehr Jahre zu leben. Die bisherigen Erfolge in der Bekämpfung und Prävention von Aids wurde allerdings mit der Kaum-noch-Beachtung des Leidens erkauft.

Dabei ist Aids immer noch unheilbar. Aids ist immer noch eine furchtbare Krankheit, die
viel körperliches wie seelisches Unglück mit sich bringt und das Sozialleben massiv
beeinträchtigt, dazu gehört besonders die Ausgrenzung durch andere. Und Aids ist
weiterhin eine immense Bedrohung in Afrika, in manchen Regionen Asiens und
Osteuropas, besonders in der Ukraine und in Russland. Weltweit sind mehr als 33
Millionen Menschen infiziert, etwa 2,7 Millionen Männer, Frauen und Kinder stecken sich
jedes Jahr neu an, mindestens zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara. Zwei
Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Aids. Zugleich gewinnt in den armen Ländern
eine längst vergessen geglaubte Seuche wieder an Bedeutung: Eine viertel Million der HIVInfizierten stirbt jährlich an einer zusätzlich Infektion mit Tuberkulose. Der geschwächte Körper wird umso schneller Opfer einer der beiden Krankheiten. Mediziner sprechen bereits von der Doppel-Epidemie HIV/TB.

In Deutschland interessiert das ferne Leid jedoch kaum jemanden – und die Infizierten und Erkrankten im eigenen Land scheinen ja so gut versorgt und daher kaum noch der
Anteilnahme wert zu sein. Außer dem rituellen Gedenken zum Welt-Aids-Tag und der
Bekanntgabe neuer epidemiologischer Zahlen kurz zuvor (beiden Ereignissen widmet auch
die Süddeutsche Zeitung regelmäßig Artikel), findet Aids in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr statt. Andere Gefährdungen scheinen bedrohlicher und vor allem viel alltagsnäher zu sein, seit der Gebrauch von Kondomen sein einstiges Schmuddelimage verloren hat.

Dazu will ich kurz auf andere Leiden verweisen: Früher galt das Ableben nach einem
Herzinfarkt als Heldentod der Führungskräfte, heute ist der Burnout das
Veteranenabzeichen der Leistungsgesellschaft. Krankheit wird bewertet, moralisch wie
sozial: Fällt der Kollege drei Wochen aus, weil er sich beim Fallschirmspringen den
Knöchel gebrochen hat, ist ihm bewundernde Anerkennung gewiss. Muss er mit einem
Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie, erntet er hingegen abschätziges Bedauern
dafür, dass er den Anforderungen von Familienwahnsinn und Arbeitsnomadentum wohl
nicht mehr gewachsen war. Da Nervenzusammenbruch nach eigener Schwäche und
Schuld klingt, ist der Begriff aus der Mode geraten. Burnout klingt hingegen nach
unerträglichen Umständen.

Die dauerflexiblen, multitasking-beflissenen Bewohner dieses Landes sorgen sich kaum
mehr um Aids – sofern sie nicht davon betroffen sind – sondern um die Grenzen der
eigenen Belastbarkeit (Burnout), die Grenzen ihres Erinnerungsvermögens (Alzheimer und andere Demenzformen), sowie darum, wie lange sie ein weitgehend fremdbestimmtes
Leben ohne Pickel und Ekzeme aushalten (Allergien). Kein Wunder, dass neben Aids auch
andere bedrohliche Leiden wie Multiple Sklerose, Parkinson, Epilepsie, Herzinsuffizienz
oder Asthma in der öffentlichen Aufmerksamkeit kaum eine Rolle spielen.

Jedes Leid und jeder Kranke verdient Beachtung – unabhängig davon, ob die jeweilige
Krankheit die aktuellen Ängste einer Gesellschaft versinnbildlicht oder nicht. Und Aids-
Kranke und HIV-Infizierte brauchen mehr als ein paar Prominente, die sich alle Jahre
wieder eine rote Schleife ans Revers binden.

Wer krank ist, braucht Therapie, Trost und Zuwendung. Nicht ständig, aber oft. Wer
chronisch krank ist, umso mehr. Ist jemand dauerhaft von einem Leiden betroffen, sucht
er nach Erklärungen. Oft durchforsten Kranke die eigene Biographie nach möglichen
Auslösern ihres Leidens, kurz: nach dem falsch gelebten Leben. Zum Leid kommen die
Selbstvorwürfe. Gerade wenn Ärzte medizinisch nicht mehr viel tun können, sind sie in
ihrer Menschlichkeit, Zuwendung, ja Barmherzigkeit gefragt. Oft empfinden Ärzte wie Laien es als Niederlage, wenn „nichts mehr gegen eine Krankheit getan werden kann“. Dabei fängt hier die Herausforderung erst an.

Warum wird man krank? Die Idee, alles sei „psychosomatisch“, ist weit verbreitet. Es gibt
etliche Bücher mit Titeln wie „Krankheit als Sprache“ oder „Was Dir Deine Krankheit sagen will“. Wer so etwas liest und krank ist, bekommt unweigerlich ein schlechtes Gewissen, die eigene Malaise selbst verursacht zu haben. Das ist fast nie der Fall, Krankheit ist Schicksal, Unglück, Pech. Der Frankfurter Chirurg Bernd Hontschik hat wunderbar beschrieben, wie es Kranken dann manchmal geht: „Was aber soll man als Kranker machen, wenn einem die Krankheit partout nichts sagen will? Man hat Schmerzen, man verliert Funktionen und Fähigkeiten, man ist hilfsbedürftig, vielleicht sogar hilflos, eben krank. Aber man versteht es nicht. Sie spricht einfach nicht, die Krankheit. Jetzt ist man krank, und hat außerdem noch ein Problem.“

Viele populäre Therapie-Konzepte unterstellen nicht nur, dass Kranke selbst Schuld an
ihrem Leid sind. Sie hätten es auch selbst in der Hand, wieder gesund zu werden. Dieser
Eindruck ist für jedes Leiden falsch. Es gibt kein Patentrezept zum gelungenen oder
gesunden Leben. Innere Ausgeglichenheit und Optimismus können zwar helfen, dass man
sich besser fühlt. Krankheit kann auf diese Weise trotzdem nicht automatisch besiegt
werden. Es gibt Schicksal und Tragik und manchmal einfach Körperunglück, ohne dass
irgendjemand etwas dafür kann.

Wer Kranken unterstellt, dass sie nur nicht gesund werden, weil sie es vielleicht nicht
genug wollen oder zu wenig darum kämpfen, ist nicht nur gemein – er verkennt auch die
komplexen Zusammenhänge von Krankheit und Gesundheit. Erst recht, wenn es um HIVInfizierte und Aidskranke geht, bei denen die Gesellschaft oft kein Mitleid mehr zu zeigen scheint, weil sie ja nicht mehr für ihre Gesundheit, sondern „nur“ noch etwas für eine längere Dauer der Krankheit tun können.

Was Kranke deshalb nicht gebrauchen können, sind Schuldzuweisungen von außen. Nach
dieser Logik resultiert Krankheit aus mangelnder Investition in die eigene Gesundheit. Aus zu wenig positiven Gedanken. Aus zu wenig „Auseinandersetzung“ mit dem Leid und zu wenig Verarbeitung. Das ist falsch. Zwar gibt es Gewohnheiten, die bestimmte
Erkrankungen wahrscheinlicher machen. Doch die meisten Krankheiten sind
Schicksalsschläge. Krebs ist ungerecht; ein Tumor kann jeden treffen. Aids auch. Für die
Mehrzahl der anderen Erkrankungen gilt das ebenfalls. „Victim blaming“, die
Beschuldigung der Opfer, sollten Ärzte und Angehörige vermeiden, wenn sie mit Kranken
zu tun haben.

(Ein kleiner Exkurs: Das Denken, wonach Krankheit selbstverschuldet ist, kann auch für
Gesunde schädlich sein. Wer sich ständig fragt, ob er genug für seine Gesundheit getan
hat, fühlt sich bald nur noch gesund auf Probe – und belastet sich auf der Suche nach
Beweisen für seine Gesundheit und dem Ringen um den richtigen Lebensstil umso mehr.)

Vor kurzem habe ich einen Einführungsvortrag auf den Münchner Wissenschaftstagen
gehalten. Sie standen unter dem Motto: Herausforderung Gesundheit. Einer der
Bürgermeister der Kommune verlas für die Stadt ein Grußwort. Er begann es mit den
Worten: „Gesundheit ist alles – und ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Neben mir saß ein
befreundeter Arzt, dessen Frau an MS erkrankt ist und er sagte zu mir: „Was für ein
Quatsch. Und was soll meine Frau jetzt tun, wenn ohne Gesundheit alles nichts ist? Sich
umbringen?“

Gesundheit gibt es wie Liebe und Glück nur im Zustand der Selbstvergessenheit, hat der
Philosoph Hans-Georg Gadamer einmal gesagt. Gesundheit ist wie Liebe und Glück für
jeden Menschen etwas anderes. Glück und Zufriedenheit können auch Kranke erleben.
Langfristig kann dazu gehören: Lieben und geliebt zu werden. Keine finanziellen Sorgen zu haben, die bedrohlich für die eigene Existenz sind. Gelassen und entspannt zu sein, auch wenn es gerade etwas besser laufen könnte. Immer wieder im Spiel, beim Sport oder im Beruf die Zeit zu vergessen und das Gefühl zu haben, gerade genau das Richtige zu tun.

Für Kranke ist nicht alles nichts.

Für jeden ist Zufriedenheit etwas anderes. Denn die kleinen und großen Momente des
persönlichen Glücks haben eines gemeinsam: Wer Freude, Ausgelassenheit oder innere
Einkehr – auch wenn er krank ist – selbstvergessen genießt, befindet sich zumeist auch im
Einklang mit seinem Körper. Der Leib macht keine Beschwerden, sondern ist einfach nur
da und trägt zum wohligen Gefühl bei. Der französische Chirurg René Leriche hat diesen
Zustand als das „Schweigen der Organe“ bezeichnet. Schöner kann man kaum
ausdrücken, was damit gemeint ist, wenn der Körper unauffällig, aber unterstützend
seinen Teil zum individuellen Glück beiträgt. Und das ist eben auch möglich bei Krankheit. Dies zu erkennen und zum individuellen Wohlbefinden der Aids-Kranken und HIV-Infizierten beizutragen, zu ihrem kleinen Glück und zu ihrer Hoffnung, ist Aufgabe von Ärzten, Angehörigen und Freunden.

Dieses ist ein fragiler Zustand, der durch Belastungen in der Familie, im Freundeskreis, im
Beruf oder durch gesundheitliche Rückschläge schnell verschwinden kann. Gerade dann
ist das richtige Wort und eine gelungene Kommunikation wichtig für die Gefühlswelt und
das Erleben Gesunder wie Kranker. Das gilt für jede Beziehung zwischen Menschen, und
besonders für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient und Patient. Das ist die
Aufgabe, die sich der Gesellschaft stellt – und es ist vor allem eine Aufgabe des
Mitgefühls, wenn Heilung nicht mehr möglich ist.

Quelle: Aids Hilfe Frankfurt – WAT 2011 – Paulskirche Frankfurt – Die Reden

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Tag

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter AIDS, Gesellschaft, Gesundheit, HIV im Alltag, HIV/AIDS, Inland, Menschenrechte/Human Rights, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s