Auf den ersten Blick . . .


. . . könnte „Annahme – etwas/eine Situation annehmen“ eine Art Blueprint sein, die man in einer „ähnlich, gleichen“ wiederkehrenden Situation nur allzugerne hervorholen möchte, um sie immer und immer wieder verwenden zu können. So wie den LichtSchalter in der Wohnung den man an einem trüben Herbstagen einfach umlegt damit die Lampe an der Decke eben angeht. So wünsche ich mir manchmal dieses „annehmen“ wenn ich in einem Problem stecke. Einfach den Schalter umlegen und ich kann eine neue Situation die mich beschäftigt, die mir auf der Seele liegt annehmen. Lichtschalter umgelegt – Situation angenommen – Problem gelöst.

Doch so einfach ist es nicht. Obgleich mir das Prinzip des „annehmen“ mittlerweile vertraut ist, dieser „Schalter“ befindet sich weder an der gleichen Stelle noch ist eine bekannte Lösung auf ein neues Problem 1:1 übertragbar. Erst bei einer intensiven Auseinandersetzungmit einem Problem, einer neuen Situation, idr in der Kommunikation mit Anderen wird mir gewahr das sich ein neues Problem vom Vorangegangenen sich scheinbar Ähnelnden schon deshalb unterscheidet weil Voraussetzungen und Bedingungen Andere sind. Erst wenn ich mir dieser neuen Voraussetzungen und Bedingungen gewahr geworden bin, erst dann ist es mir möglich den Schalter umzulegen und die neue Situation wie sie sich darstellt „anzunehmen“.

Wähend der letzten 10 Jahre der Betreuung meiner Mutter, der Zeit als sie in Ihrem Haus, in der Umgebung lebte die ihr vertraut war, in der sie sich wohlfühlte, gab es immer wieder Situationen wo sie sich verweigerte und mit aller Bestimmtheit „Nein“ sagte. „Nein“ sagen ist auch ein Zeichen von Autonomie.

In den ersten Jahren der Betreuung habe ich gelernt zu unterscheiden wann ich meiner Mutter ihren Willen lassen kann und wann nicht. Und obwohl ich es heute weiß, es ist jedes Mal auf s Neue eine Gratwanderung. Es gab und gibt Tage da will sie nicht aufstehen oder duschen oder sie hat keine Lust auf die Übungen mit ihrer Physiotherapeutin. An solchen Tagen darauf zu bestehen nur weil ich Betreuer bin und mich das Betreuungsgericht mit dem Aufgabenkreis der Gesundheitsfürsorge betraut hat würde keinen Sinn machen. Zudem ist eine Betreuung nicht gleichbedeutend mit einer Entmündigung, und bedeutet nicht das man einen Menschen den man betreut zu etwas zwingen darf oder muß nur weil man mit einem Aufgabenkreis betraut wurde. Es würde nicht nur einer Entmündigung gleichkommen, sondern man würde den Willen und die freie Entscheidung, die Autonomie (die natürlich ihre Grenzen hat nämlich dann wenn er/sie sich selbst schadet) eines Menschen mißachten.

Anders sieht es mit der Einnahme von Medikamenten aus. Medikamente dienen dazu  im Kontext zur Gesundheit einen Status Quo aufrechtzuerhalten. Hier ähnelt die Gratwanderung einem Gang auf des Messers Schneide. Mit dem Aufgabenkreis der Gesundheitsfürsorge für einen anderen Menschen betraut zu werden, geschieht aus dem Grund weil ein Mensch, in diesem Fall meine Mutter, nicht mehr in der Lage ist ihre „gesundheitliche Situation“ realistisch einzuschätzen. Was dies im Alltag bedeutet weiß niemand besser als chronisch kranke Menschen, die für den Rest ihres Lebens auf die Einnahme von Medikamente angewiesen sind. Würde man die Einnahme der Medikamente aussetzen, so wären die Folgen dieser Handlung abzusehen. Ihr Gesundheitszustand würde sich verändern, in der Regel verschlechtern. Insofern ist die Einnahme von Medikamente überlebensnotwendig und lebensverlängernd.

Dennoch passiert es das man mal seine Medikamente vergißt oder sich nicht sicher ist und sich fragt: „Habe ich jetzt meine Medis eigentlich schon genommen?“ Dies kann und kommt mal vor. 100 % Sicherheit im Leben gibt es nicht. Auch wenn uns das Herr Kaiser glaubhaft versichert.

Es gab Tage da wollte meine Mutter ihre Medikamente nicht nehmen oder besser gesagt sie versuchte es indem sie die Einnahme herauszögerte. Im finden von Gründen warum sie ihre Tabletten nicht jetzt sondern erst in 5 Minuten nimmt, ist sie großartig. Das sie es 5 Minuten später vergessen hatte liegt auf der Hand. So blieb unseren Haushälterinnen nichts anderes übrig als solange bei ihr zu sitzen und sie anzuhalten die Tablettten zu nehmen bis meine Mutter murrend und zähneknirschend irgendwann ihre Tabletten genommen hat.

Ihr Haus in dem sie bis zum Sommer dieses Jahres lebte, ihre Wohnung in der sie sich wohlfühlte, die Schränke in die sie schaute und nachsah ob das Geschirr auch an seinem rechten Platz stand, die Blumen die auf der Fensterbank des großen „Blumenfenster“ im Wohnzimmer standen die sie hegte und pflegte, diese vertraute Umgebung die einen wesentlichen Einfluß auf ihre Lebensqualität hatte, die Teil ihrer Lebensqualität war, all diese Voraussetzungen sind in dem Altenpflegeheim, dem Ort wo sie jetzt lebt nicht mehr vorhanden.

Heute lebt sie an einem Ort wo sie niemals sein wollte, lebt an einem Ort wo sie sich nie vorstellen konnte jemals leben zu müssen. Der Einfluß der Umgebung wo sie heute lebt, hat natürlich einen Einfluß auf ihre Lebensqualität.Das nichtvorhandensein ihrer gewohnten vertrauten Umgebung und die in diesem Zusammenhang bedingte nicht vorhandene Lebensqualität verstärken ihre Haltung wenn sie heute einen Tag der Verweigerung hat. Insofern ist es nachvollziehbar das ihre Reaktionen nicht aufzustehen, keine Medikamnetne zu nehmen, keine Übungen mit der Physiotherapeutin zu machen fallen dann um einiges heftiger ausfallen als es bisher der Fall gewesen war.

Zu Hause hatte meine Mutter eine 1:1 Betreuung. Unsere Haushälterinnen die mit meiner Mutter unter einem Dach lebten, blieben an solchen Tagen solange am Tisch bei ihr seitzen bis meine Mutter ihre Tabletten genommen hat. Dies ist auf Grund der Situation, der Bedingungen wie sie in einem Altenpflegeheim gegeben sind nicht möglich. Das die Pflegerinnen besonders an „Tagen der Verneinung“ des öfteren bei meiner Mutter ins Zimmer kommen und darauf achten ob bzw solange bis sie ihre Medikamente genommen hat, das ist die eine  Seite.

Dennoch wird es sich nicht vermeiden lassen das die Tage der Verneinung zunehmen werden, da sie mit dem Um/Einzug in das Altenpflegeheim einen Teil ihrer bisherigen, gewohnten Lebensqualität verloren hat. Verlust der sich auf ihr Wohlbefinden auswirken kann, wird.

Dies „anzunehmen“, zu akzeptieren, mir gewahr zu sein das dies Teil des Lebens ist, zu dem Leben meiner Mutter gehört . . . das ist eine schwere, schmerzhafte Lektion.

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