Wahrnehmung von Menschen mit HIV in der Gesellschaft


In seinem Artikel „Ein Albumblatt für Carsten Schatz“ (Gastbeitrag auf dem Blog von Ondamaris) hat Bernd Aretz einige sehr bedeutende Sätze gesagt die nach meinem Verständnis allgemeine Gültigkeit bzgl. der Wahrnehmung „das Bild von Menschen mit HIV in der Gesellschaft im Jahr 2011“ haben.

Veränderungen geschehen in der persönlichen Begegnung. Und hier wird HIV interessant.

Wir brauchen neue Sichtweisen. Deswegen ist es wichtig, im privaten und im öffentlichen Leben Gesicht zu zeigen. Heute sind nicht mehr wir die Herausforderung, sondern das Demontieren längst nicht mehr zutreffender Bilder.

Es ist Fakt, dass es einen Bodensatz an Homophobie immer geben wird, an Zuschreibungen, die an Menschen mit HIV erfolgen. Aber Fakt ist ebenso, dass es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, der Diskriminierung nicht zulassen sollte. Ein offenes Leben kann also mit Widrigkeiten durchaus verbunden sein, eröffnet aber auch Freiheiten und gibt die Luft zum Atmen.

Wenn man dann auch noch öffentlich exponiert ist, besteht die Chance, dass sich ein Stück Normalität in der medialen Welt wiederfindet, obwohl das Gewöhnliche eigentlich keine Nachricht wert wäre. Quelle Ondamaris

* * *

Ich habe sehr oft das Gefühl das wir uns in unseren Bemühungen „Die Normalität von Menschen mit HIV in die Gesellschaft zu transportieren“ ausschließlich in unserem eigenen HIV spezifischen Kosmos bewegen. Ob es sich um div AIDS Konferenzen medizinisch wie die CROI, die Welt Aids Konferenz oder Positive Begegnungen (Magazin als pdf Datei über das Treffen in 2010) Treffen von Menschen mit HIV handelt, ob es sich um div Workshops für Menschen mit HIV bzw Fachpublikum der div AIDS Hilfen, um die Präventionskonferenz vom 4.- 6. Nov 2011 in Berlin oder um die IWWIT Kampagne handelt, wir bewegen uns ausschließlich unter uns und innerhalb unsers eigenen HIV spezifischen Kosmos. Betroffene wie Fachpublikum.

Möglicherweise scheinen wir ja der Ansicht zu sein das die Akzeptanz von Menschen mit HIV von der Gesellschaft ein Selbstläufer ist oder wir kommen zu dem Glauben das es „mit dem HIV“ ja gar nicht so schlimm sein könnte. Mittlerweile gibt es über 20 HIV Medikamente die HIV zu einer chronisch behandelbaren Krankheit gemacht haben. Und ausserdem, wenn man so durch s sommerliche Deutschland schaut . . . Landauf – Landab CSD´s soweit das Auge reicht. Also soooooooo schlecht kanns Denen ja nicht gehen.

Die Einbeziehung der Gesellschaft in deren Mitte wir nicht nur leben sondern von der wir ein Teil sind ist/wird was uns betrifft von uns ausgeblendet sodaß wir was die Akzeptanz von Menschen mit HIV/die Community oder um das abgedroschene Wort „in die Gesellschaft integriert“ zu verwenden betrifft davon noch meilenweit entfernt sind. Hin und wieder werden wir von der Gesellschaft bzw deren Vertretern die sich berufen fühlen und glauben etwas zu dem Thema HIV sagen zu müssen oder zu wollen in einer Art und Weise „erwähnt“ das einem nach 30 Jahren HIV schwarz vor Augen wird.

Unterstützt wird diese Auffassung von den VollProfis der div privaten Sender. In einem Gespräch das Axel Schock  mit Barbara Süvern, Producerin der von Grundy UFA produzierten RTL-Serie „Unter Uns“ führte, kann man dann in einem Artikel ein „One Night Stand mit Folgen“ erstaunliches lesen:

Wenn man in den Einträgen in Internetforen zu „Unter uns“ herumstöbert, stößt man bisweilen auf recht heftige, ablehnende Reaktionen von Zuschauerinnen und Zuschauern. Wie schätzen Sie selbst die Resonanz ein?

Es gibt in der Tat auch sehr unqualifizierte Äußerungen in diesen Foren, aber in der Mehrheit erleben wir doch eine sehr intensive, ernsthafte Auseinandersetzung.

Das diese Aussage seitens des Gesprächspartners Axel Schock einfach so stehen gelassen wurde erstaunt mich doch sehr.

Merkwürdigerweise findet man auf der entsprechenden Webseite von RTL zu dieser Serie in den dafür vorgesehen Diskussionsforen nichts was auch nur den Anschein einer Auseinandersetzung mit dem Thema HIV haben könnte. Warum wohl?

Das es auch anders funktioniert, zeigt „Das etwas andere Bildungsfernsehen“. Die erfolgreiche südafrikanische TV-Soap „Soul City“ ist einmalig auf der Welt: Woche für Woche hält sie mit fesselnden Geschichten die Zuschauer in Bann – und klärt nebenbei über HIV und Aids auf. Quelle DAH-Blog

Wie die Realität aussieht das kann man – wieder einmal aktuell – in den Kommentaren eines Artikel „Odessa gilt als Aids-Hauptstadt Europas“ nachlesen:

Ist meiner Meinung nach jeder HIV positive der Verkehr mit gesunden hat ein Egoist ersten Grades (verhütungsmittel sind nicht zu 100% sicher)
Finde ich das der Schutz der gesunden wichtiger ist als die Akzeptanz der Kranken durch die Gesellschaft

Wenn jemand an einer unheilbaren Krankheit leidet (mich eingeschlossen), sollte diese Person so weit wie moeglich ausgegrenzt werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass diese Person niemanden ansteckt. Sorry! Aber so denke ich!

Wer da meint das dies ja nur Einzelfälle sind dem sei gesagt, das dies nicht der Fall ist. Der Tenor, die Haltung von dem größten Teil der Gesellschaft gegenüber Menschen mit HV, Schwulen und Lesben ist schlicht und einfach gesagt katastrophal. Jeder der sich ein Bild davon machen möchte wie es ausserhalb von IWWIT und dem eigenen Cocon aussieht sollte sich der Mühen unterziehen und in Foren wie hier und hier ggf unter dem Stichwort HIV ein wenig suchen.

Was die Akzeptanz von nicht wenigen Zahnärzten gegenüber Menschen mit HIV  betrifft auch da sieht es alles andere als rosig aus.

Auch viele Kommentare zu einem Auftritt auf dem Catwalk von Andrej Peijc sprechen eine beredte Sprache.

Was die entstigmatisierung und entkriminalisierung von (Menschen mit) HIV, was das Bild von Menschen mit HIV innerhalb der Gesellschaft betrifft, sieht es in Deutschland 30 Jahre nach HIV nicht besonders gut aus. Eine Weg wäre Kontakt zu der Justiz, den Medien, Journalisten i.e. Vertretern der „Gesellschaft“ im Rahmen eines Ethik Workshops aufzunehmen. Dort böte sich die Gelegenheit bestimmte Sachverhalte zu thematisieren bzw zu kommunizieren und sich mit Journalisten (nicht nur denjenigen die uns gewogen sind) Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten auszutauschen und zu debattieren.

Beim Thema Entkriminalsierung muss es ueber die Staatsanwaelte und Richter/innen gehen. In anderen Laendern ist das schon der Fall, z.B. Grossbritannien oder Norwegen. Die haben vor ein paar Jahren Kontakt zu den Berufsverbaenden etc. aufgenommen und „schulen“ jetzt ab und an in den Gremien.

Wir müssen davon wegkommen uns nicht nur mit uns auseinanderzusetzen sondern ganz konkret auf die Gesellschaft zugehen, sie in unsere Diskussionen mit einbeziehen, uns mit ihnen an einen Tisch setzen. Wir müssen die Konfrontation mit denen die uns nicht gewogen sind bzw sich kontraproduktiv verhalten suchen. Natürlich hat man keinen Einfluß darauf ob sie ein Angebot annehmen. Doch wenn wir es nicht versuchen und uns stattdessen immer nur in unserem Kosmos bewegen, uns um uns selbst drehen dann wird sich was die Ent- Stigmatisierung, Ent – Diskrimierung und Ent -Kriminalisierung von Menschen mit HIV, von Lesben und Schwulen und Transgender betrifft, nichts passieren.

Bridging the Gap – die Kluft zwischen Menschen mit HIV und der Gesellschaft – die Verringerung oder der Überwindung bzw dem Versuch diesen Graben zu verkleinern, davon sind wir nach wie vor Meilenweit entfernt.

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