Wir und die Diskriminierung


Gastbeitrag von Thomas Elias dem ich für seine Genehmigung diesen Text auf meinem Blog zu veröffentlichen recht herzlich „Danke“ sage. Und „Danke“ auch an Marcel . . .

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Welcher Mensch in Deutschland macht schon Erfahrungen mit HIV-Infizierten? Statistisch eigentlich kaum jemand. Man macht sich doch erst Gedanken, wenn es einen direkt oder indirekt (be)trifft – und eigentlich ist das doch auch ok!

Kurz: Ich verlange nicht von der Bäckersfrau gegenüber, die noch nie bewusst einen Schwulen und erst Recht keinen Positiven kennengelernt hat, dass sie noch VOR der Begegnung mit mir – als Positivem – in eine AIDS-Hilfe rennt, die Broschüren nicht nur liest und versteht, sondern auch noch mit dem Herzen aufnimmt, um mir in Zukunft adäquat die Hände schütteln zu können. Ich finde es völlig unerheblich, ob andere Menschen aus meinem Glas trinken, meine Hände schütteln oder meine blutende Wunde anfassen würden oder nicht.

Diskriminierung ist keine Einbahnstraße. Wer überall Diskriminierung wittert, wird sie entdecken und spüren. Wer halbwegs selbstbewusst durch die Gegend läuft, wird Diskriminierung auch entgegentreten können.

Hörte ich mal die Klage: „Ich bin so einsam, weil ich HIV bin….“. Ist das so? Oder hat die Einsamkeit nicht vielleicht einen anderen Grund und HIV ist nun eine willkommene Erklärung…?

Ich lebe seit 1981 mit dem Virus und kann nur einen Fall von Diskriminierung meinerseits berichten….

Es geht doch erheblich darum, was wir von unserem sozialen Umfeld erwarten und dann was wir als Diskriminierung empfinden? Warum sollten sich die 79.940.000 Menschen in Deutschland, die nicht infiziert sind, so tiefgehend mit HIV/Aids auseinandersetzen, dass sie uns frei und vorbehaltlos begegnen können? Anlass dazu haben i.d.R. nur die indirekt Betroffenen (unsere Familie, PartnerInnen, FreundInnen, KollegInnen). Von Ihnen können wir vielleicht erwarten, dass sie sich adäquat mit HIV/Aids auseinandersetzen.

Was wissen HIV-Infizierte denn z.B. schon über Menschen mit z.b. „Morbus Menière“? Da müssen wir uns auch erstmal kundig machen und überlegen, wie damit umzugehen ist. WIR verhalten uns doch nicht anders verhalten, als diejenigen, die uns „diskriminieren“ – bzw. einfach mit Unwissen behandeln. Wir setzen uns eben auch nicht mit „Morbus Menière“ auseinander,. solange wir nicht mit der Nase draufgestoßen werden, einen Anlass dazu haben…

Natürlich weigern sich Ärzte, Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen zu behandeln. Das trifft doch nicht nur auf Aids zu, wir haben da doch kein Alleinstellungsmerkmal. Diese Weigerungen kommen meist aus Unkenntnis zustande und ja: Auch Ärzte gehören dazu. Was meinst Du denn, wie wenig „gewöhnliche Feld- Wald- und Wiesenärzte“ über HIV/Aids wissen? Wenn Dir alle 5 Jahre mal ein HIV-Patient vor die Nase hoppelt, hast Du als Arzt keinen Anlass, eine umfassende Fortbildung zu dem Thema zu besuchen.

Vielleicht sollten wir einfach mal den Ball ein wenig flacher halten und nicht denken, wir seien die einzigen, die auf Grund der Erkrankung Einschränkungen erfahren. Viele Menschen fühlen sich von Erkrankten abgestoßen und es gibt eine Menge Erkrankungen, bei denen Menschen sich abwenden.

Und viele Kranke müssen sich auch mit der Frage der Schuld auseinandersetzen (Raucher – Raucherbeinamputation, Fettleibiger – Herzinfarkt, Diabetis, –  Drogenabhängige, Alkoholiker… alle selber schuld….) – da sind wir nicht die einzigen. Wie viele Menschen brechen den  Kontakt zu Krebskranken ab? Aus Angst vor Ansteckung oder vor dem Anblick oder frage mal, wieviele Freunde ein Mensch mit Tourette-Syndrom oder ein halbseitig Gelähmter nach seinem Schlaganfall hat? Insofern kotzt mich das an, wenn Antwort auf die Frage, wieviele Menschen einem Infizierten die Hand geben wollen, zu einer Anklage generiert wird.

Wann haben wir das letzte Mal einem Obdachlosen die Hand gegeben?

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Eine Antwort zu Wir und die Diskriminierung

  1. Iguens Vis schreibt:

    Natürlich sind wir nicht die einzigen Menschen, die diskriminiert werden. Trotzdem ist Diskriminierung bei bestimmten Erkrankungen an der Tagesordnung. Auch wenn ich unter dem Tourette Syndrom leiden würde, würde ich mich auch bei Diskriminierung wehren. Nur – ich bin eben positiv! Das wir uns selbst manchmal stigmatisieren steht auf einem anderen Blatt

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