Ich liebe Froschschenkel (akt 4)


In Knoblauch gebraten, mit Koblauchbutter und einem Baguette serviert, dazu ein Glas guten Rotweine sind sie eine Delikatesse. Aber die Kröten die ich zur Zeit schlucke behagen mir gar nicht.

Manchmal hat meine Mutter einfach keine Lust ihre Medikamente zu nehmen. Zu Hause hatte sie es zwar auch immer mal wieder versucht, aber sie ist damit nicht durchgekommen.  Jetzt, in dem Pflegeheim in dem sie lebt ist es manchmal ne Katastrophe. Wenn ich gegen 11 Uhr komme steht ihre Morgendosis schön in einem bunten Plastikgläschchen auf ihrem Tisch. Das da mal ne Pflegerin vorbeischaut, nachsieht ob sie wie auch andere BewohnerInnen ihre Medikamente genommen haben. . . keine Spur.

Meine Mutter hat Kreislaufprobleme. Deshalb bekommt sie Blutdruckmedikamente. Zu Hause wurde jeden Tag ihr Blutdruck gemessen. Im Pflegeheim geht das nur wenn es „notwendig“ ist oder wenn sie einen Arzttermin hat. Wann ist es notwendig, frage ich mich. Wenn eine Pflegerin sie auf ihrem Zimmer dem Boden liegend vorfindet weil ihr Kreislauf „ausgesetzt“ hat?

„Ach Frau XY sie haben ja einen ganz hohen Blutdruck . . . Na sowas aber auch„. Ja Klar hat sie den. Deshalb soll ja auch jeden Tag ihr Blutdruck gemessen werden damit man schon im Vorfeld sieht was los ist und es erst gar nicht soweit kommt . . . .

Wenn sie auf ihrem Zimmer das Mittagessen zu sich nimmt, was sie meistens macht, dann wird das Mittagessen gegen 12.30 serviert.Um 14. steht das Tablett mit den leeren Teller immer noch im ZImmer und warten darauf abgeholt zu werden. Vorauszusetzen das meine Mutter, die sich nur noch im Rollsuhl fortbewegt, das Tablett mit dem leeren Geschirr auf ihren Knien in den Speisesaal balanciert ist ja wohl etwas an der Realität vorbei. So gegen 14.30 wenn die Teamübergabe, Frühschicht an Spätschicht von 13.00 – 14.00, vorbei ist wird dann das Geschirr abgeholt.

Was die medizinische Medikation im Konext mit einem zur Zeit i.e. seit 8 Wochen statffindenden Arztdrama betrifft . . . . . Der eine macht nur noch Dienst wenn notwendig, da er seine Praxis aufgegeben hat, „Besprechen sie das mit meinem Nachfolger“ der Andere, der Nachfolger übernimmt die Patienten des Vorgängers am 15. September.

Ihre Mutter ist zur Zeit sehr Nachtaktiv. Da wir keine Unterlagen von ihrer Hausärztin haben wissen wir nicht ob und welche Schlaftabletten sie nimmt. In den Unterlagen die sie abgegeben haben ist diesbezüglich nichts vermerkt.

Unsere ehemalige Hausärztin tut sich diesbezüglich etwas schwer um es mal vorsichtig auszudrücken. Zwar kam sie regelmäßig alle 4 bis 5 Wochen und wenn es notwendig war zu meiner Mutter nach Hause, hat sie untersucht, ihr Blut abgenommen, aber mit dem Bürokram tut sie sich schwer. Erst als ich mir einen Termin habe geben lassen wurde sie aktiv. Auf den Gedanken das mich das Pflegeteam anruft und fragt ob ich was weiß, schließlich betreue ich meine Mutter seit über 10 Jahren, auf dieses Idee sind die Damen nicht gekommen. Warum auch. Schließlich bin ich ja auch keine examinierte Pflegekraft . .

Als ich diese Woche meine Mutter besuchte mußte ich feststellen das in der Obstschale die Zwetschgen vergammelten. Als das Pflegepersonal meine Mutter darauf angesprochen hatte, das man das Obst entfernen müßte, sagte meine Mutter natürlich „Das mache ich selbst“. Wozu sie ebenso natürlich nicht in der Lage war da sie es im nächsten Moment wieder vergessen hatte. Für das Pflegepersonal war damit die Sache erledigt. Ergebnis: Halbvergammelte Zwetschgen schwammen in ihrem eigenen Saft, eine Serviette war durchnäßt von klebrigem braunen Saft, Messer, Teelöffel und ein Schraubenschlüssel waren mit einer braunen klebrigen Masse überzogen. Als ich eine Pflegerin darauf angesprochen hatte sagte sie: „Sowas geht überhaupt nicht“. Stimmt. Sowas geht überhaupt nicht.

Ein anderes Mißverständis (als solches klärte es sich im Nachhinein auf) dessen Ursache in einem internen Kommunikationsproblem des Pflegeteam lag führte dann dazu das die Welt meiner Mutter vollends aus den Fugen geriet. „Ich fahre am Freitag nach Hause. Ich hab ja Fahrgeld“.

*

Das das Pflepersonal eine 1:1 Betreuung wie sie zu Hause stattgefunden hat nicht leisten kann liegt auf der Hand und steht auch nicht zur Diskussion. Und genauso liegt es auch auf der Hand das mir dieser Zustand kein bischen gefällt und mir auf den Magen schlägt. Das ich Amok telefoniere ist auch naheliegend. Genauso wie ich mir vorstellen kann wenn man meine TelNummer auf dem Display sieht denken könnte. „Och neeee nich DER schon wieder . . . .“

Dies alles ist letzendlich politisch gewollt. Wäre es nicht so würde auf jeder Etage in jedem Pflegeheim ausreichend Personal sein. Aber was will man auch von unserem GesundheitsPraktikanten Daniel Bahr und Frau BundeswasweißichMisterin „Look busy do Nothing“ K Schröder anderes erwarten. Unsere Bundeskrampflerin A Merkel hat sich schon die Richtigen ausgesucht. Alles in ihrem KatastrophenDramaKabinett nur keine Pragmatiker mit Durchsetzungsvermögen die ihr Paroli bieten oder gar wagen zu widersprechen . . .

* * *

Natürlich werden jetzt einige aus der üblichen Verdächtigenfraktion schnaubend und wild mit ihren Armen in der Luft gestikulierend fauchen: Was willst Du eigentlich, Anderen geht es noch viel schlechter. Sie können sich keine 10 Jahre Versorgung/Haushälterin Pflege zu Hause leisten. Deine Mutter wird sich an das Heim noch gewöhnen. Ausserdem versteh ich nicht was dieses Drama soll. Du bist nicht der Einzigste mit „Problemen“ . . . 

Genau DAS ist der Knackpunkt. Der Verlust der Lebensqualität auch oder gerade im Alter ist politisch gewollt. Man nimmt es billigend in Kauf. Andernfalls hätte man schon längst eine Reform der Pflegeversicherung mit dem Ziel „Leben im Alter – In Würde alt werden“ in Angriff genommen. Für die Bevölkerung sind die bisherigen Reförmchen nichts weiter als kosmetische Operationen. Die wahren Profiteure ist die „AltersIndustrie“.

Einiges werde ich schlucken müssen da es nicht zu ändern ist. Was ich nicht schlucken werde ist dieser dämliche Spruch „Sie wird sich schon daran (ans Heim) gewöhnen“. Wie kann sich ein Mensch an eine Verminderung seiner Lebensqualität im Kontext zu der Lebensqualität die er Zeit seines Lebens bis vor dem Einzug in ein Heim „Zu Hause“ erfahren hat gewöhnen? Er in diesem Fall meine Mutter wird sich in ihr Schicksal fügen weil sie keine andere Wahl hat. Und sie wird es bis an ihr Lebensende bedauern nicht mehr „Zu Hause“, den Ort den sie liebt und an dem sie sich wohl gefühlt hat, wo sie sich „zu Hause“ gefühlt hat zu leben.

Der Fraktion der SiewirdsichdaranGewöhner empfehle ich eine Aktivierung der RestHirnzellen zwecks Reflektion der alten Volksweisheit „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“.

Zwecks Anregung besagter Zellen

Stuttgarter Zeitung.de: Wohnen im Alter: Einen alten Baum verpflanzt man nicht?

* * *

Update 9. Sept 2011Das ÄrzteDrama geht weiter – anders kann man es nicht bezeichnen.

Heute wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt das

a) eine umfangreiche Akte unserer ehemaligen Hausärztig beim „neuen Arzt“ eingetroffen ist
b) die Sichtung der umfangreichen Akten Zeit in Anspruch nehmen wird
c) der neue Arzt ab 1. Oktober die Patienten seines Vorgängers des Wohnbereiches meiner Mutter übernehmen wird und
d) bis dahin meine Mutter weiterhin von dem auf diesem Wohnbereich zuständigen aufgebenden Arzt versorgt wird. Was soviel heißt das im Grunde genommen nur ein Hände Schütteln „Guten Tag auf Auf Wiedersehen“ stattfinden wird da ja „besagter aufgebende Arzt“ nicht weiß was Sache ist eben weil die Akten beim „neuen Arzt“ sind.

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Update 13. September 2011

Ich nehme mir mal ne Auszeit. Auch oder besonders von meiner Mutter. Sie is versorgt, hat alles was sie braucht und notwendig ist. Bis auf ihr zu Hause. Das is aber nun mal nich zu ändern . . . . .

Jetzt werden viele den Kopp schütteln und denksagen: „Wie kannste nur sowas machen. Is doch deine Mutter. Sie is alt, krank . . . . “ Das ist durchaus wahr. Wahr ist auch das jetzt privatpersönliche Themenbereiche/Erfahrungen berührt werden, die weit über über das was man nach meinem Verständnis in einem Blog kommunizieren kann hinausgehen.

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Update 21. September 2011

Der Eindruck den ich gestern als ich meine Mutter besuchte von ihr hatte, war das sie sehr entspannt war. Die Auszeit hatte uns beiden gut getan. So langsam kristallisiert es sich für mich dahingehend heraus das jeder Besuch unterschiedlich sein wird. Es gibt keine allgemeingültigen  Voraussagen wie etwas zu sein hat oder wie es sein muß. Es wird Tage geben da fühlt sich meine Mutter wohl, ist mit sich und ihrer Situation, dem Aufenthalt in dem Altenpflegeheim im Reinen. Und dann wird es wieder Tage geben die von Verlust und Trauer darüber nicht mehr „zu Hause“ zu sein und dem Wunsch wieder „nach Hause zu wollen“ geprägt sein werden. Dies ist die ganz persönliche Ebene.

Darüberhinaus gibt es die politische Ebene.

Die 8 Wochen seitdem meine Mutter jetzt in dem Altenpflegeheim lebt, ist was z.b. die Umsetzung der Betreuung betrifft nicht damit zu vergleichen ist wie es in der Art und Weise in ihrem eigenen Haus, ihrem „zu Hause“stattgefunden hat. Von den Räumlichkeiten angefangen bis hin zu der personellen Betreuung durch das Pflegepersonal das zu Hause einer 1: 1 Betreuung  entsprach. Schon dies alleine zieht auf Grund der vorgegebenen Rahmenbedingungen eine Einschränkung der Lebensqualität wie sie es bisher gewohnt war nach sich. Zu Hause ist es kein Problem den/die übertragenen Aufgabenkreise adäquat und optimal umzusetzen. In einem Altenpflegeheim wird man unweigerlich mit den politischen Rahmenbedingungen – Gegebenheiten konfrontiert, den man akzeptieren muß. Den Bedürfnissen von alten Menschen ihrem gewohnten Lebenstandard zu entsprechen ist in einem Altenpflegheim schlicht nicht möglich. Alte Menschen sind der Kollateralschaden unserer Gesellschaft.

Damit stelle ich nicht die Bemühungen der Pflegekräfte in dem Heim in dem meine Mutter jetzt lebt in Frage. Viele nehmen das was sie in ihrer täglichen Arbeit im Heim erleben mit nach Hause. Sie geben in der Tat ihr Bestes. Und das ist unter den Umständen denen sich die Meisten bewußt sind ne ganze Menge.

Dennoch, was das Thema „Pflegeversicherung – Pflegeleistung“ betrifft, wie eine Gesellschaft mit ihren alten Menschen umgeht spiegelt die Haltung und die Wertschätzung die und wie wir untereinander und miteinander umgehen wieder. Und die ist schlicht und einfach eine Katastrophe.

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Update 12. Oktober 2011

Die Pflege zu Hause bezuschussen Pflegekassen und Kommunen im Schnitt mit 5400 Euro pro Person und Jahr. Dagegen ist der Zuschuss für den Heimplatz mit 17900 Euro mehr als drei Mal so hoch. Quelle: Kostenfalle Heim

Ein Hoch auf unsere SozialPolitik – Ein Hoch auf die Inkompetenz unserer Bundegesundheitspraktikanten Rösler und Bahr die Profiteuren Tür und Tor öffnen.

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3 Antworten zu Ich liebe Froschschenkel (akt 4)

  1. Patrick schreibt:

    Zum Thema Gesundheitspolitik und Regelungen: Bin EU-Rentner, habe 4 Kinder und eine arbeitende Freundin. Bekomme ausser Kindergeld keine Leistungen…
    Jetzt musste ich ne Woche ins Krankenhaus und war eine Woche zuhause ausser Gefecht. Das Krankenhaus ist 110km entfernt…insgesammt bin ich 3x rauf und 3x runter gefahren…Krankenhauseigenbeiteiligung- Sprit – usw.. kostet also richtig Geld.. Meine Freundinn die also zuhause bleiben musste wegen der 2 kleinen Kinder, bekam von meiner Krankenkasse den Verdienstausfall…… aber nur 2/3 ca… somit hat mich bzw. uns das richtig viel Geld gekostet… Habe es gestern mal zusammengerechnet… ca.600 Euro.. Na danke..wir haben das Geld ja auch nicht nötig…

  2. Patrick schreibt:

    Kleiner Nachtrag: Ich erwarte nicht daß man alles von der Krankenkasse finanziert bekommt…aber irgendwie ist doch die Verteilung etwas uncool…wenn dann die Renten auch mit den Lebenshaltungskosten steigen würden ….

  3. alivenkickn schreibt:

    Hallo Patrick

    Du hast recht. Die Verteilung ist alles andere als gerecht.

    Wenn man Gestern die Nachrichten verfolgt hat, dann durfte man erfahren das die „Krankenkassen mit Überschuss in Milliardenhöhe“ das 2. Quartal abgeschlossen haben.

    Gesundheits-Pflegekassen-Arzneimittelreform, das wird wohl auf ewig ein Traum bleiben. Wie sollte es auch anders sein sind doch die heutigen Resorminister die zukünftigen TopManager der Lobby, der entsprechenden Industrie – Wirtschaft – Verbände.

    Insofern kann man die Zeit in der Regierung als eine Art Volontariat bzw Praktikum verstehen. Eine der Aufgaben ist es dort zu kürzen und zu sparen wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Und das ist beim schwächstn Glied der Kette bei Otto Normalverdiener gegeben, bei dem Bürger der nicht die Möglichkeit hat oder Willens ist sich zu wehren.

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