Annäherung (akt 1)


Vor 14 Tagen:
„Mich hat heute der oberste Chef der Loge von ganz Deutschland angerufen und mir gesagt das ich wieder nach Hause gehen kann“. (Mein Vater war zu seinen Lebzeiten Mitglied einer Loge) Er sagte mir das ich wieder nach Hause gehen kann. Das ist ja mein Haus.„

Heute
„Der oberste Boß vom Verband hat angeordnet das ich in dieses Zimmer komme.“

„. . . aber zu Hause bin ich lieber“

Auf diesem Wege hat mir meine Mutter zu verstehen gegeben, das sie die Tatsache das sie  in einem Heim lebt angefangen hat zu akzeptieren. „Akzeptieren“ ist im Grunde genommen das falsche Wort. Der Ausdruck „Sie hat sich in ihr Schicksal gefügt“ ist da zutreffender. Hätte sie die Wahl, sie würde natürlich viel lieber „zu Hause wohnen“. Doch diese „Wahl“ ist leider von bestimmten Voraussetzungen abhängig die in unserer Situation nicht mehr gegeben sind.

Im Gespräch mit der Leitung des Wohnbereiches und der IntensivBetreuerin erfahre ich, das meine Mutter manchmal im Speisesaal gemeinsam mit den anderen MitbewohnerInnen das Mittagessen einnimmt. Das hat mich wirklich überrascht. Zusammen mit den anderen BewohnerInnen das Mittagessen im Speisaal ihres Wohnbereiches einzunehmen, das war bislang für sie ein Punkt auf ihrer No Go Liste. Das ging mal überhaupt nicht.

Sie spielt Romme mit anderen Damen, fährt in ihrem Rollstuhl in den kleinen Garten, den sie von ihrem Fenster aus sieht, erkundet den Wohnbereich auf dem sie lebt, hält sich immer mal wieder in einem Wohnzimmer auf, das eine angenehme Atmosphäre verbreitet und das ein großes Blumenfenster hat.

All das würde sie mir niemals erzählen. Wenn ich sie besuche ist alles ganz furchtbar. Kasernenessen Kassernenatmosphäre, wie beim Barras eben.

*

Aufgabenkreis des Betreuers u.a.
– die Sorge für die Gesundheit der Betroffenen

Heimvertrag
Behandlungspflege d.h. die Sicherstellung der notwendigen ärztlich, zahnärztlichen unf fachärztlichen Versorgung der Pflegebedürftigen (§ 2 Abs. 1 des Rahmenvertrages zu §75 SGB XI)

Spätestens bei dem in dem § 2 Abs 1 bezeichneten Begriff „Würde“ werden spitzfindige Sophisten sich auf eine Erklärung im Sinne von „Erfüllung von Mindest Anforderungen“ in Abhängigkeit der politischen und somit gewollten Personalsituation im Rahmen des gegewärtigen Pflegegesetzes als Rahmenrichtlinien einigen die bei genauerem Hinsehen weit unter der Würde – Bedingungen eines nicht in einem Heim lebenden Menschen liegt. Dies bedingt schon die Größe der Zimmer. Menschen die in einem Heim leben sind für den Staat ein Kostenfaktor. Was die Versorgung und ein „Leben im Alter – leben in Würde“ betrifft, dies ist politisch nicht gewollt. Auf die Situation in Afghanistan übertragen könnte man Heimbewohner als politischen Kolateralschaden im Kontext zu dem Großen Ganzen betrachten. Was dieses Große und Ganze sein soll, nun ich mutmaße das es sich dabei mehr um eine wirtschafstfinanzspolitische Größe handelt, die sich in den Bilanzen der Heimindustrie i.e AltenPflegeHeimBaugesellschaften, Hilfsmittelindustrie als ausgewiesene Gewinne niederschlagen. Es ist eine der Branchen mit Wachstumschancen in der Zukunft. Der demografische Wandel der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland unterstreicht diese Vermutung.

Quelle

Der Aufgabenkreis als Betreuer ist durch die im Heimvertrag festgelegte Behandlungspflege als Bestandteil des Vertrages nicht außer Kraft gesetzt. Der Spagat der sich für mich ergibt ist weiterhin sicherzustellen, das die ärztliche Versorgung meiner Mutter in der Art und in dem Umfang gewährleistet wird wie es in all den Jahren der Fall gewesen war, als sie in ihrem Haus lebte. So sind z.b. regelmäßige Untersuchungen inkl kleines Blutbild ebenso sicherzustellen wie tägliche Messung des Blutdrucks. Das dies in Wechselbeziehung zum Personalstand, dies wiederum im Zusammenhang zum Pflegegesetz bzw der Beschaffung von Personal steht, liegt auf der Hand. Spätestens hier sind die Konflikte vorprogrammiert. Auf der Politischen wie auch auf der Alltagsebene meiner Mutter als Bewohnerin eines Pflegeheimes.

Dennoch . . so langsam habe ich das Gefühl das der Schmerz des Abschieds von ihrem „Zu Hause“ weniger geworden ist, das meine Mutter ihren Aufenthalt in dem Altenpflegeheim so langsam akzeptiert und sie ohne inneren Groll ihr Schicksal in der Lage ist anzunehmen.

*

Update 6. September 2011

Heute war ein KatastrophenTag. Als ich heute morgen aufwachte stelle ich fest, das meine Batterien völlig leer waren. Normalerweise hätte ich an einem solchen Tag alle Termine abgesagt und wäre zu Hause geblieben. Doch das war diesmal nicht möglich. Als ich bei meiner Mutter ankam mußte ich feststellen das einiges im Argen lag. In der Obstschale vergammelten Zwetschgen. Als das Pflegepersonal meine Mutter darauf angesprochen hatte, das man das Obst entfernen müßte, sagte meine Mutter natürlich „Das mache ich selbst“. Wozu sie ebenso natürlich nicht in der Lage war da sie es im nächsten Moment wieder vergessen hatte. Für das Pflegepersonal war damit die Sache erledigt. Ergebnis: Halbvergammelte Zwetschgen schwammen in ihrem eigenen Saft, eine Serviette war durchnäßt von klebrigem braunen Saft, Messer, Teelöffel und ein Schraubenschlüssel waren mit einer braunen klebrigen Masse überzogen. Als ich eine Pflegerin darauf angesprochen hatte sagte sie: „Sowas geht überhaupt nicht“. Stimmt. Sowas geht überhaupt nicht.

Ein anderes Mißverständis (als solches klärte es sich im Nachhinein auf) dessen Ursache in einem internen Kommunikationsproblem lag führte dann dazu das die Welt meiner Mutter vollends aus den Fugen geriet. „Ich fahre am Freitag nach Hause. Ich hab ja Fahrgeld“.

Das sie das Mittagessen und die Einnahme ihrer MittagsTablettenDosis verweigerte war nicht weiter verwunderlich. Selbst das Stück SchwarzwälderKirschTorte hat sie nicht gegessen. Es hat zwei Stunde gebraucht bis meine Mutter wieder zur Ruhe kam, bis ihre Welt wieder in Ordnung war. Irgendwann sagte sie spontan: „Schau hier ist mein zu Hause. Es ist zwar nicht so schön wie bei mir zu Hause (Ihrem Haus) . . . . „

*

In einem Forum aus dem man mich vor einiger Zeit hinauskomplimentierte fielen oftmals Sätze wie:

„Sie wird sich schon daran gewöhnen“.

„Denk auch an Dich. Du hast auch noch ein eigenes Leben“.

Natürlich habe ich auch mein eigenes Lebens. Doch darum geht es nicht. Es geht um den Menschen durch dessen Adern das gleiche Blut fließt wie durch meine Adern.

Ein Blick in die Augen meiner Mutter, der übrigen HeimbewohnerInnen, der Schmerz und die Trauer, die Sehnsucht nach ihrem „zu Hause“, wieder an dem Ort zu sein den sie lieben, mit dem sie verwachsen sind, der Erinnerungen an ihre Vergangenheit birgt, ein Blick in die Seele der Menschen sagt mir das sie sich niemals daran gewöhnen werden.

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