Sommerfest . . . . Abschied und Neuanfang


An diesem Tag zu meiner Mutter zu fahren fiel mir nicht leicht. Nicht nur weil sie mir während der letzten Tage als ich mit ihr telefonierte mit einem Sarkasmus, einer Seite die ich an ihr nicht kannte begegnete sondern auch deshalb weil sie beim Besuch unserer Freundin als das Gespräch auf mich kam meinte das „ich zum Teufel gehen kann“. „Er hat mich nur deshalb in das Heim, in dieses Kabuff abgeschoben damit er das Haus verkaufen und das Geld dann auf den Kopf hauen kann“ sagte sie zu ihr.

Natürlich bin ich mir dessen bewußt das solche und ähnliche Aussagen auf den Verlust von kognitiven Fähigkeiten als Folge einer altersbedingten Verwirrtheit und beginnenden Demenz zurück zu führen ist; dennoch fühlte es sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Es sind alte Wunden aus der Vergangenheit die bei ihr berührt werden oder gar aufbrechen und die Tatsache das sie sich ein einem Ort aufhält an dem sie sich nicht aufhalten will.

Obwohl ich mir bewußt bin das der Auslöser für ihre Äußerungen alterskrankheitsbedingt sind wußte ich das es mir schwerfallen würde meine Verletztheit, den aufsteigenden Ärger unter Kontrolle zu halten. Ruhig zu bleiben, nicht auf diese Gefühle zu reagieren, dem Affen „kein Futter zu geben“, in Gelassenheit solche Gefühle wie eine Wolke die am Himmel vorüberzieht zu beobachten, von diesem Bild bin ich noch weit entfernt. Da hilft es mir auch nicht viel das, wenn ich auf mein Leben zurückschaue feststelle das der, der ich heute bin nur noch wenig mit dem Menschen zu tun hat der ich damals vor 20 Jahren war.

In solchen Momenten, wenn die reißenden Bestien Ärger, Wut und Agression wieder mal bei mir vorbeischauen um mich in ihrem Sog mitzureißen kann ich heute nur schauen das ich schnell die Bremse finde und mich nicht mitreißen, davontragen lasse.

Insofern hatte ich auch keine große Lust an dem „Sommerfest“ teilzunehmen. Als ich kam war eine Pflegerin, die meine Mutter geduscht hatte ihr noch beim Anziehen behilflich.

Es war einer dieser Tage wo alles ein bischen langsamer ging als sonst, einer der Tage wo meine Mutter viel Zeit für alles brauchte. Zu Hause war dies kein Problem. Sie hat sich die Zeit genommen die sie brauchte. Ob das Mittagessen um 12 Uhr oder um 13 Uhr stattfand das spielte keine Rolle. In einem Heim ist dies nicht möglich. Das Frühstück und ihre Tabletten die sie morgens nehmen sollte standen noch auf dem Tisch. Als ich sie auf das Sommerfest ansprach antwortete sie das sie auf keinen Fall an dem Sommerfest teilnehmen werde. „Ich bleibe auf meinem Zimmer, esse auf meinem Zimmer. Ich will nicht das man mich im Rollstuhl sieht.“

Der Tagesablauf meiner Mutter so wie er zu Hause stattfand und von dem ich hoffte das sie ihn auch in dem Heim beibehalten würde war völlig auf den Kopf gestellt. Dies nicht nur auf Grund der „organisatorischen Struktur“ sondern als Ausdruck ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Altenpflegeheim. Rationale Erklärungen warum eine Pflege und Versorgung in ihrem „zu Hause“ nicht mehr möglich waren akzeptierte sie nicht .

Gegen 12 Uhr kam eine der Damen vom Betreuungsdienst die sich während der ersten 6 Wochen intensiv um neue Heimbewohner kümmert, um ihnen das Eingewöhnen – Einleben in der neuen Umgebung zu erleichtern. Ab diesem Moment wo sie das Zimmer betrat wurde alles anders. Sie, die Frau vom Betreuungsdienst, verfügt über eine Fähigkeit, die ich/man nur bewundern kann. Die Art und Weise wie sie mit meiner Mutter sprach,  der Zugang den sie zu meiner Mutter bekam, es war faszinierend zu beobachten welche Wirkung dies auf meine Mutter hatte. Sie aß einen Teil des Frühstücks, nahm ihre Morgen Tablettendosis und die Einnahme des Mittagessen auf dem Zimmer war kein Thema mehr. Ich saß auf dem Bett und kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Meine Mutter war auf einmal wie ausgewechselt.

In diesem Moment wurde mir schlagartig bewußt das bei meiner Mutter ein Prozeß der Ablösung von ihrem „zu Hause, ihrem gewohnten Leben“ in Kraft getreten ist. Abschied nehmen und Neuanfang. Gleichzeitig fand auch ein Abschied von mir statt. Dies wurde mir mit einem Mal körperlich so schmerzhaft bewußt, das mir die Tränen über das Gesicht liefen. Meine Rolle die ich bislang inne hatte war hinfällig geworden. Mir wurde bewußt das auch ich mich neu finden mußte, das ich meine Rolle auf die veränderte Situation neu überdenken mußte. 10 Jahre Betreuung und Versorgung in ihrem Haus setzte eine völlig andere Rolle voraus aus als JETZT, wo sie sich in einem Pflegeheim aufhält, lebt.

Das „Sommerfest“ fand in der Cafeteria des Pflegeheimes statt. Die Tische waren festlich eingedeckt. An einer Wand der Cafeteria war ein langer Tisch aufgebaut auf dem die verschiedensten Gerichte und Speisen in Warmhaltebehältern aufgebaut waren. Es gab gebackenen Fisch, gegrillte Hähnchen und Steaks, Bratwürste und Hühnerfrikasse, Rosmarinkartoffeln, Nudeln, Pommes Frites, Kartoffelsalat, div frische Salate und Saucen. Man konnte gar nicht soviel Essen wie man gerne wollte. Alle Tische waren besetzt. Der größte Teil der anwesenden Bewohnerinnen und Bewohner saßen in ihren Rollstühlen an den Tischen und wurden von Pflegerinnen und Pfleger ihrer Wohnbereiche bediente. Die Stimmung so empfand ich es war sehr gelöst und entspannt.

Der erste Weg führte meine Mutter, ihre 40 Jahre alte Handtasche um ihren Arm fest verschlungen in ihrem Rollstuhl sitzend, der von der Betreuerin gesteuert wurde, erst einmal zum Büffett. In der Zwischenzeit schaute ich mich nach einem Tisch mit 3 freien Plätzen um was sich als schwierig gestaltete. Die Situation war ähnlich wie in einem All inclusive Urlaub. In der Hoffnung das jeder der Erste am Büffett sein würde bildete sich 15 Minuten vor Öffnung des Speiserestaurantes eine lange Schlange die dann ihre Fortsetzung am Büffett nahm. Nach einer Weile kamen dann beide Frauen, die Betreuerin meine Mutter im Rollstuhl sitzend schiebend, Mutter einen Teller und ihre Handtasche balancierend mit glänzenden Augen an den Tisch. Im Großen und Ganzen war meine Mutter mit der Auswahl der Speisen die sich auf ihrem Teller befand zufrieden. Ihr Blick sagte mir aber das sie Pommes Frites den Rosmarinkartoffeln vorgezogen hätte. Natürlich konnte dies die Betreuerin nicht wissen. Elegant brachte ich das Thema Pommes frites zur Sprache. Dies auch deshalb weil die Betreuerin direkt an den Behälter mit den Pommes gehen konnte. Hätte ich dies getan wär das Geschrei möglicherweise groß gewesen.

Das „Sommerfest“ oder besser gesagt die Speisen wurden in einer angenehmen Atmospähere genossen. Ich sage auch deshalb bewußt „genossen“ weil die Zubereitung und Qualität der Gerichte und Salate gut war.

Als sich der „Hessische Shanty Chor“ bereit machte die Teilnehmer des Sommerfestes mit ihrer Sangeskunst zu erfreuen, war für mich der Zeitpunkt gekommen den Raum zu verlassen. Hätte Achim Reichel oder Knut Kiesewetter Songs von der Waterkant zum Besten gegeben wäre ich geblieben, keine Frage. So zog ich es vor mich der spätsommerlichen Hitze im Freien hinzugeben. Nach einiger Zeit gesellte sich die Betreuerin meine Mutter schiebend zu mir.

Am 5. September ist meine Mutter 6 Wochen in dem Altenpflegeheim. Zu diesem Zeitpunkt wird auch die intensive Betreuung durch die Betreuerin beendet sein. 6 Wochen intensive Betreuung – Eingewöhnungszeit sind Erfahrungswerte. Dies heißt aber auch das es Menschen gibt die länger als 6 Wochen benötigen bis sie sich in einem Pflegeheim eingewöhnt haben. So wie ich die Situation meiner Mutter, wie ich meine Mutter einschätze wird sie zu der zweiten Gruppe von Menschen gehören. Als ich die Betreuerin darauf ansprach und sie fragte ob sie in einem solchen Fall die Betreuung meiner Mutter weiterhin aufrecht halten würde war ihre Antwort sehr ausweichend um nicht zu sagen alles andere als befriedigend. Eine Kollegin wird dann die übliche Betreuung (Routinedienst) übernehmen.

Gegenseitige Wertschätzung, Zugänge finden, Lebensqualität schaffen und erhalten: das meinen wir mit „Wir haben einen Anker“.

Das Konzept hört sich gut an. Ich hoffe jedoch das dieses Konzept in einem Fall wo die Eingewöhnungsphase länger als 6 Wochen braucht gleichermaßen Anwendung findet. „In Würde alt werden“ heißt den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Und dies zeitlich unbegrenzt. Sollte dies nicht der Fall sein, nun ich brauche da nicht Kassandra zu spielen um zu wissen das es dann einigen Gesprächsbedarf geben wird . . . . . .

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