Ich komme klar damit


Was heißt das für mich „damit klar kommen“? Wie geht es mir, wie fühle ich mich wenn ich daran denke wo meine Mutter jetzt lebt, wenn ich daran denke wie sie sich an diesem Ort, dem Altenpflegeheim fühlt?

Wenn ich sie besuche oder mit ihr telefoniere dann höre, sehe, nehme ich wahr das es ihr an diesem Ort nicht gut geht. Das sie sich dort wo sie jetzt lebt nicht wohl fühlt. Wie geht es mir damit wenn ich sehe, wahrnehme das es ihr nicht gut geht, das sie sich an diesem Ort nicht wohl fühlt?

Manchmal bin ich innerlich unruhig. Ich stehe dann aus dem Stuhl auf, der in ihrem Zimmer steht und auf dem ich sitze, gehe aus dem Raum, laufe den Flur des Stockwerkes auf  dem Ihr Zimmer liegt entlang, suche jemand mit dem ich ein paar Worte wechseln kann.

Dann wiederum sitze ich auf dem Stuhl in ihrem Zimmer, schaue sie an, höre ihr zu, halte es aus wenn sie mich fragt wann sie wieder nach Hause kann, halte es aus das sie sich nicht wohl fühlt. Nach einer Weile fragt Sie mich wie mir die blühenden Blumen gefallen die sie auf den Tisch und auf das kleine Tischchen, das ich damals im Werkunterricht im Internat gebaut habe gestellt hat. „Sie sind sehr schön sage„, ich zu ihr. „Man sieht das Du die Blumen pflegst, sie immer gießt“. Dann erzählt sie mir das sie immer darauf achtet das die Erde feucht ist. „Das ist wichtig„, sagt sie. “ Um 5 Uhr morgens wenn ich aufstehe gieße ich die Blumen. Die Erde muß immer feucht sein.“ „Du hast eben zwei grüne Daumen“ sage ich. Dann erzählt sie mir von den Frauen der Männer aus dem Bekanntenkreis meines Vaters wenn diese sie besuchten wie sie immer staunend vor den blühenden Orchideen auf der Fensterbank des Blumenfenster im Wohnzimmer standen und diese bewunderten.

Blumen sind für meine Mutter wichtig. Blumen machen sie weicher, öffnen sie, entspannen meinen Mutter. Über Blumen bekomme ich einen Zugang zu ihr. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl, fährt an das Blumentischchen und arrangiert die 3 kleinen Blümentöpfe in den Übertöpfen neu. Eines Tages so erzählt sie mir, kam ihr Chef zu ihr und sagte das sie ab morgen keine Lebensmittel mehr verkaufen sondern alle Schaufenster in den Filialen der übrigen Lebensmittelgeschäfte dekorieren wird. Am anderen Tag ging sie in ein anderes Geschäft und arrangierte die Waren in dem Fenster des Lebensmittelgeschäftes neu. Ein älterer Angestellter der für das Dekorieren der Auslagen in den Schaufenstern dafür zuständig war, war von der Entscheidung des Besitzers das eine 16 jährige noch dazu Eine die diesen Beruf nicht gelernt hat alles andere als begeistert, erzählt meine Mutter. Doch als sie mit dem Dekorieren fertig war, mußte er zugeben das meine Mutter es besser konnte als er. Seit diesem Tag war meine Mutter für die Gestaltung der Auslagen der Schaufenster der Lebensmittelgeschäfte verantwortlich. Das war 1943.

Mittlerweile ist es kurz nach 6 Uhr morgens. In 2 Stunden werden die Schwestern des Wohnbereiches in dem Altenpflegeheim in dem sie jetzt lebt sie wecken und ihr das Frühstück ans Bett bringen. Sie wird die Augen aufschlagen und wahrnehmen wo sie ist.

Ich sitze hier in meiner Wohnung am Schreibtisch vor dem PC mit Blick durch das Fenster  auf den wolkenverhangenen Morgenhimmel. Ich denke an meine Mutter, weiß das ich an ihrer räumlichen Umgebung nichts ändern kann, weiß das sie sich nicht wohl fühlt. Mitgefühl, Traurigkeit, Hilf-, Rat und Machtlosigkeit sowie Distanz sind die Gefühle die mich in den letzten Wochen begleiten. Mittlerweile fühlt es sich an das alles seinen vor-bestimmten Platz eingenommen hat. Das was mich bewegt mir von der Seele schreiben zu können trägt auch dazu bei das es sich für mich „stimmig“ anfühlt. Ich lerne die Situation meiner Mutter wie auch mich selbst neu anzunehmen. Ich komme klar damit.

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