Tot – Schweigen (akt 2)


Für meine Mutter ist materieller Besitz, ihr Haus – ihr „zu Hause“ essentiell. Ein Haus ist Sicherheit und Heimat. Ein Haus, Grund und Boden, die Scholle verkauft man nicht. Komme was da wolle. Darin ist sie unerschütterlich.

* * *

„Ich will nach Hause, in mein großes Wohnzimmer, in mein Eßzimmer. Was soll ich hier in diesem kleinen Kabuff? Es ist wie in einer Kaserne.“

„Von meiner Seite spreche ich es nicht an. Ich steige nicht darauf ein.“

Grundsätzlich geht es nicht um die Frage ob/das man etwas (einen Verkauf) „von selbst“ anspricht sondern das und wie man zu etwas Stellung nimmt, wenn es den „persönlichen“ Bereich betrifft. Besonders wenn der „persönliche Bereich“ den Alltag bestimmt, dominiert. Das das Personal eines Altenpflegeheimes in einem solchen Fall nicht nur mit einer Grenze konfrontiert wird und es auch nicht zu dessen Aufgaben gehört steht außer Frage. Dies schon deshalb weil das Personal eines Pflegeheimes nicht alle Familiensysteme – Verhältnisse der BewohnerInnen kennt, kennen kann – kennen muß.

Das Altenpflegeheim in dem meine Mutter jetzt lebt war eines von 3 Häusern die für ihren Aufenthalt in Frage kommen würde. Einer von vielen Gründen für diese Wahl war mein Eindruck das das Personal sehr fürsorglich und liebevoll mit den in ihrer Obhut  anvertrauten alten Menschen umgeht. Dies hat sich nach-in den 3 Wochen die meine Mutter jetzt in dem Haus lebt auch bestätigt. Das ist die eine Ebene.

Die andere Ebene ist die politische Ebene. Der Würde des Menschen in einem Altenheim gerecht zu werden und sich entsprechend kümmern zu können, ist bei dem nicht mehr vorhandenen aber dennoch pflegepolitisch gewollt existierenden Schlüssel von 3,5  Personalitäten pro Schicht auf 30 – 35 BewohnerInnen – nicht möglich. Im Kindergarten herrschen ähnliche Verhältnisse. Insofern gleicht die Versorgung/Pflege von alten Menschen mehr einer Verwahrung und Beaufsichtigung. Der Förderung/Stärkung des Selbstbewußtsein bzw einem Leben im Alter in Würde Rechnung zu tragen ist unter dem gegenwärtigen gesundheitspolitischen Gegebenheiten beschränkt möglich. Eine Pflege – Betreuung wie sie zu Hause möglich ist und sein kann ist unter den gegebenen politischen Verhältnissen – den pflegerischen Vorausetzungen unmöglich. So aufopfernd und fürsorglich das Personal, die Pflegerinnen und Pfleger auch sein mögen, ihre Bemühungen gleichen dem Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlenflügel.

Die Gründe warum meine Mutter nicht mehr wie all die Jahre zuvor in ihrem Haus gepflegt und versorgt werden kann, sooft ich es er ihr erklärt habe warum sie jetzt in ein Altenpflegeheim um-eingezogen ist, dort wohnen muß, sooft hat sie es auch wieder vergessen. Zudem sind diese Gründe für sie weder nachvollziehbar noch verständlich. Insofern liegt es auf der Hand (ich kenn sie ja nun schon ne Weile) das sie sich jemals an diesen Ort, einen Ort an dem zu wohnen für sie unvollstellbar war und ist, jemals gewöhnen wird.

Es stellt sich mir hier die Frage: Warum ist der Aspekt “ Die Wahrheit zu sagen“ so wichtig. Und vor allen Dingen für wen? Für sie oder für mich? Sie wird weder die „Wahrheit“ noch den Um-Einzug in das Altenpflegeheim jemals verstehen, akzeptieren oder die Tatsache in einem Heim zu leben annehmen. Vielleicht wird sie auf Grund ihrer Krankheit irgendwann einmal vergessen das sie in einem Altenpflegeheim lebt. Mit dieser Tatsache wird es ihr lange wenn nicht bis zu ihrem Ableben „psychisch – emotional schlecht“ gehen. So stellt es sich für mich zumindest Heute dar.

Oder dient der Aspekt Ihr „die Wahrheit zu sagen“ zur Beruhigung meines Gewissens? Dient es nur dazu damit ich vor mir selbst „bestehen“ kann weil ich nicht „gelogen oder geschwiegen“ habe? Nach dem Motto: Hauptsache ich habe nicht gelogen und ihr die Wahrheit gesagt. Für mich ist jetzt alles im Lot. Wie´s ihr mit der „Wahrheit sagen“ geht, is nich mein Problem. Damit muß sie halt klar kommen. Um es jetzt mal ganz kraß formuliert auszudrücken.

Mir ist der Aspekt der Abgrenzung wie auch die Unterscheidung zwischen meinem Leben und dem Leben eines anderen Menschen i.e. das ich im Sinne des Gelassenheitsgebet keinen Einfluß darauf habe wie er/sie denkt/fühlt/handelt bewußt. Auch was das Leben nach budhhistischem Verständnis betrifft, wie auch der Aspekt von Karma, von Ursache und Wirkung um es vereinfacht zum Ausdruck zu bringen bin ich mir bewußt. Im Moment bringt mich – hilft mir das Eine wie das Andere nicht weiter . . . .

Was geht in einem Menschen vor der immer wieder die für ihn essentiellen gleichen Fragen stellt auf die er, auch wenn er die Antwort weder versteht geschweige denn akzeptiert, immer wieder die gleichen Antworten bekommt? Nämlich Keine. Schweigen

Wie muß sich ein Mensch fühlen wenn man ihm keine Antwort auf seine Fragen gibt?

Als Mensch nicht ernst genommen? Mit seinem Bedürfnis nicht wahrgenommen? In seiner Würde verletzt? Unsichtbar?

Wie wird ein Mensch reagieren, was passiert mit ihm wenn er mit seinem Schmerz und seiner Trauer, seiner Not nicht wahrgenommen wird, mit sich allein gelassen wird?

Er zieht sich in sich zurück. Seine Seele verkrüppelt, stirbt.

Lügen ist keine Option. Das steht außer Frage. Schweigen, Aussitzen auch nicht

Die Wahrheit auszusprechen ist schmerzhaft, kostet Überwindung und braucht Mut. Oft nimmt sie einem den Atem.

Einen Menschen, seinen Schmerz, seine Not zu ignorieren . . . . Schweigen – ist der Weg in den Tod.

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema:

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter A Day in the Life, Abschied, Gesellschaft, Gesundheit, Leben im Alter, Politik, Trauer abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s