Sprachlos erschüttert (akt 1)


Mit schwerem Herzen sitze ich zu Hause vor meinem PC am Schreibtisch vor dem Fenster und versuche in Worte zu fassen was nicht zu fassen ist. Wie macht man das „das Unfaßbare, das Unbegreifliche“, das was man nicht fassen, nicht Anfassen, nicht begreifen, nicht Greifen, nicht verstehen kann, das dennoch vorhanden, real ist nämlich „Gefühle“ in Worte zu fassen? Beschreiben. Mehr nicht. Und aushalten. Ich kann es.

Kann es meine Mutter? Können es die anderen Bewohner eines Heimes? Ein Blick in die Gesichter in denen sich die Seele des Menschen spiegelt, die Gesichter der Heimbewohner die mir auf den Fluren begegneten, der Bewohner die in den geöffneten Türen ihrer Zimmer in ihren Rollstühlen sitzen, sagte mir wie es um sie bestellt ist. Zeigt mir wie sie sich fühlen, wie es ihnen geht. Zeigt mir was sich hinter der Fassade dessen was man mit der Methapher „Sie hat sich eingelebt“ versucht zum Ausdruck zu bringen, verbirgt. Da brauche ich keine Minute dazu um dies erkennen. Ein Blick genügt. Sie halten den Schmerz aus. Sie müssen es. Sie müssen es ertragen an einem Ort zu leben an dem sie nicht leben wollen. Auch meine Mutter.

Natürlich gibt es auch Heimbewohner die aus der Erkenntnis heraus, das sie sich zu Hause nicht mehr selbst versorgen können und auf Hilfe angewiesen sind für einen Umzug in ein Heim entscheiden. Doch diese sind die Ausnahme und nicht die Regel.

* * *

Als ich gestern morgen am 25 Juli die Wohnung in unserem Haus betrat, dem Haus in dem meine Mutter 5o Jahre lebte, das 50 Jahre ihr „zu Hause“war, das auch mein „zu Hause“ warist, kam mir unsere Freundin entgegen und sagte: „Wolfgang, Du bist ruhig, sagst nix. Mutti ist heute n bisschen zickig. Reden und erklären führt zu nichts außer zu endlosen Diskussionen die nichts bringen.  Und das brauchen wir heute nicht. Die Schwester und ich machen das schon.“ Nach einer Weile kam meine Mutter angezogen im Rollstuhl sitzend aus dem Bad. „So“ sagte die Schwester. „Ich käm sie jetzt noch und dann müssen wir los“. „Wohin“ fragte meine Mutter. „Sie haben doch einen Termin. Und da müssen wir gleich los“.

Ulrike und ich haben uns die Tage vorher die Köpfe zerbrochen was wir an diesem Morgen, dem 25. Juli meiner Mutter sagen werden. Beide haben wir darauf keine Antwort gefunden. Wir würden sie nicht anlügen. „Es is ja nur vorübergehend, für kurze Zeit“? Diese Hinterür, offenzulassen das sie „jederzeit – nach einer Zeit“ wieder in ihr zu Hause zurückkehren würde, das würden wir auf keinen Fall tun. Das war uns Beiden von vornherein klar.

Je nach dem wie es meiner Mutter an diesem Tag gehen wird, entsprechend würden wir handeln. Konkret heißt das, manchmal ist zusammen Reden das Richtige zu tun, dann wieder muß man sie sein lassen. Reden würde dann in eine fruchtlose Diskussione münden, gleich ein Kreisel der sich im Kreis dreht. Und gestern war einer dieser Tage an dem alles falsch ist, alles was man macht nicht in Ordnung ist.

Vor 14 Tagen waren wir mit Mutti im Heim gewesen und haben es ihr gezeigt. Seitdem hat sie mir gegenüber mit keinem Wort das Heim erwähnt, mit mir über ihren bevorstehenden Umzug gesprochen. Sie hat es verdrängt. Wie so vieles.

Zusammen haben die Schwester des Pflegedienstes und unsere Freundin meine Mutter zum Auto gebracht. 10 Minuten später fuhren sie dann los.

Alleine zurückgeblieben habe ich „Abschied von zu Hause“ genommen“. Langsam ging ich durch die Zimmer unserer – die Wohnung meiner Mutter. Ich packte die kleine Gießkanne die ursprünglich als eine Milchkanne gedacht war, einen der zwei kleinen PorzellanTeddies, die zwischen den Blumen auf der Fensterbank des großen Blumenfenster im Wohnzimmer sitzen, eine Kleiderbürste, ihren Handspiegel den sie zum Frisieren benötigt, ihren Kamm, ein Necessaire und ihren Bernsteinschmuck, der erste Schmuck den sie von meinem Vater in den frühen 60ger Jahren geschenkt bekam und die Tageszeitung die zum letzten Mal an die alte Adresse meiner Mutter – zu ihrem Haus – geschickt wurde in meinen Rucksack.

Meine Mutter saß in ihrem Rollstuhl in der Mitte des – ihres – Zimmers und schaute unserer Freundin zu, die ihr erklärte welche Wäschestücke sie in welchem Schrank und in welcher Schublade einräumte. Als ich kam schaute sie mich reglos an. Einige Tage vorher hatte Ulrike einige Sachen in das Zimmer gebracht, angefangen das Zimmer „einzurichten – wohnlich“ zu gestalten. Auf einer Kommode standen eine Vase mit Blumen und die Bilder von Ihrem Mann, meinem Vater, die vorher auf der Anrichte im Eßzimmer gestanden haben. Über dem kleinen Tisch im Zimmer der am Fenster mit Blick auf einen kleinen Garten stand, war eine Tischdecke mit KirschMotiven gebreitet, deren rotleuchtende Farben seit 60 Jahren ungebrochen intensiv war.

Als ich die kleinen Blumenstöcke, eine kleine blühende Orchidee, ein kleiner blühender Weihnachtskaktus und zwei Blumenstöcke, deren Namen ich nicht kenne in ihren Übertöpfen, die auf der Fensterbank im Eßzimmerfenster standen, den PorzellanTeddy und die zu einer Gießkanne umfunktionierte kleine Steingut Milchkanne auspackte und auf ein kleines mit einem Mosaik verziertes Blumenbänkchen, das ich vor 48 Jahren im Inernat im Bastelunterricht gebaut habe stellte, kam Leben in meine Mutter. „Moment“ sagte sie, und fing an die Blumen so hinzustellen wie es zu sein hat.

Unvermittelt, so als würde sie zu sich selbst sprechen sagte sie: „Was soll ich hier in diesem Kabuff das 3 mal in mein Wohnzimmer reinpaßt“.

Die Dame vom Sozialdienst, die sich während der ersten 6 Wochen intensiv um meine Mutter kümmert, sie mehrmals täglich besucht, sie zu einem Besuch von Veranstaltungen bewegt, erklärte meiner Mutter anhand des wöchentlichen Speiseplanes das sie zu Mittag unter 3 Gerichten und Abends unter 2 verschiedenen kalten Platten wählen könnte.

Zwischenzeitlich hatte sie auch uns gefragt ob wir nicht gemeinsam mit meiner Mutter zusammen zu Mittag essen wollten, was wir natürlich bejahten. Es gab „Königsberger Klopse mit Reis und rote Beete Salat“. „Au Weia“, dachte ich. „Reis!Damit kannste meine Mutter jagen“.

Meine Mutter hatte in ihrem Leben nur ganz selten ihre Wünsche geäußert. Ganz zu schweigen davon, das sie Ihre Bedürfnisse oder das was sie gerne machen würde kommuniziert hätte. Wann immer ich meine Mutter gefragt habe was sie gerne am Sonntag essen möchte, was ich kochen solle ich bekam immer die gleiche Antwort: „Wir machen was schnelles, etwas das keine Arbeit macht“. Das letzte Essen das meine Mutter zubereitet hatte lag mindestens 13 oder 14 Jahre zurück. Seit dem Tod meines Vaters im Dezember 2001 war sie nicht mehr in der Lage selbst zu kochen. Natürlich weiß ich welches die Lieblingsgerichte meiner Eltern, meiner Mutter sind. Ich wolle es aber von ihr hören. Wollte hören das sie auf das Eine oder Andere mal so richtig Lust habe.

Um die Mittagszeit fuhren wir zusammen mit meiner Mutter im Rollstuhl in den Speisaal im Ergeschoß des Hauses. In dem Speisaal des Wohnbereiches auf dem gleichen Stockwerk in auch ihr Zimmer liegt wollte sie auf keinen Fall. Die Alten, die im Rollstuhl am Tisch sitzen, einige schon seit Stunden, Viele von ihnen mit vornübergebeugtem Kopf der fast die Tischplatte berührte, . . „Mein Gott, hier muß ich jetzt leben“, sagte sie, selbst im Rollstuhl sitzend . . .

* * *

„Sie braucht Ihre Zeit um sich einzuleben.“

Es ist einfach für uns die wir wie ich am Fenster unserer wohnlich behaglich eingerichteten 4 Wände sitzen, in unsere blühenden Gärten oder auf die blühenden Blumenkästen die unsere Balkone zieren schauen. Da gehen einem Sätze wie: „Sie wird sich schon einleben. Es braucht halt ihre Zeit.“ leicht über die Lippen.

„Mitgefühl und Trost“ für den Schmerz der Angehörigen die die Mutter, den Vater in ein Heim bringen weil es keine Möglichkeit gibt ihn/sie zu Hause (weiter) zu pflegen? Durchaus – aber bedingt. Eine, zwei Nächte über eine Entscheidung geschlafen, ein Tasse Kaffee trinken, mit Freunden, dem/der PartnerIn, den Angehörigen – sofern Kommunikation innerhalb einer Familie überhaupt möglich ist –  sich über die Bedingungen die das Leben manchmal vorgibt austauschen? Diese Wahl, diese Möglichkeit uns dieser Psychohygiene  zu bedienen, sie in Anspruch zu nehmen haben wir.

Music for Zen Meditation auflegen? – ja das wünschte ich meiner Mutter von ganzem Herzen das sie zu solcher Musik einen Zugang hätte, finden würde. Wir haben eine Wahl. Wir können wählen. Für uns Angehörige ist es „relativ“ einfach. Die Routine des Alltags hat uns schnell wieder eingeholt. Das Leben hat uns schnell wieder im Griff.

Viele unserer Eltern und Lieben haben diese Wahl nicht. Sie haben nicht mehr die Möglichkeit über ihren letzten Abschnitt ihres Lebens, über den Aufenthaltsort an dem sie diesen Lebensabschnitt verbringen möchten selbst zu bestimmen. Viele Mütter und Väter, Ehepartner und Partnerinnen die in einem Heim leben haben diese Wahl nicht mehr.

Seit gestern ist nichts mehr so wie es mal war.

* * *

Wir werden geboren, wir werden erwachsen, wir werden alt. Kein Abschnitt des Lebens wird Gesellschaftspolitisch in dem Maß tabuisiert und aus dem Alltag der Menschen ausgegrenzt wie das Alter.

Wie wollen wir im Alter leben? Wo wollen wir im Alter leben? Was wollen wir im Alter nicht erleben.? Diese Fragen bleiben gesellschaftspolitisch unbeantwortet. Auch deshalb weil es politisch nicht gewollt ist. Blackout des kollektiven Bewußtsein. Ungeheurlich und unfaßbar.

* * *

Mittwoch 27. Juli 2011

„Was meinst Du“, fragte ich meine Mutter, „soll ich Dir nicht ein paar Bilder und die Fotografien die im Flur hängen mitbringen“? „Die können wir hier neben der Garderobe an die Wand hängen?“

„Nein nein“ sagte sie. „In 4 Wochen bin ich ja wieder zu Hause. Die bleiben dort wo sie sind.

Eine Pflegerin vom Wohnbereich in dem meine Mutter jetzt wohnt, fragte mich als ich sie auf dem Flur traf ob ich meine Mutter belogen habe, ihr nicht gesagt habe das sie für immer in dem Heim leben wird.

„Doch“ sagte ich, „ich habe meiner Mutter gesagt das sie von nun an im Stift wohnen wird“. „Wieso fragen Sie?“

Ihre Mutter sagte das sie ja nur vorübergehend hier wohnt. „Meine Wohnung wird renoviert“. „In 4 Wochen bin ich ja wieder zu Hause.“

Vor 11 Jahren als wir mit ihrem Mann, meinem Vater zusammen die Entscheidung getroffen haben das sie in ihrem Haus leben wollen solange es möglich ist, habe ich zusammen mit einem Bekannten die Wohnung renoviert und Behinderten – Pflegerecht eingerichtet, ausgestattet. Während der Zeit der Renovierung wohnten meine Eltern vorübergehend in einem Kurzzeitpflegeheim.

Dieses Kontruktes „die Wohnung wird renoviert – danach geht s wieder zurück in unser Haus“ bediente sich meine Mutter heute um die Unwiderrufbarkeit, die Entgültigkeit ihres Verbleibes in dem Heim zu verdrängen.

Donnerstag 28. Juli 2011

„Heute ging es deiner Mutter gar nicht gut“, sagte Ulrike am Telefon als sie und ihr Mann vom Besuch bei meiner Mutter wieder zu Hause waren. Immer wieder sagte sie, das sie ja nur vorübergehend hier im Heim sei.

„Nein“, sagte Ulrike zu meiner Mutter. „Es ist nicht nur für eine kurze Zeit. Sie wohnen jetzt hier.“

„Irgendwann“ so sagte mir Ulrike „mußte mein Mann aus dem Zimmer gehen. Er konnte den traurigen Blick in den Augen meiner Mutter nicht länger ertragen.“

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2 Antworten zu Sprachlos erschüttert (akt 1)

  1. soda1964 schreibt:

    Danke für diesen Post – ich erkenne mich fast in jedem dieser Worte wieder … Bis vor 4 Monaten lebte meine Schwiegermama Wand an Wand mit uns, wurde von uns gepflegt und betreut – bis es nicht mehr ging… Nun ist sie auf der Langzeitstation einer Gerontopsychiatrie und wartet auf einen Platz im Altersheim – es zerreist einem das Herz.
    Und auch wenn wir vom Verstand her tausend Begründungen haben, warum es so sein muss und nicht anders geht – die Gefühle sagen etwas anderes.
    Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es auszuhalten…
    Alles Gute
    soda1964

  2. alivenkickn schreibt:

    Hallo Soda,
    Das „Sprachlos erschüttert“ betrifft weniger mich selbst als meine Mutter. Sie war als wir sie am Montag in das Heim begleitet haben lange Zeit sprachlos, erschüttert. Für sie ist es unfaßbar, unbegreiflich das sie jetzt in einem Heim leben muß, einem Ort an dem zu leben für sie unvorstellbar ist.
    Lieben Gruß Dennis . . . . 😉

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