Wenn Vergangenheit zur Gegenwart wird


Ich gehe nicht in ein Heim. Bevor es soweit ist sterbe ich lieber.

Den Einwand das wir es uns nicht mehr leisten können sie zu Hause zu versorgen, da das zur Verfügung stehende Geld (Einnahmen) die Kosten einschließlich der Ausgaben für das Haus nicht mehr deckt, den ließ sie nicht gelten.

Ich hole mir jemand ins Haus der mich versorgen kann, sagte sie. Ich bin mit 200 DM ausgekommen. Ich zeige es Dir, sagte sie und setzte sich mit ihrem Rollstuhl in Richtung ihres Zimmer in Bewegung. Nach einigen Minuten kam sie mit einem kleinen schwarzen Büchlein in der Hand, einem TaschenKalender von 1975, wieder zurück.

2400 DM Heizöl sagte sie mit fester Stimme. Schau Mutti, das letzte Jahr haben wir für die gleiche Menge Heizöl 11000 DM (7000 Liter für ca 5600 Euro) ausgegeben. Mit großen fragenden Augen schaute sie mich kurz an um dann wieder in ihrem abgegriffenen in schwarzen LederEinband gefaßten Taschenkalender von 1975 den sie all die Jahre wie einen Schatz hütet, weiterzublättern.

200 DM Wirtschaftsgeld, 85, 35 DM Ausgaben für eine Reparatur. Und wir haben jedes Jahr 1400 DM gespart um die Prämie von 400 DM zu bekommen. Hätten wir das nicht getan, wir würden heute noch in der Mietskaserne wohnen, sagte sie mit leiser Stimme mehr zu sich selbst. Da gabs nicht jeden Tag Fleisch auf dem Teller. Nur Sonntags.

So fuhr sie für ganze eine Weile fort und gab mir zu verstehen, das sie auf keinen Fall in ein Heim gehen wird.

Ich saß auf meinem Stuhl und versuchte ihr Rational und mit Logik zu erklären das Heute alles um ein zigfaches teurer geworden ist. Das damals Vati noch lebte und gearbeitet hat, sie heute Witwenrente bezieht und das das Sparbuch irgendwann einmal leer ist. Natürlich funktionierte das nicht.

Es war meine Hilflosigkeit die ich auf diesem Weg zum Ausdruck brachte. Klüger, weiser wäre es in diesem Moment gewesen wenn ich geschwiegen hätte, ihren Schmerz einfach nur ausgehalten hätte . . . . .

lernen mich auszuhalten, meine ungeduld, das bild wie ich gerne wäre in meiner vorstellung loszulassen und frieden zu schließen mit dem der ich bin, mein vermögen oder unvermögen je nachdem und tagesform, . . .

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema:

Dieser Beitrag wurde unter A Day in the Life, Abschied, Gesellschaft, Gesundheit, Inland, Leben im Alter, Politik, Trauer abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wenn Vergangenheit zur Gegenwart wird

  1. Dirck schreibt:

    ach, mein lieber, das sind die momente, wo das herz brechen will.

    ich weiss, wie es war, als ich meiner mutter sagen musste, für die ärzte sei sie „austherapiert“ und man würde nichts mehr für sie tun. sie schaut mich an und sagte: „gar nicht? na, da kann man nichts machen.“ und ich wusste nicht wohin mit meinem zorn…

  2. alivenkickn schreibt:

    da gibt es tage wie den am montag. um 8.00 morgens war ich bei ihr da an diesem tag die hausärztin kam. u.a. besprach sie mit meiner ma ihre patienverfügung die geupdated werden mußte. später als unsere ärztin dann weg war, besprachen – erklärte ich meiner ma jeden einzelnen punkt der patientenverfügung. sie verstand jedes wort.
    und dann gibt es tage wie diesen. ihr wertesystem mit dem sie aufwuchs, ihre vergangenheit – die jugend die sie in der zeit von1940 – 1947 erlebte, ihre bodenständigkeit, eigentum das für sie einen hohen stellenwert hat . . .

    und dann sind da eben solche tage wo du dastehst, hilflos und ohmächtig bist. das wissen um ihre krankheit ist da nur ein theoretisches konzept . . .

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s