Gelähmt, überfordert . . . gefordert (akt 3)


. . . so fühle ich mich wenn ich nur schon daran denke was meine Mutter mit ihrem Umzug in das Heim in 3 Wochen zu Hause, dem Haus in dem sie die letzten 50 Jahre ihres Lebens verbrachte, alles zurücklassen muß.

Mit dem Tag des Einzugs in das Heim, in ihr Zimmer Nr. 123, wird sich ihr Leben bis zu dem Tag an dem sie sterben wird, auf 22 qm abspielen. Da nützt es auch gar nichts wenn sie die letzten 5 Jahre nicht mehr vor die Tür gegangen ist, sie mit ihrem Rollstuhl in ihrem Haus nur noch zwischen Bad/Toilette, Schlafzimmer und dem Wohnzimmer hin und her pendelte.

Auch wenn das Zimmer im Heim größer wäre, es wäre dennoch nicht genügend Raum vorhanden um all die Kleinigkeiten, die einen Teil ihrer Lebensqualität ausmachen und die sie zur Ausübung ihrer alltäglichen Rituale benötigt, mitzunehmen.

Da ist z.b. mein alter Schreibtisch mit seinen zwei vollen Schubladen den sie zu ihrer Frisierkommode umfunktioniert hat und den sie samt des größten Teil des Inhaltes zurücklassen muß. Jeder der einen Blick in die Schubladen werfen würde, würde natürlich sagen: „Schau das brauchst Du doch alles nicht mehr“. Wäre meine Mutter fähig ihre Bedürfnisse zu artikulieren, hätte sie gelernt Konflikte auszutragen und nicht stattdessen „nur um des lieben Frieden willens“ alles runterzuschlucken und das zu sagen was ihr gefällt, was sie will und was nicht dann würde sie erwidern: „DU brauchst es nicht. Ich brauche es“.

Gleiches gilt für ein kleines Sideboard und seinen Inhalt. Ob es sich um den Weihnachtsschmuck handelt den sie Anfang Dezember immer an Tannenzweige hängt, die kleinen Figuren aus dem Erzgebirge die sie in der Adventszeit immer liebevoll auf der Fensterbank aufstellt oder um die ausgeblasenen und bemalten Ostereier, die sie jedes Jahr im Frühjahr kaum erwarten kann an die ersten Buchenzweige, die wir immer aus dem Wald holen, zu hängen. Für Alles ist kein Platz vorhanden.

Ein kleiner Kühlschrank, TV Flatscreen der an die Wand kommt, einige Delfter Teller und Bilder die ihr wichtig sind, die zumindest einen Hauch von Atmosphäre zu vermitteln versuchen, für all das ist Platz an den Wänden vorhanden.

Aus all den kleinen Dinge, von denen ich weiß wie wichtig sie für sie sind, muß ich für sie entscheiden was sie mitnehmen kann/soll/muß, und was zurückbleibt.

Ich muß für sie entscheiden was sie loszulassen hat. Ich muß für sie entscheiden von was sie Abschied zu nehmen hat. Es fühlt sich beschissen an, lähmt mich und ich fühle mich total überfordert. Es ist schlicht und einfach Zum kotzen.

* * *

Update 29. Juni 2011

Seitdem ich dies geschrieben habe sind mittlerweile ein paar Tage ins Land gegangen. Der emotionale Sturm der das Unterste nach oben gewirbelt hat, hat sich gelegt, sodaß jetzt alles neu sortiert und an seinem rechten Platz ist. Natürlich ist der Grundtenor noch der gleiche.

In meiner – Unserer Situation gibt es ja keine andere Wahl/Möglichkeit als der Umzug meiner Ma in das Heim. Die räumliche Situation – und damit ist die Anzahl von eigenen Möbeln von vornherein begrenzt – ist ja vorgegeben. Schrank, KrankenBett und Nachttisch sind vom Heim wegen versicherungstechnischer Aspekte vorgegeben. Allerdings was dieses Krankenhaus ähnliche NachtTischSchränkchen auf Rollen betrifft, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Andere Möbel kann meine Ma mitbringen. Möbelstücke die für sie wichtig sind weil sich mit ihnen Erinnerungen verbinden, weil sie zu ihnen eine persönliche, eine emotionale Beziehung hat. Dazu kommen all die Dinge wie Fotos, Bilder, Wandschmuck etc, all das womit sie sich ja auch in Ihrem Haus – ihrer Wohnung umgeben hat. Doch auch hier ist die Anzahl auf Grund der Größe des Zimmers beschränkt. Die Atmosphäre wird und kann niemals wie „Zu Hause, in der eigenen Wohnung“ sein. Dennoch habe ich die Hoffnung das meine Ma sich darauf einlassen kann, das sie, wie man so sagt „das Beste aus ihrer neuen Situation macht“.

Es gibt Menschen, das weiß ich, die fühlen sich in einem Heim wohl. Es dürfte sich aber hierbei nur um einen sehr kleinen Teil aller HeimbewohnernInnen handeln. Dessen muß man sich einfach gewahr sein. Sprüche, Floskeln wie „Das geht ja Vielen so das sie in ein Heim müssen“, gehen uns, die wir nicht in ein Heim umziehen müssen, die wir nicht den Rest unseres Lebens in einem Heim verbringen müssen, leicht über die Lippen.

Von meiner Seite werde ich alles was in meinen Kräften steht tun damit meine Mutter sich so wohl wie möglich fühlt. Ich kann nur hoffen und wünschen das sich meine Ma einläßt.

* * *

Update 2. Juli 2011

Gesten habe ich angefangen das Zimmer meiner Mutter mit den für Sie wichtigen „Basisc“ einzurichten. Kühlschrank und  TV. Vor allen Dinge der Kühlschrank ist wichtig. Auch wenn die nächtlichen Ausflüge auf begrenztem Raum stattfinden werden, die nächtliche  „Käseverkostung“ ist schon deshalb wichtig weil „Essen“ für sie ein Stück Lebensqualität ist. Und nicht nur für sie, den nächtlichen Hunger der einem manchmal überkommt zu stillen ist für alle wichtig. Gut, das sie sich dann am Morgen fragt warum denn kein Käse mehr da ist . . . . aber auch das gehört zu ihren Gewohnheiten, ihren Ritualen.

* * *

Update 7. Juli 2011

An alles gedacht, alles bedacht, glaubte ich. Heute morgen ging mir wie in den vorangegangen Wochen der Umzug und von meiner Ma und alles was damit zusammenhängt durch den Kopf, als es ich mir gewahr wurde das ich doch nicht alles bedacht hatte. Es ist jetzt nicht mehr zu ändern. Doch auch hierfür gibt es eine Lösung.

Solcherart ist das Leben

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2 Antworten zu Gelähmt, überfordert . . . gefordert (akt 3)

  1. Anna schreibt:

    Ich beneide dich wahrlich nicht um deine derzeitige Situation!
    Ich wünsche euch beiden, dass alles „klappt“ – soll heißen, dass deine Ma sich DOCH einigermaßen wohl fühlt in ihrer neuen Umgebung!
    Mein Ex-Schwiegervater ging letztes Jahr freiwillig in eine Seniorenresidenz, er fühlte sich nach dem Tod seiner Frau einfach allein und alt und genießt die „Vollpension“ und mögliche (wenn erforderlich) Rundum-Versorgung in seiner neuen, sehr schicken (und sehr teuren) Heimat. Die ist wie ein tolles Hotel mit allem PiPaPo und ärztliche Versorgung und Pflegestationen sind angeschlossen. Ich besuche ihn dort fallweise und er wirkt sehr happy!
    Das ist aber natürlich eine völlig andere Ausgangssituation wie bei dir/euch.
    Mein Dad hat vor Jahren mal gesagt, bevor er mir zur Last fällt, geht er in ein Heim! Aber ich möchte nicht wissen, wie die Realität aussieht, wenn mal so eine Option im Raum schwebte …..Es würde mir das Herz brechen und ich würde leiden, genau wie du! Und mein Dad würde sich weigern und aber aus „Vernunftgründen“ zustimmen (sofern er noch bei Sinnen wäre) und aber ebenso traurig und verzagt sein!
    Ach, das sind ganz schlimme Situationen im Leben von Eltern und Kind!
    Ich drück euch beide mal ganz fest!

  2. alivenkickn schreibt:

    Hallo Anna

    Die erste „Zeit“ war in der Tat heftig. Ich denke mal, das Jeder der sich mit solch einer Situation konfrontiert sieht einen ähnlichen Prozess durchläuft. Der Sturm wie ich mich auszudrücken pflege, legt sich so langsam. Ich komme innerlich zur Ruhe.

    Das Leben ist/besteht aus einer ablaufenden Folge von Entscheidungen. Manche treffen wir intuitiv, viele treffen wir auf Grund unserer Sozialisation und Erziehung unbewußt, Andere treffen wir bewußt.

    Diese bewußten Entscheidungen sind mitunter die schmerzhaftesten und auch die spannensten weil wir da sehr nahe mit/bei uns selbst sind, mit unseren Gefühlen und Emotionenen in Kontakt sind.

    Bewußten Entscheidungen geht immer ein Entscheidungsfindungsprozess voraus. Er ist geprägt von Abwägen und zweifeln, von zögern und zaudern, von Mutlosigkeit und in Frage stellen ob wir auch das richtige tun. Auch wenn man solche Prozesse schon zig mal durchlebt, am eigenen Leib erfahren hat, er ist immer wieder neu, da das Thema hier „Mutter wird in ein Heim umziehen“ ja neu ist.

    Dieses berühmte „Ich geh in ein Heim, ich will Dir/Euch nicht zur Last fallen“ das schon fast inflationär in einer Eltern – Kind Situation verwendet wird, finde ich ehrlich gesagt traurig und furchtbar. Es zeigt wie unsere Gesellschaft denkt, wie sie geprägt ist und welche Werte sie für konsensfähig erachtet.

    Als wir Babies, kleine Kinder waren, eine Zeit in der wir nicht in der Lage waren für uns selbst zu sorgen, in dem Lebensabschnitt des Zyklus des Lebens da unsere Eltern uns um-und versorgten, sich um uns kümmerten . . . . da wäre niemand auf den Gedanken gekommen das wir kleinen menschlichen Wesen unseren Eltern eine Last sein könnten. Und mit Sicherheit haben es unsere Eltern nicht so empfunden. Manchmal waren unsere Eltern genervt, gestreßt und übermüdet. ja, das ist normal, gehört zum leben dazu. Aber der Tenor war liebevoll und fürsorglich.

    Das es auch Ausnahmen gibt das muß man nicht erwähnen . . . .

    Ich lerne was es heißt für meine Mutter Entscheidungen zu treffen, weil/wenn sie nicht kann oder willens ist.

    Es ist schön das Dein Ex-Schwiegervater sich in dem Heim, dem Ort wo er jetzt lebt sich wohlfühlt. Auch weil Du dich damit wohlfühlst das er sich wohlfühlt . . . . 😉

    Lieben Gruß Dennis . . . .

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