Leben auf 22 qm


Es ist kurz nach 7 Uhr genauer gesagt 7.17. heute ist der Tag an dem ich meiner Mutter sagen werde das sie in den nächsten Wochen – in diesem sommer – in ein Heim umziehen wird. ich sitz hier vor m PC, hab den verf****** heimvertrag vor mir der inhaltlich, rechtlich, bla bla bla ***** ok ist und ich werde immer wütender, hilfloser und könnt einfach nur scheixxe brüllen. mir ist einfach nur zum heulen zu mute.

wenn meine mutter dement wäre, wenn sie verwirrt wäre, sich selbst und ihre umwelt nicht mehr mitbekommen würde – nehmt es mir nicht übel das ich das jetzt schreibe, oder nehmt mir s übel is mir auch egal – dann wäre es nur halb so schlimm, behaupte ich mal. aber das ist sie alles nicht. sie ist in einer frühen phase der demenz – oder ist sie überhaupt gar nicht dement? sie bekommt noch alles mit, sich selbst, ihre umwelt, ließt täglich zeitung, weiß was in der welt abgeht, weiß wenn wir uns z.b. über das wetter unterhalten das es morgen kälter wird oder regnen soll, ja das hat in der zeitung auch gestanden, . . . . .

gut, sie kann sich nicht mehr selbst bekochen, kann nicht mehr selbst einkaufen fahren. kann keine treppen mehr steigen und kann mit geld nicht mehr umgehen. erzählt manchmal das irgendwelche männer auf dem grundstück rumgelaufen wären die das grundstück vermessen hätten. sagt das die blumenfrau da gewesen wäre und ihr blumen gebracht hat die sie selbst in die kübel auf der terrasse eingepflanzt hat – die alten blume hat sie rausgenommen, die alte blumenerde aufgelockert und aufgefüllt und dann die geranien da eingebuddelt . . . . . .

ja sie ist verwirrt und wirft alles durcheinander, auch was ihren alltag betrifft. und dann ist sie wieder hellwach. voll da. voll klar im kopf.

heute mittag, in ein paar stunden, werden eine freundin und ich meiner mutter bei erdbeerkuchen „aber bitte mit sahne“ ihr sagen müssen das sie in diesem sommer – mitte juli – in ein heim umziehen wird.

gestern habe ich mir das zimmer angeschaut. 22 qm. sehr hell, mit großem fenster mit blick auf einen park. in der ferne sieht man bei gutem wetter den taunus. sie wird 2 möbelstücke die ihr wichtig sind – sideboard genannt kruschelschrank – , ihre frisierkommode (der alte schreibtisch aus meinem kinderzimmer), n kleiner kühlschrank und den chefsesselvatifernsehstuhl mitnehmen. an die wand kommen einige gemälde und n flat screen fernseher. vor das fenster werde ich so ne art eckblumenbank hinstellen oder einbauen lassen. da kommen dann soviel blumen wie eben draufpassen hin. und die gardinen werden gekürzt werden. mit eingeschlossen in das zimmer ist ein großes duschbad in das sie mit dem rolli reinfahren kann. das ist das eine.

ihr leben – ihre welt, ihre lebensqualität wird dann auf dem 1. stock zimmer 155, 22 qm stattfinden oder besser gesagt beschränkt sein. nix mehr mal kurz durch s 45 qm große wohnzimmer in ihrer wohnung vom eßzimmerschrank zum blumenfenster mit blick auf den garten rollen. nix mehr mit ins gemeinsame schlafzimmer rollen um im kleiderschrank in ihren kleidern und vaters anzügen, hemden und wäsche zu wühlen und sortieren. keine kontrollrollstuhltouren in die küche mehr und schauen ob die haushälterin auch alles richtig macht.

und das alles nur weil die verf****** kohle, das geld ausgegangen ist.

für bankrotteure, für banken wie die bayerische landesbank und abgefuckte länder wie griechenland sind milliarden vorhanden. aber für viele alte menschen und dazu gehört die generation meiner mutter, die deutschland nach dem krieg wieder mitaufgebaut hat, deutschland zu dem gemacht hat was es heute ist, da ist kein geld vorhanden damit sie im alter ein leben in würde – zu hause bis zu ihrem tod führen können.

* * *

mittlerweile ist es 9.56Uhr und ich war auf dem markt einkaufen. zum einen weil ich samstags immer auf den markt einkaufen gehe, zum anderen weil sich meine gedanken vorhin überschlagen haben, ich schneller gedacht habe wie ich schreiben konnte. der gang – die fahrt auf den markt hat mich entschleunigt. meine gedanken, mein denken ist zur ruhe gekommen. da ich auf grund meiner körperlichen situation nur langsam – achtsam laufen kann, haben sich meine gedanken, habe ich mich entschleunigt. zudem habe ich beim bäcker einen guten freund getroffen. ihn zu sehen, ihn in den arm zu nehmen, ein paar worte mit ihm zu wechseln hat meiner seele gut getan. danke lutz.

und nu werd ich mein frühstück genießen. knusprige brötchen mit französischer faßbutter, ein 3 minuten ei, frischen gekochten schinken, erdbeeren, ein paar kirschen und frisch gemahlenem, handgebrühtem melitta gefiltertem bohnenkaffee . . . and j.j. cale is rollin on with eric clapton . . .

danach werde ich himbeeren und zuckererbsen einfrieren. ein erbsenrisotto ist für mich eines der köstlichsten gerichte die es gibt.

* * *

Ich hätte da mal eine Frage an diejenigen aus der Community, an diejenigden Schwule, Lesben und Transgender, an die Menschen mit HIV unter uns die in einem Alter sind wo man davon ausgehen kann das deren Eltern 70, 80 Jahre wenn nicht gar älter sind. Was ist mit Euren Eltern? Wie geht es Ihnen? Wie leben Sie? Wo leben Sie? Sind sie gesund? Führen sie ein Leben in Würde  . . Zu Hause . . . in einem Heim?

Unsere Gesellschaft basiert überwiegend auf heteronormativen Normen und Werten.

Im Jahr 1994, mit Ablauf der Frist für die Rechtsangleichung, entschied man sich – auch angesichts der inzwischen eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen – mit dem 29. Strafrechtsänderungsgesetz vom 31. Mai 1994, den § 175 StGB aus dem Strafgesetzbuch zu streichen.

Symbolisch auf den 17. Mai (Zahlenspiel: 17.5.) gelegt, beschloss der Bundestag im Jahr 2002 gegen die Stimmen von CDU/CSU und FDP eine Ergänzung des NS-Aufhebungsgesetzes.[28][29] Damit wurden die Urteile gegen Homosexuelle und Wehrmachts-Deserteure in der Zeit des Nationalsozialismus für nichtig erklärt. Quelle: Wikipedia

Insofern ist es für mich durchaus nachvollziehbar das viele Schwule besonders die Älteren, traumatische Erfahrungen gemacht haben unter denen sie teilweise heute noch leiden.

HIV/AIDS ist ja dieses Jahr 30 Jahre alt geworden. Was man schnell erkannt hat ist das HIV mehr als nur eine körperliche Krankheit ist. Wie jede Krankheit so ist auch HIV eine Krankheit die alle menschlichen Ebenen berührt. Den Körper – die Seele – den Geist – die Psyche. Die Auswirkungen von HIV, von jeder Krankheit auf unsere Psyche, unserer Seele manifestieren sich nicht selten physisch. Der Stellenwert der Psychosomatischen Medizin ist heute unbestritten. Wir alle kommen aus den unterschiedlichsten Familiensystemen – Konstellationen. Viele von uns haben traumatische Familienerfahrungen erfahren. Und wir wissen das Streß für Menschen mit dem HIVirus ein gefundenes Fressen für ihn ist. Alles was um uns herum geschieht, passiert, besonders was in und unseren Familen, mit unseren Angehörigen geschieht das macht etwas mit uns. Es berührt unsere Seele, unsere Psyche . . .

. . . oder sind Viele unter Euch Wesen einer unbefleckten Empfängnis . . . . ?

* * *

update 18.00 uhr

was für ein glück das unsere freundin dabei war. rational, distanziert, kühl, sehr logisch, manchmal etwas zu viel. sie hat genau den part übernommen, ist genau an der stelle eingestiegen an dem ich mich „aufgehängt“ hätte. als ich meiner mutter sagte das sie in den nächsten wochen in ein heim wird umziehen müssen, blockte sie ab – machte zu wie man so sagt. der schmerz der in diesem moment auf ihrem gesicht ihre gefühle zum ausdruck brachten, war kaum auszuhalten. ich geh in kein heim sagte sie mit verschränkten armen in ihrem rollstuhl sitzend. und es war genau der punkt der mich – wie immer – hätte abgehen lasse wie n zäpfchen wäre unsere freundin nicht dabei gewesen.

die rationale erklärung das und warum geld weniger wird, das ist nicht mehr nachvollziehbar für meine mutter. und ich mit diesem dämlichen kaufmanns gen fall da immer wieder nur zu gerne drauf rein, erklär lang und breit warum wieso und überhaupt. ergebnis: zwei die sich wie pit bulls in ihren knochen verbissen hätten. keine bewegung, kein auf den anderen eingehen, nur verhärtung.

unsere freundin hat da das eis gebrochen. nach einer weile wurde sie weicher und zugänglicher. ich kam an sie heran, war ihr nahe wie lange nicht mehr. was ich schön fand ist – wir beide verstehen wie man sich fühlt, wie der andere sich fühlt wenn einem jemand sagt: du mußt in ein heim umziehen. wir können beide nachvollziehen wie es sich anfühlt . . . . sie weiß das ich weiß wie sie sich damit fühlt als ich ihr sagte das sie in ein heim umziehen wird und umgekehrt weiß sie wie ich mich fühlte als ich ihr sagte das sie in ein heim umziehen muß . . . . dennoch, es ist und bleibt ne beschissene situation. .  . . . . . . . . .

es ist in der tat so wie dirck es in seinem kommentar zum ausdruck bringt:

das ist eine dieser Lebenssituationen, wo es gar nicht richtig laufen kann.

* * * * *

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2 Antworten zu Leben auf 22 qm

  1. Dirck schreibt:

    Lieber Wolfgang,

    ich glaube, das ist eine dieser Lebenssituationen, wo es gar nicht richtig laufen kann. Man kann sich nur bemühen, die Verletzungen so klein wie möglich zu halten. Jedenfalls wünsche ich Dir und Deiner Mutter für die nächste Zeit alles gute.
    Grundsätzlich ist es bei Demenzerkrankungen durchaus sinnvoll, nicht zu spät in eine Pflegeeinrichtung zu wechseln. Noch sind nicht alle Beteiligten mit der Krankheit überfordert. Noch kann Deine Mutter auch die guten Seiten des Wohnungswechsels wahrnehmen.

    Was Deine Frage betrifft. Mein Vater starb relativ früh und plötzlich. Meine Mutter hatte das Glück, zwar arm, aber bis ins Alter hinein fit zu sein. Ein Krebs hat sie innerhalb von drei Monaten getötet, so dass sie ihn ihrer Wohnung bleiben konnte bis zum Schluss. Ihre Kinder haben die Pflege übernommen. Das ging aber nur, weil klar war, dass die Pflegesituation zeitlich begrenzt sein würde. Meine Schwester und ich nahmen dann für ein paar Monate unbezahlten „Urlaub“.

    Alles liebe
    D.

  2. alivenkickn schreibt:

    Lieber Dirck

    Danke . . .

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