Zwischen Buttermilch und Sahnejoghurt . . .


„Wir haben einen Platz für ihre Mutter. Sie kann am Montag einziehen.“

Eigentlich war ich gerade dabei meinen leeren Kühlschrank aufzufüllen . . . . . . eigentlich

Da mach ich Pläne wie ich mir die Zukunft meiner Mutter vorstelle und auf einmal muß ich, wie schon sooft in meinem Leben, die Erfahrung machen, das das Leben seinen eigenen Plan hat. Einen Plan der schon längst geschrieben wurde . . .

* * *

Vor 11 Jahren hat mich das Amtsgericht zum Betreuer mit allen Aufgaben für meine Eltern bestellt. Wie es in der Amtssprache so schön heißt umfasst mein Aufgabenkreis

die Sorge für die Gesundheit des/der Betroffenen
die Aufenthaltsbestimmung
die Vermögenssorge
die Wohnungsangelegenheiten
die Geltendmachung von Ansprüchen auf Altersversorgung und soziale Sicherung
die Organisation ambulanter Hilfen
die Vertretung gegenüber Heim – bzw Klinikleitung, Behörden, Versicherungen und sonstigen Institutionen.

Eben das RundumSorglosPaket wie ich es immer scherzhaft nenne.

Als es sich abzeichnete das meine Eltern gesundheitlich nicht mehr in der Lage sein würden den Anforderungen des Alltag gerecht zu werden, ihren Alltag alleine zu bewältigen, gab es Anfang 2000 einen Familienrat. Unsere damalige Hausärztin, die über die Jahre zu einer Freundin unserer Familie geworden ist, meine Eltern und ich haben uns zusammengesetzt und uns darüber Gedanken gemacht, wie es dann weitergehen soll.

Für mich stand es fest das ich mich um sie kümmern werde.

“Früher als ich n Baby, n kleines Kind war, nicht für mich sorgen konnte haben meine Eltern für mich gesorgt, waren für mich da. Wenn meine Eltern alt und krank werden sollten und sie nicht mehr in der Lage sein sollten für sich selbst zu sorgen, werde ich für sie da sein. Ich werde für sie sorgen, mich um sie, um ihre Belange zu ihrem Wohl kümmern.“

Da ich seit 1997 Erwerbsunfähigkeits Rente beziehe, war dies für mich kein Thema. Die Zeit dazu hatte ich. Zusammen mit Ihnen unter einem Dach zu leben, hielten meine Eltern nicht für notwendig. Zudem wohnte ich ja „gerade mal um die Ecke, in Darmstadt”. Es ist wie mein Vater immer sagte „ja nur ein Katzensprung zu uns“. Im Laufe der Jahre wurde mir klar das er mich nicht nur sehr gut kannte sondern das er sich gewahr war, das die Mieteinnahmen der Wohnung im 1. Stock nach seinem Tod die anfallenden Fixkosten für das Haus in etwa decken würden. Und er war sich zu seinen Lebzeiten gewahr, das meine Mutter damit überfordert sein würde. Dies war auch seine Hauptsorge. „Was wird mal sein wenn ich nicht mehr da bin“? Wer wird sich um Mutti kümmern“? Über solche und andere Fragen haben mein Vater und ich uns in den Jahren vor seinem Tod (er starb in der Nacht zum 1. Dezember 2001) sehr oft unterhalten.

Jeder von uns kommt aus seinem eigenen individuellen Familiensystem. Und in jeder Familie gibt es die berühmten „Family Affairs”. Das Leben verläuft nicht immer harmonisch und gradlinig, so wie es sich Eltern für ihre Kinder wünschen oder besser gesagt vorstellen. Manchmal geht alles nach Plan und dann wiederrum hat das Leben seinen eigenen Plan. Familien leben sich auseinander oder man lebt aneinander vorbei. Man trennt sich oder im schlimmsten Fall entzweit man sich. Und manchmal begegnet man sich wieder, kommt zusammen und lebt wieder zusammen. Zusammenleben heißt die Erfahrungen des Anderen zu respektieren und den Menschen zu akzeptieren. Unsere Familie hat dieses Spektrum in all seinen Höhen und Tiefen durchlebt, durchlitten . . . erfahren.

Mein Vater war weder ein Christ und weit davon entfernt ein Buddhist zu sein obwohl er die letzten Jahre in seinem Berufsleben von Berufswegen oft in Asien war. Dennoch hat ihn die Mentalität und Kultur Indiens und Japans sehr geprägt. Ayya Khema sagte einmal:

“Warum nicht die Vergangenheit dort lassen wo sie hingehört? In der Vergangenheit“?

Er hat diesen Satz gelebt. Auch wenn er es nicht verbalisieren konnte, sein Handeln war geprägt von Verzeihen und dem Glauben das der Mensch sich ändern kann.

Während der letzten Jahre vor seinem Tod entwickelte sich zwischen uns ein Verhältnis wie wir es uns beide immer gewünscht haben. Als er starb gab es nichts was zwischen uns stand, nichts von dem was man gemeinhin unter “offen und ungesagt” versteht.

* * *

Die ersten Jahre nach dem Tod meines Vaters waren für meine Mutter schlimme Jahre. Besonders der erste „Kreislauf“, das erste Jahr nach seinem Tod. Hochzeitstag, Geburtstag meines Vaters, es waren schmerzhafte Tage für sie. Im ersten Jahr nach seinem Tod habe ich ein Ritual ins Leben gerufen, das wir bis heute pflegen. Am Hochzeitstag gibt es Vaters Lieblingsessen, seinen Geburtstag feiern wir jedes Jahr im Kreis von den wenigen verbliebenen, gemeinsamen meine Mutter besuchende Freunde mit Kuchen und Torten aus einem Cafe, das über die Grenzen Frankfurts bekannt ist. Anfangs wollte sie nicht so recht, aber wenn der Tisch gedeckt war, und wir uns versammelt hatten, dann lebt sie immer auf. Wir sprechen über meinen Vater, das was meine Eltern zusammen erlebten, erzählen Anekdoten aus seinem Leben und können heute über viele seiner lieb gewonnenen „Ecken und Kanten“ zusammen lächeln. Und Muttern genießt es. Sie genießt die Torten und die Kuchen und vor allen Dingen genießt sie die Gesellschaft unserer Handvoll Freunde.

Meine Mutter sitzt seit ca 10 Jahren im Rollstuhl, Sie hat eine seit 40 Jahren langsam verlaufende MS, ist im Anfangsstadium einer Demenz, geplagt von Osteoporose, Schmerzpatientin . . und und und. Von ihrem Wesen ist sie ein sehr liebevoller, umgänglicher Mensch. Bösartigkeit ist ihr fremd. Manchmal zickt sie ein bisschen und ist stur, aber das darf sie auch. Mit 84 Jahren hat sie alles Recht dieser Welt dazu. In den ersten Jahren nach Vaters Tod sprachen wir noch oft über ihn. Mit der Zeit jedoch wurde sie immer verschlossener, zog sich in sich zurück. Für mich war und ist es mitunter auch heute noch schwer sie so zu erleben. Besuche ich sie, dann reden wir nur noch selten über das was sie bewegt. Natürlich „weiß“ ich das dies auf die Demenz zurückzuführen ist, doch mir fällt es schwer das innerlich, auf der emotionalen Ebene anzunehmen. Das „verstandesmäßige Wissen“ nützt nichts solange es nicht in meinem Herz/Bauch angekommen ist.

Im Verhältnis zwischen meinem Vater und mir hat dies während der letzten Jahre vor seinem Tod wunderbar funktioniert. Es war ein Geschenk für das ich dankbar bin. Warum es zwischen meiner Mutter und mir nicht ebenso funktioniert, keine Ahnung. Ich wünsche es mir, merke aber das ich es nicht erzwingen kann. Sie ist in der Lage sich einer Freundin gegenüber zu öffnen, mir gegenüber ist sie oft verschlossen wie eine Auster. Über die Jahre lerne ich zu akzeptieren das es so ist, lerne das es mit mir wenig zu tun hat.

Auch hier kommt mir Ayya Khema immer wieder in den Sinn.

„Wir sind ungehalten darüber wenn wir etwas haben wollen und es nicht bekommen. Wir sind ungehalten darüber wenn wir etwas bekommen das wir nicht wollen.“

Sie war eine kluge Frau die mich immer wieder zum Lächeln bringt.

Da die Mittel nicht unbegrenzt sind, war es absehbar das dem „Leben im gewohnt, geliebtem Umfeld – in ihrem Haus“ irgendwann ein Ende bevorstand. Ursprünglich hatte ich „geplant, das Muttern ihren 85. Geburtstag in ihrem Haus würde feiern können. Doch eingedenk das das Leben und insbesondere die Banken so ihre eigenen Pläne haben „Was interessiert uns unsere Zusage von gestern“ sah ich mich die letzten 6 Wochen einem Druck ausgesetzt der mir unter anderem meine körperlichen Grenzen aufzeigte.

In den letzten Jahren war ich mehrmals bereit gewesen zu meiner Mutter zu ziehen und mit ihr zusammen zu leben. Zu diesen Zeitpunkten wäre ich noch in der Lage gewesen all die hauswirtschaftlichen anfallenden Arbeiten die im Zusammenhang mit ihrer Pflege und dem Alltag anfallen zu leisten. Sie sprach sich doch jedes Mal dagegen aus. Betreuer zu sein, so mußte ich lernen heißt abzuwägen und in bestimmten Situationen nicht gegen den Willen des Angehörigen zu handeln. Im Nachhinein so mußte ich mir eingestehen machte das „Nein“ meiner Ma Sinn. Ich wäre seit 2 Jahren hoffnungslos überfordert da ich keine Treppen mehr steigen kann. In den Keller an die Kühltruhe gehen, in der Waschmaschine in der Waschküche 3 – 4 mal wöchentlich Wäsche zu waschen, täglich ihr Zimmer und das Bad von Grund auf zu reinigen, den Garten zu pflegen . . . No Way.

* * *

Das so schnell ein Platz in ihrem Haus frei werden würde, das überrascht mich doch, sagte ich zu der Dame die für die Heimaufnahme zuständig ist. Ja sagte sie, das ist jetzt eine Veränderung wo sie sehen werden das sie viel Freizeit für sich selbst haben werden. Ja eine Veränderung ist es allerdings, doch diese Art der Veränderung unterbrach ich sie, ist eine ganz besondere. Ich werde jetzt meiner Mutter sagen das sie in ein Heim umziehen wird. In dem Moment wo ich dies sagte, liefen mir die Tränen über´s Gesicht, zog es mir den Boden unter den Füßen weg. Schon bei der Vorstellung wie meine Mutter diese Nachricht aufnehmen könnte, würde, drehte sich mir der Magen um. Im Laufe der Jahre sagte sie immer mal wieder mal: “Ich geh in ein Heim, da fall ich niemand zur Last war.” Doch es war „nur so daher gesagt“.

Ich habe keine Ahnung wie es für meine Mutter sein wird, wie es ihr gehen wird wenn sie Bewohnerin eines Heimes geworden ist. Das Zimmer, es ist ein ruhiges Zimmer mit Blick auf einen Garten, werden wir mit dem LieblingsFernsehChefSessels meines Vaters in dem sie abends zu Hause sitzt und Fernseh schaut, eines Sideboards, ihres Kruschelschrankes auf dem Bilder von Ihr zusammen mit ihrem Mann, meinem Vater, der verstorbenen Katze stehen und einem alten Schreibtisch der ihr als Frisierkommode dient, einrichten. Aber es ist halt nur ein Zimmer. Das gemeinsame Schlafzimmer mit den Schränken voll mit all ihren Kleidern die ihr nicht mehr passen, den Anzügen und Hemden meines Vaters die sie immer wieder mal durchschaut ob sie noch in Ordnung sind, der Wäsche die sortieren muß, all das wird dann nicht mehr möglich sein. Der Große Schrank im Eßzimmer mit all dem Geschirr das sie von einem Fach in das andere sortieren kann, wird dann Vergangenheit sein. Das große Blumenfenster im Wohnzimmer mit Blick in ihren Garten, auf einen 50 Jahre alten in jedem Frühjahr fast unter der Last seiner Blüten zusammenbrechenden Rhododendron, das Blumenfenster voll mit blühenden Orchideen die sie bis zum Ertrinken täglich liebevoll gegossen hat . . . all das wird nicht mehr sein.

Ich hoffe und wünsche von ganzem Herzen das meine Ma die vorhandenen Angebote annimmt . . . . Ich hoffe und wünsche ihr von ganzem Herzen das sie ihre neue Situation irgendwie annehmen kann . . .

* * *

Wieder einmal erfahre ich das ich richtungsweisende Entscheidungen alleine treffen muß. In diesem Fall für einen anderen Menschen, für meine Mutter. Einserseits glaube ich an die Notwendigkeit von Distanz. Dies umso mehr um nach bestem Wissen und Gewissen zu dem Wohl meiner Mutter abzuwägen, um zu entscheiden was nach meinem Dafürhalten in jeder Situation des JETZT für sie das Beste ist.

Andererseits ist „emotionale Distanz“ ein Märchen. Kein Mensch kann sich der Wahrnehmung von körperlichen, geistigen oder seelischen Schmerz, der Not und des Leidens eines anderen Menschen entziehen, verschließen. Kein Mensch ist ohne Mitgefühl.

* * * * *

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Eine Antwort zu Zwischen Buttermilch und Sahnejoghurt . . .

  1. Anna schreibt:

    DANKE!
    Mehr kann ich erstmal gar nicht dazu sagen …..

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