Verlust – Abschied – Schmerz – Annahme


Mit dem Bekanntwerden des Virus „HIV“ vor 30 Jahren trat gleichzeitig die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen die von diesem Virus betroffen waren auf den Plan. Und, dies mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen, es war auch die Geburtsstunde des Kampfes gegen Stigma und Diskriminierung die bis heute anhält.

Von diesem Zeitpunkt ab haben und sehen sich Millionen Menschen weltweit in „Friedenszeiten“ mit dem Thema, mit der Auseinandersetzung von „Verlust – Abschied – Schmerz – Annahme“ auf einer bis dahin nie dagewesenen Art und Weise konfrontiert.

* * *

Der thematische Schwerpunkt meines Blog beinhaltet zum einen die Auseinandersetzung mit „HIV“ auf meiner, der persönlichen, der Alltagsebene und HIV im Kontext zur politischen Ebene gleichermaßen. Die politische Ebene ist für die Schaffung von Rahmenbedingungen verantwortlich, die das Zusammenleben aller Menschen eines Landes in gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Respekt unabhängig von der Hautfarbe, Herkunft, sexueller Identifikation, einer Krankheit, Religion oder fehlender Religionszugehörigkeit ermöglicht.

Mittlerweile gibt es viele Blogs die „HIV“ zum Thema haben. Nicht jeder der über HIV schreibt ist zwangsläufig HIV positiv. Einige von Ihnen die HIV positiv sind, schreiben offen über ihren Status, bei Anderen wiederum kann man es erahnen bzw nur die engsten Freunde wissen davon. Dazu kommt die große Gemeinschaft der Schwulen Blogger wie auch all derjenigen Schwulen die nicht bloggen. Männer wie Frauen die HIV positiv sind, Angehörige, Freunde, LebensPartner und Partnerinnen, alle wurden und werden immer noch mit „Verlust – Abschied – Schmerz – Annahme“ konfrontiert da auch Heute noch Menschen an den Folgen von HIV/AIDS sterben.

Nimmt man für einen Moment den Standpunkt eines Beobachters ein und beobachtet das Leben wie auch das Leben der/des Menschen, dann kommt man nicht umhin festzustellen das „Verlust – Abschied – Schmerz – Annahme“ zum Dasein gehören und unser Dasein wesentlich prägt. Diesem Aspekt der Veränderung, der Wandlung sind alle Menschen unterworfen.

Jeder von uns hat (s)eine Vergangenheit und (s)eine Gegenwart. Die Vergangenheit eines jeden Einzelnen von uns hat uns zu dem Menschen gemacht der wir heute sind. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, die Vergangenheit ist vorbei. Was ist und was zählt ist die Gegenwart und  wie wir uns und unseren Alltag wahrnehmen. Schwul, Hetero, Mann, Frau, HIV positiv, das ist der eine, der Teil unserer persönlichen Ebene, unseres Lebens. Der andere Teil betrifft die Gesellschaft, die Gemeinschaft der Menschen  der wir angehören auf Grund der Beziehung in der wir zu Ihnen stehen. Es ist eine alte Mär zu glauben das wir aus uns heraus, jeder für sich und losgelöst von dem/den anderen Menschen existieren, leben könnten. Wir sind aufeinandner angewiesen, können ohne in einer Beziehung zu einem anderen Menschen zu sein nicht leben. Ob es sich um den Apotheker handelt dessen Medikamente von den in der Pharamindustrie arbeitenden Menschen produziert werden, wir benötigen, ob es sich um die LebensmittelKette handelt von denen wir die Nahrungsmittel für unser tägliches Leben beziehen, Lebensmittel die von Menschen in anderen Ländern oder den Lanwirten bei uns angebaut und produziert werden oder ob es sich um Gegenstände des täglichen Gebrauches handelt: wir stehen in einer Beziehung zueinander, sind miteinander verbunden und aufeinander angewiesen.

Die Menschen mit denen wir zusammen leben, ob PartnerInnen,FreundeInnen, Angehörige, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, der Bäcker, sie alle hinterlassen ihre Spuren. Alles was wir erleben und erfahren hinterläßt seine Spuren und hat einen Einfluß auf unser Verhalten, unseren Alltag. IdR nehmen wir es nicht wahr, sind uns dessen nicht bewußt. Dennoch wirkt es auf uns und macht etwas mit uns.

* * *

Zu Beginn von HIV vor 30 Jahren waren sich Ärzte wie auch Wissenschaftler sehr schnell im klaren darüber, das die Krankheit HIV den Menschen auf allen Ebenen „Körper – Geist – Seele – Psyche“ berührt und das man allen Aspekten Rechnung tragen muß, sollte.

Jede Trennung von einem Menschen den man liebt, jede Freundschaft die zerbricht, jede endende Beziehung zwischen zwei Menschen, Eheleuten, LebenspartnerInnen setzt einen Prozess, eine Auseinandersetzung mit „Verlust – Abschied – Schmerz – Annahme“ in Gang.

Der Verlust – Scheidung, Trennung – des PartnerIn heißt Abschied nehmen von einem Menschen den man geliebt hat, löst Schmerz und Trauer aus. Die berühmten Fragen: „Was habe ich falsch gemacht“, „Warum muß mir das passieren“ etc die man sich dann stellt, möglicherweise hadert man mit sich selbst, fällt in eine Depression . . . .

In ganz besonderem Maß trifft dies auf den Tod von Eltern und Geschwister zu, sind doch die Bande die uns mit ihnen verbinden ganz „persönliche Bande“.

Es dauert eine Zeit bis die Wunde die eine Trennung ausgelöst hat verheilt ist, nicht mehr schmerzt. Es braucht Zeit bis man über eine Trennung, Scheidung “ weg gekommen ist“ und sie angenommen hat. Erst dann ist man wieder bereit sich auf einen neuen Menschen, Partner einzulassen . . .

* * *

Weit davon entfernt ein Experte zu sein möchte ich auf die Beobachtungen von Elisabeth Kübler-Ross hinweisen. Ihre „5 Phasen des Sterbens“ stellen den Grundstein der heutigen Erkenntnisse über die Situation Sterbender dar.

Kübler-Ross definierte die heute anerkannten fünf Phasen des Sterbens in ihrem Buch Interviews mit Sterbenden. Hierin sind die Erfahrungen von über 200 sterbenden Patienten aus den USA verarbeitet, mit denen sie gesprochen hat. Sie bezog diese Phasen ursprünglich auf jede Art von persönlichem Verlust (z.B. Arbeitsplatz oder auch Freiheit). Genauer sind es nicht Phasen des körperlichen Vorgangs Sterben, sondern der geistigen Verarbeitung des Zwangs zum Abschied vom Leben bei Menschen, die bewusst erleben, dass sie massive gesundheitliche Verschlechterungen durchmachen bzw. eine infauste Prognose mitgeteilt bekommen. Ebenso sind diese Phasen mitunter bei deren Angehörigen zu beobachten. Es handelt sich um unbewusste Strategien zur Bewältigung extrem schwieriger Situationen, welche nebeneinander vorhanden sein und verschieden lang andauern können. Es gibt auch keine festgelegte Reihenfolge und keinen Ausschluss der Wiederholung einzelner Phasen nach deren erstmaliger Bewältigung. Es können auch einzelne Phasen ganz ausbleiben. Quelle Wikipedia

Die 5 Phasen des Sterbens – (Verlust)

Nicht wahrhaben und Isolierung
Zorn (Wut), Angst
Verhandeln
Depression
Akzeptanz, Annahme

* * *

„Verlust – Abschied – Schmerz – Annahme“ ist nicht nur ein Prozess der durch den Tod eines nahen Menschen den man liebte ausgelöst wird, dieser Prozess, die Phasen erfahren auch viele Menschen mit HIV durch den Verlust von körperlichen Fähigkeiten und/oder Fertigkeiten.

So war sich z.b. mein Vater über den Verlust seiner geistigen, kognitiven Fähigkeiten bewußt und konnte sie sehr gut benennen. „Da habe ich mich doch neulich hingesetzt und wollte einen Artikel schreiben und auf einmal wußte ich nicht mehr weiter. Ich konnte nicht mehr logisch denken. Ich der ich früher technische Fachbücher geschrieben habe, ich kann das heute nicht mehr.“ Er hat unter dem Verlust seiner geistigen Fähigkeiten sehr gelitten.

Umgang mit dem Verlust von Fähigkeiten/Fertigkeiten

In meinem Text „Ich bin wütend“ habe ich dazu etwas über mich, meine Reaktionen auf den Verlust, Einschränkung meiner Mobilität geschrieben.

Mit einer Krankheit zu leben, der Prozess des „Alt werden“, Leben wie auch der Prozess des Sterben ist ein Prozess von Verlust und Abschied nehmen von kognitiven und motorischen Fähigkeiten. Vor 10 Jahren als mein Vater starb war ich körperlich noch fit wie ein Turnschuh. Treppen steigen, einsteigen in eine Strassenbahn oder einen Zug, mal n kurzen Dauerlauf zur Haltestelle hinlegen, Radfahren, aus den im Schwimmbecken eingehängten Edelstahl Leitern aus dem Becken steigen war weder ein Thema für mich geschweige denn ein Problem.

Heute, 10 Jahre später sieht das bei mir anders aus. All diese Tätigkeiten sind mir nur noch sehr eingeschränkt möglich. Die motorischen Voraussetzungen der Alltagsmotorik sind mir auf Grund meiner Krankheit zum großen Teil „verlustig“ gegangen.

Auch dieser „Verlust“ wird immer von Abschied (nehmen) begleitet. Mit Verlust und Abschied nehmen geht Trauer und Schmerz einher, auch dann wenn es sich um den Verlust und Abschied nehmen von Fähigkeiten/Fertigkeiten handelt, die zu einem wesentlichen Teil meiner/unserer Lebensqualität beigetragen haben.

Die Annahme des Verlust eigener Fähigkeiten, Fertigkeiten ist ein Prozess den man nicht „kontrollieren – beschleunigen“ kann. Die Gegenwart, seinen Zustand, Veränderungen die mit einer Krankheit einhergehen können anzunehmen ist imo die Voraussetzung dafür um den Verlust der Fähigkeiten, Fertigkeiten eines anderen Menschen zu akzeptieren, anzunehmen, um den anderen Menschen (in solch einer Situation) anzunehmen.

Die Beatles haben es in dem Song The End des Albums Abbey Road sehr gut zum Ausdruck gebracht:

And in the end
The love you take
is equal to the love you make

Die Liebe die Du bekommst
entspricht der Liebe die Du gibst

* * * * *

Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema:

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Abschied, AIDS, Gesellschaft, HIV im Alltag, HIV und Alter, HIV/AIDS, Trauer abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s