Iroha – Die Unbeständigkeit des Seins


Die Zeit der Katastrophen und der Veränderungen:
Die reissende Zeit und die Stille

Wenn die Japaner beginnen, lesen und schreiben zu lernen, so begegnen sie dem Iroha, dem japanischen „Alphabet“, das aus 50 Silben besteht. Aber weit entfernt davon, dass die Silben systematisch nach ihrer Logik geordnet werden, sind sie als Gedicht geschrieben, in dem jede Silbe nur ein einziges mal vorkommt. Heute noch sind z.B. die Sitze im Noh-Theater nach diesem Iroha geordnet. Wer das Gedicht nicht kennt, kann seinen Theatersitz nicht finden.  Das Grundthema des Iroha ist die Unbeständigkeit allen Seins. So ist jeder Japaner in seinem Alltag mit dem steten Wandel vertraut.  Das Gedicht lautet:

iro.ha nioedo chirinuru.o
wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu

Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?
Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen, bin auch nicht berauscht.

Es sind zwei große Themen, die in dem Gedicht behandelt werden: die stete Vergänglichkeit aller Dinge und das Erwachen aus dem Traum, in dem wir uns von den Wechselfällen des Lebens als sicher wähnen.

Iro ha … : die Farben sind noch frisch, doch die Blätter sind schon abgefallen! Die Klage über die Vergänglichkeit, die aber bei aller Trauer zugleich eine innere Schönheit in sich birgt. Es gibt den Begriff des mono no aware, der eigentlich ein Überraschungsruf ist: Aware!
Da! im Herbstgras die Schnepfe – und schon ist sie wieder verschwunden.
Basho dichtet: „Da am Wegesrand die Hibiskusblüte: Und schon hat sie mein Pferd gefressen!“
Die Erfahrung der Vergänglichkeit durchzieht die gesamte japanische Kultur und auch das buddhistische Denken. In Japan sieht man eine schmerzvolle und wehmütige Schönheit in der Vergänglichkeit der Dinge.

*

Im Osten ist das einzig Ewige und Beständige der stete Wandel. Aber auch dem großen griechischen Denker Heraklit, der etwa um die Zeit des Buddha in Ephesus lebte und lehrte, wird das Wort „Alles fließt“ zugeschrieben. Auch Heraklit denkt den ewigen Wandel als das einzig Beständige.

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Schopenhauer hat einmal das Bild eines Kahnes gebraucht, der mitten im tosenden Meer von den Wogen auf und ab geworfen wird. Das Meer ist die ganze, weite und unendliche Wirklichkeit, die sich an der Oberfläche ständig verändert. Es wirft aus seiner unendlichen Tiefe eine Woge nach der anderen, um sie dann wieder zurück zu reißen. Die Wogen sind wie die Erscheinungen der Dinge und der Zustände unserer Wirklichkeit. Aber die Sicherheit, mit der wir uns von der Woge tragen lassen ist nach Schopenhauer nur eine Scheinsicherheit. Wir blenden die volle Wahrheit der reissenden Veränderung aus, weil sie Angst macht.

Denn wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wasserberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeuge vertrauend; so sitzt inmitten einer Welt voll Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuationis. Die unbegränzte Welt, voll Leiden überall, .. ist ihm fremd: seine verschwindende (im Vergleich zum All unendlich kleine) Person, seine ausdehnungslose Gegenwart, sein augenblickliches Behagen, dies allein hat Wirklichkeit für ihn.  Bis dahin lebt bloß in der innersten Tiefe seines Bewußtseyns die ganz dunkle Ahndung… (um den Abgrund).
Aus dieser Ahndung stammt jenes so unvertilgbare und allen Menschen gemeinsame Grausen, das sie plötzlich ergreift, wenn sie, durch irgend einen Zufall irre werden …

Der Zufall, durch den die Menschen irre werden, ist das unerwartete Eintreffen eines schmerzlichen Verlustes, der ganz unmittelbar das „Behagen“ zerstört und das „Grausen“ vor dem Abgrund wach werden läßt.

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Mit freundlicher Genehmigung aus „Der Teeweg im April“ Gerhardt Staufenbiel (Teezeremonie Lehrer, Leiter des Myōshinan Dōjō) Carolin Höhn – Domin / Geschäftsführung in Zusammenarbeit mit chanomiya.comChado – Der Teeweg

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21. April 2011: spiegel.de: Japan riegelt Sperrzone um Fukushima komplett ab

. . . . die alten Werte und Traditionen scheinen aufzubrechen.

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