Muskelschwund


. . . da ist zum Beispiel ein Tag wie gestern.

Schenkte man dem Wetterbericht Glauben, so versprach es einer der wärmsten Tage seit den Wetteraufzeichnungen für den Monat April zu werden. Summer in the City. Obwohl es mit dem Laufen nicht besonders gut geht, wollte ich um die Mittagszeit, wenn die Sonne rauskam und es wärmer geworden war noch einmal auf den Markt gehen und fotografieren.

Der Morgen oder besser gesagt das Aufstehen war wie immer. Nach mehrmaligem Schwung nehmen gelang es mir nach einigen Minuten aus dem Bett zu kommen und auf den Beinen zu stehen. Etwas wacklig zwar aber ich stand. Das sich meine Beine schwer anfühlten und ich steifbeinig wie ein Storch durch das Zimmer stakste, war normal. Nach dem üblichen “ In den Tag ankommen“ Procedere, in aller Ruhe eine Tasse frisch gemahlenem, handgebrühtem Kaffee genießend vor dem Computer sitzend und nachzusehen was so alles passierte war/bin ich soweit idr fit das ich die anstehenden Dinge des Alltags in einem meinem Zustand entsprechendem Tempo erledigen konnte.

Dieser Morgen war einer von denen wie sie immer mal wieder auch sind. Meine Beine waren schwer wie Blei.

I had to wait til the lead left my legs. When it did, it was early in the evening. The warmth of the sun had left the day.

* * *

Bis vor 11 Jahren hatte ich keine Probleme mit meinen Beinen. Wenn ich meine Eltern besuchte nahm ich oft das Fahrad mit. Ich fuhr mit der S-Bahn bis einer Haltestelle, die in der Nähe des Wohnortes meiner Eltern, meinem Elternhauses lag. Von dort war es nur ein „Katzensprung“, eine Fahrt von ca 30 Minuten durch den Frankfurter Stadtwald. Ich liebte es in der kleinsten Übersetzung zu fahren. Ich liebte die Anstrengung die mit dem Erfolg in einer für mich erheblichen Geschwindigkeit gekrönt wurde. Das körperliche Gefühl der Anstregung, der Erschöpfung, diese Wahrnehmung von „Lebendigkeit – Lebendig sein“, empfand ich als Wohltuend. Während der Sommermonate, in der Freibadsaison, besuchte ich mehrmals in der Woche ein Schwimmbad das bei mir um die Ecke lag. Selbst während der 15 Monate meiner Peg Interferon Behandlung wegen meiner Hep C erledigte ich alle Einkäufe, außer im Winter, mit dem Fahrrad und besuchte regelmäßig das Schwimmbad.

Irgendwann stellte ich fest das mir das „Anfahren in der kleinsten Übersetzung“ nicht mehr so leicht von den Beinen ging. Also schaltete ich einen Gang runter. Wenn ich in Fahrt war, war es kein Problem in der kleinsten Übersetzung weiter zu fahren. Dennoch nahm ich eine Veränderung in meinen Beinen wahr. Sie war schleichend doch ich schenkte ihr weiter keine größere Beachtung. Ich sagte mir das es eben so ist. 2008 war ich das letzte Mal unterwegs, in Berlin. Und es war auch in diesem Jahr, das ich das letzte Mal schwimmen gegangen bin. Ins Becken hineinzukommen war kein Problem. Doch die Eisentreppen, über die man das Becken verlassen mußte, die im Becken innen in einem 90 Grad Winkel an der Wand hängen und einiges an Muskelkraft in den Beinen und Armen voraussetzten um sie empor zu steigen, diese Stufen zu „erklimmen“ um aus dem Wasser rauszukommen, war mir nicht mehr möglich.

Das Fahrrad fahren funktionierte noch. Mittlerweile fuhr ich in einer großen Übersetzung. Mein Gleichgewichtssinn, der für das Auf und Absteigen, das Anhalten und besonders das „halten des Fahrad“ unerläßlich ist, funktionierte noch.

Bis Anfang Dezember im Jahr 2009. Beim Absteigen konnte ich das Rad einfach nicht mehr halten. In meinen Armen und Beinen waren nicht genügend Muskeln mehr vorhanden die mich und das Rad in Balance, im Gleichgewicht halten konnten. Langsam wie in Slow Motion in einem Slapstick Film aus den 30ger Jahren fiel ich zu Boden. Den Aufprall durch reflexartige Armabwehrschutzreaktionen zu mildern war mangels Muskeln in den Armen nicht mehr möglich. Ich hatte Glück im Unglück. Außer Hautabschürfungen im Gesicht und den Knieen trug ich von den Stürzen keine ernsthaften Verletzungen davon.

Treppen steigen oder in einen Bus, Strassenbahn oder Zug einzusteigen funktioniert nicht mehr. Zum Glück befindet sich meine Wohnung im Erdgschoß. Dies war nur einer der Gründe warum ich u.a. anderem eine Reha bei meiner KrankenKasse beantragt hatte, die mir vom Med Dienst mit einer Begründung die imo an vorsätzliche Körperverletzung grenzt, abgelehnt wurde. Vorsätzliche Körperverletzung deshalb, weil in der Reha u.a. physiotherapeutische Anwendungen unter ärztlicher Aufsicht stattgefunden hätten die einer Verschlimmerungen meines körperlichen Zustandes Einhalt geboten bzw eine Verbesserung nach sich gezogen hätte. Mag die Logik der Begründung der Ablehnung auch auf der Basis sich selbst zurechtgelegter Tatsachen die politisch gerne als Realität verkauft werden basieren, sie ist nichtsdestoweniger Menschenverachtend.

Was meiner Beweglichkeit u.a. abträglich ist, ist das ich ca 20 Kilo zuviel auf den Rippen habe. Doch selbst in der Zeit in der ich mich der Peg Inf Behandlung wegen meiner Hep C unterzog und sich mein Gewicht um die 80 Kilo bewegte, waren die Beschwerden vorhanden, fand ein Muskelschwund in meinen Beinen und Armen statt.

Es ist eine der Begleiterscheinungen – Nebenwirkungen von HIV

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