Meinen verstorbenen Lebenspartnern zur Ehre


Lieber Christian,
was mir von Deinem Leben bleibt sind Erinnerungen.

Ich sehe in meiner neuen Wohnung noch Deine Geschirrspülmaschine, Deinen Wasserkocher. Gegenstände, die ich immer noch in Benutzung habe, bei deren Benutzung ich immer noch jedesmal an Dich denke. Wie zufrieden Du sein konntest, wenn Du Dich an unseren Küchentisch setztest und den Wasserkocher mit einem Putztuch und Scheuermittel wieder zum Glänzen brachtest. Wie Du Dich an dem leisen Rauschen der Geschirrspülmaschine erfreuen konntest und manchmal einfach nur kurz innehieltst, um der Maschine zuzuhören.

Dann stehen in der Küche immer noch Deine Becher, dreißig Stück und mehr und auch die Becher mit Deinen Spitznamen für mich, die Du mir persönlich geschenkt hattest. Jedesmal wenn ich aus ihnen trinke, denke ich an Dich.

Ich denke fast immer an ein Bild aus unserem ersten gemeinsamen Urlaub. Ich ermutigte Dich in Norwegen, einen kleinen reißenden Gebirgsbach zu durchqueren. Das Wasser war glasklar und eisig kalt und Du hast Dich nicht getraut. Du schaust mich an mit einem Lachen und dem „soll-ich-wirklich? Gesicht“.
So ein süßes Lächeln, ein Bild so prall von Lebensfreude und Glück.

Das nächste Bild ist 13 Jahre älter. Du bist bei mir ausgezogen. Wir hatten „Sendepause“ und ich besuchte Dich, ein paar Wochen später in Deiner neuen Wohnung. Ratlosigkeit füllt den Raum, Stille und dann brechen die Tränen aus Dir heraus, zum ersten Mal seit 13 Jahren sah ich Dich weinen. Das Weinen schüttelte Dich durch und ich legte hilflos meine Hand auf Deine Schultern. „Was kann ich denn für Dich tun?“, hatte ich gefragt und Du brachtest, von Weinkrämpfen unterbrochen ein „Du sollst Dich um mich kümmern“ hervor.
Es ging mir so zu Herzen und das tut es heute noch. Ich konnte es damals nicht, meine Liebe zu Dir war aufgezehrt. Ich fühlte mich leer und unfähig, Dir aufrichtige, von Herzen kommende Zuneigung entgegenbringen zu können.

Ich liege immer noch in dem Bett, in dem Du, Konrad und ich über 10 Jahre zusammen lagen. Das Bett wurde extra von Jörni für uns gefertigt, aus Buchenholz und extra breit. Jörni starb drei Jahre vor Dir so qualvoll an Speiseröhrenkrebs.
Heute liege ich auf Deiner Bettseite und denke an Dein Lachen, an die Gute-Nacht-Zeremonie, in der Du Dein Kissen immer aufgeschüttelt und möglichst faltenfrei am Kopfende platziert hattest. Ich hatte dann immer versucht, das sorgsam aufgeschüttelte Kissen zu zerknüllen. Wenn es mir nicht gelang, hast Du Deinen Kopf immer mit einem laut vernehmbaren wohligen „AAAHHH“ auf das Kissen gelegt und zufrieden gelächelt.

Ich denke an die Unmengen Kaffee, die Du täglich getrunken hast und Deine geliebten Zigaretten, die schließlich Deinen frühen Tod herbeigeführt haben. Ich denke an Deine zeitweilige Zickigkeit, Deine sarkastischen Bemerkungen, Deine Spezialbegriffe für Alltagsgegenstände oder Personen, die auch heute noch in meinem Alltag existieren Auf „den Stein gehen“ für den Toilettenbesuch, eine „Erika“ (Gemüsesuppe) kochen oder die „Viertel-Schnalle“ als Bezeichnung für bessergestellte, esoterische Frauen mit langen, wallenden Kleidern und Seidenschal.
Du warst ein ungeheuer fleißiger, bescheidener Mensch, der seinen Friseurberuf aus ganzem Herzen liebte. Du liebtest jedoch nicht die großen Gesten, Dir reichte es zu wissen, dass Du gute, solide Arbeit leistest. Du warst so stolz, der erste Meister in Deine Familie zu sein.

Heute weine ich oft noch wenn ich daran denke, wie Du, bereits schwer erkrankt, in Deinem eigenen Geschäft Deine Kunden bedient hattest. Der Krebs hatte bereits Lunge und Knochen zerfressen und Du stehst abgemagert in Deinem Geschäft, bedienst Kunden und legst Dich zwischendurch, erschöpft und voller Schmerzen im Pausenraum hin.
Drei Wochen nach der Diagnose stirbst Du auf der Palliativstation, ohne dass wir uns gesehen haben.

Du starbst 5 Monate nach Marc und 12 Jahre nach Jörg und somit gibt es nur noch einen Lebenspartner von mir, der noch in dieser Welt lebt, doch davon erzähle ich Dir später.

Gastbeitrag von Thomas Elias dem ich für seine Genehmigung diesen Brief auf meinem Blog zu veröffentlichen recht herzlich „Danke“ sage.

* * *

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Eine Antwort zu Meinen verstorbenen Lebenspartnern zur Ehre

  1. Goldie schreibt:

    Danke für die Veröffentlichung dieses Herz zugehenden Briefes, der mich sehr berührt hat. A.

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