Wenn Hilfe im Alter unumgänglich wird . . .


. . . dann wünscht man sich – wenn Familie, Freunde, PartnerIn nicht in der Lage sind, bzw. dies nicht bewerkstelligen können oder wenn man alleine lebt – von verständnisvollen AltenpflegerInnen gepflegt zu werden. Dies, so sollte man meinen, sei Usus und müßte eigentlich gar nicht thematisiert werden. Mit anderen Worten, einE AltenpflegerIn sollte nicht nur in der Pflege alter Menschen bewandert sein, sondern sie sollte auch mit dem Thema HIV wie auch mit den Lebenswelten (pdf Datei) von Schwulen und Lesben vertraut sein.

Ältere Lesben und Schwule brauchen besondere Angebote. Sie sind häufig einer noch weit stärkeren Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt gewesen als Lesben und Schwule jüngerer Generationen. Sie mussten ihren Weg mühsam alleine gehen und wurden oft von Freunden und Familie verstoßen. Viele verloren ihre Freunde durch Aids. Der Umgang mit der eigenen Identität in einem überwiegend heterosexuell geprägten Arbeitsumfeld gestaltete sich ebenfalls schwierig. Viele Lesben und Schwule leiden unter Alterseinsamkeit, da keine Nachkommen oder Familienangehörige vorhanden sind. Aufgrund dieser Lebensumstände fühlen sich lesbische und schwule Senioren oft von heterosexuell ausgerichteten Angeboten der traditionellen Seniorenarbeit nicht angesprochen. Quelle: Anders Leben – Anders Altern

In einem Gespräch mit einem Freund der in einer serodifferenten Partnerschaft lebt, die wegen seiner HIV Infizierung zu zerbrechen scheint, da seine Partnerin, einer staatlich geprüften Altenpflegerin, „Angst vor Menschen mit HIV“ hat, fiel während des Gesprächs der folgende Satz:

. . . Sie hat in der Schule (Ausbildung zur staatlich geprüften Altenpflegerin) gelernt, HIV ist mit allen Körperflüssigkeiten übertragbar . . . .  Sie ist jetzt „wissend“, zudem hat sie ihre Prüfung als Landesbeste in allen Fächern mit sehr gut bestanden . . . .

Abgesehen davon das diese Aussage nach fast 30 Jahren Wissen um HIV von einer Oberflächlichkeit und Ignoranz einer Schule die AltenpflegerInnen ausbildet zeugt, gibt es auch ein kulturpolitisches Bild wieder das besagt, da Kultusministerien der Länder für die Inhalte von Lehr und Ausbildungsmaterialen zuständig sind , das die Inhalte von Lehrmitteln um zig Jahre der Realität hinterher hinkten.

Schon ein Blick in Wikipedia hätte genügt um sich ein differenziertes Bild zu machen. Wikipedia beinhaltet mehr fachliches Wissen als so manche Schule zur Ausbildung zum staatlichen geprüften AltenpflegerIn lehrt.

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In Deutschland ist der demographische Wandel in vollem Gange. Im Jahr 2050 wird jede/jeder dritte Deutsche 60 Jahre oder älter sein. Die Zahl der Jüngeren geht kontinuierlich zurück. Das Thema Senioren- und Seniorinnenarbeit sowie bürgerliches Engagement für/von dieser Zielgruppe wird in Zukunft sicher noch mehr an Bedeutung gewinnen. Allgemein gesehen geht es neben fi nanziellen Fragen um die Fragen, welche Formen des Zusammenlebens entwickeln sich, wie entwickelt sich ehrenamtliche Arbeit und wie kann einer Vereinzelung und Vereinsamung von alten Menschen begegnet werden? Welche Rolle wollen die Älteren heute und in Zukunft in unserer Gesellschaft spielen? Quelle: Anders leben – Anders altern, Grußwort Jeanette Rußbült, Friedrich-Ebert-Stiftung pdf Datei, Seite 7

Die „Industrie des Alters“ wird sich in den nächsten Jahren zu einem der bestimmenden wirtschaftlichen Faktoren in unserem Land entwickeln. Ob es sich um den Bau von Altenheimen handelt, um die Produktion von Hilfsmittel die der Mobilität bzw den Bedürfnissen von älteren Menschen die pflegebedürftig sind handelt oder ob es sich um med Pflegedienste bzw AltenpflegerInnen handelt die ältere Menschen versorgen. Diesen und anderen Aspekten wird man Rechnung tragen müssen.

Markus Schupp, Die Alternativen, Köln

Als politisierter Mensch, als Sozialwissenschaftler und nicht zuletzt als schwuler Mann ist mir sehr wohl bewusst, dass ältere, insbesondere hochaltrige schwule Männer und lesbische Frauen in Deutschland eine schwierige Vergangenheit haben. Die Begriffe Diskriminierung, Kriminalisierung und Verfolgung sprechen für sich. Quelle

Alte Menschen zu pflegen ist weder mit Ein Euro Jobber zu leisten, noch mit Arbeitslosen die man doch mal in der Altenpflege so nolens volens einsetzen könnte, nur um die Statistik der Arbeitslosen unter die 3 Mio Grenzen zu schönen. Und – ich weiß deren Arbeit und Leistung sehr zu schätzen – es ist auf Dauer auch nicht mit den Frauen aus den ehemaligen Ostblockstaaten zu leisten. Wenn sie nicht wären, dann wäre es heute um die Lebensqualität von alten, pflegebedürftigen Menschen wesentlich schlechter bestellt. Doch auf Dauer ist auch dies keine zufriedenstellende Lösung. Hier ist die Politik gefordert. Es gibt 1000de in Pflegeberufen ausgebildete Aus/Einwanderinnen aus den ehemaligen Ostblockstaaten die in ihren erlernten Berufen nicht arbeiten dürfen. Aus irgendwelchen weder nachvollziehbaren geschweige den realitätsbezogenen Gründen ist die Politik schon seit Jahren nicht in der Lage dies zu bewerkstelligen. Da ergießen sich die Von der Leyens, die Schröders und wie sie alle heißen in psychedelisch euphorisch intellektuelle Ergüsse – doch außer hohle Phrasen dreschen oder Theorien die so weit in der übernächsten Zukunft liegen wie ein Flug zum Mars, passiert nichts.

Menschen mit HIV, Schwule und Lesben zu pflegen, sie zu betreuen bzw zu versorgen stellt an AltenpflegerInnen besondere Anforderungen dar, denen man schon in der Ausbildung zum Beruf des staatl. anerkennten AltenpflegerIn Rechnung zu tragen hat. Altenpflege ist mehr als nur eine Dienstleistung, mehr als nur eine Abwicklung von Handlungen die in einer bestimmten Reihenfolge abgearbeitet werden. Eine dem Menschen gerecht zu werdende Dienstleistung im Rahmen der Altenpflege – um diesen Begriff zu verwenden – schließt mehr als nur den körperlichen Aspekten/Bedürfnissen gerecht zu werden ein. Einen alten Menschen zu pflegen bzw pflegerisch zu betreuen oder ihm/sie im Alter zu versorgen ist untrennbar mit Nähe verbunden. Ein altes Fahrrad kann man putzen und polieren um es dann wieder in die Ecke zu stellen. Mit Menschen geht das nicht. Menschen die man pflegt brauchen Nähe und Zuwendung, Zeit ihnen zuzuhören und Verständnis. Vor allen Dingen im Alter. Verständnis für ihr Leben, ihre Lebensgeschichte, ihre Lebenswelten. Die Lebenswelten von Schwulen, Lesben und Menschen mit HIV unterscheiden sich u.U. erheblich von den Hetero geprägten Lebenswelten; Normen und Verhaltensweisen die in unserer Gesellschaft vorherrschen und die für Alle als gültig und richtungsweisend vorausgesetzt werden. Diese Normen schlagen sich auch oder leider in der Ausbildung zum AltenpflegerIn nieder. Es betrifft Menschen die HIV + sind wie alte Schwule und Lesben in gleichen Maß. Stigma, Diskriminierung und Angst sind oftmals als Folge einer solchen Undifferenziertheit und Unwissenheit immer noch an der Tagesordnung. Ich möchte wenn es denn so kommen sollte im Alter nicht von einem Menschen der Angst vor mir hat nur weil ich HIV + bin mit Gummihandschuhen und Vorurteilen gepflegt bzw nach Plan abgearbeitet werden.

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4 Antworten zu Wenn Hilfe im Alter unumgänglich wird . . .

  1. Daniela alias Louisa schreibt:

    Die Angst vor HIV und das Wissen der „Experten“ ist unfassbar.

    Mir wurde vorgeworfen, dass ich als HIV positve unverantwortlich gehandelt habe, denn ich hätte der Tagesmutter meines Sohnes(negativ) bescheid geben müssen, das ICH infiziert bin.
    Wo ist den dabei Logik?

    Wird der Virus über den Schnuller und das Kinderspielzeug übertragen? Oder bringt der Kleine den Virus in seiner Frühstücksdose mit?

  2. alivenkickn schreibt:

    Hallo Daniela
    In der Erzieher Ausbildung informierte uns eine Ausbilderin, das es ratsamer wäre die Eltern der anderen Kinder nicht über eine Infizierung in Kenntnis zu setzen. Wir – die Erzieher – könnten zwar damit umgehen, doch viele Eltern nicht, doch das Risiko man am nächsten Tag vor einem „leeren“ Kindergarten zu stehen wollte man nicht eingehen.

    Aufklärung ist heute noch genauso notwendig wie vor 25 Jahren . . . . . leider sage ich jetzt mal.

    Lieben Gruß alivenkickn

  3. Markus Schuke schreibt:

    Diesen Monat Titelgeschichte in der Siegessäule Berlin:

    Reifeprüfung – Wie sieht selbstbestimmtes queeres Leben im Alter aus? Welche Möglichkeiten gibt es für ältere Lesben, Schwule und Trans*? Eckhard Weber stellt einige Lebensmodelle vor

    http://www.siegessaeule.de/uploads/img/printausgaben/SIS-aktuell.pdf

  4. alivenkickn schreibt:

    Dank für den Link Markus,

    Es wäre schön wenn die Politik der Thematik des „älter werdens“ wenigstens ansatzweise Rechnung tragen würde wie unser alt werden voranschreitet.

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