Positive Eltern


Vielen Dank für die Genehmigung an: Rober Fechner – Redaktion, Karen Haak – Journalistin, Interview/Text geführt mit Michel Meyer. Dank auch an Michele Meyer. Das Interview wurde dem Magazin „Menschen.dasMagazin –  herausgegeben von der „Aktion Mensch“ übernommen.

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Dank der Fortschritte in der Medizin ist heute für viele Menschen mit HIV ein weitgehend normales Leben möglich. Dazu gehört auch der Wunsch, Kinder zu haben. Doch in der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen.

Mit freundlicher Genehmigung © Basil Stücheli

Michèle Meyer lacht gern und viel. Im Moment lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern inmitten einer Baustelle. Die Familie hat sich in der Nähe von Basel ein altes Bauernhaus gekauft, das sie gerade in Schuss bringen. Die 45-Jährige läuft von Raum zu Raum und erklärt, welches der staubigen Zimmer einmal Kinderzimmer und welches Schlafzimmer wird. Stolz zeigt sie den rustikalen Kachelofen.
Dass Michèle Meyer einen Kachelofen, ein Haus und zwei Kinder hat, ist ein kleines Wunder. Vor 17 Jahren infizierte sie sich mit dem HI-Virus. Damals gaben ihr die Ärzte nur noch wenig Zeit. Mit der Diagnose verlor Michèle ihre Zukunft. Es schien eine Frage der Zeit, bis das Virus ihre körpereigene Abwehr zerfressen hätte. Wenn der Körper sich nicht mehr gegen Infektionen wehren kann, treten Krankheiten auf, die AIDS ausmachen: Krebs, Tuberkulose, Gewichtsverlust, Pilzbefall sind häufige Anzeichen.

„Aber die Verfallsdaten der Ärzte liefen ab und ich lebte immer noch“, sagt Michèle Meyer. Und mithilfe immer wirksamerer Medikamente lebt sie sogar ziemlich normal. Die Fortschritte in der Forschung ermöglichten es ihr auch, eine eigene Familie zu haben. Denn unter medizinischer Aufsicht liegt das Übertragungsrisiko durch eine Schwangerschaft inzwischen bei unter einem Prozent.
„Ich hatte mir immer Kinder gewünscht“, sagt Michèle Meyer. Vor neun Jahren traf sie ihre Jugendliebe wieder, wurde schwanger und bekam eine Tochter. Sofia heißt sie und ist nicht infiziert. Zwei Jahre später lernte Michèle ihren heutigen Mann kennen und bekam mit ihm die zweite Tochter. Sie heißt Mona, auch gesund wie ihre große Schwester.
Die Familie geht ganz offen mit Michèle Meyers Erkrankung um. „Ich habe die Fragen meiner Mädchen immer beantwortet“, erzählt sie. Denn natürlich hat Sofia gesehen, dass ihre Mutti immer Tabletten nehmen muss. „Die brauche ich, um gesund zu bleiben“, erklärte die Mutter. Daraufhin wollte die damals Dreijährige auch Medikamente nehmen. Um gesund zu bleiben.

Als Sofia in die Kita kam, organisierte Michèle Meyer einen Infoabend für die anderen Eltern und stellte klar, dass ihre Tochter nicht infiziert ist. Das war nicht immer so einfach. Oft genug hatte Michèle Meyer mit Vorurteilen und Ablehnung zu kämpfen. Das Outing bereut sie dennoch nicht, ihren Kindern will sie ein Vorbild sein: „Meine Töchter sollen lernen, für sich einzustehen.“ Heute ist Sofia acht Jahre alt und betreibt schon Aufklärung auf Kindergeburtstagen. Als vor einiger Zeit ein Kamerateam für ein Interview mit Michèle da war, sorgte das für Aufregung in dem kleinen Ort und Sofia erklärte ihren Freunden trocken: „Meine Mama hat einen Virus. Das haben viele. Aber die meisten schämen sich. Aber meine Mama schämt sich nicht. Deswegen kommt das Fernsehen.“

Viele tun sich schwer, ihre Infektion publik zu machen. Ihre Lebensqualität hat sich zwar gebessert, die Wahrnehmung der Gesellschaft aber nicht. Auch die Frage, auf welche Art sich Betroffene infiziert haben, ist heikel. Wer HIV hat, gilt entweder als unvorsichtiger Homosexueller, als Drogenabhängiger oder als Prostituierte. Dass das Virus längst kein Phänomen der Risikogruppen mehr ist, sehen die meisten Menschen nicht. Abgesehen von den Vorurteilen leiden HIV-Positive unter der allgemeinen Panik vor Ansteckung. Doch weder aus dem gleichen Glas trinken noch inniges Küssen führen zu einer Übertragung. Schon gar nicht ein Händedruck. Das haben unterschiedliche wissenschaftliche Studien mehrfach bewiesen – bei vielen Menschen ist dieses Wissen allerdings noch nicht angekommen.

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Die folgenden Passagen (Seiten 2 und 3) habe ich nicht übernommen, da es sich um Interviews mit anderen Personen handelt und sich das OK von Michele Meyer bzw Karen Haak auf das mit Michele Meyer geführte Interview bezieht.

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Für viele Infizierte ist heute ein weitgehend normales Leben möglich. Wer den Virus in sich trägt, kann unter ärztlicher Behandlung ebenso alt werden wie Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen. Auch infizierte Frauen können Kinder bekommen. Bei keiner anderen Krankheit hat die Medizin in so kurzer Zeit so große Fortschritte gemacht. Dazu haben auch die Betroffenen selbst beigetragen, die bereitwillig an wichtigen Studien teilnahmen.

Viele Infizierte engagieren sich auch in den örtlichen AIDS-Hilfen oder gründen eigene Selbsthilfegruppen. Michèle Meyer aus Basel ist besonders aktiv. Sie ist Vorsitzende von LHIVE, der Organisation der Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz. „Als ich 1994 von meiner Diagnose erfuhr, wollte ich unbedingt andere positive Frauen kennenlernen“, erzählt Michèle Meyer. Sie gründete eine Frauengruppe. Zu viert brachten sie ein kleines Theaterstück auf die Bühne – über sich und ihren Kinderwunsch. „In der anschließenden Diskussionsrunde wurden wir von Frauen im Publikum scharf angegriffen“, berichtet Michèle Meyer. Die einhellige Meinung: Es sei unverantwortlich von HIV-infizierten Frauen, Kinder in die Welt zu setzen und dann wegzusterben. „Solche Vorwürfe tun weh“, sagt Michèle Meyer.
Es gibt sicherlich Fortschritte in der öffentlichen Wahrnehmung von HIV und AIDS. Aber viele Menschen sind sich noch nicht bewusst, wie vielfältig das Leben mit dem Virus ist. Menschen mit HIV leiden deshalb weniger unter dem Virus als vielmehr unter dem Unverständnis ihrer Mitmenschen. Die Infektion selbst bestimmt weniger den Alltag als die Angst vor Ausgrenzung.

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Leben mit HIV

Menschen mit HIV, die sich in regelmäßiger ärztlicher Behandlung befinden, können ein weitgehend normales Leben führen. In den ersten Jahren nach der Infektion ist oftmals nicht einmal eine Therapie mit Medikamenten nötig, weil der Körper noch selbst gegen die Viren ankommen kann. Die Betroffenen müssen dann nur regelmäßig ihre Blutwerte kontrollieren lassen. Relevant ist die sogenannte Nachweisgrenze. Das heißt, dass weniger als 50 Viren pro Milliliter Blut auftreten. Zum Vergleich: Im AIDS-Stadium beträgt die Zahl der Viren mehrere Millionen pro Milliliter Blut. Steigt die so genannte Viruslast über einen bestimmten Wert, müssen Medikamente eingesetzt werden.

Solange sich die Zahl der Viren unter der Nachweisgrenze befindet, können Infizierte – nach Ansicht der schweizerischen Eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen (EKAF) – sogar ungeschützten Geschlechtsverkehr haben. Das gelte aber nur in einer festen Beziehung und unter der Voraussetzung, dass sich an den Schleimhäuten der Partner keine Infektionen wie zum Beispiel Herpes befinden. Unter Experten in Deutschland wird die Position des EKAF derzeit noch diskutiert. Doch auch die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) – pdfDatei – und die Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAG) unterstützen den Vorstoß der Schweizer.

Trägt der potenzielle Vater das HI-Virus in sich, ist eine Schwangerschaft durch künstliche Befruchtung möglich. Das Sperma wird dann im Labor gewaschen.
Ist die Mutter infiziert, kann unter ärztlicher Betreuung eine Ansteckung nahezu ausgeschlossen werden. Da Mutter und Kind getrennte Blutkreisläufe haben, wird das Virus mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht während der Schwangerschaft übertragen. Der Virus wird eher während der Geburt übertragen. Um dieses Risiko zu minimieren, entbinden die meisten Frauen per Kaiserschnitt. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung liegt bei unter einem Prozent. Liegt die Viruslast der Mutter stabil unter der Nachweisgrenze, kann die Geburt sogar auf natürlichem Wege erfolgen. In allen Fällen ist die Betreuung durch spezialisierte Ärzte unverzichtbar.

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Der Artikel ist imo nicht nur ein Highlight was die sachliche informative Berichterstattung über das Thema HIV, den Alltag mit HIV und das Leben von Menschen mit HIV betrifft, sondern er trägt zur ent-stigmatsierung und ent-diskriminierung von Menschen mit HIV bei. Unaufgeregt und völlig entspannt spiegelt er das Bild von HIV wieder so wie es sich heute 2010/2011 darstellt.

Mancher der sich als Journalist bezeichnet kann sich was diesen Artikel, vor allen Dingen was den Tenor betrifft, eine dicke Scheibe abschneiden.

Natürlich wird der Eine oder die Andere einwenden das die chronisch behandelbare Krankheit HIV nicht bei jedem so „glatt“ verläuft, das es nicht Wenige gibt die unter den Nebenwirkungen der HIV Medikamente leiden, bzw mit ihnen zu kämpfen haben. Dazu eine Bemerkung von mir. Ja nicht wenige unter uns, Menschen mit HIV die eine antiretrovirale Therapie nehmen leiden an den Nebenwirkungen der HIV Medikamente. Nicht wenige von den Menschen die an einer chronischen Krankheit leiden und Medikamente nehmen müssen haben mit den Nebenwirkungen diese das Leben verlängernden, Lebenszeit schenkenden Medikamente zu kämpfen. Insofern unterscheiden wir uns nicht von anderen Menschen die an einer chronisch behandelbaren Krankheit leiden. Es sind die Bilder, Vorstellungen und Ängste die mit den 3 Buchstaben  „HIV“ in den Köpfen der Menschen entstehen. Es sind die Bilder die uns mehr zu schaffen machen als der Virus selbst. HIV ist eine Krankheit von vielen. Nicht mehr und auch nicht weniger.


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