Brief an einen Freund


Ich zäum dann mal das Pferd von hinten auf und beantworte Deine letzte Frage zuerst.

Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe fällt mir auf, dass dieser Spruch zu einem Standard  Spruch von mir geworden ist, den ich recht oft verwende. Ich glaub ich muß da mal n Psychiater fragen warum dies so ist. Jeder halbwegs normale Mensch fängt, wenn er z.b. auf ne Reise geht mit dem ersten Schritt an. Er macht sich von seinem Wohnort aus auf den Weg zu seinnem ZielOrt. Ich hingegen verwende das Sinnbild,  das eigentlich besagt das man etwas verkehrt macht, etwas in der falschen Reihefolge tut. Doch schon das Wörtchen „eigentlich“ impliziert“ das es sich ja nicht so so verhält, das man es auch  „anders“ verstehen oder machen kann. On the other hand, Ich war immer schon anders – warum sollt das jetzt nach 60  Jahren anders werden ?

Ich liebe meinen Humor. Die Fähigkeit zur Distanz zu sich selbst, zur Selbstironie, die Fähigkeit sich nicht immer zu ernst und wichtig zu nehmen, ihnen wohnt meiner Meinung nach u.a. bei chron Krankheiten wie HIV eine überlebenswichtige Funktion inne, die die Grundlage dafür ist, dem Leben trotz aller Unbillen Gutes abzugewinnen und es ermöglicht, das Leben zu genießen.

Die Zeiten in denen das Leben die Karten nach seinen Regeln verteilt, Karten die wenn man sie bekommt es bedingen können, das es einem psychisch wie physisch nicht gut geht, werden uns zugeteilt unabhängig davon ob wir dies nun mögen oder nicht. Humor ist meiner Meinung nach ein Mittel und auch ein Korrektiv das es uns ermöglicht besonders in „schweren“ Zeiten wie auch den Zeiten in denen wir in Balance mit uns sind, es uns wohl ergehen zu lassen. Schlecht geht es uns von Zeit zu Zeit von alleine. Daher haben wir das Recht vielleicht auch die Pflicht es uns gut gehen zu lassen.

Um auf deine letzte Frage einzugehen. Seit 1997 bin ich berentet. Der Auslöser war eine PcP die über Nacht und ohne Warnung über mich hereinbrach wie ein Schneesturm der in diesen Tagen über das Land fegt. Zum Glück gab es 1997 die Möglichkeiten 3 div HIV Medikamente zu kombinieren. Dies hat mir damals das Leben verlängert. Der Weg in die Rente lag für mich insofern auf der Hand da ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen konnte wieder fit zu werden, geschweige denn wieder meine begonnene Berufsausbildung abzuschließen. Zu diesem Zeitpunkt hatten weder die Gesellschaft, HIV Fachärzte geschweige den die Rententräger, Versorgungsämter es für Möglich gehalten, das man Dank der HIV Medikamente in die Lage versetzt werden könnte wieder ein „geregeltes, normales Leben“würde führen können. Man hoffte und wünschte es sich, doch Wissen und Erfahrung waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht in einem Maß vorhanden, da man was die Behandelbarkeit von HIV durch antiretrovirale Medikamente erst am Anfang stand. Insofern war es unter diesem Gesichtspunkt betrachtet „normal“ z.b. nach einer PcP oder einer anderen opportunistischen Erkrankung einem Antrag auf eine ErwerbsunfähigkeitsRente zustellen. Zumindest stellte es sich so für mich dar.

Jahre später versuchte ich aus der Rente wieder zurück ins Arbeitsleben zu finden. Doch da waren zu viele Hindernisse auf dem Weg dahin. Die Möglichkeit wenn man z.b. auf  Grund einer Medikamenten Resistenz oder einer opportunistischer Krankheit erneut einen Rentenantrag hätte stellen müssen und wieder zu schlechteren Bedingungen berentet worden wäre, lag auf der Hand. Zudem trug die Psyche ihren eigenen Anteil dazu bei. Für mich hatte es sehr lange gedauert bis ich mir gesattet habe wieder ins Leben zurückzukehren, mir gestatten zu leben. Die Zeit von 1985 – 1995, eine Zeit mit wenig Hoffnung und Wissen um HIV dafür aber mit viel zu viel Angst, hat so denke ich bei Vielen von uns traumatische Spuren hinterlassen an denen der eine oder andere Langzeitüberlebende möglicherweise heute immer noch oder wieder mal zu knabbern hat.

Und da sind wir auch schon bei der Gegenwart. Wer einmal in den Spiegel geschaut hat, wer einmal angefangen hat sich, sein Verhalten, Ursache und Wirkung zu hinterfragen, dem wird es nicht mehr möglich sein in das Stadium der Unwissenheit zurückzukehren. Diese Tür wird für immer verschlossen bleiben. Pathetisch ausgedrückt: Vielleicht wird man manchmal vom Weg abweichen, möglicherweise glauben Abkürzungen nehmen zu können, doch der Weg zu sich wird dem Tenor nach immer ein Weg „nach Vorne“ sein.

Doch zurück zur Gegenwart. Auf diesem Weg auf dem man sich befindet, auf dem ich mich befinde, wird man u.U. mit den Geistern seiner Vergangenheit konfrontiert werden. Zu diesen Geistern der Vergangenheit, der Jugend möglicherweise der Kindheit die Teil des Lebensweges sind – sein können, nicht müssen, haben sich oftmals wie in unserem Fall die Geister der Krankheit HIV dazugesellt. Eine wie ich finde mitunter brisant interessante Mischung. Manchmal ist man in der Lage den Geistern aus der Vergangenheit ihren Platz zuzuweisen. Doch es gibt auch Zeiten und Situationen wo sie stärker zu sein scheinen und danach trachten die Regie über das (eigene) Leben zu führen. Um mit solchen Geistern Klarschiff zu machen, ist Unterstützung bzw die Geburtshilfe von Fachleuten sinnvoll und angebracht. Das macht ja auch das Leben aus. Irgendwann ist der Gang zum Zahnarzt, zum Arzt notwendig und sinnvoll geworden. Solcherart sind die Bedingungen des Lebens. Jeder Mensch verfügt über besondere Fähigkeiten. Und auf die sollte und darf man zurückgreifen um sie in Anspruch zu nehmen.

Was nun diese leidige Angelegenheit mit dem med Dienst betrifft. Das viele der Ärzte von Ihnen ausgebrannt, leer, überarbeitet sind und/oder keinen Spaß mehr an ihrem Job haben und diesen nur nach einer 08/15 Routine abwickeln wollen, ist nachvollziehbar aber für mich inakzeptabel. Hier setze ich ganz klar Grenzen. Ich Grenze mich ab weil es um mich geht. Da hat auch mein Verständnis seine Grenzen. Die Befindlichkeit bzw. mangelnde Motivation des Anderen ist in diesem Fall für mich völlig irrelevant.

„Ach“ sagte der Mann vom med Dienst, „können sie mich nicht verstehen? Das 2 Minuten Frühstücksei hat 3 minuten länger gekocht, die Büchsenmilch, als sie mit dem Kaffee sich vermengte gerann und meine Frau hat seit 4 Jahren abends immer Kopfschmerzen. Und der Job macht mir auch keinen Spaß mehr  . . .“

„In diesem Fall Herr med Dienst, empfehle ich ihnen eine Reha. Füllen sie den Antrag 60 und den Antrag 61 aus . . . . . .“

Was den Hep C Virus betrifft, die Peg Inf Behandlung hat bei mir angeschlagen. Seit 5 Jahren bin ich Hep C virenfrei. Im großen und ganzen bin ich von HIV spezifischen Geschichten, abgesehen von Muskelschwund und einer Polyneuropathie in den Füßenwas gut behandlebar ist und von anderen HIV relevanten Krankheiten verschont geblieben.

Mittlerweile hat sich meine Sichtweise  was „Leben ausmacht – zum Leben gehört“verändert. Zum Leben gehören nun mal Krankheiten dazu. Egal ob wir sie mögen oder nicht, egal welchen Namen sie haben. Ob es sich um einen Bandscheibenvorfall der operiert werden muß, ein gebrochenes Bein, Diabetes, eine Nieren ode Herzerkrankung oder HIV handelt . . . das macht keinen Unterschied. Und wenn es einen gibt, und das es so ist dessen bin ich mir sehr wohl gewahr, dann existierts dieser Unterschied nur im Kopf. Die Ursache und der Grund des „Anders sein- des Unterschieds“liget in der Konnotation. Nicht die Krankheiten sind es die uns unterscheiden, sondern das was wir aus Ihnen machen. Es sind die Bilder, Vorstellungen und Ängste in unserem Kopf die den Unterschied machen. Krankheit ist was sie ist: Eine Krankheit

40 000 Headmen

Forty thousand headmen couldn’t make me change my mind
If I had to take the choice between the deafman and the blind
I know just where my feet should go and that’s enough for me
I turned around and knocked them down and walked across the sea Quelle

© Steve Winwood

. . . It s all in your Head . . Das kann man ändern. Es ist der einzigste Weg Veränderung auf den Weg zu bringen. Jeder bei sich und somit Alle zusammen.

. . . aber warum sollte man es sich so einfach machen? Ach was sage ich: Sooo einfach kann es einfach nicht sein. Ich WILL mein kleines EGO behalten, es ist MEIN Luftballon. Und MEIN Luftballon ist der Größte, Schönste, Bunteste . . .

. . . irgendwann macht es PENG

Und auf einmal stellen wir fest: Wir haben Uns den Raum zum Frei sein, zum Fliegen, zum Atmen genommen . . . .

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