Rosa Winkel, Gelber Stern und als nächstes „Roter Winkel HIV +“ ?


Die Schweiz bislang bekannt für Schokolade, Steuerparadies und das Montreux Jazz Festival ist bemüht seinem Image einen weiteren  „Stern“ hinzuzufügen.

Was es mit diesem „Stern“, den der Schweizer Tagesanzeiger in einem Artikel in der Ausgabe vom 1. Dezember „Wie sich die Schweiz besser gegen Epidemien schützen soll“ auf sich hat und als einen „Kulturellen Wandel“ bezeichnet, lassen einem in gesunden Bahnen denkenden Menschen für den Worte wie Menschenwürde, Lebensqualität und Menschnrechte zum Standardvokabular gehören und Worte wie Stigma und Diskriminierung ihm einen Schauer über den Rücken laufen lassen, die Haare zu Berge stehen.

Um die HIV Neuinfektionen in der Schweiz bis zum Jahr 2017 zu halbieren, hat Bundesrat Didier Burkhalter ein neues Konzept zur Bekämpfung von sexuell übertragbaren Infektionen vorgestellt. Wobei man sich hier die Frage stellt wie man in der Schweiz sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis oder Gonorrhö bis dato verstanden bzw. bewertet hat.

Ein weiteres Ziel ist ein sogennanter „kultureller Wandel im Umgang mit den Krankheiten“ den sich Roger Staub, der für die Prävention und Promotion beim Bundessamt für Gesundheit (BAG) zuständig ist, zum Ziel gesetzt hat. Man (das BAG) beabsichtigt

in Zusammenarbeit mit Organisationen und Fachstellen die Angehörigen von Patienten zu informieren – allerdings nur, falls diese einverstanden sind.

Schließlich so frei nach Roger Staub

«solle es selbstverständlich sein, dass positiv getestete Personen freiwillig ihre Angehörigen informieren».

Und wenn ein HIV getesteter Mensch sich nicht freiwillig dazu entscheidet seine Angehörigen zu informieren, dann werden wir ihm fürsorglich unterstützend, auf sein und das Wohl aller Schweizer bedacht, unter die Arme greifen und diesen Schritt für ihn übernehmen. Schließlich hat sich die Schweiz dem hehren Ziel verschrieben bis 2017 die HIV Neu Infektionen zu halbieren. Da werde der auf HIV getestete Mensch doch ein Einsehen haben und dies verstehen. Schließlich ist die Volksgesundheit ein hohes Gut.

Herr Staub, warum so umständlich. Machen Sie sich doch nicht das Leben unnötig schwer. Easy does ist. Sparen Sie sich endlose nicht fruchtende Diskussionen. Volksabstimmung, direkte Demokratie, Wilhelm Tell, . . . das ist Folklore für s Heimatmuseum.

In Anlehnung an die div Kennzeichnungen aus der jüngsten aber wie es scheint für einige doch recht weit zurückliegenden Vergangenheit ein Zeichen das unmißverständlich auf Gruppierung und Stigmatisierung hinweist

erfüllt den gleichen Zweck wie das von ihnen favorisierte Konzept des „Kulturellen Wandels“. Die Bevölkerung wäre gewarnt, der Volksgesundheit würde kein Schaden zugeführt. Zudem würde es die jährlichen Kosten von 9 Milliarden ereblich vermindern. Ein Stück Stoff ist billiger als großartige Konzepte die nur mit einem entsprechenden Wasserkopf zu realisieren wären.

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Zu dem gleichen Thema eine persönliche Stellungnahme von und mit freundlicher Genehmigung von Michele Meyer Präsidentin von Lhive, der Organisation von Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz.

*

Als Präsidentin von Lhive, der Organisation von Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz, als AIDS-Aktivistin und Bürgerin dieses Landes, werde ich die Verlautbarung von Roger Staub und dem BAG zum neuen nationalen Programm HIV & STI, nicht unkommentiert lassen können. ich knorze seit Tagen an einer Stellungnahme. Ich bin zutiefst schockiert über die Allmachtsphantasien (Halbierung der Ansteckungen! )und die unsägliche Vorstellung von „kulturellem Wandel im Umgang mit Krankheiten“ Die R. Staub propagiert.

Kultureller Wandel

Als weiteres Ziel hat sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen «kulturellen Wandel» im Umgang mit den Krankheiten gesetzt, wie Roger Staub, zuständig für Prävention und Promotion im BAG, sagte. «Es soll selbstverständlich sein, dass ( HIV) positiv getestete Personen freiwillig ihre Angehörigen informieren», erklärte er.
Im Zusammenarbeit mit Organisationen und Fachstellen will das BAG künftig die Angehörigen von Patienten informieren – allerdings nur, falls diese einverstanden sind. Staub berichtete von einem Angebot für Homosexuelle der Zürcher Aids-Hilfe: Werde ein Mann in der Anlaufstelle «Checkpoint» positiv auf HIV getestet, biete die Stelle an, sämtliche Sexualpartner per SMS oder E-Mail zu informieren. So sollen weitere Ansteckungen vermieden werden.

Warum ist uns dies nicht schon lange eingefallen?!
Einfacher geht’s doch nicht:
Wir lassen uns von den Aids-Hilfen einfach fremd-outen, per SMS.

Die Handynummern unserer SexualpartnerInnen geben wir blind vertrauend an Sozialarbeiter weiter und fertig ist das Jammern rund um das Coming-out und all die Ängste vor Ausgrenzung , Ablehnung, Diskriminierung und Kriminalisierung! Ganz zu schweigen vom mühseeligen Prozess der Selbstakzeptanz. Wir sind befreit!

Die SMS-Empfänger werden sich auch bestimmt nicht wundern, wenn das Handy surrt und folgende mögliche Textnachricht unverhofft hereinflattert:

:“ Guten Tag, Sie hatten kondomlosen Sex mit einer/ einem HIV-Infizierten. Dreimal dürfen Sie raten wer es war! Bitte testen sie sich anonym in nützlicher Frist. Wir senden Ihnen gerne einen Reminder. Sollten Sie sich infiziert haben, begrüssen wir sie herzlich in der Gruppe der Marginalisierten und weisen darauf hin, dass sie die Möglichkeit haben ihren „ Anstecker“ anzuzeigen. Behandeln Sie diese Informationen bitte vertraulich. Ihre Aids-Hilfe. „

Was logischerweise darauf folgen muss, ist, dass wir in Zukunft auch unsere aktuellen Sexualpartner melden und wenn möglich schon vor dem ersten Date per SMS aufklären lassen. Schliesslich gehört unsere Sexualität vom Moment der HIV-Diagnose nicht mehr uns; Sozialarbeiter, Institutionen und Ämter müssen wissen was wir mit wem wann und wie „ gruusiges“ machen! Denn nur so können sie adequat auf diese konstante Bedrohungen antworten und Negativen-Hilfe vom Schreibtisch aus tätigen.

Apropos: Mir scheint diese SMS-Outing Geschichte geradezu ein klassischer Fall von Schreibtischtäterei zu sein. Ob da mal einer MSM verkehrtrum geschrieben hat und es so zur zündenden Idee kam?

Coming-out ist nun Beratersache, Partnerinformation nennt es sich hübsch. Ja und natürlich nur freiwillig. Wobei diese Freiwilligkeit ja zur Selbstverständlichkeit erklärt werden soll.

Tätowieren wäre effizienter und ehrlicher.

Ich konstatiere: Dies ist das Ende der Solidarität, das Ende der Aids-Hilfen und das Ende vom Mär des AIDS-Aktivisten Roger Staub. Er unterwandert zielstrebig die Mündigkeit und Freiheit des einzelnen um seine Allmachtsphantasien voranzutreiben und die Aids-Hilfe ist das aufführende Organ.
Gekauft. Geschenkt.

Ich distanziere mich hiermit von diesem sogenannten „ kulturellem Wandel“, sowie von dessen Urheber und seinen Mitläufern und Zudienern.

Ich bin überzeugt, dass der kulturelle Wandel, den es anzustreben gilt nicht mit Fremd-outing beginnt und endet ( oder ist etwa Nachbetreuung vorgesehen?!) sondern nur durch Entdiskriminierung und Entkriminalisierung beginnen kann!

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Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema:

Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker wundert sich, warum sich eine Aidshilfe darauf einlässt. „Sie verspielt damit das Vertrauen, auf dem ihre Präventionsarbeit basiert. Man sollte sich keine Illusionen machen. Dieses Angebot wird als soziale Kontrolle und als Druck empfunden werden. Und darauf haben die AIDS-Hilfen aus guten Gründen bisher verzichtet.“ Quelle

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