Warum ich mich nicht auf HIV testen lasse


Gastbeitrag von Harriet Langanke, Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit – GSSG,

DHIVA-Chefredakteurin Harriet Langanke wurde im Vorfeld der Welt-Aids-Konferenz um einen Beitrag zum Thema HIV und Aids gebeten. Ihren Artikel hat sie vom Englischen ins Deutsche übersetzt und gekürzt. Original-Text

Open Democracy ist eine Internetplattform, auf der bekannte und unbekannte AutorInnen und JournalistInnen über Menschenrechte, Demokratie, Globalisierung und vieles mehr schreiben können. Im Mai 2001 ist die Internetplattform mit dem Ziel angetreten, auch unpopulären Stimmen Gehör zu verschaffen. Mit ihren Berichten und Kommentaren über die Attacken am 11. September 2001 in New York und Washington gewann die Webseite einen bedeutenden internationalen Preis. Open Democracy finanziert sich ausschließlich über Zustiftungen und Spenden.

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Es lebt sich gut in Deutschland. Auch mit HIV. Wer hier krankenversichert ist, hat Zugang zu einem der weltweit besten medizinischen Systeme. Ich lebe in diesem Land und arbeite hier seit 1991 im HIV-Bereich. Ich weiß, wo es anonyme und kostenlose HIV-Tests gibt und wo ich im Ernstfall medizinische und psychologische Hilfe bekomme. Trotzdem lasse ich mich nicht auf HIV testen.

In meiner Arbeit mit HIV-positiven Frauen werde ich oft gefragt, ob ich selbst auch HIV-positiv sei. Meine Antwort lautet – wie die der allermeisten Menschen: „Ich weiß es nicht.“ Die meisten unterstellen dann einfach, ich sei negativ, denn schließlich wüsste ich ja durch meine Arbeit Bescheid und gehörte auch nicht zu einer „Risikogruppe“. Dabei vergessen sie, dass eine HIV-Infektion nur selten von einer Gruppenzugehörigkeit abhängt – viel öfter vom Risikoverhalten. Und was wissen Andere schon über mein Verhalten? Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und so war ich vermutlich mehr als einmal dem Risiko ausgesetzt, mich mit HIV anzustecken. Trotzdem lasse ich mich nicht auf HIV testen.

Der Grund dafür, dass ich keinen Test machen lasse, ist weniger medizinisch als vielmehr sozial. Denn ich fürchte vor allem das mit einer Infektion verbundene Stigma. Ich kenne zu viele Menschen, die wegen ihrer HIV-Infektion diskriminiert werden: Da ist diese junge Frau, die gedrängt wird, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Oder dieser Mann, dessen Akte auf dem Arbeitsamt mit den Worten „Achtung AIDS“ markiert ist. Oder die Sängerin, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt ist, weil einer ihrer Partner sich bei ihr angesteckt hat.

Es gibt noch mehr Beispiele, die mich darin bestärken, mein Recht auf Nichtwissen zu verteidigen. Mein Nichtwissen schützt mich vor Reisebeschränkungen in manchen Ländern. Es schützt vor der Ablehnung durch meine Versicherungsgesellschaft. Und es schützt mich vor Kampagnen, die behaupten aufzuklären, aber in Wahrheit Menschen mit HIV ausgrenzen und kriminalisieren.

Ich habe also gute Gründe, mich nicht auf HIV testen zu lassen. Und dennoch – es fühlt sich auch falsch an. Meine KollegInnen und ich haben in der HIV-Arbeit gelernt, Menschen mit HIV nicht als Problem, sondern als Teil der Antwort auf HIV/Aids zu betrachten. Sie sind unsere besten Verbündeten, um HIV in Schach zu halten, sowohl bei der individuellen Therapie als auch bezogen auf die öffentliche Gesundheit. Doch dazu müssen sie von ihrer HIV-Infektion wissen.

Wenn der HIV-Test eine Rolle in der HIV-Prävention spielen soll, muss es einen Wandel im sozialen Klima geben. HIV-Prävention muss für eine Gesellschaft arbeiten, in der Menschen, die mit HIV leben, keine Angst haben, stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden. Dazu muss sie Unterstützung und Respekt für Menschen mit HIV fordern und fördern. Das neue Aids, gut behandelbar und ohne akute Lebensbedrohung, bietet gute Ansätze dafür. Wenn die Prävention das HIV-Stigma überwindet, gibt es in Deutschland einen Grund weniger, sich nicht auf HIV testen zu lassen.

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