„Es wird zu wenig getestet“


Gestorben wird noch immer. Der Kampf gegen Aids in Frankfurt geht weiter. Der Internist und Infektiologe Peter Gute kämpft mit. Seit 21 Jahren behandelt er HIV-Patienten in Frankfurt.

JOURNAL FRANKFURT: Sie behandeln seit 21 Jahren HIV-Patienten. Was hat sich rückblickend verändert?

Peter Gute: Drastisch verändert haben sich die Behandlungsmöglichkeiten von nicht behandelbar, garantiert tödlich verlaufend zu jetzt chronisch behandelbar. Als ich Ende der achtziger Jahre angefangen habe, konnte man noch niemanden behandeln. Die Patienten sind uns alle weggestorben. Das war keine schöne Zeit. Das war ganz furchtbar. Aber seit Mitte, Ende der neunziger Jahre gibt es die neuen Medikamente. Die sind inzwischen so gut geworden, dass wir den meisten Patienten sagen können, sie können eine wahrscheinlich annähernd normale Lebenserwartung erreichen.

Was bedeutet eine annähernd normale Lebenserwartung?

Es gibt Statistiken, die besagen, dass es um vielleicht fünf Jahre weniger handelt als bei einem gesunden Menschen. Das ist aber sehr schwierig. Da hängen verschiedene Lebensumstände von ab: Rauchen Sie, rauchen Sie nicht, machen Sie Sport oder nicht. Aber unter optimalen Bedingungen kann man von einer annähernd normalen Lebenserwartung ausgehen. Wobei es kein normales Leben sein wird. Die Patienten müssen ihr Leben lang Medikamente einnehmen. Und diese sind nicht ohne, teilweise mit ganz erheblichen Nebenwirkungen. Man muss immer regelmäßig zum Arzt gehen und Blutabnahmen über sich ergehen lassen. Es wird nie ein ganz normales Leben werden.

Wie sehen die Nebenwirkungen aus?

Im Prinzip kann alles auftreten, was man sich so vorstellen kann. Es gibt über 25 zugelassene Medikamente. Die haben alle irgendwelche Nebenwirkungen. Das geht los mit Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen. Es gibt aber auch Nebenwirkungen mit langfristigen Problemen wie die sogenannte Fettverteilungsstörung. Da verändern sich die Körperzusammensetzungen. Zum Beispiel werden die Arme ganz dünn oder das Gesicht fällt ein. Außerdem können die Medikamente alle möglichen Organe schädigen. Und es gibt Medikamente, sie Diabetes verursachen.

Gibt es aktuell neuen Therapieansätze oder Medikamente?

Aktuell gibt es keine neuen Methoden. Aber es kommen immer wieder neue Medikamente hinzu, die aber vom Prinzip ähnlich wirken wie die bisherigen. Neue Ansätze wie die Immuntherapie, die Gentherapie oder Impfungen sind noch ganz weit weg.

Allerdings können HIV-Infizierte jetzt auch ohne Kondom Geschlechtsverkehr haben?

Richtig. Diese Ansicht kommt von den Schweizern (EKAF). Durch verschiedene Untersuchungen haben sie herausgefunden, dass man die Patienten durch die antiretrovirale Therapie so behandeln kann, dass weder in ihrem Blut noch in ihren Körperflüssigkeiten das Virus nachweisbar ist. Dann ist das Ansteckungsrisiko sehr gering. Aber es ist eben nicht Null. Zudem müssen verschiedene Dinge beachtet werden: Das Virus im Blut des Infizierten darf mindestens ein halbes Jahr lang nicht nachweisbar sein, es dürfen keine Geschlechtskrankheiten vorliegen, und die Pillen müssen regelmäßig eingenommen werden. Wenn das alles gegeben ist, ist der positiv Getestete so gut wie nicht ansteckend.

Das heißt?

Ein Restrisiko bleibt. Und das Entscheidende ist für mich, dass der gesunde Partner dieses Risiko eingehen muss und sich dafür entscheidet. Aber der Ansatz ist nur für Patienten in einer festen, langjährigen Beziehung geeignet, in der die Risiken vorher besprochen werden können. Bei häufig wechselnden Partnerschaften, vor allem bei den homosexuellen Männern, sieht das anders aus. Da finde ich das nicht in Ordnung, weil mit einem unbekannten Partner nicht erst einmal das Problem der Viruserkrankung diskutiert wird.

Und wie sieht es mit den positiven Aspekten aus?

Die Aussagen der Schweizer haben auch viel Gutes getan, vor allem für die HIV-infizierten Frauen. Sie konnten dadurch das Gefühl, eine Virenschleuder zu sein, abschütteln. Vielen hatten trotz Verhütung Angst, ihren Partner anzustecken. Und die Information, dass sie praktisch nicht mehr infektiös sind, hat ihrer Seele gut getan.

Und die Frauen können sich ihren Kinderwunsch erfüllen?

Ich habe inzwischen vier Pärchen, die über diesen Weg ein Kind gezeugt haben. Die HIV-infizierten Frauen können die Kinder heutzutage sogar ganz normal, ohne Kaiserschnitt, ohne Ansteckungsgefahr für die Kinder, zur Welt bringen. Das Risiko, das sich das Kind infizier, liebt bei ein bis zwei Prozent. Allerdings muss die Patientin von Anfang an konsequent mit Medikamenten behandelt werden. Es darf kein Virus im Blut sein.

In Frankfurt hatten wir jetzt nach vier Jahren wieder das erste positive Kind. Das lag aber nur daran, dass sich die drogenabhängige Mutter keine Medikamente genommen, keine Termine eingehalten und sich um nichts gekümmert hat. Und da wundert es keinen. In den letzten Jahren haben wir aber gemeinsam mit der Uni-Klinik mindestens 400 gesunde Kinder zur Welt gebracht.

Warum ist das Thema HIV und Schwangerschaft so wichtig geworden?

Eine der größten Gruppen, die positiv getestet werden, sind Frauen in der Schwangerschaft. Jeder schwangeren Frau muss ein Test angeboten werden, dabei fallen viele auf. Das Problem ist allerdings, dass das noch viel zu wenige Frauenärzte machen. Da kommt eine junge, gesunde Frau in die Praxis, ist schwanger und die Frauenärzte wissen nicht, wie sie die Frauen auf einen Test ansprechen sollen. Denn in den Köpfen herrscht immer noch das Bild der HIV-positiven Prostituierten oder Drogenabhängigen. Dabei stecken sich derzeit eher die an, an die man zuerst überhaupt nicht denkt.

Es wird also immer noch zu wenig getestet?

Ja. Aber in einer neuen Kampagne von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wird der HIV-Test plus die anschließende Behandlung als Prävention eingesetzt. Und das halte ich auch für richtig. Wenn die Patienten frühzeitig wissen, dass sie infiziert sind und behandelt werden, ist das schon sehr präventiv. Es ist auch so, dass die meisten Neuinfektionen bei den Patienten passieren, die gerade einen Test gemacht haben. Es gibt ein diagnostisches Fenster von sechs bis zwölf Wochen bis der HIV-Test positiv wird. In den zwölf Wochen ist man medizinisch sehr ansteckend. Und genau in dieser Gruppe gibt es die meisten Infektionen. Also, Prävention heißt testen. Und da hat auch die Frankfurter Aidshilfe ein gutes Projekt im Switchboard. Da werden jeden Montag vor Ort Tests durchgeführt. Das ist erfolgreich. Und die haben schon vier oder fünf Menschen mit positivem Test herausgefischt.

Aus dem öffentlichen Bewusstsein ist die Krankheit eher verschwunden. Wird sie über kurz oder lang totgeschwiegen?

Ich befürchte, dass wir noch mehr Probleme mit dem Thema kriegen werden. Wir können die Patienten sehr gut behandeln, aber es gibt noch eine Reihe von Problemen. Vor allem mit den Resistenzen, mit den Viren, die resistent gegen die Medikamente werden. Und diese resistenten Viren können auch übertragen werden. Dann ist das mit der Behandlungsmöglichkeit und der annähernd normalen Lebenserwartung ganz schnell anders. Im Moment werden in zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle resistente Viren übertragen. Ich befürchte, dass diese Zahl steigen wird. Es kann uns passieren, dass wir in einigen Jahren ein Kollektiv von Patienten haben, die sich mit einem multiresistenten Virus angesteckt haben, bei dem unsere vielen tollen Medikamente, wenn wir Pech haben, nicht mehr helfen. Und dann erleiden diese Patienten das gleiche Schicksal, wie vor zwanzig Jahren, als die Krankheit noch nicht behandeln werden konnte.

Wie bei dem ersten Aids-Patienten 1982, den sie damals noch als Pfleger miterlebten?

Ja. Das war ein schwerkranker Patient mit einer Lungenentzündung. Ich weiß noch, dass alle um ihn herumsprangen und keiner wusste, was er hat. Das war ganz dramatisch, und sein Zustand verschlechterte sich rapide. Irendwann kam die spätere Gründerin der HIV-Ambulanz mit einem Artikel in der Hand an und berichtete, sie habe in einem Fachblättchen etwas über eine neue Krankheit gelesen. Die Lungenentzündung wurde auf bestimmte Erreger untersucht und dann war klar, dass er den HI-Virus hat. Und nach wenigen Tagen ist er verstorben.

Mit freundlicher Genehmigung „Journal Frankfurt – Nils Bremer/Redaktion, Julia Lorenz/Interview“

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Eine Antwort zu „Es wird zu wenig getestet“

  1. Wally schreibt:

    Interessanter Beitrag. Würde gern mehr Artikel zu dem Thema lesen.

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