Wie aus einem lauen Lüftchen ein Sturm wurde (akt 4)


Gestern, am Samstag den 20. November um die Hauptnachrichtenzeit, brachte die folgende Meldung aus der heiligen Stadt die Gemüter Vieler in Wallung.

Vi possono essere singoli casi giustificati, ad esempio quando una prostituta utilizza un profilattico, e questo può essere il primo passo verso una moralizzazione, un primo atto di responsabilità per sviluppare di nuovo la consapevolezza del fatto che non tutto è permesso e che non si può far tutto ciò che si vuole. Tuttavia, questo non è il modo vero e proprio per vincere l’infezione dell’Hiv. È veramente necessaria una umanizzazione della sessualità.

„Es mag berechtigte Einzelfälle geben, wenn etwa einE ProstituierteR ein Kondom verwendet, und dies kann ein erster Schritt hin zu einer Moralisierung sein, ein erster Akt von Stück Verantwortung, um erneut das Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles erlaubt ist und man nicht alles tun kann, was man möchte.Trotzdem ist es nicht die richtige und angemessene Art und Weise die Aids-Infektion zu besiegen. Wirklich notwendig ist eine Humanisierung der Sexualität.“ Quelle

Wie darf man das nun verstehen „das in berechtigten Fällen ein/eine ProstituierteEr eine „vorbeugende Maßnahme ergreifen/anwenden/benutzen darf“? Eine vorbeugende Maßnahme wäre, davon könnte man möglicherweise ausgehen, in diesem Kontext die Vermeidung bzw Minimierung der Übertragung von HIV über den Weg des Sex durch die Benutzung eines Kondoms. Wer wird da – wer soll da vor wem geschützt werden „falls man Sex mit einem Menschen der der Prostituition nachgeht“ hat? Ist die Verwendung eines Kondomes nun zum Schutz der Prostituierten zu verstehen oder des Freiers ? Auf den ersten, oberflächlichen Blick löste diese Nachricht unter Vielen besonders den „engagierten“ Gläubigen erst mal Jubelschreie aus.

Man könnte zu dieser Meinung gelangen und erstaunt feststellen das sich in der kath Kirche etwas zu bewegen scheint, wüßte man nicht das die kath Kirche über jahrhunderte sehr hartnäckig an einmal gefaßten Überzeugungen und Sichtweisen festhält.

Schaut man genauer hin, dann wird man nicht umhinkommen, seine Stirn in Falten zu legen und sich zu fragen: „Warum dieser Eiertanz“? Was bzw wen meint er mit „berechtigte Einzelfälle“? Hat ein Mensch der katholischen Glaubens, HIV + ist und der Prostituition nachgeht, nun den „Segen“ der kath Kirche beim Sex ein Kondom benutzen zu dürfen, jedoch ohne dies gutzuheißen? Oder ist dies auch de Facto ein Eingeständnis, das sich die kath Kirche „Prostituierten“ gegenüber öffnet, sie als „Menschen die nicht unfehlbar sind“ und nicht als Aussenseiter, Randgruppen die per se für die Verbreitung von HIV verantwortlich sind, anfängt zu verstehen? Und was hat er sich dabei gedacht als er von „etwa Prostituierten ein Kondom verwenden“ sprach? War er sich nicht bewußt das er damit Millionen von Menschen die diesem Beruf, Dienstleistung, Brotwerwerb weltweit nachgehen, nachgehen müssen zum wiederholten mal in eine Ecke stellt und ausgrenzt an der Teilhabe des „Mensch seins“, das männliche wie weibliche Prostituierte (Über)TrägerInnen von HIV sind, sie mit dieser Formulierung diskriminiert, stigmatisiert und je nach Landesgesetz kriminalisiert?

Der größte Teil der Menschen mit HIV lebt in Afrika 22,4 Mio, Süd und SüdOst Asien 3,8 Mio, LateinAmerika, 2 Mio, OstEuopa und Zentral Asien sowie NordAmerka insgesamt 3 Mio. Die überwiegendene Mehrzahl sind Heterosexuelle und nur ein kleiner Teil gemessen an den Weltweit 33,4 Menschen mit HIV sind „Prostituierte“. Was ist mit Ihnen? Für sie wie auch für Menschen die Schwul und HIV + sind ist es ein Schlag ins Gesicht wurden sie doch nicht namentlich gneannt. Und dies ist wie man weiß immer das Problem der kath Kirche, das Kind beim Namen zu nennen wenn es darum geht „Unrecht“ aufzuklären bzw. einen Sachverhalt eindeutig und unmißverständlich klarzustellen.

Die Überlegungen im „Einzelfall“ ein Kondom zu verwenden, die gibt es schon seit 2006.

Der Vatikan erwägt, sein striktes Kondomverbot in Ausnahmefällen zu lockern, um die weitere Verbreitung von Aids zu bekämpfen. Der päpstliche ,,Gesundheitsminister“, Kardinal Javier Lozano Barragán, gab jetzt in Rom bekannt, er habe auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. ein 200 Seiten starkes Dossier zusammengestellt. Die Studie gehe auf die wissenschaftlichen und moraltheologischen Seiten des Problems ein und offenbare ,,einen enormen Regenbogen“ an Meinungen. So hätten manche der befragten Theologen eine ,,sehr strenge“, andere eine ,,sehr verständnisvolle“ Haltung zum Kondomgebrauch eingenommen. Quelle

Was mich immer wieder erstaunt, ist diese „eingeschränkte Fähigkeit“zur Reflektion von nicht wenigen Katholiken – Gläubigen wenn der Papst etwas äußert. Überschwang der Gefühle hin oder her – statt genau zu lesen – bricht man in Jubelschreie aus.

Aufhorchen lässt auch eine weitere Bemerkung des Papstes in dem Buch „Licht der Welt“:

Wenn ein Papst physisch, psychologisch oder spirituell unfähig sei, seiner Aufgabe nachzukommen, dann habe er auch das Recht – unter bestimmten Umständen sogar die Pflicht – zurückzutreten. Die Frage, ob ein Papst überhaupt zurücktreten kann und darf, hat in der Kirchengeschichte wiederholt für Diskussionen gesorgt. Quelle

Die Crux daran ist nur, wenn die Einsichtsfähigkeit bei einem Menschen auf ein Minimum um nicht zu sagen auf Null heruntergefahren ist, wenn man sich in einem solchen „State der Unfähigkeit zur Selbserkenntnis“ befindet, dann wird er wohl unter dem angeführten Aspekt kaum zurücktreten. Die Einsichtigkeit, die eigene Uneinsichtigkeit zu erkennen und die daraus resultierende Konsequenz zurückzutreten, diese Unfähigkeit zeichnet ja gerade die Uneinsichtigkeit aus.

Sollte das in dem Buch „Licht der Welt“ geführte Interview von Peter Seewald, mit dem Papst Benedikt wirklich eine Öffnung zu der Realität der Gegenwart be- andeuten, so wäre dies ein seit langem geforderter Schritt. Doch dazu bedarf es einer eindeutigen Aussage. Möglicherweise sind die Inhalte versschlüsselt oder symbolisch zu verstehen. Mit Sicherheit sind sie aber in einer „eigenen Sprache, einem eigenen kircheninternen Sprachstil gehalten der unendliche Interpretationsmöglichkeiten beinhaltet der mehr zur Unklarheit als zur Klarheit beiträgt und somit letztendlich alle Türen offen läßt. Und damit ist nach meinem Verständnis keinem Menschen weder geholfen noch gedient.

Letztendlich sind die Äußerungen des Papstes Gedanken die er in einem Interview mit Peter Seewald als Co Autor von sich gegeben hat. Das „etwa in berechtigten Einzelfällen“ ist in dem Sinn zu verstehen wie man „zum Beispiel trifft es für  . . . . .zu“sagt. Der Kurs der kath Kirche ist nach wie vor „konservativ und unverrückbar“.

Insofern ist auch der Hype der Medien nicht nachvollziehbar wenn sie nun jubelt das Rom eine „Kursänderung in Sachen Kondomgebrauches“ vollzogen hat oder eine neues Zeitalter angebrochen sei. Dies zeigt wieder einmal das sie „vom Tagesgeschäft“ nichts verstanden haben. Von den 121 Kärdinälen, den Purpurträgern in einem Konklave wurden mit der jüngsten Berufung von 24 Kardinälen, von denen 20 unter 80 Jahren und somit Papstwahlberechtigt sind, nun 50 von Benedikt ernannt. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sein Nachfolger aus dem Kreis der Konservativen kommt, zu dem auch Benedikt gehört.

Update:

Tatsächlich sei es doch ohnehin so, dass die Kirche Präservative überhaupt nicht verbieten könne. „Wo immer sie jemand haben will“, ständen sie zur Verfügung. Nur lösten sie allein eben die Frage nicht. Auch im säkularen Bereich sei deshalb inzwischen schon das sogenannte ABC-Konzept zur Verhinderung einer HIV-Infektion entwickelt worden mit den Buchstaben ABC für „Abstinence –Be faithful – Condom“, also für Enthaltsamkeit – Treue – und Kondom. Auch dort mache sich also die Erkenntnis breit, dass der Gebrauch von Präservativen immer nur als letzter Ausweg hilfreich sein könne, wenn die beiden ersten Punkte nicht griffen. Demnach könne es „begründete Einzelfälle geben – etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet – wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann: ein Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will“.

Heißt das denn, fragt Seewald an diesem Punkt nach, dass die katholische Kirche „gar nicht grundsätzlich gegen die Verwendung von Kondomen“ sei. Sie sehe sie nicht als wirkliche Lösung an, antwortet ihm darauf der Papst. „Im einen oder anderen Fall kann es in der Absicht, Ansteckungsgefahr zu verringern, jedoch ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität.“ Dieser Passus ist die einzige Einschränkung, die der Papst hier zur bisher geltenden katholischen Sexualmoral macht. Die Fixierung auf das Kondom aber, wiederholt er gleich danach, bedeute „eine Banalisierung der Sexualität“ als „gefährliche Quelle dafür“, dass so viele Menschen die Sexualität nicht mehr als Ausdruck der Liebe begreifen, sondern nur noch als „eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen“. Quelle

So erscheint die Angelegenheit in einem ganz anderem Licht. Zum einen zeigt es, das sich an der Linie der kath Kirch nicht wirklich etwas geändert hat, zum Anderen ist es eben die Religion bzw das Verständnis der kath Kirche wie sie ihre Religion versteht und auslegt. Darüber kann man streiten.

An den diskriminierenden Äußerungen jedoch ändert sich nichts. Aber auch das liegt auf der offizielle Linie der kath Kirche. An ihrer Einstellung zu Menschen die der Prostituition nachgehen, der Einstellung gegenüber Homosexualität, gegeüber Menschen die schwul sind hat sich nichts geändert.

Update:

Der Papst:

„Wir müssen nahe bei den Menschen sein, sie führen, ihnen helfen; und dies sowohl vor wie nach einer Erkrankung. Tatsächlich ist es ja so, dass, wo immer sie jemand haben will, Kondome auch zur Verfügung stehen. Aber dies allein löst eben die Frage nicht. Es muss mehr geschehen. Inzwischen hat sich gerade auch im säkularen Bereich die sogenannte ABC-Theorie entwickelt, die für ,Abstinence – Be faithful – Condom‘ steht (Enthaltsamkeit – Treue – Kondom), wobei das Kondom nur als Ausweichpunkt gemeint ist, wenn die beiden anderen Punkte nicht greifen.“

Dazu Stefan Hippler – Hope Kapstatdt Stiftung

Es scheint mir, dass der Papst im Gespräch Gedanken entwickelt, die eher philosophisch-theologischer Natur sind, die aber weder eine Änderung der kirchlichen Sexualmoral bedeuten noch eine wirkliche Wende hin zur Anerkennung neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Sexualität.

Sein Gedankengang bringt ihn zu einem Ausnahmefall: „Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen.“

Das Beispiel ist gewagt gewählt: Ein Prostituierter, ein aktiver Homosexueller muss als Ausnahme herhalten. Es wundert mich nicht, dass ich bereits mehrmals angefragt worden bin, ob hier wieder eine latente Homophobie vorhanden sei, die Aids, das Kondom und Homosexualität stringent und unterschwellig verbindet – wobei nicht deutlich wird, welches das größere Übel sei. Für mich aus Südafrika haben HIV und Aids eine klare heterosexuelle Konnotation. Quelle

* * *

Update 27.11. 2010:

Was mich jetzt eine Woche nach dem „Halleluja, der Weise aus Rom hat gesprochen“ verwundert“, es ist niemandem aufgefallen das der „Heilige Stuhl“ mit seiner „Lombardischen Weichspülung“

Die Papst-Äußerungen über die Lockerung des katholischen Kondom-Verbots bezogen sich nach den Worten von Vatikan-Sprecher Federico Lombardi nicht alleine auf männliche Prostituierte. Es gelte aber auch für weibliche oder etwa transsexuelle Prostituierte. Quelle

Prostituierte stigmamtisiert, diskriminiert hat und damit unterstellt das sie für die Verbreitung von HIV (auch) verantwortlich sind. „Alle Prostiuierte sind HIV positiv“.

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